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Peter Bieri: Wie wollen wir leben?

Cover Peter Bieri: Wie wollen wir leben? Residenz Verlag (St. Pölten) 2011. 93 Seiten. ISBN 978-3-7017-1563-3. D: 16,90 EUR, A: 16,90 EUR, CH: 24,90 sFr.

Reihe: Unruhe bewahren.
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Thema

Der Philosoph Peter Bieri hielt im März 2011 in Graz drei Vorlesungen, in denen er über Selbstbestimmung, Selbsterkenntnis und kulturelle Identität nachdenkt. Er spinnt dabei Gedanken weiter, die er in seinem Buch «Das Handwerk der Freiheit» (2001) darlegt, und lässt sich unter anderen von zeitgenössischen Philosophen wie Daniel C. Dennett, Harry G. Frankfurt, Stanley Cavell oder Avishai Margalit anregen.

Autor

Peter Bieri ist emeritierter Professor für analytische Philosophie an der Freien Universität Berlin und schreibt unter dem Pseudonym Pascal Mercier Romane.

Aufbau

Die Publikation ist in drei Vorlesungen mit folgenden Titeln gegliedert:

  1. Was wäre ein selbstbestimmtes Leben?
  2. Warum ist Selbsterkenntnis wichtig?
  3. Wie entsteht kulturelle Identität?

Zu jeder Vorlesung gibt Bieri am Schluss des Buchs einige knapp kommentierte Literaturhinweise.

Inhalt

Bieri beginnt sein Buch mit der Behauptung: «Wir wollen über unser Leben selbst bestimmen» (S. 7). «Und Bildung, richtig verstanden, ist der komplizierte Prozess, in dem es um die Beantwortung dieser Fragen geht» (S. 83), lautet der allerletzte Satz. Die Fragen, auf die er hier anspielt, sind, wer wir seien und was uns wichtig sei. Bieri entwickelt den Gedankengang bis dahin in drei Vorlesungen:

Zur ersten Vorlesung: Selbstbestimmung verweist auf Würde und Glück. Nach einer ersten Lesart ist ein Leben gemeint, das im Rahmen rechtlicher und moralischer Regeln frei von äusseren Zwängen wäre und in dem wir darüber mitbestimmen könnten, welche Regeln gelten sollten. Nach einer zweiten Lesart geht es über die Unabhängigkeit von anderen hinaus um die Fähigkeit, über sich selbst zu bestimmen, die eigene Innenwelt, das Denken, Fühlen, Wollen, zu beeinflussen. Angezielt ist die «innere Lebensregie». Über den Sockel früher Prägungen können wir nicht bestimmen. Ohne solche Spuren des Erlebens besässen wir indes auch keinen Massstab. «Damit unser Wille und unser Erleben die unseren sind als Teil der persönlichen Identität, müssen sie in eine Lebensgeschichte eingebettet und durch sie bedingt sein, und wenn es da Selbstbestimmung gibt, dann nur als Einflussnahme im Rahmen einer solchen Geschichte, die auch eine kausale Geschichte ist, eine Geschichte von Vorbedingungen» (S. 10). Auch wenn wir uns «in einem kausalen Kräftefeld von eigener Vergangenheit und fremdem Einfluss» (S. 11) befinden, macht es einen grossen Unterschied, ob wir AutorIn oder Person, der die Dinge nur zustossen, ob wir Subjekt oder blosser Schauplatz des Erlebens sind. Wir können uns nämlich in unserem Erleben selber zum Thema werden und uns um uns kümmern. Dann bauen wir einen inneren Abstand zum eigenen Erleben auf, und zwar als Distanz des Erkennens und Verstehens sowie als Distanz der Bewertung eigenen Erlebens. «Was ist es eigentlich, was ich denke, fühle und will?» (S. 12), fragen wir uns zum einen, und «Ist mir eigentlich wohl mit meinem Willen?» (S. 12f.) zum anderen. Wir vermögen uns solche Fragen zu stellen, weil wir fähig sind, «Gedanken, Emotionen und Wünsche zweiter Ordnung» zu entwickeln. «Aus dieser Fähigkeit heraus entsteht … unser Selbstbild, unsere Vorstellung davon, wie wir sein möchten» (S. 13). Aus dieser Analyse gewinnt Bieri seine Auffassung von Selbstbestimmung, die der inwendigen und auswendigen Seite gerecht zu werden sucht: «Selbstbestimmt ist unser Leben, wenn es uns gelingt, es innen und aussen in Einklang mit unserem Selbstbild zu leben – wenn es uns gelingt, im Handeln, im Denken, Fühlen und Wollen der zu sein, der wir sein möchten. Und umgekehrt: Die Selbstbestimmung gerät an ihre Grenzen oder scheitert ganz, wenn zwischen Selbstbild und Wirklichkeit eine Kluft bleibt» (S. 13). Freilich kann das Selbstbild nicht einfach von einem «inneren Hochsitz» aus entworfen werden, sondern ist Teil des Flusses, den das seelische Leben bildet. Der «Kampf gegen die innere Monotonie» wird durch Kulissenwechsel, neue Erfahrungen und Beziehungen, Psychotherapie u.ä. unterstützt. Die beste Chance, das «widerspenstige Erleben und Wollen» anzugehen, bietet jedoch die Selbsterkenntnis. Es gilt, die «Logik seines weniger bewussten Lebens» und Selbsttäuschungen zu durchschauen: «Selbsterkenntnis ist dasjenige, was dazu führt, dass wir eine transparente seelische Identität ausbilden und dadurch in einem emphatischen Sinne zu Autor und Subjekt unseres Lebens werden können» (S. 15). Nötig dafür ist sprachliche Wachheit. «Was genau bedeutet das? Und: Woher eigentlich weiss ich das?» (S. 17), haben wir uns stets zu fragen. Bieri verlangt Leidenschaft in der Suche nach Klarheit, aus der sich «genauere Erlebniskonturen» ergeben sollen. «Wenn unsere Sprache des Erlebens differenzierter wird, wird es