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Monika Elsler (Hrsg.): Die Aneignung von Medienkultur

Cover Monika Elsler (Hrsg.): Die Aneignung von Medienkultur. Rezipienten, politische Akteure und Medienakteure. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 244 Seiten. ISBN 978-3-531-17997-1. 29,95 EUR.
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Thema

Mit Fortschreiten der Bedeutung von Informationstechnologie gewinnen die Medien eine größer werdende Bedeutung für die Menschen und damit ebenso für die Kultur. Von dieser Prämisse geht die Medienkultur aus, eine neue Fachrichtung, die im akademischen Raum eine eigene Nische zu belegen sucht. Dabei gehen in Deutschland verschiedene Universitäten aus unterschiedlichen Fachrichtungen auf das junge Fach zu: Hamburg (Medienwissenschaftlich), Bayreuth (Wirtschaft & Recht), Freiburg (Philologisch), Weimar (Kulturwissenschaftlich) und Bremen (Sozialwissenschaftlich).

Der vorliegende Band „Die Aneignung von Medienkultur“ stammt aus der Bremer Schule und ist dementsprechend sozialwissenschaftlich geprägt. In ihm vereint die Herausgeberin Monika Elsler, die im Sonderforschungsbereich „Staatlichkeit im Wandel“ an der Universität Bremen arbeitet, die Essenzen einiger Masterarbeiten aus dem Studiengang Medienkultur in Bremen.

Aufbau

Der Sammelband ist in drei grobe Bereiche gegliedert, die jeweils Artikel gruppieren, die thematisch die Aneignung von Medienkultur durch

  1. Rezipienten
  2. Politische Akteure
  3. Medienakteure

untersuchen.

1. Aneignung von Medienkultur durch Rezipienten

Im ersten Abschnitt des Sammelbandes stehen vorwiegend qualitative Analysen vom Umgang verschiedener Rezipientengruppen mit den Medien.

Sarah Kumpf geht der These nach, dass der bourdieusche Begriff des „Habitus“ die Aneignung von Quality TV Serien steuere. Dazu stellt sie das Ergebnis von acht Interviews zusammen, die den Umgang von sogenannten „Intellies“ (Intelligente Televisions Rezipienten) mit Qualitäts-Fernseh-Serien behandelten. Dabei geht sie auf die Bedeutung von Fernsehserien für das Selbstverständnis der „Intellies“ ein.

Die Herausgeberin Monika Elsler setzt sich ebenfalls mit Pierre Bourdieu auseinander und beschreibt mit der Hilfe von neun Interviews verschiedene Typen der Aneignung von Religionsformaten, wie der Sendung Glaubenssachen beim NDR. Sie erkennt zum einen den kritisch distanzierten Umgang mit dem Format als auch einen emotional involvierten.

Lisa Schwarzien untersucht die Nutzer des sozialen Netzwerkes Studi-VZ und wie sie dieses Medium für ihren Alltag nutzen. Sie erkennt das Konzept von sozialen Netzwerken und stellt fest, dass sich die Dichotomie des Realen und des Virtuellen in der Medienwissenschaft aufgelöst habe (57). Sie stellt uns drei unterschiedliche Typen von Netzwerkern vor, wobei keiner von ihnen in Reinform existiere.

Von einem anderen Format der modernen Kommunikation spricht Louisa Karbautzki. Sie sieht in Twitter eine Möglichkeit der Partizipation im Netz, welche ihr Potential in der Wechselbeziehung zwischen kommunikativen und informativen Nutzungsformen habe. Dabei findet sie sechs große Nutzungskategorien des Dienstes, wobei die private Nutzung den größten Raum ausfülle.

Martin Schlüter untersucht die internetbasierte Videotelefonie über den Dienst Skype anhand von Interviews mit neuen Nutzern. Er kommt zu der Erkenntnis, dass die Videotelefonie im Grunde als kulturelle Praxis zu verstehen sei.

Çi?dem Bozda? stellt in seinem Artikel über die Medienaneignung türkischer Migranten eine wechselseitige Beziehung zwischen kultureller Orientierung und Medienaneignung fest, besonders, da es in der heutigen Zeit durch das größere Medienangebot eine Erweiterung der Kommunikationsmöglichkeiten gibt. Dadurch können Migranten auf eine Vielfalt der kulturellen Ressourcen zurückgreifen.

2. Aneignung von Medienkultur durch politische Akteure

Fabian Agel findet heraus, dass bei der Konstruktion und der Aneignung kollektiver Identität bei Attac besonders die persönliche Erfahrung und die Alltagspraxis die Medieninhalte bestimmen.

Eliana Pegorim führte für ihre Arbeit eine intensive Medieninhaltsanalyse von Facebook-Auftritten dreier Umweltorganisationen durch. Greenpeace, Tcktcktck und 350.org nutzen als soziale Bewegungen im Netz u. a. Facebook als Ressource um ihre Anhänger zu vernetzen, für Aktionen zu mobilisieren, Informationen zu geben und, eher zu vernachlässigen, Kommunikation zu üben.

Olga Mecking hat Online-Kommentare zu Artikeln bezüglich der Europawahlen in je zwei deutschen und polnischen Qualitäts- und zwei Boulevardzeitungen analysiert und darin eine europäische Öffentlichkeit gefunden, die im Netz kommuniziert.

3. Aneignung von Medienkultur durch Medienakteure

Stefanie Trümper untersucht die Redaktionskulturen der FAZ und der Bild-Zeitung, die sie anhand eines Redaktionsrundgangs bei der FAZ, einer Hospitation bei der Bild und Interviews gemacht hat. Dabei stellt sie fest, dass sich beide Zeitungen in vielen Dingen unterscheiden.

Janina Maric untersucht die Fernsehaneignung von e-Sport und analysiert die 2006/07 bereitgestellten Angebote von MTV, Giga und DSF. Hier erkennt sie in Bezug auf Genderaspekte und Kommerzialisierung Gemeinsamkeiten, aber Unterschiede in der Darstellung der Mensch-Maschine-Interaktion.

Für eine Analyse zur Berichterstattung über mediale Themen hat Marlis Torka verschiedene Bezugspunkte zwischen zwei ZAPP Berichten und die Reaktionen der Presse auf diese untersucht.

Diskussion

Die Autoren dieses Sammelbandes verstehen Medienkultur aus einem sozialwissenschaftlichen Blickwinkel. Dass alle an der Universität Bremen ihre Abschlussarbeit geschrieben haben, ist leicht zu erkennen, berufen sich doch sämtliche Autoren auf den Bremer Professor Andreas Hepp, der zudem das Vorwort zu dem Band geschrieben hat und den alle gerne und ausführlich zitieren. Dies führt zu einer sehr eindimensionalen Betrachtungsweise der Thematik. Es überwiegt darüber hinaus eine gewollt fachliche und komplizierte Ausdrucksweise, die dabei meist eher im Vagen als im Konkreten liegt.

Während die Autoren in den beiden letzten Kapiteln ihre Analysen auf eine breitere Basis gestellt haben, dominiert im ersten Abschnitt ein rein qualitativer Forschungsansatz. Dabei offenbaren sich in den Texten die Schwächen der Grounded Theory, die das Vehikel ihrer Grundlagenforschung darstellt. Besonders stellt sich die Frage, ob die angewandten Methoden den nötigen Erkenntnisgewinn ermöglichen. Zwar ist die Grounded Theory für ein geringes Datenkorpus ausgelegt, doch erscheint sie nicht als Allheilmittel.

Sarah Kumpf bezieht ihre Daten aus Interviews von acht ausgewählten Personen, die sich über Videotheken und Foren an sie wandten. Sie wertet ihre Gruppe als „Intellies“, da sie u. a. Abitur haben, doch versäumt sie eine kritische Distanz zu den gegebenen Antworten.

Ähnliches ist in dem Artikel der Herausgeberin zu erkennen. Die Auswahl der neun Interviewpartner, die Monika Elsler für ihre Studie über die Aneignung von Religionsformaten vornahm, vermitteln einen sehr begrenzten Untersuchungsrahmen, nämlich von religiösen Menschen aus der Bremer Region mit einem ausgiebigen Sendungsbewusstsein. Die Autorin schiebt theoretische Definitionen vor, bleibt aber in ihrer Argumentationslinie unklar. Im Text scheint zudem durch, dass die Autorin selber nicht von der Qualität ihrer Studie überzeugt ist.

Es stellt sich hier die Frage, inwieweit qualitative Methoden überhaupt dazu taugen, Forschungsergebnisse zu erhalten. Man sollte dabei den Begriff „Qualität“ ernst nehmen. Wer ist derjenige, der einem das Datenmaterial gibt? Hier mangelt es bei vielen Autoren. Positive Ausnahmen finden sich bei den Untersuchungen von Bozda? (Migranten), Agel (kollektive Indentität bei Attac) undbesonders bei Pegorim (Greenpeace & Co).

Auf der anderen Seite muss man das Sendungsbewusstsein der Interviewten beachten. Welche Realität wollen sie vermitteln, welches Selbstbild tragen sie in sich? In der ethnologischen Forschung muss das Gesagte stets hinterfragt werden, sonst ist die Gefahr groß, falsche Schlüsse zu ziehen, die sich am Ende wissenschaftlich weiter tradieren.

Qualitative Interviews eignen sich für Gruppen und Gemeinschaften im kleineren Rahmen wie z.B. eine spezifische Kirchengemeinde, eine politische Gruppe usw. Hier kann man nah am Objekt Theorien aufstellen, die zumindest für diese Gruppe repräsentativ sind. Aber sie eignen sich kaum für ein stichprobenhaftes Hineingreifen in die Gesellschaft, wobei man die Interviewten vorher noch aufgerufen hat, sich zu melden.

Die Erkenntnisse (und auch der Weg der Erkenntnisgewinnung) sind in dem Artikel von Trümper nicht sonderlich vielsagend. Dass in der FAZ und der Bild unterschiedliche Redaktionskulturen herrschen, ist nicht neu. Ein Redaktionsrundgang, eine kurze Hospitation und eine Handvoll Interviews dienen dabei auch kaum als solide Datenbasis.

Torka geht von der Annahme aus, dass Medien selten selbst zum Gegenstand ihrer Berichterstattung werden. Dies verwundert sehr, da es zahlreiche Gegenbeispiele gibt (vgl. das preisgekrönte Medienmagazin auf Radio Eins, die Medienkritik auf Spiegel Online, etc.). Und weshalb Torka in ihrer, im Grunde genommenen, unklaren Medienanalyse, den Tagesspiegel zur überregionalen Presse und die Berliner Zeitung zur regionalen Presse zugehörig zählt, ist aufgrund der Verbreitung und der Bedeutung beider Blätter nicht nachvollziehbar.

Wie schnell eine Medienforschung sich selbst überholt, ist im Artikel von Schwarzien über das Studentennetzwerk Studi-VZ zu erkennen. Im Netz wird Studi-VZ kein Überleben neben Facebook zugetraut und bereits unter wannstirbtstudivz.com ironisch dessen Ende ausgezählt.

Es gibt Vieles, was in diesen Sammelband diskussionswürdig ist. Die jungen Autoren sehen ihre Artikel als Beiträge zur Grundlagenforschung und einige Studien sind durchaus soweit interessant, um darauf später mal aufzubauen (Attac, Greenpeace, e-Sports). Auf der anderen Seite spürt man bei vielen Autoren ihre mangelnde Souveränität, die durch die breiten Diskussionen um die Methodologie und ihre Rechtfertigungen in den Artikeln noch verstärkt wird.

Fazit

Dass die Medienwelt einen großen Einfluss auf das soziale Gemeinwesen und damit auch auf die Kultur hat, ist weitläufig unbestritten. Die hier von den Studenten der Universität Bremen eingebrachten Grundlagenforschungen bringen jedoch kaum weitere Erkenntnisse hervor. Ob sich die Autoren mit der Veröffentlichung der Zusammenfassungen ihrer Masterarbeiten einen Gefallen getan haben, ist schwer zu sagen. Für eine Veröffentlichung ist der Großteil der Artikel nicht tauglich.


Rezension von
Michael Christopher
Filmwissenschaftler, Theaterwissenschaftler und Mitherausgeber der Zeitschrift manycinemas
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Zitiervorschlag
Michael Christopher. Rezension vom 24.02.2012 zu: Monika Elsler (Hrsg.): Die Aneignung von Medienkultur. Rezipienten, politische Akteure und Medienakteure. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-531-17997-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12341.php, Datum des Zugriffs 10.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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