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Andreas Kruse (Hrsg.): Kreativität im Alter

Cover Andreas Kruse (Hrsg.): Kreativität im Alter. Universitätsverlag Winter (Heidelberg) 2011. 249 Seiten. ISBN 978-3-8253-5819-8. 34,00 EUR.

Reihe: Marsilius-Kolleg : Schriften des Marsilius-Kollegs - Band 4.
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Thema

In der neueren Alternsforschung gewinnt die Frage nach kreativen Potenzialen im Alter und gerade auch in der Zeit des hohen Alters einen wachsenden Stellenwert. Zugleich verbinden sich in dieser Frage interdisziplinäre Aspekte, welche die schöpferischen Möglichkeiten des Alterns aus verschiedenen Sichtweisen beleuchten und sich gegenseitig ergänzen. – Das von Andreas Kruse herausgegebene Buch ist eine Sammlung solcher Sichtweisen aus der Perspektive renommierter, teilweise selbst alter Autoren und Autorinnen und bietet zugleich am Ende die Ergebnisse einer umfassenden empirischen Studie. Diese wertet die Einsendungen von 340 älteren Männern und Frauen aus, die sich auf den Otto-Mühlschlegel-Preis des Jahres 2008 zum Thema "Kreativität in Technik, Handwerk und Kultur" mit Beiträgen ihrer eigenen Kreativität beworben haben. So entsteht im Buch ein Bild von Kreativität im Alter, das sowohl aus Expertensicht als auch aus der Sicht der vom Altern betroffenen Menschen selbst entwickelt wurde.

Herausgeber

Andreas Kruse, geb. 1955, gehört zu den führenden Gerontologen der mittleren Generation in Deutschland. In zahlreichen Veröffentlichungen und Vorträgen plädiert er für eine Sichtweise vor allem auf die Entwicklungspotenziale, auf die Plastizität und auf die Differenzierungsdimensionen des Alternsprozesses. Seit 1997 leitet er das von Ursula Lehr gegründete Heidelberger Institut für Gerontologie und ist seit 1987 für die Altenberichte der Bundesregierung verantwortlich.

Aufbau und Inhalt

Im Vorwort (S. 7-14) gibt der Herausgeber Andreas Kruse eine Einführung in die Thematik des Buches. Als "Cantus firmus" der eingereichten Arbeiten für den Otto-Mühlschlegel-Preis wie auch der theoretisch-konzeptionellen Beiträge des Bandes bezeichnet er die meist weit unterschätzten Kreativitätspotenziale des Alters, die allerdings von einer Reihe wichtiger Faktoren bestimmt werden: Die Motivlage und die damit verbundene "Freude am Tun" (S. 11), am Experimentieren u.ä. als "intrinsische Motivation" (ebd.), aber auch das "Interesse der sozialen Umwelt an dem schöpferischen Handeln des älteren Menschen und an den Ergebnissen dieses Handelns" (ebd.). Dazu kommen gesellschaftliche Altersbilder und ihr Einfluss auf das Selbst älterer Menschen (ebd.) sowie allgemein die Offenheit des Menschen für neue Erfahrungen und Erkenntnisse (ebd.). – Als überzeugendes Beispiel nennt Kruse die Preisträgerin der Ausschreibung, die 100-jährige Autorin Ilse Pohl, die ihr literarisches Werk im achten Lebensjahrzehnt begann und – trotz erheblicher körperlicher Einschränkungen – zum Zeitpunkt der Preisverleihung ein bemerkenswertes Buch über J.S.Bach abgeschlossen hatte.

Es folgen acht Beiträge von Autoren und Autorinnen mit verschiedenem wissenschaftlichem Hintergrund, die aus ihrer jeweiligen Perspektive das Thema des Buches beleuchten. Jedem dieser Beiträge ist ein ausführliches Literaturverzeichnis angefügt. – Am Ende des Buches findet sich darüber hinaus noch ein auf den ganzen Band bezogenes Namensregister sowie ein Sachwortregister.