auch das Erleben selbst» (S. 19). Und klassisch Freudianisch fordert Bieri sodann, Unbewusstes in Bewusstes zu überführen. «Das also sind zwei Weisen, in denen wir (…) den Radius der Selbstbestimmung nach innen ausweiten können: Differenzierung von bewusstem Erleben auf der einen Seite, Erschliessen von Unbewusstem auf der anderen. Beide Prozesse tragen dazu bei, ein realistisches Selbstbild zu entwickeln» (S. 20). Darüber hinaus hilft Sprache auch, Erinnerungen zu ordnen. Erzählen wir von Vergangenem, bemühen wir uns in der Regel um Einklang mit unserem Selbstbild. Dazu gehören auch Irrtümer, Selbstüberredung und Selbsttäuschung. Wir verfügen nicht frei über Erinnerungen, können sie nicht einfach am Entstehen hindern oder löschen. «Selbstbestimmt werden wir erst durch die Position des Verstehens» (S.23). Auf diese Weise verlieren Erinnerungen den «Geschmack der inneren Fremdbestimmung». In der Folge kann auch die Zukunft mit einem selbstbestimmten Entwurf in einem stimmigen Zusammenhang mit der Vergangenheit angegangen werden. Selbstbestimmung erfordert also, dass wir uns Gedanken, Gefühle, Wünsche und Erinnerungen aneignen. Wie könnte es anders sein: Bieri, immerhin auch Romancier, hält die Literatur bei diesem Geschehen für eine «mächtige Verbündete». Sie lehrt uns, «wie man sich selbst erzählt» (S. 25). Mehr noch als das Lesen sei hierbei das Schreiben förderlich. Wir sind keine denkenden, fühlenden, wünschenden Inseln, sondern Beeinflussungen ausgesetzt. Wie können wir förderlichen von hinderlichem Einfluss unterscheiden? Gerade der moralische Standpunkt verlangt ja zuweilen, eigene Interessen hinter fremde zu stellen. Grund dafür darf jedoch nicht die Angst vor einer äusseren oder verinnerlichten Autorität sein, vielmehr soll aufgeklärtes, vernünftiges Selbstinteresse oder «moralische Intimität» den Ausschlag geben. Sowohl zu viel als auch zu wenig Anerkennung können in ein «entfremdetes Leben» führen. «So kann eine selbstbestimmte Auseinandersetzung mit dem fremden Blick nur darin bestehen, sich stets von neuem zu vergewissern, wer man ist» (S. 31), zumal der Blick der anderen oft verzerrt ist. Manipulation ist ein Übel, weil sie nicht durch das Selbstbild kontrolliert werden kann. Sie untergräbt die Würde. Dem können wir lediglich Wachheit, eine eigene Stimme, Echtheit entgegensetzen. Zum Schluss seiner ersten Vorlesung wünscht sich Bieri «eine leisere Kultur, eine Kultur der Stille, in der die Dinge so eingerichtet wären, dass jedem geholfen würde, zu seiner eigenen Stimme zu finden» (S. 34). Es sei eine «phantastische Utopie» von einer Zeit, in der Selbstbestimmung ernster genommen würde: «Zwar gelten das Handeln aus Gründen und die Freiheit der Entscheidung als hohe Güter. Doch wenn es um die komplexeren Formen der Selbstbestimmung geht, sieht es anders aus. Kritischer Abstand zu sich selbst; das Ausbilden differenzierter Selbstbilder und der schwierige, nie abgeschlossene Prozess ihrer Fortschreibung und Revision; wachsende Selbsterkenntnis; die Aneignung des eigenen Denkens, Fühlens und Erinnerns; das wache Durchschauen und Abwehren von Manipulation, wie unauffällig auch immer; die Suche nach der eigenen Stimme: All dies ist nicht so gegenwärtig und selbstverständlich, wie es sein sollte. Zu laut ist die Rhetorik von Erfolg und Misserfolg, von Sieg und Niederlage, von Wettbewerb und Ranglisten – und das auch dort, wo sie nichts zu suchen hat» (S. 33f.).

Zur zweiten Vorlesung: «Wir müssen, um handeln zu können, verstehen, was wir wollen und tun» (S. 35). Wenn Gedanken, Gefühle und Wünsche nicht mehr zur gegenwärtigen Lebensweise zu passen scheinen, gilt es die «Wahrhaftigkeit und Plausibilität des bisherigen Selbstbilds zu überprüfen, das durch Konventionen, zufällige Begegnungen und eine zufällige Bildungsgeschichte geprägt wurde» (S. 36). «Konzentration nach innen», gesteigerte Achtsamkeit und Aufmerksamkeit sind erste Schritte in diese Richtung und lassen genauer spüren, wie einem zumute ist. Eine Einsicht in tiefer liegende Überzeugungen, Hoffnungen und Befürchtungen darf man sich davon allerdings nicht erhoffen. Das erfordert nämlich einen Blick in die Vergangenheit, in die Entstehungsgeschichte unseres Denkens, Fühlens und Wollens. «Bei all diesen Dingen betrachtet man sich nicht als Bewohner einer in sich transparenten Innenwelt, die der Aussenwelt abgeschlossen gegenüberstünde, sondern als Teil der Welt insgesamt, der sich unter dem Einfluss der anderen Teile verändert und entwickelt» (S. 39f.). Man hat sich gleichsam sich selber «mit dem Blick von aussen» zu nähern. Der Blick anderer kann unterstützend wirken. Vielleicht denken, fühlen, wollen wir gar nicht wirklich, was wir zu denken, fühlen, wollen glauben. Selbstbilder bergen Selbsttäuschungen: «Eine Selbsttäuschung ist ein interessegeleiteter Irrtum über uns selbst: Wir möchten einfach gerne einer sein, der so denkt, wünscht und fühlt – und dann porträtieren wir uns auch so» (S. 41), und dies vor allem in moralischen Kontexten. Selbsterkenntnis ist eine Form von Selbstbestimmung. Gewiss sind, wie gesagt, Achtsamkeit und Aufmerksamkeit wichtig, doch «die innere Wahrnehmung zu schärfen, reicht nicht. Was wir brauchen, ist begriffliche Differenzierung» (S. 43). Unsere Selbsterkenntnis können wir erweitern, indem wir Unbewusstes in Bewusstes überführen, sei es, indem wir wachsamer gegenüber Erlebnissen werden, sei es, dass wir unsere innere Lebensgeschichte begrifflich neu fassen. «Wir arbeiten durch Selbsterkenntnis an unserer persönlichen Identität» (S. 45). Wenn wir uns vergewissern, was wir eigentlich denken, suchen wir nach einer «kohärenten gedanklichen Einstellung zu den Dingen» und bearbeiten wir damit unsere «intellektuelle Identität». Wenn wir uns unserer Gefühle und Wünsche vergewissern, gehen wir ihrer Herkunft und tieferen Bedeutung nach und suchen zu beantworten, «wer wir sein wollen, was uns wichtig ist und worum es in unserer Zukunft gehen soll» (S. 45f.). Bieri gesteht, er wisse nicht, wie wir Selbsttäuschungen besser aufdecken: indem wir auf den Grund unserer «gedanklichen Identität» oder «emotionalen Identität» im Sinne von mehr Tiefe zu gelangen und wahre Tatsachen freizulegen versuchen, oder indem wir neue Erzählungen erfinden und ein unpassendes Stück einer Geschichte durch ein passenderes ersetzen. Für seine Einschätzung, Selbsterkenntnis sei wertvoll, führt Bieri sechs Gründe an: Wir brauchen sie, wenn Leben und Empfinden nicht mehr zueinander passen; wir bedürfen der Wahrhaftigkeit, der Selbstachtung; wenn Selbstbestimmung nach innen hin bedeutet, im Denken, Fühlen und Wollen so zu sein, wie man sein möchte, dann fördert Selbsterkenntnis die innere Freiheit; und sie unterstützt auch ein «befreites Verhältnis zur Zeit des eigenen Lebens». Weitere zwei Gründe betreffen das Verhältnis zu Mitmenschen: Wir möchten mit anderen in moralischer Intimität leben; und wir schätzen echte Beziehungen, in denen wir unsere eigenen Projektionen und diejenigen der anderen durchschauen.

