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Peter M Senge: .Die notwendige Revolution

Cover Peter M Senge: Die notwendige Revolution. Wie Individuen und Organisationen zusammenarbeiten, um eine nachhaltige Welt zu schaffen. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2011. 464 Seiten. ISBN 978-3-89670-790-1. D: 49,00 EUR, A: 50,40 EUR.

Reihe: Management, Organisationsberatung. Orig.: The Necessary Revolution, Doubleday, New York 2008); übersetzt aus dem Amerikanischen von Maren Klostermann.
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Thema

Das Thema des Buches wird in seinem Untertitel deutlich: Es geht um die Zusammenarbeit von Individuen und Organisationen mit dem Ziel, eine nachhaltige Welt zu schaffen.

Autorinnen und Autoren

Peter M. Senge wurde 1947 in Stanford geboren. Er ist Direktor des 1991 gegründeten Center for Organizational Learning an der MIT Sloan School of Management in Cambridge (Massachusetts) und Vorsitzender der 1997 gegründeten Society for Organizational Learning (SoL). Sein Forschungsgebiet ist die Organisationsentwicklung (vgl. wikipedia.org/wiki/Peter_M._Senge; entnommen am 04.10.2011).

Die vier weiteren im Titel erwähnten Personen (Bryan Smith, Nina Kruschwitz, Joe Laur, Sara Schley) arbeiten oder arbeiteten ebenfalls im MIT. Sara Schley und Joe Laur sind darüber hinaus mit der Unternehmensberatung „Seed Systems“ bekannt geworden (www.seedsystems.net/page/about-us); entnommen am 04.10.2011). Das Buch ist in seiner englischen Version auch als Hörbuch (Euro 23,95) erhältlich.

Entstehungshintergrund

Peter M. Senge gehört zu den klügsten Köpfen unter den Managerberatern. Wenn er ein neues Buch veröffentlicht, ist das immer ein Ereignis. Sein Buch „Die fünfte Disziplin: Kunst und Praxis der lernenden Organisation“ (www.socialnet.de/rezensionen/11410.php) ist mittlerweile in seiner 11. Auflage, überarbeitet und aktualisiert, in Deutschland erschienen. In seinem hier zu besprechenden Buch geht es Senge um die interessanten Fragen, wie Wirtschaftswachstum und Naturverbrauch entkoppelt werden können und welchen Beitrag Menschen in Organisationen dazu leisten können.

Aufbau

Das voluminöse Buch (464 Seiten) hat sieben Teile mit insges. 29 Kapiteln. Hinzu kommen zwei Vorworte (eines vom Vorstand der Heinrich-Böll-Stifung, Herrn Ralf Fücks und eines von den Verfassern selbst), ein Anhang, ein Index auf 12 Seiten, der die wichtigsten Stichworte und Namen beinhaltet sowie eine Information über die Autoren.

Inhalt

Teil 1 des Buches heißt „Ende und Neuanfang“. Dargestellt wird, dass viele Unternehmen – wie Nike -und Länder – wie Schweden – einen bereits begonnenen Umdenkprozess mit kleinen und größeren Handlungen in die Tat umsetzen: „Die Suche nach wirklich innovativen Möglichkeiten für die Zukunft hat … auch bei Nike dazu geführt, dass man den Entschluss gefasst hat, bis zum Jahr 2020 null Abfall, null Toxität und 100 Prozent Recycelbarkeit für die gesamte Produktlinie zu erreichen“ (S. 17). Dazu muss komplett überdacht werden, wie Produkte entwickelt, hergestellt und verteilt werden (ebd.).
Senge und Mitautoren machen klar, dass wir uns am Ende des industriellen Zeitalters befinden. Und diesem Ende wohnt ein Neuanfang inne: „Menschen und Organisationen auf der ganzen Welt legen bereits den Keim zu neuen Lebensweisen und neuen Formen der Zusammenarbeit“ (S. 23).
Es folgt eine Aufzählung der Gründe, die dazu geführt haben, dass wir uns derzeit in einer „prekären Lage“ befinden (S. 29ff). In diese durch Umweltbelastungen und sozialem Stress gekennzeichnete Lage Situation sind wir gekommen, weil wir den Fokus auf sofortige Ziele richten und dabei die größeren Systeme vernachlässigen (S. 43). Das Ende des Industriezeitalters ist eine Chance, die wir nutzen müssen.