A.Kruse und E.Schmitt: Die Ausbildung und Verwirklichung kreativer Potenziale im Alter im Kontext individueller und gesellschaftlicher Entwicklung. (S. 15-46) Der Herausgeber und sein Heidelberger Kollege klären zunächst - ausgehend von einer Bestimmung des Begriffs der Kreativität – das Verhältnis von Kreativität und Intelligenz. Dabei ist für die weiteren Überlegungen die Differenzierung zwischen kristalliner und liquider Intelligenz von wesentlicher Bedeutung. (S. 16ff) Einen wichtigen Faktor für die Entfaltung der Kreativität im Erwachsenenalter stellen familiäre, schulische und kulturelle Umwelteinflüsse in Kindheit und Jugend dar. (S. 20f) Im Weiteren werden dann besondere Merkmale von Kreativität im Alter beschrieben und gegenüber Formen der Kreativität in jüngeren Lebensaltern spezifiziert: Subjektive Erfahrung – Gestaltungspotenziale im Sinn von Einheit und Harmonie – Integrationsfähigkeit unterschiedlicher Ideen und Perspektiven – Akzentuierung auf Alternsprozesse. (S. 21ff) Hinsichtlich der emotionalen Entwicklung im Alter zeigt sich in der postproduktiven Lebensphase eine zunehmende Sensibilität für emotionale Inhalte. Sie verbindet sich mit dem Bedürfnis, sich für das Wohlergehen anderer Personen einzusetzen. Positive Gewichtungen im Welt- und Beziehungswissen sowie die Fähigkeit, zwischen unterschiedlichen Interessen zu vermitteln zeigen sich als wichtiges Vermittlungspotenzial der Älteren an die jüngeren Generationen. (S. 24ff) – Im Weiteren geht es um Generativität, Ich-Integrität und Gerotranszendenz als Ausdrucksformen von Kreativität im Alter (S. 28ff), um Grundphänomene der Generationslagerung und Kreativität, wobei die Überlegungen Karl Mannheims (1928) zum Generationenbegriff eingeführt werden. (S. 32ff) Weitere Themen sind "Die Bedeutung von Altersbildern für Kreativität im Alter" (S. 36f), "Sichtweisen eigenen Alterns" (S. 37ff), sowie "Die Bedeutung gesellschaftlicher Altersbilder für das Selbstbild und die soziale Teilhabe im Alter." (S. 39ff)

Urs Kalbermatten: Lebensgestaltung im Alter als kreatives Handeln. (S. 47-72). Der Berner Gerontologe versteht sein Thema als "schöpferische Gestaltung des eigenen Lebens" (S. 47), und zwar im Sinne eines stetigen Wandlungsprozesses des eigenen Selbst, der zwar mit den Abbauprozessen des Alterns sowie der eigenen Endlichkeit rechnet, aber dennoch Alter als chancenreiche neue Daseinsform begreift. Der Autor definiert zunächst Alter als "Lebenszeitraum" (S. 50ff), der durch spezifische Aufgaben und Herausforderungen gekennzeichnet ist., zu denen nicht zuletzt anspruchsvolle Prozesse der Identitätsfindung im höheren Alter gehören. Der Begriff "Lebensgestaltung" (S. 52ff) bedeutet dann, dass es um einen Gestaltungsansatz geht, in dem ein "subjektiver Konstruktionsprozess" angesprochen wird. Zu diesem Prozess gehört vorrangig ein bewusster und auf den gesamten Alternsprozess gerichteter "Ressourcenaufbau" (S. 54) Dieser ermöglicht dann auch eine "Diversifizierung der Lebensstile im Alter" (S. 54ff), die nicht nur Folge von körperlicher und geistiger Entwicklung, sondern auch Folge einer Erweiterung der Handlungsmöglichkeiten im Alter ist. Überlegungen zur "Handlungstheorie" (S. 56ff) gehen von einem aktiven, nicht reaktiven Handlungsverständnis im Alter aus. Dabei entwickeln sich Prozesse der Handlungsorganisation in vier Ebenen: Strukturen - Funktionen – Handlung – Identität. Dies führt dann zu Überlegungen zum Verhältnis von "Identität und Kreativität" (S. 60ff), in denen Vergangenheits-, Gegenwarts- und Zukunftsaspekte von Identität angesprochen werden, und unterschiedliche Ansätze der Identitätstheorie eingeführt und auf das Altern bezogen werden. Abschließend wird "Kreativität in der Begegnung mit Grenzen der Endlichkeit" (S. 68f) thematisiert, wobei gerade aus der Fähigkeit zur Akzeptanz der eigenen Endlichkeit schöpferische Möglichkeiten für das Jetzt des Lebens entwickelt werden können.