Zur dritten Vorlesung: Kultur ist im Verständnis Bieris «das komplexe Gewebe von bedeutungsvollen, sinnstiftenden Aktivitäten» (S. 61). Jeder Mensch hat seinen Platz in einer Kultur: «Die kulturelle Identität eines Menschen ist sein Ort in einem solchen Gewebe zu einer bestimmten Zeit» (S. 61f.). Wie kommt der Mensch zu Kultur? «Bildung ist die wache, kenntnisreiche und kritische Aneignung von Kultur» (S. 62). Verstehen ist für Bieri die wichtigste kulturelle Leistung, und deshalb bildet das Sprachvermögen eine grundlegende Fähigkeit. «Sprache verwandelt die Welt als eine Dimension blinder kausaler Kräfte in eine Dimension verständlichen Geschehens» (S. 63). Sprachlos blieben wir einem blossen Arrangement sinnlicher Eindrücke ausgeliefert, Sprache wirft Licht auf die Dinge. Bieri erkennt fünf Stufen der Aneignung: Auf der ersten Stufe erlernen wir die Muttersprache durch Nachplappern; auf der zweiten erweitern wir den Wortschatz und lernen bewusst sprachliche Regeln kennen; auf der dritten schreiten wir von der Kenntnis der Sprache zum vertieften Verstehen fort und lernen sie als Ausdruck einer Mentalität, einer Weltsicht aufzufassen; auf der vierten vergleichen wir unsere Muttersprache mit Fremdsprachen und werden anderer Möglichkeiten gewahr, Erleben zur Sprache zu bringen; auf der fünften schliesslich entscheiden wir uns, eingedenk dieser Kontingenz, bewusst für eine Sprache und entwickeln eine eigene Stimme. «Durch Sprache werden wir zu Wesen, die begründen können, was sie sagen – also zu vernünftigen, denkenden Wesen» (S. 67). Die kulturelle Identität ist wesentlich durch Auffassungen von Denken, Vernunft, Wissen und Wahrheit geprägt. Die Unsrige fusst weitgehend auf dem historischen Prozess der Aufklärung. Bildung bedeutet hier, Vertrautes zu verfremden, um sich auf infolgedessen einsichtigerer Grundlage wieder vertraut mit ihm zu machen. «Doch natürlich erschöpft sich eine Kultur nicht im sprachlichen und gedanklichen Verhältnis zur Welt. Kultur ist auch die Art und Weise, wie Menschen zu anderen und zu sich selbst stehen, und wie sie diese Beziehungen erleben. (…) Kulturelle Identitäten werden bestimmt durch das Empfinden von Nähe und Ferne zu den Anderen, durch Vorstellungen von Intimität und Fremdheit» (S. 70). Bieri bezieht dies auf Körper und Erotik, aber auch auf das Verhältnis von Privatem und Öffentlichem. Hier wandelt man auf den Spuren einer «Grammatik von Geheimnis, Intimität und Scham», und Bildung meint in dieser Hinsicht, dass man diese Dinge auch anders sehen und erleben könnte. Intimität und Scham verweisen auf Würde. «Bildung als die aktive, reflektierende Beschäftigung mit Kultur wird sich immer auch mit Vorstellungen davon beschäftigen müssen, was als eine würdige und würdelose Einstellung zu Anderen und zu sich selbst gilt» (S. 73). Im Anschluss daran begreift Bieri Bildung als «Versuch, sich darüber klar zu werden, wer man sein möchte» (S. 74). Eine eigene kulturelle Identität entwickelt, wer im Bewusstsein von Alternativen für sich bestimmt, was ein Leben in Würde und Freiheit bedeutet. Zur kulturellen Identität zählt auch die «moralische Identität». Modernes Kontingenzbewusstsein stellt sie vor eine Zerreissprobe: «Ich weiss von der historischen Bedingtheit meiner Anschauungen und also von ihrer Relativität, und doch kann ich nicht anders, als sie absolut zu setzen, denn sonst ginge die Ernsthaftigkeit meiner Überzeugungen verloren» (S. 77). Die moralische Identität wird oft im Rahmen einer «religiösen Identität» entfaltet. «Bildung bedeutet die schwierige Aufgabe, die verschiedenen Dimensionen einer kulturellen Identität in einen stimmigen Zusammenhang zu bringen» (S. 78). Die erwähnten Stufen der Aneignung sollen zu einer Identität führen, die auf dem Bedürfnis nach Stimmigkeit beruht. Auch die grossen Themen von Sinn und Glück sind davon betroffen. Die religiöse Identität fokussiert die Passung in eine grössere Ordnung, einen grösseren Plan, die «weltliche Identität» anerkennt demgegenüber keinen Glücksmassstab jenseits eigener Bedürfnisse. Überantworten wir die Einschätzung des Wichtigen nicht einer äusseren, höheren Instanz, stellt es einen wesentlichen Teil von Bildung dar, Selbsterkenntnis im Sinne eines klaren Bewusstseins des Wichtigen und Unwichtigen zu erlangen. Eine Kultur, meint Bieri abschliessend, sei auch ein «Raum von Erzählungen». Hier kommt es ihm darauf an, von der «bloss gekannten Kultur», der Gelehrsamkeit, zur «gelebten kulturellen Identität», zur Bildung, fortzuschreiten. «Sich bilden – das ist wie aufwachen» (S. 83). Das bedeutet: «Wir lernen, über die Grammatik der zunächst blinden Kultur zu sprechen, sie in grösseren Zusammenhängen zu verstehen und als eine unter mehreren Möglichkeiten zu betrachten. Je grösser Transparenz und Übersicht werden, desto grösser wird die innere Freiheit, aus dem Schatten blinder Prägungen herauszutreten und sich zu fragen, wer man sein möchte. Dieser Prozess der Bildung und des Erwachens ist nie abgeschlossen. Eine kulturelle Identität ist nichts Festes, Endgültiges. Das Besondere an Kulturwesen ist, dass sie sich stets erneut zum Problem werden und die Frage aufwerfen können, wer sie sind und was ihnen wichtig ist. Und Bildung, richtig verstanden, ist der komplizierte Prozess, in dem es um die Beantwortung dieser Fragen geht» (S. 83). Und mit diesem Satz endet, wie zu Beginn dieser inhaltlichen Zusammenfassung gesagt, der Gedankengang des Philosophen Peter Bieri, der mit seinem Text selber exerziert, wovon er handelt.

