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Thomas Goll (Hrsg.): Bildung für die Demokratie

Cover Thomas Goll (Hrsg.): Bildung für die Demokratie. Beiträge von Politikunterricht und Demokratiepädagogik. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2011. 125 Seiten. ISBN 978-3-89974-747-8. 14,80 EUR.

Reihe: Dortmunder Schriften zur politischen Bildung. Wochenschau Wissenschaft.
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Demokrat wird man durch Einsicht und Erfahrung

Wenn Aristoteles bereits vor fast zweieinhalbtausend Jahren den Menschen als zôon politikon, als politisches Lebewesen definierte, das Kraft seines Verstandes fähig ist, mit anderen Menschen friedlich zusammen zu leben, muss diese Eigenschaft mehr sein als nur ein von wem auch immer gesetzter Akt einer Gesellschaftsordnung. Dabei gilt es, die den Menschen adäquate Lebens- und Gesellschaftsform zu finden, die es ihm ermöglicht, ein freies, selbstbestimmtes Dasein in der Menschheitsfamilie zu finden. „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren... Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen“. Es ist das Verständnis vom Menschsein, wie es in Artikel 1 der von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte proklamiert und als allgemeingültige menschliche Ethik in die Welt gebracht wurde, die Menschen überall auf der Erde zu einem friedlichen und gerechten Zusammenleben verpflichtet. Damit wird „das Politische … Grundzug der Persönlichkeitsbildung“, wie dies der Hannöversche Soziologe Oskar Negt kürzlich formuliert hat ( Oskar Negt, Der politische Mensch. Demokratie als Lebensform, 2010, in: www.socialnet.de/rezensionen/11988.php).

Die Demokratie als Staats- und Gesellschaftsform hat sich dabei als das geeignetste und nützlichste (Über-)Lebensprinzip herausgestellt, als „eine rechtsstaatliche Herrschaftsform, die eine Selbstbestimmung für alle Staatsbürgerinnen und Staatsbürger im Sinne der Volkssouveränität ermöglicht“ (Hans-Joachim Lauth), die zudem eben auch eine dem Menschsein angemessene Lebensform darstellt. Dass wir in unserer sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden (Einen?) Welt von diesem Ideal noch weit entfernt sind, zeigt ein Blick in die „Welt der Wirklichkeiten“, wie sie z. B. alljährlich vom New Yorker World Watch Institute aufgewiesen wird ( siehe dazu: „Zur Lage der Welt 2009“, www.socialnet.de/rezensionen/7730.php, und: „Zur Lage der Welt 2010“, www.socialnet.de/rezensionen/10494.php). Die etwas leichtfertig und überinterpretiert formulierte Rede, dass wir in unserer (Einen) Welt in „einem Dorf“ lebten ( vgl. dazu: Josef Nußbaumer / Andreas Exenberger, Hrsg., Unser kleines Dorf. Eine Welt mit 100 Menschen, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10572.php), bedarf der Nachfrage nach den Realitäten in der Welt.

Entstehungshintergrund und Herausgeber

In der politischen Bildung, die als unabdingbarer Bestandteil für eine Erziehung hin zur Demokratie gilt, und zwar so früh und so nachhaltig wie möglich, gibt es unterschiedliche Konzeptionen, Zugangsweisen und Verständnisformen, wie ein demokratisches Bewusstein implementiert werden kann. Da ist zum einen der demokratiedidaktische Zugang, der darauf setzt, dass ein Deutungswissen erforderlich ist, um politische Urteils- und Handlungskompetenz zu erwerben, während in der Demokratiepädagogik der „Fokus auf Fragen der demokratischen Organisation von Bildungseinrichtungen und der Kompetenz aller am Bildungsprozess Beteiligten demokratisch zu handeln“ liegt. Im Diskurs schulischer und außerschulischer politischen Bildung in Deutschland standen sich anfangs die verschiedenen, didaktischen und methodischen Konzepte kontrovers gegenüber. Erst jetzt gelingt es, die unterschiedlichen Positionen zwar nicht in Deckungsgleiche, aber ins Gespräch miteinander zu bringen. Die beiden institutionalisierten Organisationen, die „Gesellschaft für Politikdidaktik und politische Jugend- und Erwachsenenbildung“ (GPJE) und „Deutsche Gesellschaft für Demokratiepädagogik“ (DeGeDe), kommen nunmehr zu einem Dialog, der mit einem Studientagsprojekt für Lehrerinnen und Lehrer am 15. 1. 2010 erstmals an der Universität Dortmund begann, mit dem Ziel zusammen, die unterschiedlichen Positionen auszutauschen, sie nicht zu diffamieren oder dogmatisieren, nicht aneinander vorbei zu argumentieren, sondern sie im Dialog zu benennen, und Wege zu finden für die (neue) Erkenntnis: „Demokratiepädagogik wie auch Politikdidaktik (sind) aufeinander verwiesen“.

Der Dortmunder Sozialwissenschaftler und Fachdidaktiker Thomas Goll stellt als Herausgeber die Ergebnisse der Fachtagung vor.