Ursula Lehr: Kreativität in einer Gesellschaft des langen Lebens (S. 73-95). Die Autorin - "Grand Old Lady" der Gerontologie in Deutschland – spricht in der "Einleitung" (S.73) die gängigen Klischees über kreative "Höchstleistungen" im Lebensverlauf an, um dann "Älterwerden in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft" (S. 74ff) näher zu beleuchten. Dabei geht es nicht nur um die quantitative Entwicklung, also die enorme Zunahme der Lebenserwartung innerhalb eines Jahrhunderts, sondern um den qualitativen Wandel von Lebensumständen, Aufgaben und Selbstverständnis des Alters. "Situationsspezifische Einflüsse auf die Kreativität" (S. 79ff) zeigen sich darin, dass die sich wandelnden Verhältnisse der Gegenwart Kreativität auf der Beziehungsebene und der Ebene von flüssigen und flexiblen Lösungsanforderungen geradezu erzwingen. Zusammenhänge von "Kreativität und Lebensalter" (S. 82ff) werden anhand von neueren Untersuchungen mit drei unterschiedlichen Ansätzen ("process-oriented", "product-centered", "personality centered approach") deutlich gemacht. Im Abschnitt "Kreativitätserhaltende und -fördernde Einflüsse" (S. 85ff) werden Aspekte der qualitativen Erfüllung von Lebenszeit im Alter angesprochen, wobei die Autorin auch auf frühe Erkenntnisse der Alternspsychologie hinweist: Erich Rothacker (1939) und Hans Thomae (1966). – Der Abschnitt "Beiträge zu Kreativität alter Menschen – eine kleine Auswahl" (S. 90ff) listet schließlich eine Vielzahl von Wissenschaftlern und Künstlern auf, die in hohem Alter Werke höchster Qualität schufen und damit die eingangs angeführten Klischees nachhaltig widerlegten.

Leopold Rosenmayr: Über Offenlegung und Geheimnis von Kreativität. (S. 97-119). Der Wiener Sozialphilosoph – auch er eine der Gründerpersönlichkeiten der Gerontologie im deutschsprachigen Raum – nimmt Alterskreativität aus sozialphilosophischer Sicht in den Blick. Aus der nachaufklärerischen, postmodernen Vergewisserung des Subjekts ergibt sich eine verstärkte Forderung nach "Arbeit am Ich" (S. 99f), zu der auch Bewusstseinspausen und ein Herauslösen aus dem Alltag gehören. Alterskreativität braucht die "Ek-stase", also ein Heraustreten aus dem Selbst, das schöpferische Entwicklungen erst ermöglicht. – Hierzu ist auch die Einsicht in die Endlichkeit und die Zuwendung zum schöpferischen Augenblick im Alter erforderlich. Das heißt: Ergreifen des Lebens und Ergriffenheit vom Leben. Die hierbei geltenden gesellschaftlichen Bestimmtheiten des Alterns sind global extrem unterschiedlich, wie ein Blick auf die Lebenserwartung in verschiedenen Ländern zeigt. In den reichen Ländern entwickelt sich eine massive Zunahme des Alters, welche eine "Erhöhung des Potenzials einfallsreicher und damit kreativer Selbstsorge" (S. 106) erfordert. – Ausgehend von einem Gedicht Paul Celans ("Ich lotse dich hinter die Welt") werden die Begriffe "Ergriffen-Werden und Ergreifen" als Paradigma des Mutes im späten Leben reflektiert. (S. 106ff) – Im Abschnitt "Sprachlosigkeit und Einklang" (S. 108f) geht es um die bejahende Wirkung der Musik, die gerade in der Schweigsamkeit des Hörens zur Geltung kommt. – "Kräfte der Erneuerung" (S. 109f) werden in biblischen Texten sichtbar, etwa in der Nikodemus-Perikope des Johannes-Evangeliums (Joh 3,1-13). – Aus soziologischer Sicht (S. 110ff) erscheint Alterskreativität als ein in jeweils verschiedene Kulturen eingebundener Sachverhalt, der erst in diesem Rahmen seine schöpferische Funktion entfalten kann. - Beispiele später Meisterschaft (S. 113f) zeigen, wie der Vorsprung an Erfahrung gegenüber jüngeren Generationen kreative Potentiale eröffnet. – Sinnfragen in der Alterskreativität (S. 114ff) ergeben sich aus dem Beispielcharakter kreativ wirkender hochaltriger Menschen, aus der in der Moderne weitgehend verloren gegangenen Vorstellung der Kulturbegleitung durch das Alter, aus religiösen Vaterbildern. Ein hervorragendes Beispiel ist für den Autor der Maler Rembrandt, dem trotz schwerer Schicksalsschläge in seinen Selbstbildnissen immer wieder eine erneuerte Selbstvergegenwärtigung gelang.

Rolf Verres: Aus der Welt gehen - Lebenskunst beim Älterwerden. (S. 122-132). Der Autor ist Ärztlicher Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie im Zentrum für Psychosoziale Medizin am Universitätsklinikum Heidelberg. Er beschreibt den Begriff der Lebenskunst als aktiven, nicht reaktiven – etwa auf Krisen bezogenen – Sachverhalt. Beim Älterwerden, verbunden mit zunehmender Wahrnehmung der eigenen Endlichkeit kann die Frage nach Möglichkeiten einer Vollendung von im bisherigen Leben noch Unvollendetem entstehen. Diese Frage weist allerdings eher in spirituelle Dimensionen wie Religion, aber auch ein bestimmtes Verständnis von Kunst und Musik, während aus medizinischer Perspektive Kunst- und Musiktherapie in einer eher operativen, auch evaluierbaren Sichtweise behandelt werden. Dennoch ergeben sich für Kunst und Musik zunehmend Räume im medizinisch-therapeutischen Bereich. Sie haben eine wachsende ganzheitliche Achtsamkeit zur Folge, die sich auf Patienten aller Lebensalter richtet. Dabei entwickelt sich ein Verständnis von "Lebenskunst", das von den Polen "In die Welt kommen" - "Aus der Welt gehen" dialektisch bestimmt ist. Von daher ist auch eine wichtige Funktion der Musik in einer "gesundheitsorientierten Kultur des Sterbens" vorgezeichnet. Das heißt: Lebenskunst als Aufgabe endet nicht vor der Phase des Sterbens sondern schließt diese mit ein.

Wilfried Härle: Kreativität - Theologische Überlegungen zum Thema. (S. 133-148). Der Autor ist emeritierter Professor für Systematische Theologie an der Universität Heidelberg. In seinen Überlegungen bringt er den Begriff der Kreativität zunächst mit der Thematik der biblischen Schöpfungslehre zusammen, weist aber dann darauf hin, dass im Kontext der Alternskreativität dieser Begriff auf seine philosophischen Dimensionen hin zu erweitern ist. In einer zweiten Erweiterung ist er dann auf Grundfragen der theologischen Anthropologie hin auszudehnen. In der Durchführung dieses Programms geht Härle auch auf die Problematik der Ambivalenz menschlicher Kreativität ein, wie sie sich in Formen destruktiven Gebrauchs von Kreativität zeigt. In der auf Karl Barth zurückgehenden Entfaltung des Sündenbegriffs als "Hochmut - Trägheit – Lüge" entwickelt der Autor negative Aspekte von Kreativität als "Nicht-Gebrauch" (Trägheit), "Missbrauch" (Hochmut), die – in der Verbindung beider – zur Lüge führen. – Im Weiteren geht es um den Zusammenhang von Kreativität und Empfangen bzw. Beschenkt Werden. Dieser Zusammenhang – so zeigt der Autor unter Hinweis auf Paul Matussek und Wilhelm Kamlah - ergibt sich nicht nur im innertheologischen Diskurs. Er wird ebenso in wichtigen philosophischen Überlegungen zur Kreativität deutlich gesehen. Aus dem der Theologie und der Philosophie gemeinsamen Verständnis dieses Zusammenhangs leitet Härle auch die Relevanz dieser Begriffe für die Psychologie ab.