Diskussion

Bieri gelingt es, in einem recht dichten Gedankengang wichtige Aspekte der inneren Freiheit fast immer gut nachvollziehbar darzustellen. Erstaunlich wenig genau nimmt er es mit handlungstheoretischen Grundbegriffen. Das gilt besonders für den Begriff des Erlebens, der manchmal als Oberbegriff für Denken und Fühlen steht, manchmal aber auch neben diesen beiden erwähnt wird. Zwar ist von Achtsamkeit und Aufmerksamkeit die Rede, ohne dass dies Bieri veranlasste, den Begriff des Wahrnehmens präzise einzuführen. Auch der Kulturbegriff erhält keine scharfen Konturen, ebenso wenig, was mit «moralischer Intimität» gemeint sein soll. Bezeichnend ist, dass Bieri auf den Kulturbegriff, nicht aber auf den Gesellschaftsbegriff rekurriert. Etwas schöngeistig mutet denn der Text an, weil er kaum einen Bezug zur äusseren Freiheit, zu den gesellschaftlichen Voraussetzungen, insbesondere den Sozialisationsbedingungen, herstellt. Immer noch aber befindet sich in einer privilegierten Position, wer im angedachten Sinne selbstbestimmt und selbsterkannt zu leben versuchen kann. Gewiss, das wäre nochmals ein grosses Thema für sich, das jedoch zumindest gestreift zu werden verdient hätte. Letztlich lässt der Titel der Schrift, «Wie wollen wir leben?», – zumindest auch – anderes erwarten. Wohltuend wirkt, angesichts aller heutigen universitären Philosophie, der Stil des Autors.

Fazit

Bieris kleine Schrift kann allen zur Lektüre empfohlen werden, die sich ihr Leben wieder mehr aneignen möchten und dabei nicht nur an äussere Lebensumstände denken.


Rezensent
Prof. Dr. Gregor Husi
Professor an der Hochschule Luzern (Schweiz). Ko-Autor von „Der Geist des Demokratismus – Modernisierung als Verwirklichung von Freiheit, Gleichheit und Sicherheit“. Aktuelle Publikation (zusammen mit Simone Villiger): „Sozialarbeit, Sozialpädagogik, Soziokulturelle Animation“ (http://interact.hslu.ch)
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Zitiervorschlag
Gregor Husi. Rezension vom 27.04.2012 zu: Peter Bieri: Wie wollen wir leben? Residenz Verlag (St. Pölten) 2011. ISBN 978-3-7017-1563-3. Reihe: Unruhe bewahren. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12313.php, Datum des Zugriffs 16.07.2019.


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