socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Kim-Oliver Tietze: Kollegiale Beratung. Problemlösungen gemeinsam entwickeln

Cover Kim-Oliver Tietze: Kollegiale Beratung. Problemlösungen gemeinsam entwickeln. Rowohlt Verlag (Reinbek) 2003. 246 Seiten. ISBN 978-3-499-61544-3. 8,90 EUR, CH: 16,50 sFr.

rororo 61544. rororo-Sachbuch. Miteinander reden. Praxis.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Einführung

Kim-Oliver Tietze stellt mit seinem kleinen Handbuch eine strukturierte Übersicht zu den Grundlagen der Kollegialen Beratung, ihrem Ablauf, zu Methodenbausteinen und relevanten Praxisfragen zur Verfügung. Schwerpunkte liegen auf der praxisnahen Vermittlung des Ablaufes und zahlreicher, kreativer Variationsmöglichkeiten insbesondere für die Beratungsphase.

Hintergründe und Autor

Kim-Oliver Tietze, Diplompsychologe, lebt und arbeitet in Hamburg als Berater, Trainer, Coach und systemischer Supervisor (SG) in den Bereichen Organisations- und Personalentwicklung für Unternehmen und Non-Profit-Organisationen. Vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen mit Einführungs- und Multiplikatorenschulungen zur Kollegialen Beratung in den unterschiedlichen Arbeitsfeldern hat er eine aktuelle Praxisanleitung als Lehr- und Lernbuch für den Einstieg in die Kollegiale Beratung verfasst.

Das Verfahren der Kollegialen Beratung ist ein systematisches Beratungsgespräch, in dem KollegInnen sich nach einer vorgegebenen Gesprächsstruktur wechselseitig zu beruflichen Fragen beraten und gemeinsam Lösungen entwickeln. Kollegiale Beratung verfügt über eine lange Tradition insbesondere in der Sozialen Arbeit und in der Lehrerausbildung. Sie wurde in den zurückliegenden Jahren daher bereits von einer Vielzahl von Autoren ver- und bearbeitet. Tietze führt die verschiedenen Quellen redlicherweise an, erwähnt erstaunlicherweise jedoch nicht die spezifische Bedeutung der Kollegialen Beratung in der Gemeinwesenarbeit.

Zwei Aspekte unterscheiden das von ihm entwickelte Verfahren von seinen zahlreichen Vorgängermodellen. Tietze baut einen - bedeutsamen - Verfahrensschritt ein, in dem die Gruppe im Prozess die Beratungsmethode zur eingebrachten Frage selber aussucht und festlegt. Zum anderen entfaltet er das Verfahren insbesondere für MitarbeiterInnen, Teams und Gruppen in Unternehmen und verabschiedet sich in diesem Sinne aus der Traditionslinie der sozialen Arbeit.

Aufbau, Inhalte und Gliederung

Das Buch von Tietze ist - korrespondierend zu dem strukturierten Vorgehen der Kollegialen Beratung - überaus systematisch und klar aufgebaut. Einer prägnanten Einführung in die Grundlagen der Kollegialen Beratung (Merkmale, Ziele, Nutzen, Anwendungsfelder, Themen und Inhalte) folgt eine praxisnahe Begründung des strukturierten Ablaufes mit seinen sechs deutlich abgegrenzten Phasen. Die Kapitel werden jeweils mit Praxisbeispielen bzw. -protokollen eingeführt und anschließend systematisiert:

1. Casting [Man achte auf die Sprachwahl!]

2. Spontanerzählung

3. Schlüsselfrage

4. Methodenauswahl

5. Beratung

6. Abschluss

Gesondert geht Tietze auf mögliche Schwierigkeiten im Beratungsverlauf ein, die leider - wie beinahe alle der eingefügten Praxisprotokolle - recht 'hausbacken' wirken und etwas kurz abgehandelt werden.

Einen besonderen Schwerpunkt bildet sodann die praxisnahe Beschreibung der Methodenbausteine, die in der Kollegialen Beratung zur Anwendung kommen können. Hier beschreibt Tietze zehn sog. 'Basis-Methodenbausteine' und zehn sog. 'Methodenbausteine für erfahrene Gruppen'. Beratungserfahrenen LeserInnen steht hier eine gut systematisierte und schnell lesbare Methodenzusammenstellung unterschiedlicher Schulen zur Verfügung, die zum Abgleich mit dem eigenen 'Repertoire' einlädt. Für beratungsunerfahrene LeserInnen findet eine grundständige, mitunter etwas langatmige Darlegung verschiedener methodischer Zugänge statt. Die von Tietze gewählte Systematik (Methodentitel - Indikation - Leitfrage - Beschreibung - Ablauf - Beispiel - Hinweise) wird konsequent beibehalten, was einerseits ein Verdienst ist, andererseits jedoch auch eine wiederkehrende Problemtendenz Kollegialer Beratung sichtbar werden lässt. Die allemal hilfreiche Struktur der Kollegialen Beratung wird immer dann zu einer behindernden Starre, wenn sie keine Variationsmöglichkeiten zulässt. Die Ziel- und Strukturorientierung in einer lebendigen Gruppe und ebensolchen Beratung sollte immer auch mit dem Pol der Ergebnisoffenheit gepaart sein.