Andreas Kruse: Offenheit, Generativität und Integrität als Entwicklungsaufgaben des hohen Alters. (S. 149-165). Der zweite Beitrag des Herausgebers enthält vor allem ein Plädoyer für das Verständnis einer das ganze Leben - also auch die Hochaltrigkeit umfassenden – Kontinuität von Entwicklungsmöglichkeiten. Voraussetzung dazu ist, wie Kruse unter Berufung auf eine Vielzahl von Autoren zeigt, die lebenslange Offenheit für Entwicklungsmöglichkeiten. Aus ihr kann im hohen Alter die integrative Fähigkeit entstehen, trotz Verlusten, erlebten Belastungen und unerfüllt gebliebenen Wünschen "das eigene Leben im Sinne einer im Werden begriffenen Totalität wahrzunehmen". (S. 156) Am Beispiel J.S.Bachs verdeutlicht der Autor dies. In der Choralphantasie "Vor deinen Thron tret“ ich hiermit" wird ein das Leben abschließender integrativer Akt vollzogen. In der nicht abgeschlossenen Fuge 14, in der Bachs weit über seine Zeit hinausweisende "Kunst der Fuge" unvermittelt abbricht, bleibt im Augenblick des Todes des Komponisten eine Aufgabe für die in der Nachfolge Lebenden. Damit ist zugleich ein generativer Akt vollzogen, der übrigens von späteren Komponistengenerationen auch durchaus als solcher wahrgenommen wurde.

Michael Bolk: Gesellschaftliche Rahmenbedingungen für Kreativität im Alter. (S. 167-193). Der Autor – Ethnologe und Islamwissenschaftler – ist Mitarbeiter am Heidelberger Institut für Gerontologie. – Kreativität wird hier auch als Auftrag verstanden und "setzt gesellschaftliche Rahmenbedingungen voraus, die eine öffentliche Akzeptanz und Integration kulturell und sozial kreativer Ausdrucksformen erlauben." (S. 167) Hiervon ausgehend nimmt der Autor entsprechende Dokumente der UNO, der WHO, der OECD und der EU kritisch in den Blick. Dabei geht er – gewissermaßen als dem exemplarischen Grundmuster – von der Veränderung der Alter und Familie betreffenden Gesetzgebung im Übergang von der republikanischen Staatsform Roms zum Prinzipatsstaat in der Zeit Octavians (63v. – 14n. Chr.) aus. Hier vollzog sich in kürzester Zeit ein Wandel, in dem das Alter als gesellschaftlich gestaltende und partizipierende Lebensphase zwar ganz aus dem Blick der Politik geriet, aber gerade dadurch sozial sichtbar wurde. In den Altersbildern Ciceros (106-43 v.Chr.)und Plutarchs (45-125 A.D.) wird dieser Wandel deutlich sichtbar. Von daher kann der Autor auch den Begriffen Kreativität und Partizipation ein nahezu deckungsgleiches Verständnis zuweisen. - Die Überprüfung der aktuellen Dokumente zur Demografie und Seniorenpolitik ergibt naturgemäß wesentliche Unterschiede zur antiken Situation, jedoch erweist sich "die Aufhebung des standardisierten Rentenalters wünschenswert" (S. 191), da sie "der Entwicklung der Kreativität im Alter in keiner Weise zuträglich ist, sondern die persönlichen Entfaltungsmöglichkeiten verkürzt." (S. 191)

Andreas Kruse, Eric Schmitt, Jill D. Holfelder, Natalie Jankowski: Kreativität im Alter - Ergebnisse der Auswertung von Bewerbungen zum Otto-Mühlschlegel-Preis (S. 195-234). An dem seit 2003 eingerichteten Otto-Mühlschlegel-Preis beteiligten sich 340 ältere, z.T. hochaltrige Personen. Die eingereichten Arbeiten bewegten sich in folgenden Bereichen:

  • Literatur (Auto-/Biografien, Zeitgeschichte, Orts- und Regionalgeschichte, fiktive Geschichten, Interessensausarbeitungen, Lyrik, Berufs- und Erfahrungswissen und Projektbeschreibungen);
  • Medien (Bücher, Zeitungen, Internet, Radio/Hörfunk, CDs, PC-Programme und Filme);
  • Technik (Maschinenbauliche, elektrotechnische und verfahrenstechnische Erfindungen);
  • Kunst und Handwerk (Bastel- und Werkarbeiten, Holz- und Metallarbeiten, Bilder, Webarbeiten, Musik, Tanz, Theater und Projektarbeiten).

Die Vielzahl und Vielseitigkeit dieser Arbeiten, vielfach auch ihre Qualität "illustrieren die Erkenntnis, dass Alter in positiver Weise gestaltet werden kann". (S. 232) Dies hat zur Konsequenz, dass gesellschaftliche Altersbilder "prinzipiell auch Stärken und Potenziale stärker gewichten sollten." (S.232) Denn nicht vorrangig defizitär orientierte Fremdbilder des Alters – so belegt die empirische Forschung – lassen auch "aus individueller und gesellschaftlicher Perspektive positivere Alternsprozesse" (S.232) zu.

Zielgruppe

Sowohl als gesamtes Buch wie auch in seinen Einzelbeiträgen ist dieser Band überall da eine wichtige Argumentationshilfe, wo es um Fragen der Bewertung des Alterns geht. Dies ist in Studium und Lehre von Alternswissenschaften der Fall wie auch im Bereich von praxisbezogener Aus- Fort- und Weiterbildung, aber ebenso auch in gesellschaftlichen und politischen Entscheidungsprozessen. Darüber hinaus ist er auch für alle an Alternsfragen interessierte Leser/-innen eine gewinnbringende Lektüre und nicht zuletzt für die vom Altern selbst Betroffenen eine fundierte Ermutigung.

Diskussion

Insbesondere der auf die Hochaltrigkeit bezogene ressourcenorientierte Blick macht das Buch überaus lesenswert. Denn in allen aus wissenschaftlich unterschiedlicher Sicht geschriebenen Beiträgen wird ein gemeinsames Menschenbild sichtbar, in dem den kreativen Entwicklungsmöglichkeiten des Lebens keine Grenzen gesetzt werden, nicht einmal die des Sterbens als letzter Entwicklungsaufgabe. Von daher kann gesagt werden, dass hier aus unterschiedlicher Sichtweise so etwas wie ein Humanismus der Lebensalter entsteht, der aus geisteswissenschaftlichen und geistesgeschichtlichen ebenso wie aus empirischen Begründungszusammenhängen gründlich fundiert ist. Eine solche Anthropologie der Lebensalter überschreitet allerdings auch den Bezug nur auf Alternsfragen. In einer zunehmend ökonomisch dominierten Sicht auf Mensch und Gesellschaft, in deren Konsequenz Altern naturgemäß zum Belastungsfaktor wird, kann jeder der Beiträge auf seine Weise auch als Erinnerung an die Menschheitsformel im Kategorischen Imperativ I.Kants aufgefasst werden.

Fazit

Dass das Buch allen an Alternsfragen Interessierten unbedingt zu empfehlen ist, braucht nicht weiter betont zu werden. Für die eigene Argumentation in diesem Bereich kann es ein wichtige Stütze bilden. Viele Ausblicke in die Geistes- und Kulturgeschichte vermitteln zudem interessante und z.T. verblüffende Hintergrundeinsichten, welche die Lektüre spannend machen.


Rezensent
Prof. Dr. Michael Brömse
Fachhochschule Hannover, Fakultät V (Diakonie, Gesundheit und Soziales)


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Zitiervorschlag
Michael Brömse. Rezension vom 07.02.2013 zu: Andreas Kruse (Hrsg.): Kreativität im Alter. Universitätsverlag Winter (Heidelberg) 2011. ISBN 978-3-8253-5819-8. Reihe: Marsilius-Kolleg : Schriften des Marsilius-Kollegs - Band 4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12323.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


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ISSN 2190-9245

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