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Gisela Batliner: Hörgeschädigte Kinder im Kindergarten

Rezensiert von ao. Prof. i.R. Dr. Franz Dotter, 16.12.2003

Cover Gisela Batliner: Hörgeschädigte Kinder im Kindergarten ISBN 978-3-497-01669-3

Gisela Batliner: Hörgeschädigte Kinder im Kindergarten. Ein Ratgeber für den Gruppenalltag. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2003. 101 Seiten. ISBN 978-3-497-01669-3. 14,90 EUR.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-497-02115-4 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.

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Thema und Zielgruppe

Das Thema des Buchs ist die Integration hörbehinderter Kinder im Regelkindergarten, Zielgruppe sind in erster Linie Fachkräfte, welche in diesem mit integrativen Gruppen arbeiten, in zweiter Linie Eltern und Frühförderer.

Inhalt

Das Buch orientiert sich - ohne dass dies im Titel genannt würde - methodisch ausschließlich an der sogenannten "hörgerichteten Erziehung". Es enthält ein Kapitel über die Entscheidung von Eltern für die Integtration behinderter Kinder in Wohnortnähe, eines zur Darstellung des Hörvorgangs und von Hörstörungen sowie zu deren Diagnose und Auswirkungen. Das dritte Kapitel ist technischen Hilfen (vor allem Hörgeräte und Cochlea-Implantat), inklusive Hinweisen zu möglichen Pannen und zur Raumakustik gewidmet. Der Rest des Buchs ist der sogenannten "hörgerichteten Erziehung" gewidmet, mit je einem Kapitel zur Förderung im Elternhaus, zur Eingewöhnungsphase im Kindergarten, zur Arbeit mit den Eltern, zu Kommunikation bzw. Verständigung in der Gruppenarbeit des Kindergartens und zur Förderung des Kindes in der Gruppe (Kommunikations- und Sprechregeln sowie spezielle Materialien). Zwei Kapitel zu Formalitä­ten/Schreibarbeiten sowie zur Zusammenarbeit mit Fachleuten schließen das Buch ab.

Diskussion

Da der Einfluss der 'hörgerichteten Erziehung' auf die Hörbehindertenpädagogik bedeutend ist, muss in der Diskussion etwas weiter ausgeholt werden. Insbesondere soll deutlich werden, dass die VertreterInnen dieser methodischen Richtung ganz spezielle sprachliche Manipulationsstrategien verfolgen, um bei den LeserInnen - ohne dies explizit zu formulieren - den Eindruck einer umfassenden oder gar ausschließlichen Zuständigkeit für den Bereich der Hörbehinderten zu erzeugen.

Die Tradition der 'hörgerichteten Erziehung'. Die Autorin beruft sich auf van Uden und Schmid-Giovannini. Diese beiden Personen sind Leitfiguren einer 'gebärdenfreien' Erziehung auch schwer Hörbehinderter und Gehörloser (vgl. etwa einen Aufsatztitel von Schmid-Giovannini aus dem Jahr 1983: "Wie weit kann Hörerziehung bei einem praktisch tauben Kind erfolgreich sein?"). Eines der wichtigsten expliziten Argumente dafür war und ist die Vermeidung von "Ghettos", in die Hörbehinderte oder Gehörlose bei Verwendung einer Gebärdensprache zwangsläufig hineingeraten würden. Die Autorin des hier besprochenen Buchs begründet in ganz ähnlicher Weise die 'hörgerichtete Förderung' mit einem gegen Minderheiten gerichteten Argument, nämlich dass 90% der Eltern hören und deswegen auch ihre Kinder in der 'hörenden Welt' sehen wollen.

Verdrängungsprozesse und versteckte Ideologie. Da auch die schärfsten VertreterInnen der 'hörgerichteten Erziehung' stets genau wussten, dass ihre Methode nicht bei allen Kindern erfolgreich sein würde, entstanden Verdrängungsmechanismen und entsprechende sprachliche Formulierungen. Ein Beispiel aus dem Buch von Frau Batliner: "Da auch die meisten hörgeschädigten Kinder über das Hören Sprache erwerben, ..." (S. 11)

Hier wird zwar zugestanden, dass es Kinder gibt, bei denen die Methode nicht funktioniert, das hat aber auf das weitere Fortschreiten im Text keinerlei Bedeutung.

Sachlich ist das so zu interpretieren: Es wird nicht bedürfnisorientiert danach gefragt, wie man feststellen könnte, was die Entwicklung der kindlichen Sprache und Kognition im Einzelfall fördern könnte, sondern es wird nur eine Methode für alle angewandt, weil sie - begründet aus 'höheren Zielen' - richtig ist. Dazu noch ein Beispiel: "... weil ihr Kind aufgrund von zusätzlichen Entwicklungsproblemen oder einer sehr späten Diagnose trotz Hörgeräten oder CI nicht oder nur sehr langsam zur Sprache kommt." (S. 51)

Als Argumentationslinie lässt sich aus diesem und anderen Formulierungen (etwa im Unterkapitel "Was tun, wenn es schwierig wird mit der Verständigung?"; S. 72-74) erkennen: Zuerst muss gesprochene Sprache erlernt werden (weil diese einen 'höheren Wert' darstellt). Wer sie nicht erlernt, ist entweder selber schuld, zusätzlich behindert, oder wurde zu spät gefördert. Die hörgerichtete Methode steht daher nie in Frage, weil Erfolglosigkeit stereotyp auf andere Faktoren zurückgeführt wird. In der Wissenschaft sprechen wir in einem solchen Fall von Immunisierungsstrategie.

Wissenschaftlich falsche Feststellungen. Eine weitere Strategie ist: Entgegen allen wissenschaftlöichen Erkenntnissen wird die Möglichkeit der Zweisprachigkeit für ein schwer hörbehindertes oder gehörloses Kind indirekt geleugnet durch die Feststellung, zuerst müsse immer die gesprochene Sprache als Muttersprache erlernt werden, "da die sensible Phase für die Hör- und Sprachentwicklung nach den ersten Lebensjahren abgeschlossen ist." (S. 52). Dass sie damit ihre Empfehlung, eine Gebärdensprache könne ja, wer wolle, später erlernen, ad absurdum führt, fällt der Autorin nicht auf.

Die Wiederkehr der hörgerichteten Erziehung im neuen Kontext. Man sollte nicht vergessen dass die 'hörgerichtete Erziehung' von Uden oder Schmid-Giovanni­ni schon lange vor der Erfindung des Cochlea-Implantats vertreten wurde. Diesem Ansatz sind seinerzeit viele Kinder zumimdest psychisch zum Opfer gefallen. Er wird nun unter einer wesentlich besseren Voraussetzung - nämlich mit dem CI im Hintergrund - wieder propagiert. Und wiederum sind diejenigen Kinder, bei denen der Ansatz nicht funktioniert, in Gefahr, ihre Lebenschancen einzubüßen. Insbesondere deswegen, weil z.B. van Udens ehemaliges Institut, St. Michielsgestel, längst nicht mehr dessen Meinungen vertreten kann, wären endlich auch hier Vergangenheitsbewältigung und Selbstkritik angesagt.

Um Missverständnisse zu vermeiden: Es geht nicht darum, die Methoden der 'hörgerichteten Erziehung' absolut abzulehnen, es geht nur darum, ihren Ausschließlichkeitsanspruch zu relativieren.

Zu den im Buch angebotenen Beispielen. Für die Berufung auf die Montessori-Pädagogik gibt das Buch erstaunlich wenig konkrete Beispiele. Seine praktischen Hinweise für Kommunikation mittels gesprochener Sprache sind in einem auf die Kommunikationsbedürfnisse des Kindes gericheteten Kontext zum Teil durchaus sinnvoll; sie sind es nicht in dem von der Autorin vorgegebenen Kontext, der die systematische Anwendung anderer sprachlicher Mittel ignoriert.

Fazit

Für leicht und mittelgradig hörbehinderte Kinder ist gegen hörgerichtete Förderung nichts einzuwenden.

Wenn wir davon ausgehen, dass von den innenohrimplantierten Kindern zwischen 50 und 80% ein gutes Lautsprachverständnis entwickeln, dann ist für einen nicht so kleinen Rest solcher Kinder - wie auch für andere schwer hörbehinderte oder gehörlose Kinder - zu folgern, dass die von der Autorin vorgeschlagene einseitige Orientierung auf gesprochene Sprache eine echte Gefährdung ihrer Lebenschancen darstellt.

Für VertreterInnen der hörgerichteten Methode bringt das kleine Büchlein wohl kaum Neues. Für alle anderen, welche sich eine umfassende Information erwarten, ist es nicht zu empfehlen. Hier wäre etwa Fritsche/Kestner "Diagnose Hörgeschädigt" vorzuziehen.

Rezension von
ao. Prof. i.R. Dr. Franz Dotter
Sprachwissenschaftler, Universität Klagenfurt
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Es gibt 80 Rezensionen von Franz Dotter.

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ISSN 2190-9245