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Sylvia Oehlmann, Yvonne Manning-Chlechowitz u.a. (Hrsg.): Frühpädagogische Übergangsforschung

Cover Sylvia Oehlmann, Yvonne Manning-Chlechowitz, Miriam Sitteer (Hrsg.): Frühpädagogische Übergangsforschung. Von der Kindertageseinrichtung in die Grundschule. Juventa Verlag (Weinheim) 2011. 211 Seiten. ISBN 978-3-7799-1932-2. 24,95 EUR.

Reihe: Übergangs- und Bewältigungsforschung.
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Thema

Übergänge sind uns aus dem Alltag wohlbekannt: Wer morgens die Wohnung verlässt, bewältigt einen Übergang: Er bewegt sich von drinnen nach draußen und überschreitet dabei die Türschwelle. Im Laufe des Tages begegnen uns die Übergänge zuhauf: Brücken, Stege, Straßenüberführungen, Zebrastreifen, Pfade, Stufen, Treppen, Bahnübergänge, Passagen und Unterführungen.

Neben den Übergängen, die Tag für Tag anstehen, gibt es im Leben von Kindern und Erwachsenen einschneidende Ereignisse, die eine Passage von einem Lebensabschnitt zu einer neuen Lebensphase darstellen: beispielsweise die Geburt, der Übergang vom Säugling zum Kleinkind, das Sauberwerden, der Eintritt in den Kindergarten und in die Schule, der Wechsel von einer Klasse zur anderen, der Beginn einer Berufsausbildung, die Gründung einer Familie, der Eintritt ins Rentenalter, der Tod. Jeder neue Abschnitt verlangt zum Teil ganz neue Verhaltensweisen, eine Neuorganisation des Alltags und völlig neue Rollenanforderungen. Wie erleben Kinder und Erwachsene solche Passagen des Lebens? Welche psychischen Prozesse begleiten ein Durchgangsstadium? Wie stark sind die Belastungen für die Beteiligten? Dies sind Fragen der Übergangsforschung, die sich erst in den letzten Jahrzehnten in der Psychologie und Pädagogik etabliert hat. Ein Großteil dieser Forschungen nimmt den Übergang vom Kindergarten in die Grundschule in den Blick. Die vorliegende Veröffentlichung gibt einen Einblick in verschiedene Forschungsschwerpunkte zum Übergang vom Kindergarten in die Grundschule.

Aufbau und Inhalte

Die Publikation „Frühpädagogische Übergangsforschung“ ist eine Sammlung von 13 Einzelbeiträgen – abgefasst von Autorinnen und Autoren aus unterschiedlichen Fachrichtungen. Die heterogenen Beiträge werden folgenden drei Abschnitten zugeordnet:

  1. Teil eins eröffnet Zugänge zum Forschungsfeld, indem Theorien und Konzepte von Transitionen dargestellt werden.
  2. Im Teil zwei werden Programme und Projekte beschrieben, die den Übergang vom Kindergarten in die Schule für Kinder förderlich gestalten sollten.
  3. Im dritten Teil werden die bisherigen Ansätze der Übergangsforschung kritisch untersucht und Erweiterungen des Konzepts aufgezeigt.

Zur theoretischen Fundierung der Übergangsforschung werden sozialwissenschaftliche Überlegungen referiert, Übergangstheorien und Elemente des Transitionsansatzes beschrieben, sowie historische und handlungsrelevante Aspekte aufgezeigt. Dieser Abschnitt gibt einen umfassenden Einblick in soziologische, psychologische, pädagogische und anthropologische Auseinandersetzungen und Konzeptansätze zum Forschungsschwerpunkt Übergänge. Weiterhin wird verdeutlicht, wie die verschiedenen Institutionen und politischen Einflussfelder, die für die Übergangsgestaltung verantwortlich sind, sinnvoll zusammengeführt werden könnten.

Der umfangreiche zweite Teil der Veröffentlichung enthält Berichte und Teilergebnisse aus unterschiedlichen Modellprojekten der Bundesländer und zugleich wird ein Einblick in die Neugestaltung der Eingangsstufe in ausgewählten Schulen der Schweiz geboten. In all diesen Projekten steht das Bemühen im Mittelpunkt, den Übergang vom Kindergarten in die Schule möglichst reibungslos zu gestalten. Zugleich möchten die laufenden Projekte und Modelle die Lernerfahrungen und Bildungsinteressen der Kinder aus den Kindergärten für die Schule nutzbar machen. Diese Ansätze sind getragen von der Überlegung: Ein sanfter Übergang vom Kindergarten in die Grundschule beflügelt die Lerninteressen der Kinder in der Schule und trägt erheblich zum Gelingen der schulischen Anforderungen bei.