Teil II heißt: „Die Zukunft ist jetzt“. Die Verfasser stellen in den zu diesem Teil gehörenden Kapiteln Initiativen von Geschäftsleuten (z.B. Per Carstedt) und großen Autokonzernen (Saab) u.a.m. (Ford, Apple, Coca Cola) vor, die allesamt die Abhängigkeit eines ganzen Landes von fossilen Brennstoffen drastisch verringern sollen (S. 73ff). Ein Beispiel ist zugängig über den folgenden link: www.autointell.de/us_hersteller/ford/ (entnommen am 4.10.2011).

Teil III (S. 121ff) wurde wohl deshalb mit „Anfangen“ bezeichnet, weil wahre Innovation ein Umdenken erfordert. Es geht hier um die Frage, wie Nachhaltigkeit für das oberste Management zur Priorität werden kann. Als erstem Schritt gehört hierzu, „das gesamte System des industriellen Zeitalters mit neuen Augen zu sehen“ (S. 123). Verschiedene Gründe (z.B. der Markenname oder auch die Fähigkeit, Mitarbeiter anzuwerben) werden angeführt, warum Unternehmen eine führende Rolle in der regenerativen Ökonomie anstreben sollen (S. 134ff). Als positives Beispiel wird insbes. auf die multinationalen Konzerne DuPont (S. 149ff) und General Electric eingegangen (S. 162ff).
Ab S. 166 (ab Kap. 10) ändert sich das gesamte Buch in seiner Ausrichtung. Während im ersten Teil primär auf Organisationen und Einzelpersonen eingegangen wird, die „etwas bewegen konnten“, geht es im zweiten Teil (also ab Kap. 10) um eine direkte Ansprache an den Leser, der dazu befähigt und ausgestattet werden soll, in seinem eigenen Umfeld ökologisch aktiv zu werden. Als Mittel dazu dient u.a. ein Rollenspiel: „Stellen Sie sich für einen Augenblick vor, Sie seien der Finanzchef eines großen Stromversorgungsunternehmens…“ (S. 167ff). Im Kommentar wird darauf eingegangen, wie ein solcher Leiter sich in der Diskussion strategisch klug verhält oder auch, wie man/frau den notwendigen Wandel begründet.

Teil IV heißt „Systeme erkennen“ (S. 195ff): „Menschen denken von Natur aus systemisch, aber wie jede angeborene Fähigkeit muss dieses Talent erkannt und gefördert werden“ (S. 195). Und Organisationen profitieren per se von ihrer Ausrichtung am systemischen Denken. Auch hier geht es wieder um die Entwicklung wichtiger Fähigkeiten, die Senge et al. benennen. Z.B.: „Wir müssen uns von etablierten mentalen Modellen und den willkürlichen Begrenzungen, die derartige Annahmen uns auferlegen, befreien“ (S. 207). Als vorbildhaftes Beispiel für erfolgreiche Strategien wird wieder ein Unternehmen aus der Industrie, nämlich Alcoa, angeführt (S. 209ff). Das große Bild ist letztlich dann eine „Kreislaufwirtschaft“, in der die Abfälle durch Umwandlung zu nutzbaren Nebenprodukten drastisch reduziert werden (S. 245ff).

Teil V wurde mit „Grenzübergreifende Kooperation“ überschrieben. In diesem Kapitel geht es um die Notwendigkeit der Zusammenarbeit, um Kooperationen und Netzwerke. In der nach S. 166 zu fast jedem Kapitel gehörenden „Toolbox“ werden „Richtlinien für die Förderung eines strategischen Mikrokosmos“ beschrieben (S. 270ff).

Teil VI heißt: „Vom Problemlösen zum kreativen Gestalten“ (S. 319ff). Unternehmen, die langfristig erfolgreich sein wollen, verwandeln Nachhaltigkeitsherausforderungen in faszinierende strategische Möglichkeiten: „Sie werden die wirklich neuen Produkte, die neuen Geschäftsmodelle, die neuen Energie-Infrastrukturen und die neuen Management-Praktiken und Organisationsstrukturen schaffen“ (S. 320). In diesem Kapitel geht es u.a. um die „wahre Führungskunst“ (S. 331ff), bei deren Beschreibung die Verfasser u.a. Martin Luther King zitieren (S. 332).

Teil VII lautet „Die Zukunft“ (S. 389ff). Zitiert wird hier u.a. David Korten, der für die Zukunft einige „unabdingbare Erfordernisse“ beschreibt. Hierzu gehören u.a. „die Umverteilung der Finanzmacht von Reich zu Arm, um eine gerechte Verteilung des lebenserhaltenden Vermögens der Erde zu bewirken“ oder auch die „Steigerung der wirtschaftlichen Effizienz durch eine Umverteilung materieller Ressourcen für positive Verwendungszwecke ohne schädliche Auswirkungen“ (S. 395).

Im Anhang des Buches werden kurz (S. 427-432) zwei der bekanntesten Sammlungen von Nachhaltigkeitsgrundsätzen vorgestellt: Sie stammen von The Natural Step und von Vertretern des Natural Capitalism.

Diskussion

Zunächst die Fehler und Probleme:

  • Dem Buch gehen zwei Vorworte voran, die auch beide mit „Vorwort“ bezeichnet werden. Das ist verwirrend. Sachdienlicher wäre gewesen, dass erste Vorwort (von Ralf Fücks, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung) als „Vorwort zur deutschen Ausgabe“ zu bezeichnen.
  • Herr Ralf Fücks wird im Inhaltsverzeichnis falsch geschrieben. Er heißt hier Ralf Flücks. Das vorliegende Buch blieb drei lange Jahre unübersetzt (in die Deutsche Sprache). Es soll wohl nun noch relativ flüggs auf den Markt gebracht werden?
  • Der vom Carl-Auer-Verlag festgelegte Preis ist mit 49,- Euro viel zu hoch – wie gesagt, das Buch ist schon drei Jahre alt (und muss von seinen innovativen Ideen leben; s.u.)!

Nun die positiven Besonderheiten:

  • Das Buch hat einen schönen Einband.
  • Es eignet sich für Unternehmens- und Organisationsberater. Sie brauchen ständig neue Begriffe und Konzepte, um die sich rasch verändernde Unternehmenslandschaft und die Veränderungen in ihrer Umwelt adäquat beschreiben zu können.

Fazit

Für einen weltberühmten Organisations- und Managementberater und sein Team hatte ich mir mehr von dem Buch erhofft. So oft tauchen in dem Buch Steigerungen wie „wirklich neu“, „wirklich innovativ“ und so weiter auf, die doch wahrlich zu einer näheren Umschreibung auffordern. Dann wäre es in dem Buch wirklich interessant geworden…

Das Geschäftsmodell der Verfasser leuchtet indes ein. Sie beraten Unternehmen („Nachhaltigkeit“ als „Muss“ für die nächsten Jahrzehnte) und stellen die ersten Schritte dieser Unternehmen auf dem Weg in die Nachhaltigkeit in ihren Veröffentlichungen vor. Sie bewerben auf diese Art und Weise die Unternehmen, die sie beraten. Dies ist sicherlich nicht nur für die Unternehmen ein sehr erfolgreicher Weg. Ich stehe mit meiner hier geäußerten kritischen Meinung vielleicht relativ alleine dar. Aber ich hätte mir einfach mehr Inhalte und nicht so viel (typisch amerikanisches) Story-telling gewünscht.

In dem vorliegenden Buch geht es m.E. vor allem um die Fragen: Wie verkaufe ich mich/die Produkte meines Unternehmens in der Zukunft? Und: Wie präsentiere ich mich/mein Unternehmen in der Zukunft, sodass ich weiterhin Erfolg haben werde? Dass es sich bei der vorgestellten Kernbotschaft und -strategie um „Nachhaltigkeit“ handelt, ist vergleichsweise nicht so wichtig. Der Schwerpunkt des Buches liegt m.E. auf den (multinationalen) Unternehmen und ihrem Erfolg und dann erst auf der Nachhaltigkeit.

Jedoch: Die Botschaft des Buches ist, dass beides getrennt voneinander nicht funktionieren wird. In der einen Richtung ist das sicherlich korrekt: Großunternehmen brauchen Nachhaltigkeit, um in Zukunft überleben zu können. Aber ob nachhaltige Handlungsstrategien auch multinationale Großunternehmen brauchen – diesen Beweis hat das Buch m.E. nicht angetreten.

Dennoch: Für Unternehmens- und Organisationsberater ein interessantes Buch.


Rezensent
Prof. Dr. Joachim Thönnessen
Hochschule Osnabrück Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften
Tätigkeitsfelder: Unterricht in den Bereichen Methoden der empirischen Sozialforschung, Kulturelle Diversität, Soziale Randgruppen, Soziale Milieus; Forschung in den Bereichen Illegale Drogen und Biographie, Soziale Netzwerke, Bedingungsloses Grundeinkommen
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Zitiervorschlag
Joachim Thönnessen. Rezension vom 14.10.2011 zu: Peter M Senge: Die notwendige Revolution. Wie Individuen und Organisationen zusammenarbeiten, um eine nachhaltige Welt zu schaffen. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2011. ISBN 978-3-89670-790-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12354.php, Datum des Zugriffs 17.09.2019.


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