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Christoph Weischer: Sozialstrukturanalyse

Cover Christoph Weischer: Sozialstrukturanalyse. Grundlagen und Modelle. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 505 Seiten. ISBN 978-3-531-17748-9. 24,95 EUR.

Reihe: Lehrbuch.
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Thema und Entstehungshintergrund

Die Sozialstrukturanalyse stellt in der Soziologie ein herausragendes Themenfeld dar, das eine Vielzahl an theoretischen Modellen umfasst. Ausgangsfragestellung ist dabei die nach den Ursachen sozialer Differenzierung einerseits und nach der relativen Stabilität von Ungleichheitsstrukturen andererseits. Gleichzeitig stellen empirische sozialstrukturanalytische Studien für die Sozialberichterstattung ein unverzichtbares Datenreservoir dar, ohne die eine Gesellschaftsanalyse nicht mehr denkbar ist. Dabei ist die systematische Darstellung der einzelnen Akteure und Institutionen angesichts der Komplexität moderner Gesellschaften ein dringendes Erfordernis für das Verständnis der Sozialstrukturanalyse.

Das Buch ist als Lehrbuch deklariert, gleichzeitig führt der Autor hier aber auch ein innovatives Modell der sozialen Differenzierung ein, das auf einem Analyseraster „differenzierungsrelevanter Arenen“ (S. 17) basiert.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in sechs Kapiteln aufgebaut, die jeweils fein differenzierte Unterkapitel enthalten.

Im Vorwort erläutert Christoph Weischer, der eine Professur am Institut für Soziologie der Universität Münster inne hat, die Zielsetzung und den Aufbau des Buches. Dabei moniert er, dass zwar in den letzten Jahren zunehmend Fragen der sozialen Ungleichheit öffentlich diskutiert werden, diese Diskussion aber kaum auf das Know How der Sozialstrukturanalyse rekurriert. Diesen Anspruch kann und will er mit seinem Lehrbuch auch nicht einlösen, wohl aber die „Potentiale der Sozialstrukturanalyse systematisch“ entfalten und „für eine Analyse der Ursachen sozialer Differenzierung“ nutzen (S. 11).

Im ersten Kapitel des Buches werden grundlegende Begriffe der Sozialstrukturanalyse dargestellt. Sehr bedeutsam ist hier der Begriff der Lebenslage, der zu einem Kernbegriff der Sozialstrukturanalyse avanciert ist. Weiterhin werden die Begriffe Struktur und Sozialstruktur inhaltlich erschlossen und im Kontext anderer soziologischer Teilgebiete dargestellt. Ein weiterer zentraler Begriff, der hier erläutert ist, ist der Begriff der Gesellschaft, wobei dieser nur äußerst knapp angerissen wird. Der Autor trifft hier eine grundsätzliche Unterscheidung zwischen Sozialstrukturanalyse im engeren und im weiteren Sinne. Mit erstgenannter bezeichnet er die Zusammenfassung von Personen in spezifischen Gruppen, wobei hier unterschiedlichste Modelle der Gruppenbildung möglich sind. Es geht hier also um die Frage, wie Soziallagen als Strukturierungsmerkmale analytisch erfasst werden und welche Folgen das für die Beschreibung sozialer Gruppen hat. Sozialstrukturanalyse im weiteren Sinne geht darüber hinaus und fragt nach den Ursachen differenter Lebenslagen und deren Stabilisierung.

Anknüpfend an dieses weit gefasste Verständnis von Sozialstrukturanalyse entwickelt der Autor im zweiten Kapitel ein Analyseraster, mit dem der Frage nach den Ursachen sozialer Differenzierung in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen nachgegangen werden soll. Mit über 250 Seiten macht dieses Kapitel den Hauptteil des gesamten Werkes aus, wobei Christoph Weischer unter den „Arenen der sozialen Differenzierung“ drei relevante Bereiche versteht: zum einen Arbeit, insbesondere Erwerbsarbeit, zum zweiten den Staat, insbesondere den Sozialstaat sowie zum dritten private Haushalte.

Bevor diese drei Bereiche abgehandelt werden, analysiert der Autor zunächst den gesellschaftlichen Produktions- und Reproduktionsprozess sowie dessen Regulation. Dabei arbeitet er heraus, dass hier drei Akteure mit je unterschiedlichen Interessenlagen und Handlungslogiken relevant sind – Unternehmen, Staat und Haushalte – die jeweils für sich sozial abgrenzbare Felder bilden. Den Begriff „Arena“ verwendet der Autor nicht zufällig, macht er doch hier Anleihen bei Pierre Bourdieu, nach dem Akteure ihre Interessen nach bestimmten Regeln durchzusetzen versuchen und so in sozialen Feldern handeln, die als Kampffelder – mithin Arenen – zu verstehen sind.

In den folgenden Unterkapiteln werden die drei genannten Arenen ausführlich und differenziert dargestellt.

  1. Bezüglich der ersten Arena, der Arbeit, stellt Christoph Weischer zunächst die Entwicklung des Produktionsprozesses dar, d.h. die Entstehung und Entwicklung von Marktwirtschaft und Kapitalismus sowie der Industriegesellschaften. Im weiteren Verlauf analysiert er die Entwicklung der Arbeit hinsichtlich ihrer Organisation (u.a. Arbeitsteilung, Beschäftigungsverhältnisse etc.), ihrer anthropologischen Bedeutung nach sowie den Arbeitsmarkt und Entlohnung.
  2. Die zweite Arena, der Staat, wird zunächst hinsichtlich ihrer verschiedenen Regulierungsbereiche analysiert, bevor dann die einzelnen Regulationsinstanzen wie Nationalstaaten, Parteien und Interessenverbände, supranationale Akteure, sowie der Sozialstaat dargestellt werden. Ein weiteres Unterkapitel widmet sich den Regulationsmodi, wobei hier zwei Ansätze, nämlich der Varieties of Capitalism-Ansatz und die Regulationstheorie vorgestellt werden. Mit dem folgenden Unterkapitel wird der Sozialstaat in den Blick genommen und hier u.a. die gesellschaftlichen Wirkungen der Sozialpolitik dargestellt. Das abschließende Unterkapitel widmet sich dem Einfluss der Regulierungsleistungen des Staates auf die Sozialstruktur. Hier werden verschiedene Politikfelder exemplarisch untersucht, wie das Bildungs- und Ausbildungssystem, der Arbeitsmarkt, die Einkommensverteilung sowie das Gesundheitswesen.
  3. Die dritte Arena, die privaten Haushalte, stellt eine besondere Akteursgruppe dar insofern sie sich nicht nur aus Betroffenen von Ungleichheit zusammensetzt, sondern gleichzeitig auch selber Sozialstruktur erzeugend wirkt. Dies geschieht in vielfältiger Weise, wie beispielsweise den individuellen Entscheidungen über die Haushaltszusammensetzung und die Bildung sozialer, informeller Netzwerke. Aber auch die Wohlfahrtsproduktion der Haushalte spielt für die Sozialstruktur einer Gesellschaft eine enorm wichtige Rolle, wenn es z.B. um die Bereitstellung von Dienstleistungen wie der häuslichen Pflege geht. In den einzelnen Unterkapiteln widmet sich der Autor Aspekten wie der Größe und der Struktur von Haushalten, deren Kapitalausstattung, dem Zusammenhang von Erwerbsarbeit und Haushaltsproduktion sowie der räumlichen Verortung von Haushalten, die z.B. durch Migration verändert werden kann.

Das abschließende Unterkapitel betrachtet die Machtstrukturen in Haushalten zwischen Generationen und Geschlechtern.

Dieses ausführliche zweite Kapitel schließt mit einem Unterkapitel zur Verteilung differenter Lebenslagen, das die vorangegangenen Erkenntnisse zu den drei Arenen Arbeit, Staat und Haushalte zusammenfasst. Allerdings ist hier kritisch anzumerken, dass sich der Autor des Bourdieuschen Modells der Kapitalarten bedient, ohne dies bereits eingeführt zu haben.

Das dritte Kapitel widmet sich knapp der Stabilisierung sozialer Differenzierungen, wie sie in Institutionen, auf der symbolischen Ebene, durch die „Speicherung“ in Körper und Geist (Inkorporierung) sowie durch generative Weitergabe ermöglicht werden.

Im vierten Kapitel nimmt der Autor eine historische Perspektive ein und erläutert die Entwicklung der Sozialstruktur vom Feudalismus bis zur westdeutschen Nachkriegsgesellschaft. Dabei skizziert er zunächst die wichtigsten Stationen der gesellschaftlichen Entwicklung bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts wie das Lehnswesen, die Ständegesellschaft und die Herausbildung der industriellen Gesellschaft. Im weiteren Verlauf dieses Kapitels stellt er knapp die Sozialstruktur der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus dar, bevor er dann summarisch die der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft erläutert.

Das fünfte Kapitel stellt die theoretischen Konzepte der Sozialstrukturanalyse dar. Hier liefert Christoph Weischer zunächst einen Überblick über die wissenschaftlichen Diskurse der Sozialstrukturanalyse hinsichtlich ihrer Entwicklung und Grundfragen. Im weiteren Verlauf dieses Kapitels stellt er eine Vielzahl von Ansätzen der Sozialstrukturanalyse vor, die er in fünf Typen unterscheidet. Unter der Rubrik „sozioökonomische Ansätze“ werden die Ansätze von Marx, Wright, Schmoller, Geiger, Dahrendorf sowie Erikson und Goldthorpe vorgestellt. Auch die empirische Schichtungsforschung findet hier ihren Platz. In der zweiten Kategorie, den „sozioökonomisch-kulturellen Ansätzen“ werden die Konzepte von Weber, Wehler und Bourdieu vorgestellt sowie die Ansätze zur Milieuforschung. In der dritten Rubrik werden Analysen aus dem Bereich der „Intersektionalität“ vorgestellt. Hier werden nach einer Erläuterung zum Begriff der Intersektionalität sowie den einzelnen Strukturkategorien wie Klasse, Geschlecht, Ethnie und Körper verschiedene Paradigmen diskutiert. Danach werden Analysen zur Verschränkung von Klasse und Geschlecht (insb. Becker-Schmidt) sowie die Queer-Theorie (insb. Hark) vorgestellt. In der vierten Rubrik werden unter dem Begriff „Entstrukturierung“ die Ansätze von Schelsky und Beck vorgestellt bevor dann in einer Sammelrubrik verschiedene Konzepte wie kultursoziologische Konzepte, das Modell der Berufsgesellschaft, die Mobilitätsforschung, die Armuts- und Prekaritätsforschung sowie der Dualismus Inklusion – Exklusion in den Fokus gerückt werden.

Mit dem sechsten Kapitel schließt Christoph Weischer sein sehr umfangreiches Werk ab, indem er zum einen den aktuellen Diskussionsstand und zum anderen Desiderate der Sozialstrukturanalyse darstellt.

Haupterkenntnisse des Buches

Mit diesem Buch wird ein umfangreiches Kompendium der Sozialstrukturanalyse vorgelegt, das in systematisierender Weise die vielfältigen Ansätze und Konzepte darstellt. Dabei zeigt sich, dass zwar einerseits über die betrachteten Themenfelder – die der Autor als „Arenen“ kennzeichnet – in der Vielzahl der Forschungsansätze ein gewisser Konsens existiert, andererseits aber eine unüberschaubare Vielfalt von Modellen, Ansätzen und Konzepten vorherrscht, die auf unterschiedlichsten Denkansätzen aufbauen. In der Bündelung dieser Vielfalt und der Entwicklung „handhabbarer Modelle für die Sozialstrukturanalyse“ (S. 483) sieht Christoph Weischer folglich auch eine wichtige künftige Aufgabe.

Zielgruppen

Das Buch ist zum einen für Studierende der Sozialwissenschaften als Lehrbuch geeignet, zum anderen für SozialwissenschaftlerInnen und WissenschaftlerInnen angrenzender Disziplinen, die sich vertieft und umfänglich mit der Sozialstrukturanalyse auseinandersetzen wollen.

Fazit

Für Studierende der o.g. Fächergruppen ist dieses Lehrbuch eine Investition, die sich nicht nur als Grundlagenlektüre empfiehlt, sondern darüber hinaus auch als wichtiges Standardwerk gelten kann. Allerdings stellt es für StudienanfängerInnen möglicherweise in seinem Umfang eine Überforderung dar, die es Einstiegslektüre weniger geeignet erscheinen lässt. Für FachwissenschaftlerInnen verschiedener sozialwissenschaftlicher und angrenzender Disziplinen ist das Werk sehr gut geeignet, um sich einen Überblick über die komplexe Thematik der Sozialstrukturanalyse zu verschaffen.


Rezensentin
Prof. Dr. Marion Möhle
Hochschule Esslingen, Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege
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Zitiervorschlag
Marion Möhle. Rezension vom 29.07.2013 zu: Christoph Weischer: Sozialstrukturanalyse. Grundlagen und Modelle. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-531-17748-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12344.php, Datum des Zugriffs 17.09.2019.


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