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Saral Sarkar (Hrsg.): Die Krisen des Kapitalismus

Cover Saral Sarkar (Hrsg.): Die Krisen des Kapitalismus. Eine andere Studie der politischen Ökonomie. AG SPAK Bücher (Neu Ulm) 2010. 382 Seiten. ISBN 978-3-940865-00-7. D: 22,00 EUR, A: 22,00 EUR, CH: 33,00 sFr.
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Der Kapitalismus ist tot – es lebe der Kapitalismus?

Die Kritik an den kapitalistischen Systemen und der weltweiten kapitalistischen Entwicklung nimmt im Laufe der Zeit intellektuell und existentiell ganz merkwürdige Kurven und Positionen ein. Es sind die ökonomischen, politischen, ideologischen, lokalen und globalen Auseinandersetzungen, die sich in den vielfältigen und kontroversen Auffassungen und Theorien darstellen. Es war der griechische Philosoph Aristoteles, der den Menschen als zôon politikon, als politisches Lebewesen einstufte, das aufgrund seines Verstandes in der Lage wäre, ein „gutes Leben“ zu führen. Er meinte damit freilich nicht das, was Ökonomen daraus gemacht haben – ein Immer-weiter-immer-mehr“ – Streben nach materiellen und konsumtiven Dingen und ein „throughput growth“, ein Durchfluss-Wachstumsdenken – sondern ein Allmende-Bewusstsein, eine Ressource, die die gemeinschafts- und menschheitsstiftende Nutzung der Güter der Erde als Gemeingüter ermöglicht (vgl. dazu: Heinrich-Böll-Stiftung / Silke Helfrich, Hrsg., Wem gehört die Welt? Zur Nutzung der Gemeingüter, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/7908.php; sowie: Elinor Ostrom, Was mehr wird, wenn wir teilen. Vom gesellschaftlichen Wert der Gemeingüte, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11224.php).

Vielmehr haben sich der „Raubtierkapitalismus“ durchgesetzt ( Peter Jüngst, „Raubtierkapitalismus?“. Globalisierung, psychosoziale Destabilisierung und territoriale Konflikte, 2004, http;//www.socialnet.de/rezensionen/1787.php ) und die Echorufe nach dem „guten Kapitalismus“ verstärkt (Sebastian Dullien u.a., Der gute Kapitalismus… und was sich nach der Krise ändern müsste, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/8846.php). Die historischen wie aktuellen Prognostizierungen, dass sich das System des Kapitalismus schließlich selbst zerstören oder überholen würde, jedenfalls haben bisher auch nicht das Ende des Kapitalismus gebracht (Elmar Altvater, Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen. Eine radikale Kapitalismuskritik, 2005, www.socialnet.de/rezensionen/3249.php), das „Gespenst des Kapitals“ geht weiterhin herum (Joseph Vogl, Das Gespenst des Kapitals, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10929.php) und die „Amokäufe zum Ich“ nehmen zu (Jürgen Meier, „Amokläufe zum Ich…“. Der Kommunismus als Voraussetzung des Individuums, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11802.php). Die Appelle, jenseits von „Gier“ und „Neid“ ein menschenwürdiges Leben zu gestalten (Bernhard Taureck, Gleichheit für Fortgeschrittene, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10159.php), und das trotzige und widerständige „Eine andere (bessere) Welt ist möglich!“ verhallen scheinbar in den Vernebelungen des Kapitalismus (siehe dazu auch: John Holloway, Kapitalismus aufbrechen, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10534.php). Immerhin scheint sich (zaghaft) die Überzeugung durchzusetzen, dass, „wenn das System falsch programmiert ist, (…) der gute Wille des Einzelnen an Grenzen (stößt)“ Worldwatch Institute, Hrsg., Zur Lage der Welt 2010. Einfach besser leben. Nachhaltigkeit als neuer Lebensstil, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10494.php).

Es ist ein revolutionärer Perspektivenwechsel notwendig, um eine humane Weiterexistenz der Menschheit zu ermöglichen (Peter M. Senge, u.a., Die notwendige Revolution. Wie Individuen und Organisationen zusammenarbeiten, um eine nachhaltige Welt zu schaffen, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11714.php).