Aufbau und Inhalt

Der Dortmunder Politikwissenschaftler Christoph Schuck steckt mit seinem Beitrag „Demokratie: Möglichkeiten und Grenzen eines Ordnungsmodells“ den Rahmen ab, in dem er die real-gesellschaftlichen Gegebenheiten einordnet in Akzeptanz und Distanz, die sich in den Auseinandersetzungen um das „geeignetste Ordnungssystem“ darstellen. Es sind nicht zuletzt die praktizierten Demokratievorstellungen, die bei den Menschen vorherrschen, und die Erwartungshaltungen und Erfahrungen, wie „Input-(und) Outputlegitimität“ im konkreten Handeln wirksam werden.

Der am Berliner Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft tätige Peter Massing stellt zur Diskussion, wie sich „Demokratie-Lernen“ in den Konzepten der Demokratiepädagogik und Politikdidaktik darstellen, insbesondere, wie die unterschiedlichen Paradigmen argumentativ gegenüber und damit kontrovers gegeneinander gestellt werden. Bei seinen angenehm unideologisch formulierten „Aufräumarbeiten“ kommt Massing zu dem Vorschlag, im Diskurs um „Demokratie lernen“ von zwei Ansätzen auszugehen: Dem politikdidaktischen Konzept der Bürgerleitbilder und dem schulpädagogischen Konzept der Erfahrenen Demokratie ( vgl. dazu auch: Peter Massing, Hrsg., Kompetenzen im Politikunterricht, 2010, in: www.socialnet.de/rezensionen/11145.php).

Der Jenenser Politikwissenschaftler Wolfgang Beutel, Geschäftsführer des Projektes „Demokratisch Handeln“ und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik, fragt in seinem Beitrag „Demokratiepädagogik als eigentliche Politische Bildung?“ danach, wie Demokratie-Lernen im Lebens- und Lernraum Schule verwirklicht werden kann. Die Annäherungen der Politikdidaktik- und -pädagogik-Konzepte, wie sie Peter Massing im vorherigen Beitrag vornimmt, führt Wolfgang Beutel fort. Mit Verweis darauf, dass „das Eigentliche der politischen Bildung jetzt und in Zukunft… die Demokratie“ sein und bleiben müsse, insistiert der Autor darauf, „Demokratie als schulpädagogische Grundsatzangelegenheit (zu) behandeln“ ( vgl. dazu auch: Wolfgang Beutel / Peter Fauser, Hrsg., Demokratiepädagogik. Lernen für die Zivilgesellschaft, 2006, in: www.socialnet.de/rezensionen/4442.php).

Die Dortmunder Akademische Rätin für Politik- und Sachunterrichtsdidaktik Eva-Maria Schauenberg reflektiert über: „Auch ein Politiker ist ein Mensch -vom Zusammenhang zwischen sozialem und politischem Lernen“. In drei Thesen verweist sie auf die Ähnlichkeiten bei den Zielen des politischen und sozialen Lernens, macht jedoch auch auf die Gefahren aufmerksam, die sich bei den Formulierungen von „sozialen Kompetenzen“ ergeben, wenn sie nicht „politisch“ begründet werden; denn „Politik wird von Menschen in sozialen Kontexten gemacht“.

Schließlich fasst Thomas Goll „Demokratie-Lernen im Politikunterricht“ in sechs Thesen zusammen, in denen er deutlich macht, dass Demokratie- und Politik-Lernen keine Gegensätze darstellen: “Fördert die Demokratiepädagogik vor allem das soziale Lernen als Bedingung von demokratischem Handeln, liegen die Stärken der Politikdidaktik auf dem Feld der Konzeptualisierung von Wissen und der Entwicklung der Urteilskompetenz“.

Fazit

Wo kämen wir hin, wenn Einige sagten: Da geht?s lang!“? Richtungsschilder für die adäquaten didaktisch-methodischen Wege zur Entwicklung und Bildung von demokratischen Menschen sind unverzichtbare Fingerzeige und Anreger zum eigenen Nachdenken und Entscheiden, welchen Weg wir einschlagen wollen, um Demokratie zu lernen und zu praktizieren. Weil Wissenschaft für eine Synthese These und Antithese braucht, sind kritische Auseinandersetzungen das Salz in der Demokratie-Suppe. Das Ringen um Demokratielernen in der schulischen und außerschulischen politischen Bildung. Wenn Peter Fauser formuliert, dass Demokratie die gesellschaftlich organisierte und kontrollierte Verwirklichung der Menschenrechte ist, dann muss dieser Wert nach allen Seiten hin befragt werden. Mit den Konzepten „Demokratiepädagogik“ und „Politikdidaktik“ kann das gelingen.

Der Tagungsband kann dazu beitragen, die mittlerweile geschlagenen akademischen Wunden im Diskurs um Demokratie- und Politiklernen als allgemeinbildende, unverzichtbare Herausforderungen für alle Menschen in der Zivilgesellschaft zu heilen und die Schubladen, in die das jeweilige Konzept gesteckt wurde, zu öffnen.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 03.11.2011 zu: Thomas Goll (Hrsg.): Bildung für die Demokratie. Beiträge von Politikunterricht und Demokratiepädagogik. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2011. ISBN 978-3-89974-747-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12311.php, Datum des Zugriffs 15.09.2019.


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