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Michael Maaser, Gerrit Walther (Hrsg.): Bildung

Cover Michael Maaser, Gerrit Walther (Hrsg.): Bildung. Ziele und Formen, Traditionen und Systeme, Medien und Akteure. J. B. Metzler´sche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH (Stuttgart, Weimar) 2011. 456 Seiten. ISBN 978-3-476-02098-7. D: 49,95 EUR, A: 51,40 EUR, CH: 77,00 sFr.
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Bildung ist ein Prozess

Diese erst einmal als selbstverständlich und eher simpel anmutende Aussage bedarf der Erklärung. Denn natürlich weiß jeder von uns, was Bildung ist! Ein gebildeter Mensch, so eine der klassischen Definitionen, wie sie der griechische Philosoph Aristoteles in unser kulturelles Gedächtnis geschrieben hat, ist jemand, der danach strebt, gut, also menschlich zu sein. Die sich daraus entwickelte Auffassung, dass paidaia, Bildung und Erziehung, etwas zu tun habe mit dem Streben des Menschen, die eigenen Anlagen so zu entwickeln, dass das Individuum als gleichberechtigtes, intellektuell, moralisch denkendes und handelndes Lebewesen in der menschlichen Gemeinschaft leben kann.

Bildung für … Gerechtigkeit (vgl. dazu: Ingo Kramer, Herausforderung Bildungsgerechtigkeit, 2011, in: www.socialnet.de/rezensionen/11185.php), … Partizipation (Benedikt Widmayer / Frank Nonnenmacher, Hrsg., Partizipation als Bildungsziel, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12104.php), … Demokratie (Thomas Goll, Hrsg., Bildung für Demokratie, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12311.php), wie Bildung möglich wird (Thorsten Fuchs, Bildung und Geographie, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11821.php), wie Bildungswissen Macht macht (Karen Joisten, Hrsg., Räume des Wissens. Grundpositionen in der Geschichte der Philosophie, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10650.php), wie Bildung die Transformation von Selbst- und Weltverständnis konstituiert (Florian von Rosenberg, Bildung und Habitustransformation. Empirische Rekonstruktionen und bildungstheoretische Reflexionen, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12015.php), um nur einige Aspekte aus dem vielfältigen aktuellen Diskurs um Bildungsfragen zu nennen.

Entstehungshintergrund und Herausgeber

Die An- und Herausforderungen, die an einen „gebildeten Menschen“ gestellt werden können, entstehen nicht auf dem Berg Sinai, sie dürfen nicht angeordnet werden, von welchen Instanzen, Ideologien oder Mächten auch immer, sondern sie bilden sich in der jeweiligen Kultur und Geschichte. Dadurch sind Bildungselemente und -prinzipien immer auch veränderbar und sie wandeln sich in den gesellschaftlichen Prozessen. Damit dies allerdings nicht zufällig, manipulativ, dogmatisch oder indoktrinär erfolgt, bedarf es ethischer Grundprinzipien, die, wie dies in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte postuliert wird, auf der Überzeugung beruhen, dass alle Menschen frei und gleich an Würde und Rechten geboren, mit Vernunft und Gewissen begabt und bereit und fähig sind, einander im Geiste der Menschlichkeit zu begegnen.

Der Anspruch, die vielfältigen Aspekte und Zusammenhänge in einem Buch zu formulieren, lässt sich entweder lexikalisch realisieren, als Enzyklopädie oder Handbuch schreiben, oder als Vorhaben, bei dem es darum geht, „diejenigen Ideen kennen (zu) lernen, die unter gebildeten Expertinnen und Experten verschiedener Disziplinen heute gängig sind“ und die vielfältigen Konzepte von Bildung vorzustellen, die es „in Gegenwart wie Vergangenheit auf verschiedensten Feldern gibt und gab, wie sie sich äußerten, heute äußern und vielleicht künftig äußern werden“.

Als Herausgeber zeichnen der Leiter des Frankfurter Zentralarchivs und Lehrbeauftragter am Historischen Seminar der Goethe-Universität, Michael Maaser und der Historiker von der Bergischen Universität Wuppertal, Gerrit Walther. Am Band haben insgesamt 82 Autorinnen und Autoren mitgearbeitet.

Aufbau und Inhalt

Das gewichtige Werk wird in acht Kapitel gegliedert und mit dem neunten, das das Gegenteil (?) von Bildung, nämlich „Unbildung“ thematisiert, abgeschlossen. Auch wenn der Bildungsanspruch als Ganzes daher kommt, werden im ersten Kapitel die „Zweige der Bildung“ vorgestellt, nicht als Rangfolge, auch nicht in einer Werteskala, sondern gewissermaßen als Auffächerung hin zum „Ziel höherer Kultur, feinerer menschlicher Umgangsformen, einer würdigeren Lebensführung, eines schöneren, angenehmeren Miteinanders, eines erfüllteren Lebens, einer gesteigerten Fähigkeit, sich und anderen zum Glück zu verhelfen.

In der Untergliederung wird mit dem (traditionellen oder anachronistischen?) Zugriff auf den Marker „Bildung an sich“ die „religiöse Bildung“ thematisiert (Odilo Lechner), „philosophische Bildung“ erläutert (Tobias Nikolaus Klass), „mathematische Bildung“ dargelegt (Ernst Horst), „künstlerische Bildung“ angesprochen (Eva-Maria Magel), über „kulinarische Bildung“ reflektiert (Ursula Hudson) und „erotische „Bildung“ reflektiert (Gerrit Walther).

Im zweiten Untertitel geht es um Formen der „praktischen Bildung„: Ernst Peter Fischer ordnet die „naturwissenschaftliche Bildung“ dem Kanon zu; Wilfried B. Krätzig trägt zusammen, was unter „technischer Bildung“ zu subsumieren ist; Paul U. Unschuld zeigt auf, was unter „medizinischer Bildung“ zu verstehen ist und Christof Riess zählt auf, welche Bedeutung „handwerkliche Bildung“ in der Geschichte der Menschheit hat.

In einer weiteren Untergliederung wird „gelehrte Bildung“ als begriffsgeschichtliche Zuordnung angesprochen (Wolfgang Frühwald), die „geisteswissenschaftliche Bildung“ wird formuliert, die „klassische Bildung“ verdeutlicht (Stefan Rebenich), die „philologische Bildung“ anhand von Barthold Georg Niebuhr?s Brief an einen jungen Philologen (1839) erinnert, die „historische Bildung“ eingeordnet (Stephan Selzer), „sprachliche Bildung“ aufgezeigt (Hartmut Günther und „juristische Bildung“ erklärt (Milôs Vec).

Im zweiten Kapitel „Techniken der Bildung“ werden im ersten Teil Methoden angesprochen, die „Erkenntnis schaffen“, wie etwa „Beobachten“ (Friedrich Steinle), „Lesen“ (Michael Maasser), „Forschen“ (Marcel Lepper), „Vergleichen“ (Matthias Middell), „Kontrollieren“ (Klaus Dieter Wolff), „Kritisieren“ (Birgit Sanskaulen) und „Urteilen“ (Klaus Günther).

Mit der Kategorie „Vermitteln“ geht es um Formen, wie „Erzählen“ (Michael Scheffel), „Coaching“ (Christine Maasser), „Vermitteln, Didaktik“ (Katrin Winkler und Heinz Mandl), „Rhetorik, Dialektik, Logik“ (Dietrich Mathy). Das klassische Bildungsinstrument „Dialog“ wird anhand eines Textes von Francis Bacon (1561 – 1626) thematisiert; mit dem ebenfalls klassischen (scheinbaren) Gegensatz „Praxis, Theorie“ setzt sich Georg Hans Neuweg auseinander. Thomas Junker und Sabine Paul reflektieren über „männlich, weiblich“ beim Bildungsdiskurs, Rolf Arnold und Melanie Njo resümieren über „emotionale Intelligenz“, während Eckhard Henscheid über „Kommunikation“ nachdenkt.

Ohne Zweifel stellen „Medien“ (drittes Kapitel) einen bedeutsamen Aspekt im didaktischen Diskurs um Bildung dar, die „Schrift“ (Hartmut Günther), das „Bild“ (Jörg Trempler), die „Zeitung“ (Markus Eschenauer), das „Schulbuch“ (Hartmut Günther und Désirée-Kathrin Gaebert) und das „Internet“ (Wolfgang Coy).

Unter der Rubrik „Zuhören, zusehen“ wird das „Fernsehen“ (Andreas Rosenfelder) und das „Kino“ (Heide Schlüpmann) angesprochen (wo bleibt das Radio?). Mit der Zuordnung „Dabei sein“ werden die „Vorlesung“ (Gerrit Walther) und die „Tagung“ (Manuela Lenzen) erläutert, und es wird „Reisen“ als Bildungselement eingefügt (Florentine Fritzen).

Im vierten Kapitel wird eine epochale Gliederung vorgenommen, mit „Griechenland“ als den Ursprung der europäischen Kultur (Ulrich von Wilamoswitz-Moellendorff), „Humanismus“ (Ulrich Muhlack), dem „konfessionellen Zeitalter“ (Gerrit Walther), „Aufklärung“ (ders.), „Philanthropismus“ (Jürgen Overhoff), „Anthroposophie“ (Albert Vinzens) und schließlich „Achtundsechzig“ (Wolfgang Kraushaar).

Das fünfte Kapitel nimmt die „Akteure“ in den Blick: „Lehrer und Schüler“ (Barbara Loos), „Student“ (Friedhelm Golücke), „Professor“ (Gerrit Walther), „Verwaltung“ (Johannes Süßmann), „Verlag“ (Sabine Matthes), „Elite“ (Tilman Allert), „Netzwerk“ (Karina Urbach), „Stiftungen“ (Armin von Ungern-Sternberg), „Studienstiftung“ (Klaus Heinrich Kohrs) und „Öffentlichkeit“ (Olaf Kaltenborn). Wo bleibt „Bildungspolitik“ ?

Im sechsten Kapitel werden „Bildungsinstitutionen“ (Cornelia Vismann) genannt: „Schule“ (Tobias Picard), „Gymnasium“ (ders.), „Universität und Hochschule“ (Notker Hammerstein), „Funkkolleg“ (August Nitschke), „Erwachsenenbildung“ (Thomas Knubben), „Seniorenstudium“ (Günther Böhme), „Bibliotheken“ (Jill Bepler), „Archive und Archivgut“ (Frank M. Bischoff), „Museum und Ausstellung“ (Heike Gfrereis) und „Akademie“ (Notker Hammerstein).

Das siebte Kapitel stellt „Tugenden, Werte, Ziele“ vor, mit den Schlagworten „Bildungsunbehagen, Zweifel und Freiheit“ (Andreas Urs Sommer), „Leistung, Disziplin, Verantwortung“ (Stefan Lafaire), „Toleranz“ (Wolf Dieter Otto), „Benehmen, Manieren“ (Afsa-Wossen Asserate), „Eleganz“ (Elisabeth Weymann), „Bescheidenheit, Ehrlichkeit, Fleiß, Genauigkeit, Ordnung“ (Dirk Kaesler), sowie „Patriotismus, Internationalismus“ (Caspar Hirschi),

Das achte und letzte Kapitel widmet sich den „nationalen Bildungssystemen“, in „England“ (Andreas Fahrmeir), „Frankreich“ (Matei Chiaia), „Italien“ (Horst Albert Glaser), „Skandinavien“ (Wilfried Forstmann), „Osmanisches Reich / Türkei“ (ders.), „Russland“ (Christine Teichmann-Nadiraschwili), „Japan“ (Peter Pantzer), „China“ (Brunhild Staiger), „USA“ (Heike Bungert), „Australien“ (Horst Albert Glaser). Wo bleiben die spanisch-dominierten Bildungssysteme, vor allem wegen der Einflüsse und Auswirkungen auf Lateinamerika, wie auch die dominanten, imperialen Lasten, wie sie sich z. B. in den afrikanischen Ländern darstellen?

Fazit

Im Bildungsdiskurs geht es um das Augenmaß! Und es geht darum, den offenen, objektiven Blick über den ethno- und eurozentrierten Gartenzaun zu richten, innovativ und weltoffen. Dazu ist es notwendig, nachzuschauen, wie wir als Bildungsbürger geworden sind, was wir sind, historisch und mental. Die Reflexion darüber, was wir unter „Bildung“ verstehen, wie wir Bildung organisieren und wie sich unsere Vorstellungen darüber festigen und verändern, sind intellektuelle und alltägliche, individuelle und gesellschaftliche, lokale und globale Herausforderungen.

Weil die Handhabe der mit vielen Händen und Köpfen zusammen gebauten Enzyklo…, nein Zusammenstellung über die vielfältigen Formen, Konzepte, Theorien und Praxen zu „Bildung“ nicht in erster Linie für wissenschaftliche Zwecke bestimmt ist, sondern sich eher an Bildungs- und Gesellschaftsinteressierte wendet, die, anders als im Lexikon eine etwas intensivere Nachschau zu einem Bildungsthema vornehmen wollen, bleibt nicht aus, dass der Leser Themen vermisst, wie etwa: Bildungsreform(en), Gesamtschule, interkulturelle, transkulturelle und globale Bildung, polytechnische Bildung, Sexualerziehung, neurobiologische Erkenntnisse… Über Bildung lässt sich trefflich streiten“ – aber die Auseinandersetzungen sollten kenntnisreich und fundiert geführt werden.

Die Benutzung des (lexikalisch-artikelarischen) „Bildungs“ – Buches wäre ohne Zweifel nützlicher und hilfreicher, hätten die Herausgeber ein Begriffsverzeichnis angefügt, besonders auch deshalb, weil natürlich die o. a. vermissten Themenbereiche in einzelnen Beiträgen vorkommen. Auch wenn die Herausgeber besonders betonen, dass das Ziel des Sammelbandes nicht darin bestehen könne, eine vollständige Berücksichtigung der im Bildungsdiskurs vorherrschenden Aspekte und Fragestellungen vorzunehmen, vermisst der Rezensent doch eine eingehendere Begründung über die Auswahlkriterien der aufgeführten Themen, trägt das Unternehmen doch dazu bei, das Nachdenken über Bildung und die daraus sich ergebenden Konsequenzen und das Bildungshandeln zu befördern.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 10.11.2011 zu: Michael Maaser, Gerrit Walther (Hrsg.): Bildung. Ziele und Formen, Traditionen und Systeme, Medien und Akteure. J. B. Metzler´sche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH (Stuttgart, Weimar) 2011. ISBN 978-3-476-02098-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12295.php, Datum des Zugriffs 21.08.2019.


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