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Anja Bellmund: Sexuelle Fehlentwicklung im Jugendalter

Rezensiert von Dipl.-Päd. Michael Hummert, 10.07.2012

Cover Anja Bellmund: Sexuelle Fehlentwicklung im Jugendalter ISBN 978-3-8288-2637-3

Anja Bellmund: Sexuelle Fehlentwicklung im Jugendalter. Kritische Analyse eines aktuellen Mediendiskurses. Tectum-Verlag (Marburg) 2011. 214 Seiten. ISBN 978-3-8288-2637-3. D: 24,90 EUR, A: 24,90 EUR, CH: 32,20 sFr.
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Thema

Die gesellschaftliche Debatte um die Sexualität von Jugendlichen hat sich in den letzten Jahren mit der Frage beschäftigt, ob die Entwicklung der Jugendsexualität eine besorgniserregende Entwicklung nimmt. Diese Debatte wird besonders intensiv in den Medien geführt und hat sehr häufig die Medien selbst zum Thema: die Nutzung und die Wirkung von Medien auf die Entwicklung von Jugendlichen. Aktuelle wird diskutiert, ob der flächendeckende Konsum von Pornographie durch Jugendliche zu sexuellen Fehlentwicklungen führt.

Entstehungshintergrund

Ausgelöst wurde diese Diskussion von einem Artikel im stern mit dem Titel „Voll Porno“ – nachzulesen auf: www.stern.de/politik. Die Autorin des Buches hat als sexualpädagogisch Tätige diesen Artikel zur Kenntnis genommen und konnte die darin getätigten Aussagen nur sehr schwer mit ihrer beruflichen Praxis in Einklang bringen. Die von ihr wahrgenommene Diskrepanz von Praxis und Sternartikel hat sie zum Anlass genommen, in ihrer Diplomarbeit beide Seiten kritisch zu analysieren und dies in einem Buch zu verfasssen.

Aufbau und Inhalt

Ein wesentliches Instrument dieser kritischen Analyse stellt im Buch die Befragung von verschiedenen Experten dar. Die Autorin hat dazu Menschen verschiedenster Fachrichtungen befragt, um so einen differenzierten Blick auf das Phänomen zu beschreiben. Darüber hinaus führt Frau Bellmund grundsätzlich in das Phänomen Jugend und Jugendsexualität ein. Abschließend werden sehr Empfehlungen ausgesprochen und ein Fazit gezogen. Im Einzelnen:

Im ersten Teil des Buches führt die Autorin in wesentliche Eckpunkte des Themas ein. Die Jugend wird als Phase voller Umbrüchen mit verschiedenen Aufgaben und unter dem Einfluss verschiedener Aspekte stehend beschrieben. Auch das Phänomen Jugendsexualität wird dabei eingehend beleuchtet. Darüber hinaus werden die Entwicklungsaufgaben, die Jugendliche zu bewältigen, haben am Beispiel der Moralentwicklung von Kohlberg und der Identitätsentwicklung von Erikson beschrieben. Eine Unterstützung bei der Bewältigung dieser Aufgaben stellen die verschiedenen Sozialisationsinstanzen dar. Neben der Sozialisationsinstanzen Familie und Peer Group wird im Buch ein Schwerpunkt auf die Bedeutung der Medien für die Sozialisation gelegt.

Im zweiten Teil setzt sich das Buch mit dem stern auseinander und beschäftigt sich mit den Experteninterviews. Im genannten Artikel wird die Thesen vertreten, dass Jugendliche stark von der Gefahr sexueller Verwahrlosung bedroht sind. Der Artikel beschäftigt sich mit diesem Begriff, verwirft ihn als unpassend und ersetzt ihn durch „sexuelle Deprivation“. Die Expertinnen und Experten aus den verschiedensten beruflichen Fachrichtungen (Erziehungsberatung, Strafrecht, Sozialamt, Beratungsstellen) beschäftigen sich mit möglichen Fehlentwicklungen und ihren Ursachen. Gerade diese Ursachen werden ausführlich und differenziert besprochen. Die Experten sind sich dabei in ihren Einschätzungen nicht immer einig, die Autorin fasst jedoch zusammen und zieht Schlüsse.