Entstehungshintergrund und Autor

Die 2004 entstandene „Initiative Ökosozialismus“ ist ein Zusammenschluss von Menschen aus Deutschland und Österreich, die sich zum Ziel gesetzt haben, zur öffentlichen Aufklärung beizutragen, dass eine „bewusste, demokratische und partizipative Gestaltung unserer Ökonomie und unseres Zusammenlebens ( ) die Alternative zu Chaos und neuer Barbarei (ist)“. Eine solidarische auf der Grundlage der sozialen Gerechtigkeit basierende Gesellschaft zu schaffen, bedarf des Nachdenkens und der Auseinandersetzung darüber wie wir geworden sind, was und wie wir sind; und damit auch der Anstrengung zu erkennen, was in der lokalen und globalen menschlichen Entwicklung aus dem Ruder läuft (vgl. dazu auch die Analyse von Oskar Negt, Der politische Mensch. Demokratie als Lebensform, 2010, http://www.socialnet.de/rezensionen/11988.php). Dazu ist unumgänglich, sich (auch) mit der theoretischen und praktischen Entwicklung zu beschäftigen, wie der Kapitalismus entstanden ist und zu der Krake geworden ist, die sie ist.

Der Kölner Mitbegründer der Initiative Ökosozialismus, der aus Indien stammende Deutschlehrer, Autor und politische Aktivist Saral Sarkar legt „eine andere Studie der politischen Ökonomie“ vor mit dem Ziel, die „Vision einer besseren/anderen… nichtkapitalistische(n)…, sozialistische(n) Welt“ darzustellen. Die, wie der Autor betont, in mehrjähriger Arbeit, auf eigenen Reflexionen und der „Wissensbasis …der Erkenntnissuche von Tausenden von Forschern … und vielen anderen Autoren“ beruhende Analyse vermittelt dem Leser die Entstehungsgeschichte der dominanten Kapitalismuskonzepte und ermuntert zu einer (neuen) Kritik der politischen Ökonomie und zur Auseinandersetzung mit der Krise des Kapitalismus.

Aufbau und Inhalt

Saral Sarkar gliedert das Buch „Die Krisen des Kapitalismus“ in zwölf Kapitel.

Im ersten Teil geht es um die Darstellung von „marxistische(n) Krisentheorien“, als Contra zu der üblichen, gewachsenen Auffassung von traditionellen Ökonomen, dass es nicht die Krise im Kapitalismus, also dessen Ende, geben könne, sondern nur (beherrschbare) Krisen. Die kritische Auseinandersetzung mit den historischen, marxistischen und sozialistischen Theorien vermittelt eine Reihe von Aha-Erlebnissen und Bekanntheitssymptomen. Die Darstellung verdeutlicht auch, dass es innerhalb der marxistischen Community eine lebhafte und kritische Diskussion um die Theorien und Auffassungen der Protagonisten und Ideengebeber gibt.

Im zweiten Kapitel thematisiert der Autor die Situation in den 1920er Jahren: „Der große Crash und die Große Depression“. Es geht um die Auseinandersetzung mit der historischen Entwicklung in den Jahren der Weltwirtschaftskrise und den von den Theoretikern gelieferten Erklärungsmustern und Modellen, wie den politischen (Rettungs-)Maßnahmen,

„Die Retter des Kapitalismus“, Keynes und die Keynesianer, bis hin zu „Schumpeters Verklärung der Krise“ und seiner optimistischen Auffassung von der „schöpferischen Zerstrung“, werden im dritten Kapitel diskutiert.

Mit dem Begriff der „Stagflation“ (Stagnation und Inflation) kennzeichnet Sarkar die Phase des Niedergangs des Keynesianismus und des Aufstiegs des Neoliberalismus Mitte der 1970er Jahre, im vierten Kapitel. Mit der vom Thatcherismus und der Friedman(Reagan)schen monetaristischen Wirtschaftspolitik wurde die klassische Adam Smithsche Auffassung von der „freien Wirtschaft“ wieder in den Sattel gehoben.

Im fünften Kapitel geht es um die Frage, „warum der Keynesianismus scheiterte und mit welchen Argumenten und Begründungen dies Fachökonomen erklärten, eine notwendige Betrachtung, weil sie hinführt zu der Betrachtung der „Krisen im globalisierten neoliberalen Kapitalismus“, wie sie sich in den 1970er bis Ende der 1980er Jahre auswirkten und weltweit bis in die 1990er Jahre und darüber hinaus darstellten (Kap. 6).

Im siebten Kapitel konfrontiert der Autor die Vertreter des Keynesianismus mit der Frage „Kann der Keynesianismus diesmal die Probleme lösen?“, indem er die verschiedenen Positionen und Strategien der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage- und Produktionstheoretiker hinterfragt und mit den Auswirkungen der Internationalisierung der Produktion vergleicht. Es sind die „Grenzen des Wachstums“, die den Keynesianismus eben nicht zu einer Alternative zum auswuchernden Kapitalismus taugen lassen.

Es hat sich mittlerweile freilich auch herumgesprochen, dass die neoliberale Globalisierung, wie sie sich real entwickelt hat, jedoch auch nicht die Lösung des Probleme darstellt, dass nämlich die „Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden“. Es ist zum einen die Diskrepanz zwischen den theoretischen Annahmen, wie in einer sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelten Welt ökonomisches Handeln möglich und in der Wirklichkeit praktiziert wird, zum anderen sind es die Diskrepanzen, wie sie sich zwischen dem vernunftbegabten und gemeinschaftsbestimmten Anthropôs und dem egozentrierten homo oeconomicus auftun und letztendlich nur mit sustainable development, einer tragfähigen Entwicklung, der Einführung des Nachhaltigkeitskonzeptes in das ökonomische Denken und Tun, gelöst werden kann.

Es sind die vielfältigen Krisen, die lokal und global die Befindlichkeiten der Menschen bestimmen. Sie werden im neunten Kapitel thematisiert: Die Instabilität des internationalen Finanzwesens, Massenarbeitslosigkeit und Krise der Arbeit(er), Krise des Sozialstaates. Und sie werden im zehnten Kapitel mit der Frage analysiert, wo der Mehr(wert) herkommt und wie er gerecht verteilt werden kann.

Natürlich sind die Kapitalisten mit der Zwischenbilanz nicht einverstanden: „Die bevorstehende, unvermeidliche, weltweite und anhaltende Schrumpfung der Wirtschaften kann nur dann friedlich bewältigt werden, wenn die Menschheit bereit ist, sich vom Kapitalismus zu verabschieden…“. Es gibt vielmehr eine Reihe von Konzepten, wie die des international tätigen, US-amerikanischen Systemkritikers Harry Shutt, der für einen regulierten, egalitären und globalen Kapitalismus plädiert, sowie Modellen, wie sie in skandinavischen Ländern und in Südamerika gedacht und erprobt, aber auch von deutschen Politikwissenschaftlern, wie etwa von Elmar Altvater diskutiert werden.

Fazit

Lässt sich der heutige und äußerst lebendige und katastrophale Turbo- und Raubtierkapitalismus bändigen hin zu einem sozialen, keynesianischen Kapitalismus? Oder bedarf es eines wirklichen Systemwechsels hin zu einem ökologischen Sozialismus? Die Argumente und Antworten Saral Sakars sind eindeutig: Es ist der ökosozialistische Bewusstseinswandel, der notwendig ist, soll die (Eine) Welt gerechter und humaner werden. Damit beantwortet sich auch die Frage, wie sie gewissermaßen über den Argumentationen und Analysen schwebt: Stellen die Krisen, wie sie sich in der Vergangenheit und Gegenwart darstellen, nur Symptome einer Krise im Kapitalismus, oder zeigen sie die Krise des Kapitalismus?


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 15.11.2011 zu: Saral Sarkar (Hrsg.): Die Krisen des Kapitalismus. Eine andere Studie der politischen Ökonomie. AG SPAK Bücher (Neu Ulm) 2010. ISBN 978-3-940865-00-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12301.php, Datum des Zugriffs 23.09.2019.


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