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Julia Schäfer: Tod und Trauerrituale in der modernen Gesellschaft

Cover Julia Schäfer: Tod und Trauerrituale in der modernen Gesellschaft. Perspektiven einer alternativen Trauer- und Bestattungskultur. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2011. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. 216 Seiten. ISBN 978-3-89821-225-0. 24,90 EUR.
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Thema

Die Trauer- und Bestattungskultur befindet sich im Umbruch. Heute sind Informationen über Trauer und ihre Phasen, über Bräuche und über Angebote für ein würdevolles Begräbnis ohne Mühe im Internet zugänglich. Sie präsentieren sich auf Webseiten als käufliche Produkte. Wer es möchte, dem helfen die wichtigsten Informationen zu Todesfall, Beerdigung und Trauerritualen bereits vor dem Tod online zu regeln, was man regeln möchte. Reden professioneller Trauerredner sind per Maus-Klick erreichbar. Beispiele authentischer Nachrufe eröffnen die Möglichkeit zu wählen, was im eigenen Fall am besten passen könnte. Es ist neu, dass Tod und Trauerrituale so offen besprochen aber auch vermarktet werden. Dass Sterben, Trauer und Trauernde seit einigen Jahren vermehrt im Fokus des Forschungsinteresses stehen, ist auch ein Ausdruck dieses Umbruchs. Wichtige Erkenntnisse zum Sterbe- und Trauerprozess liegen vor. Und trotz dieses leicht zugänglichen Wissens, besteht in den meisten Fällen eine große Hilflosigkeit im Moment des Todes oder in der Anwesenheit eines Leichnams.

Durch die Delegation der Versorgung von Toten an Professionelle (Pflegeinstitutionen, Bestattungsinstitute etc.) werden die unmittelbaren Tätigkeiten am Sterbenden und am Verstorbenen aus der alltäglichen Erfahrung „ausgelagert“. Bestatter leiten meistens an und helfen, wie mit Tod und Toten umgegangen werden könnte. Diese Berufsgruppe übernimmt zunehmend die Rolle der Trauerbegleitung. Dabei gibt es typische Herausforderungen: Sowohl der Umgang mit dem Verstorbenen als auch die erlebte Trauer verlangen nach Ausdrucksformen, die von den Betroffenen als authentisch und stimmig erlebt werden. Diese Qualitäten haben traditionelle Trauerrituale jedoch oft eingebüßt. Die Suche nach dem richtigen Ausdruck verläuft zunehmend individuell und entgemeinschaftet. Aus theoretischer Sicht ist es notwendig, die gesellschaftlichen Tendenzen auf der Suche nach einer alternativen Bestattungs- und Trauerkultur richtig zu beschreiben und zu erklären. Handelt es sich um die Verdrängung, Kultivierung oder Trivialisierung des Todes in der modernen Gesellschaft? Aus praktischer Sicht benötigen Trauernde und ihre Angehörigen Orientierung und Entscheidungshilfen. Berufspraktiker müssen ihr Repertoire an sinnstiftenden Ritualen erweitern; ihre ethische Grundhaltung den Toten und ihren Angehörigen gegenüber reflektieren und entsprechend gestalten.

Autorin

Julia Schäfer ist Soziologin und Kulturwissenschaftlerin, Bestatterin, Trauerbegleiterin, Lebens- und Sozialberaterin.

Entstehungshintergrund

Dieses Buch erschien bereits 2002 in erster Auflage. Nach eigenen Angaben hat die Autorin es damals „ganz als Theoretikerin“ verfasst. Inzwischen ist sie mehrere Jahre als Bestatterin und Trauerbegleiterin tätig. Ihre Praxiserfahrung fließt in viele Kapitel ein und bereichert diese um eine praktische Perspektive, ergänzend zu der wissenschaftlich-theoretisch differenzierten Analyse des Umgangs mit Tod, mit Toten und mit Trauer. Ganz neu überarbeitet wurde das Kapitel 3.3 „Bestattungskultur im Wandel – Ritualfunktionen moderner Bestattungspraxis“, weil viele Angebote seit der Erstauflage entstanden und Erkenntnisse zum Trauerprozess neu generiert und publiziert wurden.

Aufbau und Inhalt

Das vorliegende Buch besteht aus vier logisch aufeinander aufbauenden, inhaltlich in sich abgerundeten Kapiteln, die durch eine kritische Schlussbetrachtung ergänzt werden.

Den ersten Teil bilden die Kapitel 1, 2 und 3.1. Hier werden theoretische Grundlagen gelegt. Im zweiten Teil, in den Kapiteln 3.2 bis 5, geht es vermehrt um die Praxisfelder, um das Finden oder Neugestalten von „brauch-baren“ Trauerritualen sowie um Trauerräume und Trauerzeiten.

Julia Schäfer skizziert den Aufbau sowie den Argumentationsgang ihrer Veröffentlichung auf den Seiten 13-15 präzise. Deswegen wird sie hier zitiert. „Zu Anfang wird die These der gesellschaftlichen Verdrängung des Todes (Kapitel 1) dargestellt und diskutiert. Vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Auswirkungen von Bürokratisierung, Professionalisierung und Privatisierung, wie sie im Kontext von Modernisierungs- und Individualisierungsprozessen besprochen werden, wird der Begriff einer gesellschaftlichen Todesverdrängung definiert und anhand unterschiedlicher Positionen debattiert.“ „Die Schlussfolgerungen der Debatte um die Theorie der Todesverdrängung (1.4.) bilden den Ausgangspunkt für die weiteren Inhalte der Studie. Obgleich neuere thanatosoziologische Diskurse sich von der Verdrängungsthese abwenden und vielmehr eine ,Wiederbelebung‘ des Todes konstatieren, so kann dennoch an den Thesen der Individualisierung von Trauer und des Ritualverlusts festgehalten werden, die sich auf den gesellschaftlichen Umgang mit Sterbenden, Toten und Trauernden auswirken.

Der Fokus richtet sich daraufhin auf Trauer und Trauerrituale. Dabei werden in ,Trauer zwischen Normierung und Individualisierung‘ (Kapitel 2) zunächst die sozialpsychologischen Aspekte von Trauer besprochen. Es werden verschiedene Trauermodelle und Ansichten aktueller Trauerforschung erläutert, Faktoren für den möglichen Verlauf von Trauerprozessen genannt sowie individuelle Bewältigungsmechanismen der Trauer in Verbindung mit äußeren sozialen Einflüssen vorgestellt (2.1.). Im zweiten Teil wird die Trauer noch verstärkt hinsichtlich gesellschaftlicher Aspekte betrachtet. Dabei sollen insbesondere soziale Normierungen von Trauerpraktiken zur Sprache kommen (2.2.). In einem Exkurs werden geschlechtsspezifische Aspekte des Trauerns beleuchtet.

Das daran anknüpfende Kapitel ,Brauch-bare Trauerrituale‘ (Kapitel 3) zielt darauf ab, die Funktion von Ritualen im Allgemeinen und von Trauer- und Bestattungsritualen im Besonderen darzustellen (3.1.). Dabei wird in einem Exkurs die Verbindung zwischen Religiosität und Ritualen besprochen. Im zweiten Teil (3.2.) wird ein Wandel der gegenwärtigen Bestattungskultur nachgezeichnet, beginnend mit der Erläuterung des aktuellen Bestattungsrechts. Anschließend werden Bestatterinnen in ihrer Funktion als ,Übergangsritual„-Begleiterlnnen gewürdigt. Daraufhin werden die Versorgungshandlungen an Verstorbenen und die Bedeutung von Abschiednahmen am offenen Sarg beschrieben sowie die Möglichkeit der Hausaufbahrung vorgestellt. ln Folge sind die mögliche Beteiligung der Ange­ hörigen an Handlungen zwischen Tod und Trauerfeier Thema, bevor Sinn und Zweck der Thanatopraxie, die konservierende Behandlung von Verstorbenen, diskutiert.

,Trauer(t)raum und Trauerzeit(en)′ (Kapitel 4) greift die erläuterte Kritik an der zeitgenössischen Bestattungspraxis auf und fragt nach neuen Wegen (4.1.). Unzufriedenheiten am gesellschaftlichen Umgang mit Tod und Trauer führten zur Suche nach einer anderen, veränderten Praxis und bewirkten einen Wandel der Trauer- und Bestattungskultur. Neue Bestattungsformen haben sich in den vergangenen Jahren etabliert und werden hier betrachtet. Einige soziale Gruppierungen und Organisationen, die dazu beigetragen haben, neue Abschiedsformen und Trauerrituale zu konstituieren und zu prägen, wie zum Beispiel die Hospiz­ oder Aids-Bewegung, werden vorgestellt, ebenso progressive Bestattungsunter­ nehmen, die gewissermaßen eine Vorreiter-Rolle in einer anderen Bestattungskultur einnehmen (4.2.). Um eine gänzlich neue Gedenk- und Trauerkultur geht es bei der Entwicklung von virtuellen ,Friedhöfen' (4.3.). Ein anschließender Ab­ schnitt behandelt die Institutionalisierung der Trauerbegleitung, beleuchtet Arbeitsweisen und fragt nach ihrer Wirksamkeit (4.4.). Das Kapitel schließt mit einem Ausblick der sich wandelnden Trauer- und Bestattungskultur (4.S).

Im Mittelpunkt der Schlussbetrachtungen (Kapitel 5) steht die Frage nach dem Sinn und den Möglichkeiten von Re-Ritualisierungen der Bereiche Abschied, Tod und Trauer.

Abschließend wird die moderne Thanatopraxis einer kritischen Betrachtung unterzogen. Dabei geht es um die Frage, ob moderne Trauer- und insbesondere Bestattungsrituale ihrer Aufgabe, in der Grenzsituation Tod zu begleiten, gerecht werden. Rituale dürfen vor allem nicht festlegend sein, nicht als fremdes Zitat benutzt werden, sondern als stimmiger Ausdruck des eigenen Erlebnis und Sinnes neu gefunden werden. Sowohl traditionelle als auch neue Rituale müssen diesem Anspruch gerecht werden.“

Diskussion

Hier seien Schlaglichter auf einige Besonderheiten des Buches von Julia Schäfer geworfen: Die Autorin beschreibt feinfühlig die Suchbewegungen der trauernder Personen nach authentischen Formen im Umgang mit den Verstorbenen, nach Formen von Beerdigung und Ausdrucksmöglichkeiten ihrer Trauer. Das Buch enthält eine umsichtige, mehrperspektivische wissenschaftliche Diskussion dieser heute beschreibbaren Suchen. Die Ambivalenzen dieser Suche und der gewählten Rituale (mit und ohne Traditionen) schält Julia Schäfer klar heraus und erschließt soziologische wie psychologische Verstehenszugänge zu diesen Phänomenen. Sie beantwortet aus Ihrer Praxis als Bestatterin und Trauerbegleiterin die aufgeworfenen Fragen und erweitert damit die praktischen Möglichkeiten heutiger Bestattungsunternehmen. Sie plädiert für einen liebend-respektvollen Umgang mit den Körpern der Verstorbenen im vollen Bewusstsein, dass der Umgang der Bestatter mit den Verstorbenen bei der Totenwäsche und die leitenden Werte bei der Herrichtung der Toten für die letzte Visite der Angehörigen selbst ein Spiegel der gelebten Kultur ist.

Gründe für die Unzufriedenheit am gesellschaftlichen Umgang mit Tod und Trauer führt die Autorin nachweislich darauf zurück, dass religiöse Traditionen als entleert wahrgenommen werden. Dabei fokussiert sie die christlichen Religionen. Die Rituale haben vor allem im urbanen Raum an Bedeutung und Praxis verloren. In unseren multikulturellen und multireligiösen Gesellschaften jedoch wäre es eine lohnenswerte inhaltliche Erweiterung, den Blick auf andere religiöse Traditionen, die nicht so abgegriffen erlebt werden, zu werfen. Es legt sich die Hypothese nahe, dass dort, wo sich eine lebendige, anteilnehmende und unterstützende Gemeinschaft um die Sterbenden, die Toten und um die Trauernden nach bekannten Regeln sorgt, auch die traditionellen Rituale Orientierung und Halt bieten, weil sie kein Selbstzweck sind, sondern Mittel der Beziehungsgestaltung und des Sich -Umeinander-Kümmerns. Dies lässt sich auch in ländlichen Gebieten für die christlichen Gemeinschaften beobachten. Von daher wäre auch zu erwägen, ob nicht der Stadt- Landunterschied Beachtung verdient. Der entscheidende Punkt ist dann die Halt bietende, aber nicht autoritär einengende Gemeinschaft eines sozialen Netzwerkes um die Sterbenden, Toten, Trauernden herum.

Fazit

Julia Schäfer stellt den gegenwärtigen Stand der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Tod und Trauerritualen in der westlichen Gesellschaft differenziert vor. Ihr Buch eröffnet praktische Möglichkeiten für Betroffene und BestatterInnen, authentische und sinngebende Ausdrucksformen bzw. Rituale der Trauer und der Bestattung zu finden. Es ist ein wissenschaftlich fundiertes Buch für Beruf und für interessierte Laien. Sprachlich sind komplexe Sachverhalte einfach, aber nicht vereinfachend wiedergegeben.


Rezension von
lic. lic. phil. Prof. Johanna Kohn
Fachhochschule Nordwestschweiz Hochschule für Soziale Arbeit Institut Integration und Partizipation – Alter – Biographie – Ethik
Homepage www.fhnw.ch/sozialearbeit
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Zitiervorschlag
Johanna Kohn. Rezension vom 06.09.2012 zu: Julia Schäfer: Tod und Trauerrituale in der modernen Gesellschaft. Perspektiven einer alternativen Trauer- und Bestattungskultur. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2011. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-89821-225-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12346.php, Datum des Zugriffs 24.06.2021.


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