Der dritte Teil der Veröffentlichung geht kritisch auf die bisherigen Annahmen der Forschungen zum Schwerpunkt „Übergang“ ein. So wird beispielsweise deutlich gemacht, dass Kontinuität für Bildungsübergänge kein unumstrittenes Ziel sein kann, wenn nicht zugleich die Chancen und Motivationsimpulse von Diskontinuität aufgegriffen werden. Denn Beobachtungen zeigen: Die meisten Kinder sind weitgehend begeistert von neuen Herausforderungen und freuen sich auf einen neuen Lebensabschnitt. Zugleich hebt eine wissenschaftssoziologischer Analyse heraus, dass in den bisherigen Auseinandersetzungen zum Thema „Übergang“ die defizitorientierten Annahmen vorherrschend waren und ressourcenorientierte Gesichtspunkte kaum zum Tragen kommen. Derartige Modellprojekte verpassen viele Chancen und sind zu einseitig ausgerichtet. Ein abschließender Beitrag berichtet von den Erfahrungen mit integrativen, jahrgangsgemischten und flexiblen Schuleingangsphasen. Dabei werden erste und zweite Klassen zusammengefasst und diese Lerngruppen dürfen in drei Jahren den Stoff aus den zwei Klassen durcharbeiten.

Diskussion

Die Publikation gibt einen vielseitigen Einblick in die wissenschaftliche Auseinandersetzung zum Forschungsschwerpunkt: Übergang vom Kindergarten zur Schule. Der interessierte Leser gewinnt einen Überblick, wie unterschiedlich die Konzepte und Fragestellungen zum Thema Übergang in verschiedenen Forschungsrichtungen sein können. Weiterhin wird deutlich, mit welch unterschiedlichen Modellen und Projekten in Deutschland versucht wird, den Übergang vom Kindergarten in die Schule für Kinder möglichst förderlich zu gestalten. Am Rande wird der Leser auch mit umfänglichen Forschungen aus der Frühpädagogik bekannt gemacht. Ergänzend zeigen kritische Beiträge, welche Gesichtspunkte bisher kaum zu Geltung kamen und welche Lücken die Forschung zu diesem Thema noch enthält. Dadurch soll eine Ergänzung und Weiterführung des Themas angestoßen werden.

Leider werden die vorgelegten Informationen nur einen begrenzen Kreis von Interessenten erreichen, denn die Ausführungen einiger Beiträge sind so durchsetzt von Fachausdrücken und wissenschaftlichen Spezialwissen, dass sich wenig Leser aufopferungsvoll durch die Texte arbeiten werden. Es ist nicht gelungen, die Forschungsberichte so aufzubereiten, dass ein interessierter Leser ohne sozialwissenschaftliches Detailwissen brauchbare Anregungen erhält. Wobei in der Regel eine Überblickspublikation eine größere Öffentlichkeit ansprechen und mit neueren Forschungen bekannt machen möchte. Dazu ist jedoch eine Darstellung erforderlich, die allgemein verständlich und geschmackvoll aufbereitet ist, sodass der Leser mit Freude und Spannung die neuen Erkenntnisse aus der Forschung aufnimmt. Dadurch könnten auch Praktiker/innen auf die Erkenntnisse aufmerksam werden und die Chancen für die praktische Umsetzung steigen. Ein Ziel, dass für jede Forschung grundlegend sein sollte.

Fazit

Die Veröffentlichung „Frühpädagogische Übergangsforschung“ gibt dem interessierten Experten einen aktuellen Einblick in die Diskussion zum Thema und in die laufenden Forschungsprojekte.


Rezension von
Michael Schnabel
Staatsinstitut für Frühpädagogik, München


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Zitiervorschlag
Michael Schnabel. Rezension vom 13.06.2012 zu: Sylvia Oehlmann, Yvonne Manning-Chlechowitz, Miriam Sitteer (Hrsg.): Frühpädagogische Übergangsforschung. Von der Kindertageseinrichtung in die Grundschule. Juventa Verlag (Weinheim) 2011. ISBN 978-3-7799-1932-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12286.php, Datum des Zugriffs 21.01.2022.


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