Mit einem dieser Schlüsse beginnt der dritte Teil des Buches. Der stern-Artikel wird auf der Basis der Experteninterviews kritisch betrachtet und analysiert. In den weiteren Kapiteln des Buches äußert Bellmann vorsichtig Tendenzen in Bezug auf sexuelle Deprivation und Empfehlungen in Bezug auf verschiedene Bereiche (Familie, Kindertagesstätten, Schulen, Freizeit und Pädagogik). In einem abschließenden Fazit wird der Schwerpunkt auf qualitative und quantitative Aspekte sexueller Deprivation gelegt.

Diskussion

Im Untertitel des Buches heißt es „Kritische Analyse eines aktuellen Mediendiskurses“. Die Herangehensweise an diese Analyse ist überraschend und im Wesentlichen gut gelungen. Die Befragung von Experten aus unterschiedlichen Arbeitsbereichen gewährleistet eine differenzierte Beschäftigung mit dem Thema. Es wird weder der allgemeinen Sorge um die Zukunft der Jugendlichen vorschnell das Wort geredet, noch unterläuft der Autorin der Fehler, quasi in einer pädagogischen Gegenreaktion die Jugendlichen zu unkritisch zu betrachten. Die Qualität der Aussagen von Experten hängt im Wesentlichen an der Qualität der Auswahl der Experten. Nach Einschätzung des Rezensenten wären Experten aus dem Bereich Medien, Medienpädagogik bzw. Medienwirkungsforschung und dem Bereich Jugendsexualität bzw. Sexualpädagogik interessant gewesen.

Die im ersten Teil geschilderten Entwicklungsstufen aus dem Modell von Erikson sind für die Analyse ein hilfreiches Mittel. Damit gelingt es der Autorin immer wieder Bezüge in die Lebenswelt von Jugendlichen zu schaffen. Im dritten Teil wird auf dieser Grundlage ein zentrales Problem geschildet: die sich nach vorne verlagernde Pubertät, die es Jugendlichen erheblich erschwert, diese Entwicklungsaufgaben erfolgreich zu meistern, weil körperliche und geistige Entwicklung nicht in einem guten Einklang stehen. Soweit stimmt der Rezensent dieser Aussage zu. Dass jedoch diese Entwicklung – gerade auch in Multiproblemfamilien – immer weiter voran schreitet entspricht nicht dem aktuellen Forschungsstand. Auch ist inzwischen in einer Studie (Aleksandar ?tulhofer, Gunter Schmidt, Ivan Landripet: Pornografiekonsum in Pubertät und Adoleszenz. In Zeitschrift für Sexualforschung, 2009 Heft 1, S. 13-23)der Zusammenhang zwischen Pornografiekonsum und den Vorstellungen von Sexualität (sexuelle Skripten) untersucht worden: es ließ sich kein Zusammenhang feststellen.

Das differenzierte und neutrale Herangehen an die Thematik ist in weiten Teilen des Buches gut gelungen, führt zu guten Ergebnissen und lieferte interessante und überraschende Details. Lediglich in der Analyse der Ursachen und dem Fazit sowie der Auswahl der Experten und der wissenschaftlichen Studien stimmt der Rezensent mit der Autorin nicht in allen Punkten überein.

Fazit

Das Buch gibt einen guten Überblick über den aktuellen Mediendiskurs zur sexuellen Fehlentwicklung im Jugendalter und beleuchtet verschiedene Aspekte in angemessener Weise. Gerade für Leserinnen und Leser, die sich erstmals mit den Themenbereichen Jugendsexualität, Medien und Pornografie beschäftigen, werden wichtige grundlegende Aspekte beschrieben. Auch die Schwierigkeiten, denen heutige Jugendliche sich in diesen Themenbereichen stellen müssen, werden gut umrissen.

Wer nicht einfach nach ganz konkreten Empfehlungen für den Umgang mit den eigenen Kindern sucht, sondern sich ausführlicher mit dem in den Medien geführten Diskurs zur sexuellen Fehlentwicklung von Jugendlichen beschäftigen möchte, hat mit diesem Buch einen guten Einstieg.

Rezension von
Dipl.-Päd. Michael Hummert
Sozialdienst katholischer Frauen e.V. Münster. Sexualpädagogik und Väterberatung
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Es gibt 2 Rezensionen von Michael Hummert.

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Zitiervorschlag
Michael Hummert. Rezension vom 10.07.2012 zu: Anja Bellmund: Sexuelle Fehlentwicklung im Jugendalter. Kritische Analyse eines aktuellen Mediendiskurses. Tectum-Verlag (Marburg) 2011. ISBN 978-3-8288-2637-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12336.php, Datum des Zugriffs 10.08.2022.


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