Der von Tietze entwickelte und begründete Zwischenschritt der Methodenauswahl bietet eine Gewähr, die Lebendigkeit im Prozess zu sichern, indem z.B. kreative und erlebnisaktivierende Beratungsmethoden ausgewählt werden.

Im abschließenden Kapitel wird die Praxis der Kollegialen Beratung noch einmal unter Aspekten der Gruppenbildung, des Anfanges, der Verselbständigung und der spezifischen Kompetenzen beleuchtet und gute handwerkliche Hinweise gegeben.

Zielgruppen

Aus meiner Sicht eignet sich das Buch vor allem für beratungsunerfahrene Menschen, d.h. für Laien, die sich einen gut lesbaren, klar aufgebauten und aktuellen Überblick zu einem effektiven und kreativen Beratungsverfahren verschaffen möchten und konkrete Hinweise für die Durchführung einer Kollegialen Beratung suchen. Für beratungserfahrene LeserInnen bietet das Buch eine gute Systematik zur Kollegialen Beratung, die sich für eine Einführung in die Methode sehr wohl eignet, und eine variationsreiche, kompakte Zusammenstellung 'kurzer' Beratungsmethoden, wobei man die ausführlichen Praxisprotokolle geflissentlich überlesen kann.

Einschätzung der Tauglichkeit, Lesbarkeit und Nützlichkeit

Das Buch von Kim-Oliver Tietze wird seinem Anspruch allemal gerecht, ein Lehr- und Lernbuch zur kollegialen Beratung zu sein. Es ist systematisch aufgebaut, facetten- und wissensreich geschrieben. In allen Beispielen wird deutlich, dass hier ein 'Profi' der Beratungsarbeit geschrieben hat. Die eingeschobenen Gesprächsbeispiele kamen mir gleichwohl erstaunlicherweise arg 'glatt' und 'hausbacken' vor. Vielleicht ist der Autor an dieser Stelle ein wenig zu vorsichtig gewesen, die Intensität, Lebendigkeit und Tiefe der Kollegialen Beratung darzustellen. Skeptisch bin ich übrigens ebenfalls bei den Zeitangaben insbesondere für die 'Beratungsphase' geworden. Eine zehnminütige Beratungsphase, wie Tietze sie als Orientierung vorgibt, erscheint mir dann doch aus eigener Erfahrung etwas zu kurz als Vorgabe zu sein. Allerdings hebt der Autor den Orientierungscharakter stets hervor.

Nützlich ist das Buch vor dem Hintergrund seines Anspruches, Kollegiale Beratung für Menschen in Non-Profit-Organisationen und damit für i.d.R. beratungsunterfahrene Laien anschaulich und ansprechend zu präsentieren. Es befähigt die LeserInnen, sofort mit dem Verfahren zu arbeiten, ohne dass die Fallstricke und möglichen Störstellen verschwiegen werden.

Die grafische Gestaltung des Buches fällt leider deutlich hinter die m.E. sehr gut gelungene Präsentation der Kollegialen Beratung auf der Homepage des Autors (www.kollegiale-beratung.de) zurück. Wahrscheinlich ist das der Preis für die Veröffentlichung als Taschenbuch.

Fazit

Mit den beschriebenen Einschränkungen kann ich das Buch für Menschen, die ein kreatives und zugleich strukturiertes Beratungsverfahren in einer selbstorganisierten Gruppe suchen auf jeden Fall empfehlen. Dass Kollegiale Beratung als 'kleine Schwester' der Supervision bzw. von Coaching ein eigenständiges Beratungsverfahren darstellt, wird in diesem Buch hinreichend und praxisnah begründet.


Rezension von
Andreas Baumgärtner
Freiberuflicher Supervisor (DGSv) und Coach (DGfC)
Praxis für Supervision, Coaching und Weiterbildung
Homepage www.andreas-baumgaertner.org


Alle 6 Rezensionen von Andreas Baumgärtner anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Andreas Baumgärtner. Rezension vom 20.04.2004 zu: Kim-Oliver Tietze: Kollegiale Beratung. Problemlösungen gemeinsam entwickeln. Rowohlt Verlag (Reinbek) 2003. ISBN 978-3-499-61544-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1234.php, Datum des Zugriffs 14.07.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung