socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Edgar Forster (Hrsg.): Jungenpädagogik im Widerstreit

Cover Edgar Forster (Hrsg.): Jungenpädagogik im Widerstreit. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2011. 212 Seiten. ISBN 978-3-17-021807-9. 24,90 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Seit etwa zehn Jahren herrscht in Teilen von Wissenschaft und Medien eine „moralische Panikmache“ (S. 13), in der die „Krise der Männlichkeit“ und die „Benachteiligung von Jungen“ (ebd.) heraufbeschworen wird. Das männliche Geschlecht scheint zum Problem geworden zu sein. Vor dem Hintergrund dieser Problematik beschäftigen sich die VerfasserInnen in dem Sammelband auf eine reflexive Weise mit den Kategorien Geschlecht, Männlichkeit und Krise (S. 14).

Herausgeber und Herausgeberinnen

Edgar Forster lehrt Erziehungswissenschaft und Gender Studies an der Universität Salzburg. Barbara Rendtorff ist Professorin für Schulpädagogik und Geschlechterforschung an der Universität Paderborn. Claudia Mahs ist promovierte Diplom-Pädagogin und seit 2009 Geschäftsführerin des Zentrums für Geschlechterstudien/Gender Studies der Universität Paderborn.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist aus der wissenschaftlichen Tagung „Back to the Boys? Brauchen wir eine Pädagogik für Jungen?“ hervorgegangen. Die Tagung wurde im Mai 2010 als internationales Kooperationsprojekt von der Universität Paderborn, der Universität Salzburg und dem Zentrum für Geschlechterstudien/Gender Studies an der Universität Paderborn veranstaltet.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in die folgenden drei großen Bereiche aufgeteilt:

  1. „Theoretische Fluchtlinien des Widerstreits“ (mit drei Beiträgen),
  2. „Sexuelle Identität – Risiko – Vorbilder: Brennpunkte der Jungendebatte“ (mit vier Beiträgen) und
  3. „Beiträge zu einer kritischen Pädagogik der Geschlechter“ mit ebenfalls vier Beiträgen.

Daneben enthält es eine (von zwei der drei HerausgeberInnen verfasste) Einleitung und ein Verzeichnis der Autorinnen und Autoren.

In der Einleitung zeichnen Edgar Forster und Barbara Rendtorff die Konturen des Widerstreits. Dieser bewege sich zwischen den Polen „Vereinfachung, Dramatisierung und Ideologisierung“ (S. 7). Festgestellt wird eine „aktuelle Tendenz, Unterschiede zwischen den Geschlechtern stärker als in den letzten dreißig Jahren zu betonen, herauszustellen und sogar herzustellen, und dies zugleich als moderne zeitgemäße Errungenschaft darzustellen…“ (S. 11). Festgestellt wird des weiteren, dass solche Unterschiedsbehauptungen „in der Regel nicht unschuldig oder neutral“ sind (ebd.), sondern einer „hierarchisierenden Kategorisierung“ dienen: Das für kleine Jungen sicherlich attraktive Vorbild des „Bestimmers und Gewinners“ könnte hier gewissermaßen durch die Hintertüre und in einem neuen Gewand, unterstützt durch die modernen Naturwissenschaften (Genforschung, Gehirnforschung etc.), eintreten und Werbung „in eigener Sache“ machen.

Dies´ ist eine in der Einleitung vorgestellte Hypothese, mit deren Hilfe die „neue Unterschiedlichkeit“ zwischen den Geschlechtern begründet werden kann. Andere Hypothesen werden in den einzelnen Beiträgen vorgestellt.

In einem klugen (von Daniela Babilon aus dem Amerikanischen übersetzten) Beitrag des berühmten Genderforschers Michael Kimmel „wird vor allem gezeigt, wie über die Jungenkrise nachgedacht wird“ (S. 28). Kimmel argumentiert, „dass die drei Dimensionen der Jungenkrise - Geschlechterunterschiede in den Bereichen Besuch von Bildungsinstitutionen, Leistung und Verhalten (…) mit Interaktionsdynamiken unter Jungen und mit Männlichkeitsideologien erklärt werden können“ (S. 30). Während sich die Welt im letzten halben Jahrhundert enorm verändert habe, seien die Ideologien von Männlichkeit mehr oder weniger auf dem alten Stand stehen geblieben. Hier, also bei Gender und dem Versäumnis, Gender zu betrachten, gelte es anzusetzen (ebd.). Felix Krämer und Olaf Stieglitz richten einen historischen Blick auf die Männlichkeitsdebatte. Sie finden, dass oftmals politische, ökonomische oder soziale Umwerfungen als Ursachen für Krisen der Männlichkeit angeführt werden (S. 51). Sigrid Schmitz setzt sich in ihrem (in einer ausführlicheren Version bereits 2009 erschienenen) Artikel mit biologischen und neurowissenschaftlichen Ansätzen („zwischen Determination und Konstruktion“) auseinander. Ihr geht es im Kern um die seit Jahrhunderten währende Auseinandersetzung, „ob Mädchen und Jungen, Frauen und Männer aufgrund ihres biologischen Geschlechts – insbesondere durch genetische, hormonelle und zentralnervöse Differenzen – unterschiedliche Voraussetzungen in sich tragen, die ihr Verhalten, ihr Denken und ihre kognitiven Leistungen ursächlich bestimmen…“ (S. 63). Sie fasst zusammen, „dass sich das Netzwerk Gehirn beständig zwischen biologischer Disposition und umweltoffener Plastizität entwickelt. Es überschreitet dabei andauernd die Grenze zwischen Natur und Kultur“ (S. 75)

Der zweite große Bereich des Buches „Sexuelle Identität – Risiko – Vorbilder“ wird durch einen (in einer ähnlichen Fassung bereits im Jahre 2007 veröffentlichten) psychoanalytisch geprägten Beitrag von Rolf Pohl zum Thema „Sexuelle Identität von Jungen und Männern“ eröffnet. Erich Lehner fragt in einem ebenfalls psychoanalytisch geprägten, aber auch an Bandura´s Lerntheorie orientierten Artikel nach der Bedeutung von männlichen Vorbildern für Jungen. Tim Rohrmann betont in seinem Beitrag aus dem Bereich der sozialpädagogischen Jungenarbeit die Bedeutung von männlichen Pädagogen für Jungen. Michael May beleuchtet „Riskante Praktiken von Jungen“ (also: Risikoverhalten) im Alltag.

Der dritte große Bereich „Beiträge zu einer kritischen Pädagogik der Geschlechter“ beginnt mit einem (aus dem Englischen von Daniela Babilon übersetzten) Beitrag, in dem zunächst zwischen „monophonen“ und „polyphonen“ Unterrichtsformen unterschieden wird und die Verfasserin, Carrie Paechter, ihren Artikel abschließend eine „heterophone“ Unterrichtsform befürwortet. Diese ist ihrer Meinung nach „eine Unterrichtsform, die es uns ermöglichen würde, von Geschlechtertrennung und einer auf Stereotypen basierenden Herangehensweise an die Erziehung und Bildung von Heranwachsenden abzusehen“ (S. 147). Miguel Diaz präsentiert eine Initiative zur Jungenförderung in der Berufs- und Lebensplanung und erläutert Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung zu diesem Projekt. Ahmet Toprak und Aladin El-Mafaalani stellen - u.a. anhand eines praktischen Beispiels – die Arbeit mit muslimischen Jugendlichen im Rahmen der konfrontativen Pädagogik vor. Schließlich informiert Thomas Viola Rieske darüber, wie Jungenförderung als Politik (am Beispiel Australiens) betrieben wird. Anhand einer Reihe von politischen Initiativen in Australien zeigt der Verfasser, welche längerfristigen Auswirkungen der weltweit wohl einmalige Schritt der australischen Regierung haben kann, Richtlinien für Jungenförderung zu formulieren und dazugehörige Programme mit umfassenden Finanzierungen auszustatten.

Diskussion

Der Band gibt einen sehr guten, interdisziplinären und internationalen, auch aktuellen Einblick in die gegenwärtige Debatte um die Jungenpädagogik. Die HerausgeberInnen haben „ganze Arbeit“ geleistet, indem sie sich u.a. für eine repräsentative und qualitativ hochwertige Auswahl an Referentinnen und Referenten entschieden und für eine zeitnahe (von der Tagung bis zur Veröffentlichung sind keine zwei Jahre vergangen) Publikation der Tagungsbeiträge eingesetzt haben.

Fazit

Als Leser fühle ich mich durch diesen Sammelband sehr gut, d.h. aktuell und umfassend, informiert. Der Band gibt unterschiedliche Argumentationsstränge wieder, berücksichtigt internationale Aspekte und ist verständlich und vor allem nachvollziehbar geschrieben. Als kleines Manko könnte die Dominanz der männlichen Referenten/Autoren angeführt werden: Von insges. 15 ReferentInnen/AutorInnen haben nur drei das weibliche Geschlecht … Aber dies ist (vielleicht?) wieder eine andere Debatte …


Rezension von
Prof. Dr. Joachim Thönnessen
Hochschule Osnabrück Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften
Tätigkeitsfelder: Unterricht in den Bereichen Methoden der empirischen Sozialforschung, Kulturelle Diversität, Soziale Randgruppen, Soziale Milieus; Forschung in den Bereichen Illegale Drogen und Biographie, Soziale Netzwerke, Bedingungsloses Grundeinkommen
E-Mail Mailformular


Alle 45 Rezensionen von Joachim Thönnessen anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Joachim Thönnessen. Rezension vom 01.02.2012 zu: Edgar Forster (Hrsg.): Jungenpädagogik im Widerstreit. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2011. ISBN 978-3-17-021807-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12288.php, Datum des Zugriffs 28.11.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung