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Thomas Schumacher (Hrsg.): Die soziale Arbeit und ihre Bezugswissenschaften

Cover Thomas Schumacher (Hrsg.): Die soziale Arbeit und ihre Bezugswissenschaften. Lucius & Lucius (Stuttgart) 2011. 264 Seiten. ISBN 978-3-8282-0545-1. 29,50 EUR.

Reihe: Dimensionen sozialer Arbeit und der Pflege - Band 12.
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Autorinnen und Autoren

Die Autorinnen und Autoren der einzelnen Beiträge sind Lehrende der Kath. Stiftungsfachhochschule München.

Entstehungshintergrund

Der Band erscheint in der von der Kath. Stiftungsfachhochschule München herausgegebenen Reihe „Dimensionen Sozialer Arbeit und der Pflege“.

Thema

Es bedarf keiner besonderen Erläuterung, dass sowohl Praxis als auch Theorien der Sozialen Arbeit auf eine Reihe von Bezugswissenschaften fundamental angewiesen sind. Ob in der Kinder- und Jugendhilfe, der Altenarbeit, in verschiedenen Bereichen der Beratung, der Schulsozialarbeit, um nur einige Felder der Sozialarbeit zu nennen, ist eine soziale Steuerung von Klienten nur unter Zuhilfenahme bezugswissenschaftlicher Erkenntnisse und unter Berücksichtigung situativer Randbedingungen möglich. Insofern ist Soziale Arbeit in Praxis und Theorie vor allem eine datenverarbeitende Integrationswissenschaft im Rothschen Sinne. Dieser Aspekt ist wohl unumstritten. Weniger klar ist jedoch, welche Rolle der Sozialen Arbeit selbst zukommt: Ist sie lediglich Integrationswissenschaft oder generiert sie, in welchem Maß auch immer, eigenständige sozialarbeitswissenschaftliche Erkenntnisse, die es erlauben, „den Kanon der gelehrten Fächer“ zu begründen und den „inhaltlichen Fokus“ (Vorwort) zu prägen. „Die Fächer“, so Schumacher, „werden so zum Fächer, der den wissenschaftlichen Grundansatz Sozialer Arbeit mit entfaltet und akzentuiert.“ Ob dieser Anspruch angesichts des Umfangs und der Qualität sozialarbeitswissenschaftlicher Theorien und Erkenntnisse berechtigt ist, wird noch zu diskutieren sein.

Aufbau

Der Band enthält, neben Prolog und Epilog, vierzehn Kapitel, in denen die Autorinnen und Autoren den Leser in die Soziale Arbeit und die für sie relevanten Bezugswissenschaften einführen und deren Querverbindungen verdeutlichen. Es werden Bezüge zur Psychologie (zwei Beiträge), Soziologie, Pädagogik, Rechtswissenschaft, Philosophie, Politikwissenschaft, Betriebswirtschaft, Kulturwissenschaften und, in zwei abschließenden Kapiteln, Forschungsaspekte und Perspektiven der Sozialen Arbeit herausgearbeitet. Das Zusammenspiel der Sozialarbeit(-swissenschaft) mit den Bezugswissenschaften – und damit auch deren Auswahl für diesen Band – wird grob durch drei Aspekte bestimmt: einem sozialarbeitsspezifischen Verständnis vom Menschen, einer Vorstellung von einer gerechten Gesellschaft und damit einem beruflichen Selbstverständnis nach außen (vgl. Schumacher im Prolog).

Zu den einzelnen Beiträgen

In seinem Beitrag zum Verständnis Sozialer Arbeit als Wissenschaft (Kap. 1) geht Schumacher auf die für diesen Band zentrale Frage (Gegenstandsfrage) nach dem ‚Proprium‘ der Sozialen Arbeit ein. Von der Antwort hierauf hängt einiges ab: Wird der Objekt- oder Inhaltsbereich nicht hinreichend klar definiert, bleiben auch Auswahl und Rolle der Bezugswissenschaften unscharf. – Nach Schumacher machen drei Grundhaltungen das Selbstverständnis der Sozialen Arbeit aus: der Hilfeansatz (individuelle Hilfeleistung), eine gesellschaftliche Erwartungshaltung (gesellschaftliche Funktionalität) sowie eine Autonomie in Theorie und Praxis (insbes. hinsichtlich ihres Wertebezugs). Zweifelsohne ist hiermit ein weiter Rahmen vorgegeben, der definitorisch allerdings wenig Klarheit vermittelt. Die hier gestellten Fragen „Was ist Soziale Arbeit?, Womit befasst sie sich?, Was ist ihre Zielstellung?“ werden in der Tat hier (und anderswo) nicht hinreichend präzise beantwortet. Solange Definitionen wie „der Gegenstand der Sozialen Arbeit ist die Bearbeitung von gesellschaftlich und professionell als relevant angesehenen Problemlagen“ (12), die kaum abgrenzende Funktion aufweisen, die Diskussion bezüglich des Gegenstandsbereichs der Sozialen Arbeit bestimmen, ist hier keine Verbesserung zu erwarten. Etwas resignativ heißt es denn auch: „Es scheint also so, als könne die Soziale Arbeit damit leben, ihr Wesen, ihren Gegenstand und ihr Potential nicht benannt zu haben“ (13) Wenn jedoch nicht einmal ein eigener Gegenstandsbereich exakt definiert werden kann, ist der Anspruch auf Wissenschaftlichkeit der Sozialen Arbeit zumindest problematisch.

Pankofer und Vogt gehen in Kap. 2 auf für die Soziale Arbeit relevante psychologische Grundlagen ein. Realistischerweise gehen die Autorinnen von einer etwas einseitigen Beziehung zwischen Sozialer Arbeit und Psychologie aus: Von in der Sozialarbeitspraxis zu lösenden Problemen ausgehend wird nach Wissensbeständen in der Psychologie gesucht, die das Handeln des Sozialarbeiters fundieren und zu einer effizienten Lösung führen können. Sozialarbeitshandeln besteht in der Tat im Wesentlichen darin, neben materiellen auch Hilfen im Erlebens- und Verhaltensbereich zu geben. Im Kern werden Klienten der Sozialen Arbeit so beeinflusst, dass sie ihre Probleme eigenständig lösen können. Der Sozialarbeiter beeinflusst damit das Lernen der Klienten; die hierfür notwendigen Kenntnisse und Instrumente steuert nun einmal die Psychologie bei. Neben dieser zentralen, auf das Individuum zielende Aufgabe weisen Pankofer und Vogt der Psychologie zwei weitere für die Soziale Arbeit relevante Bereiche zu: den Bezug auf den sozialen Kontext, wie er zum Beispiel bei Störungen im familialen Bereich bedeutsam wird, und den Bezug auf die gesellschaftliche Ebene, sofern unterstellt wird, dass Störungen im individuellen und Gruppenbereich tatsächlich durch top down-Effekte (gesellschaftliche Zusammenhänge) bewirkt werden. Gerade in Bezug auf den letztgenannten Aspekt sind Zweifel angebracht: Ein direkter, kausaler Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen und individuellen Zuständen ist kaum nachweisbar. Und umgekehrt gilt: Gesellschaftliche Zustände können kaum durch individuelle Interventionen erreicht werden.

Auf den sozialen Kontext zielen auch die Ausführungen von Plahl und Behringer in Kap. 3 über den Menschen in seiner psychosozialen Entwicklung. Dieses Kapitel enthält u.a. Ausführungen zu Paradigmen der Entwicklungspsychologie, der sozial-kognitiven Lerntheorie (Bandura), der kognitiv-strukturellen Entwicklungstheorie (Piaget/Inhelder) sowie zu theoretischen Fundierungen von Entwicklungsaufgaben und -wegen sowie Bindungs- und Ressourcenkonzepte. In der Sozialen Arbeit sind diese theoretischen Ansätze insbesondere in den Feldern von Bedeutung, in denen es um Förderung und Prävention geht, wobei der letztgenannte Aspekt nicht nur individuelle Verhaltens-, sondern auch Verhältnisprävention beinhaltet. Aber gerade die Verhältnisprävention ist, wie bereits angedeutet, sowohl in der Sozialen Arbeit als auch in Psychologie und Therapie problematisch. In Ansätze zur Lösung individueller oder sozialer Probleme fließen oft Randbedingungen ein, für die entweder keine oder nur unzureichende Beeinflussungsmöglichkeiten existieren, die es gleichwohl als unveränderbare Störfaktoren zu berücksichtigen gilt. Dennoch: Beide Kapitel über die Bedeutung der Psychologie für die Soziale Arbeit zeigen sehr deutlich, dass die Soziale Arbeit gut beraten ist, die Psychologie als zentrale Bezugswissenschaft zu nutzen.

Auch die Soziologie hat, wie Lenninger in Kap. 4 ausführt, schon seit längerem eine besondere Rolle für die Soziale Arbeit gespielt, wird doch Soziale Arbeit in Institutionen, Familien, in Gemeinwesen u.a. realisiert, wobei immer wieder zentral das Verhältnis des Individuums zur Gesellschaft thematisiert wird. Andererseits trägt die Soziologie als Bezugswissenschaft viel zum Verständnis der Funktion der Sozialen Arbeit in der Gesellschaft bei – ein Aspekt, der auch von Schumacher im ersten Kapitel thematisiert wird. Als bedeutsam für das Erklärungswissen Sozialer Arbeit hebt Lenninger theoretische Ansätze der Soziologie hervor, die sich auf Werte und Normen, Sozialisation, Soziale Probleme, Soziale Ungleichheit und Abweichendes Verhalten beziehen. Für das Handlungswissen relevant sind nach Lenninger theoretische Ansätze der Gruppensoziologie oder Sozialer Netzwerke. Was heißt aber ‚für das Handlungswissen relevant?‘ Ist der Aussage Lenningers zuzustimmen, dass die Soziologie für die unterschiedlichen Interventionsebenen bis hin zur Gesamtgesellschaft hierfür notwendige Wissensbestände liefert? Lenninger merkt hierzu selber kritisch an, dass Sozialarbeitspraxis sich relativ selten in soziologischen Theorien gründet, was u.a. wohl daran liegt, dass Soziologie eher Erklärungswissen als technologisches Wissen generiert. Darüber hinaus weist die Soziologie, insbes. die Makrosoziologie, oft holistische Theorien auf, die für eine Verwendung in der Sozialen Arbeit gänzlich ungeeignet sind.

Welche Rolle wird der Pädagogik in der Sozialen Arbeit zugewiesen? Zur Beantwortung dieser Frage beschäftigt sich Sollfrank in Kap. 5 mit ‚Erziehung und Bildung als Perspektiven der Sozialen Arbeit.‘ Obwohl in einzelnen Praxisfeldern der Sozialen Arbeit Erziehung und Bildung realisiert werden (u.a. in Vorschulerziehung, Schulsozialarbeit, Jugendbildung und -hilfe, Erwachsenenbildung), ist es doch problematisch, von der Pädagogik als Bezugswissenschaft der Sozialen Arbeit zu sprechen. Vieles spricht dafür, Sozialarbeits(-swissenschaft) eher als Subdisziplin der Erziehungswissenschaft aufzufassen, als spezielle erziehungswissenschaftliche Disziplin. Diagnose- und Analysekompetenz, Kenntnis von Mitteln, Methoden und Techniken pädagogischen Handelns (81) gehören weitgehend zum erziehungswissenschaftlichen oder didaktischen Inventar. Es wird an dieser Stelle wieder einmal deutlich, dass erst durch eine exakte und intersubjektiv akzeptierte Definition des Gegenstandsbereichs der Sozialarbeit(-swissenschaft) ihr Verhältnis zur Erziehungswissenschaft genauer bestimmt wird.

Für Studierende der Sozialen Arbeit stellt die Auseinandersetzung mit Recht und Rechtswissenschaft (ähnlich: Administration und Betriebswirtschaft) oft nur eine lästige Pflichtübung dar. Obermaier-van-Deun macht in Kap. 6 überzeugend klar, dass ‚Soziale Arbeit und die Regeln menschlichen Zusammenlebens‘ eine untrennbare Einheit bilden. Rechtswissenschaft liefert nicht nur rechtliche Begründungen für nahezu jegliches sozialarbeiterische Handeln (Legalitätsaspekt), sondern versucht auch, ein vom Gerechtigkeitsempfinden abzugrenzendes Legitimitätsbewusstsein zu erzeugen. Menschenrechte und Grundgesetz (hier insbes. die ersten Artikel) stellen eine unumstößliche Grundlage (Muss-Normen) für die Soziale Arbeit dar. Hilfe zur Selbsthilfe, Subsidiaritätsprinzip, um nur zwei zentrale Prinzipien der Sozialen Arbeit zu nennen, sind ohne Bezug zum Recht nicht denkbar. Dieser Artikel macht klar, dass Soziale Arbeit eine Menschenrechtsprofession ist. Im Übrigen wird in der täglichen Praxis (z.B. in der Heimerziehung) nur zu oft daran erinnert, dass Recht immer wieder einen verbindlichen, Grenzen setzenden Rahmen der Arbeit darstellt. Wenn überhaupt der Integration der Rechts- in die Sozialarbeitswissenschaft etwas im Wege steht, dann sind es Übersetzungsprobleme: Kategorien des Rechts entsprechen nicht per se solchen der Sozialen Arbeit.

Gesundheitsbezogene Arbeitsfelder spielen in der Sozialen Arbeit eine nicht zu unterschätzende Rolle: Fröschl befasst sich in Kap. 7 mit der Gesundheitswissenschaft als Bezugsdisziplin der Sozialen Arbeit. Das ist insofern ein schwieriges Unterfangen, als die Gesundheitswissenschaften selber eine Reihe von Bezugswissenschaften zu ihrer Fundierung heranziehen. Eine zentrale Rolle spielt hier die Gesundheitsfürsorge bzw. -förderung, die nach der Autorin in fünf Handlungsstrategien zu realisieren sei: der Entwicklung persönlicher Kompetenzen, der Unterstützung gesundheitsbezogener Gemeinschaftsaktionen, der Schaffung gesundheitsfördernder Lebenswelten, der Schaffung gesundheitsfördernder Gesamtpolitik und schließlich der Neuorientierung der Gesundheitsdienste (113). Einen auch für die Soziale Arbeit adäquaten Rahmen sieht Fröschl im Modell der salutogenetischen Gesundheitsförderung. Problematisch sind auch hier wieder zwei Aspekte: Einerseits sind holistische Interventionsstrategien (z.B. bei der Schaffung gesundheitsfördernder Gesamtpolitik) – sofern überhaupt realisierbar – in der Regel wenig effizient, und andererseits treffen wir auch hier auf die Übersetzungsproblematik: eine Reihe von Begriffen aus der Medizin sind nicht ohne Weiteres auf die Soziale Arbeit übertragbar.

Theologie und Philosophie sind insofern als Bezugswissenschaften bedeutsam, als beide Disziplinen notwendige Beiträge zur Begründung und Legitimierung der Sozialen Arbeit leisten. Babo (Kap. 8) und Schumacher (Kap. 9) zeigen die unterschiedlichen Herangehensweisen und den Nutzen der beiden Disziplinen auf. Abgesehen von individuellen Gotteserfahrungen, die das Handeln von Sozialarbeitern leiten mögen, leistet insbesondere die Soziale Theologie einen Beitrag für die Sozialarbeit(-swissenschaft), der sich sichtbar in christlichen (kirchlichen) Einrichtungen (z.B. Caritas) niederschlägt. In weiteren Bereichen der Sozialen Arbeit tragen jedoch eher philosophische (ethische) Argumente zu ihrer Legitimierung bei. Die Sozialarbeit(-swissenschaft) profitiert vor allem von ethischen und erkenntnistheoretischen Konzepten der Philosophie. Nicht nur das Recht gibt Antworten auf für Soziale Arbeit bedeutsame Fragen: Was dürfen wir tun? Was sollen wir tun?, sondern in erheblichen Maße auch die Philosophie. Historisch gesehen war es ein langer Weg, von gottgegebenen und a priorischen bis hin zu rationalen (Letzt-)Begründungen. Wir wissen heute, dass es objektive Wahrheiten nicht gibt, was speziell in der Sozialen Arbeit immer wieder verpflichtet, die o.a. Fragen neu zu beantworten und zu sagen, was sie tut und warum (155).

Ist Soziale Arbeit politische Arbeit? Diese (eher rhetorische) Eingangsfrage stellt Schwarz in Kap. 10 zur Politikwissenschaft als Bezugswissenschaft der Sozialen Arbeit. Im Grundgesetz ist eindeutig festgelegt, dass die Bundesrepublik Deutschland nicht nur ein demokratischer, sondern auch ein sozialer Bundesstaat ist. Hieraus ergeben sich eine Reihe von Soll- und Mussleistungen, die in einzelnen Gesetzbüchern (u.a. Sozialgesetzbuch) festgeschrieben sind. Hilfen und Kontrollen, institutionelle und finanzielle Rahmenbedingungen und teilweise auch Arten von Interventionen werden durch sozialpolitische Überlegungen (sozialstaatliche Sozialpolitik) mitbestimmt. Die Policy-Forschung liefert z.B. Wissensbestände hinsichtlich des „Zustandekommens, der Art und Weise und den Wirkungen politischer Interventionen“ (175) Ob qualitative und quantitative Aussagen auf allen Ebenen (Mikro-, Meso-, Exo- und Makroebene; ebda.) von der Politikwissenschaft/Policy-Forschung in die Soziale Arbeit exportiert werden können, sei jedoch angezweifelt: Wie bereits erwähnt, sind Interventionen auf der Exo- und Makroebene problematisch – es wird ja unterstellt, dass diese Ebenen reale Akteure aufweisen, auf die sich sozialarbeiterische oder politische Maßnahmen richten (was nicht der Fall ist, denn sie richten sich auf Personen). Die Stärke der Politikwissenschaft als Bezugswissenschaft der Sozialen Arbeit dürfte eher darin liegen, dass sie, wie Philosophie und Recht, Wesentliches zu ihrer Legitimität beiträgt (Schwarz nennt sie politisch-ethische Begründungsrelevanz; 179). Die Antwort auf die Eingangsfrage zu diesem Kapitel lautet also „ja“.

Die Beschäftigung mit betriebswirtschaftlichen Wissensbeständen hat einen ähnlichen Attraktionsgrad wie die von Recht und Administration. Gödicke beschreibt einleitend zu Kap. 11 dieses Unbehagen, das wohl nicht nur bei Studierenden, sondern auch insgesamt in der Sozialarbeitspraxis anzutreffen ist. Zwischen Wirtschaftlichkeit und fachlichen Zielen liegen zuweilen erhebliche Diskrepanzen; dennoch muss angesichts knapper werdender öffentlicher Ressourcen durch betriebswirtschaftlich fundiertes Sozialmanagement ein ‚gerechtes‘ Ergebnis für alle Akteure erzielt werden. Gödicke arbeitet hierzu die Zusammenhänge klar heraus, setzt als Schwerpunkt den Prozess des Organisierens bzw. die Organisation von Arbeitsteilung und Kooperation. Die Formulierung fachlicher Aufgaben ist ebenso notwendig wie die Beschäftigung mit der Frage, wie die zu ihrer Implementierung erforderlichen Ressourcen und Arbeitsteilungen organisiert werden müssen. Wirtschaftliches Handeln und Soziale Arbeit stellen also keine (unüberwindlichen) Gegensätze dar. In vielen Bereichen der Sozialen Arbeit (besonders deutlich z.B. in der stationären Jugendhilfe) stehen Organisationen (Einrichtungen) „praktisch und rechtlich der Anforderung gegenüber, ihre Leistungen in einer Form zu definieren, die eine Kalkulation des Verhältnisses von Leistung und Vergütung ermöglicht.“ (192) Bei der Erhebung des Hilfebedarfs, der Leistungsdefinition und der Planung der Leistungserbringung tut die Sozialarbeit(-swissenschaft) gut daran, auf Wissenbestände und Instrumente der Betriebswirtschaft zu rekurrieren.

In Kap. 12 (Dorner) geht es um die Kulturwissenschaften als Bezugswissenschaften der Sozialen Arbeit, insbesondere um die ästhetische Gestaltung von Lebenswelten. Ästhetisierungsprozesse durchziehen zwar unseren gesamten Alltag (Dorner führt vor allem „Wahrnehmen und Aufmerksamkeit als Ressource von Professionalität“ (217) als für die Soziale Arbeit nutzbare Kategorien ein), aber von einer bedeutsamen Bezugswissenschaft kann, angesichts der Heterogenität der Kulturwissenschaften, zum jetzigen Zeitpunkt m.E. noch nicht die Rede sein.

Ich werde auch Kap. 13 (Forschung in der Sozialen Arbeit) nur kurz streifen, da es sich hierbei um einen integralen Bestandteil der Sozialarbeit(-swissenschaft) und nicht um eine ihrer Bezugswissenschaften handelt. Klassischen Wissenschaftstheorien und -logiken folgend, ist es Aufgabe der Forschung in der Sozialen Arbeit, ihr inhärente Phänomene zu beschreiben, zu erklären, zu prognostizieren und, darauf aufbauend, hieraus generiertes Wissen in Handlungs- und Veränderungswissen einfließen zu lassen. Zu wünschen wären Forschungsschwerpunkte im mehrperspektivischen Bereich (von der Makro- zur Mikroebene und vice versa) sowie Evaluierungsforschung in der Sozialarbeitspraxis, denn das Renommée der Sozialarbeitswissenschaft leidet u.a. darunter, dass Sozialarbeitsstrategien kaum empirisch abgesichert sind. Oestreicher und Lemaire stellen in ihrem Beitrag denn auch weniger Ergebnisse (z.B. aus der evidence based practice) dar; eher sind es Fragen an ein noch nicht implementiertes Forschungsprogramm.

In Kap. 14 (Miller) werden noch einmal einige Perspektiven der Sozialen Arbeit aufgewiesen. Miller geht vor allem auf Interdisziplinarität und Transdisziplinarität ein. Letzteres meint insbesondere das Denken in größeren wissenschaftlichen Einheiten, das Überschreiten von Grenzen der (eigenen) Disziplin, wobei eine hierarchieübergreifende Zusammenarbeit, die Integration unterschiedlicher wissenschaftlicher Zugänge und Ergebnisse und der Austausch methodologischer Erkenntnisinstrumente, Theorien, Modelle und Methoden zur adäquaten Lösung komplexer Probleme verhelfen sollen. Das setzt allerdings voraus, dass die Sozialarbeitswissenschaft als vielen Bezugswissenschaften gleichwertige Disziplin anerkannt wird.

Diesen Gesichtspunkt greift auch Schumacher in seinem etwas pessimistischen Epilog auf. Er fasst hier noch einmal einige für die Sozialarbeit(-swissenschaft) problematische Aspekte zusammen und schließt damit an den Prolog an. Strittig ist nach Schumacher vor allem, ob der Beruf als Profession zu sehen ist, ob der Anspruch der Sozialen Arbeit, selbst Wissenschaft zu sein, gerechtfertigt ist, ob das Theorie-Praxis-Verhältnis stimmig ist und ob die Wortwahl Sozialarbeitswissenschaft semantisch-intensional mit der Bezeichnung Wissenschaft der Sozialen Arbeit korreliert (257 ff.).

Diskussion und Fazit

Die Leserinnen und Leser dieses Bandes erhalten einen relativ umfassenden und informativen Einblick in und Überblick über die Bezugswissenschaften der Sozialen Arbeit und der Sozialarbeitswissenschaft. Notwendigerweise ist dieser Überblick selektiv, doch die dargestellten Inhalte fallen recht vollständig aus. Vor allem angehende Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter dürften von diesem Band profitieren, denn oft ist im Studium die Einsicht, dass Disziplinen wie Recht, Administration oder Betriebswirtschaft unerlässliche Bestandteile der Sozialen Arbeit sind, nicht unbedingt stark ausgeprägt. Als weitere Bezugswissenschaft hätte, wie in einigen Beiträgen angedeutet, die Anthropologie, insbesondere Kulturanthropologie und Ontogenese, einen prominenten Platz verdient: Neben Theologie und Philosophie prägen auch anthropologische Wissensbestände das Bild vom Menschen in der Erziehung.

Die Beiträge dieses Bandes stellen Bestandsaufnahmen der jeweiligen Disziplinen in Relation zur Sozialen Arbeit dar. Hierbei fällt auf, dass die Soziale Arbeit selbst ein uneinheitliches und in Teilen wenig befriedigendes Bild abgibt: Es herrscht nach wie vor einige Konfusion bezüglich der exakten Bestimmung ihres Gegenstandsbereichs; von einer stringenten wissenschaftlichen Fundierung oder Theoriebildung scheint die Sozialarbeit(-swissenschaft) noch recht weit entfernt zu sein. Dieser Zustand erschwert naturgemäß die Integration von Bezugswissenschaften, deren Status deutlich gesicherter ist.

Was die Autorinnen und Autoren dieses Bandes nicht leisten, ist zu zeigen, wie Wissensbestände der Bezugswissenschaften stringent und rational nachvollziehbar in die Sozialarbeit(-swissenschaft) integriert werden können. Nach welchen Kriterien selegiert ein Sozialarbeiter resp. der Konstrukteur von Theorien der Sozialen Arbeit Theorien (Erkenntnisse) der Bezugswissenschaften, um sie in Lösungsentwürfe praktischer Probleme zu integrieren? Wie glaubwürdig müssen die Erkenntnisse sein, welche empirische Evidenz müssen sie aufweisen, wie effizient sollen ausgewählte Methoden (Interventionsstratgien) sein? Wie werden z.B. ethische Elemente mit Handlungen verknüpft, die ein Sozialarbeiter pragmatisch-rational mit Bezug auf situative Bedingungen zu relativieren hat, um Probleme mit Aussicht auf Erfolg zu lösen? Dies zu zeigen, wäre für alle, die sich mit Problemen in der Sozialen Arbeit befassen, sehr hilfreich gewesen.

Noch eine Anmerkung zu der in dieser Rezension mehrfach angedeuteten Übersetzungsproblematik. Die in verschiedenen Bezugswissenschaften vorhandene Begrifflichkeit erschwert es zuweilen, Wissensbestände in die Soziale Arbeit zu integrieren. Am Beispiel eines Jugendlichen mit Verhaltensstörungen (z.B. Autoaggression) sei dies verdeutlicht: In der Soziologie würde man wahrscheinlich von abweichendem Verhalten sprechen, juristisch eher die Kategorie „Gefährdung des Kindeswohls“ hierfür heranziehen, medizinisch-psychologisch von Dysfunktionen und schließlich (sozial-)pädagogisch von Dissozialität sprechen. Es wäre zu prüfen, ob alle involvierten Disziplinen tatsächlich vom gleichen Phänomen ausgehen.

Das Arbeiten mit diesem Buch wird durch das Fehlen von Sach- und Namensregister erschwert.


Rezension von
Dr. Henning Imker
Technische Universität Braunschweig
Institut für Erziehungswissenschaft, Abt. Schulpädagogik und Allgemeine Didaktik
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Zitiervorschlag
Henning Imker. Rezension vom 12.07.2012 zu: Thomas Schumacher (Hrsg.): Die soziale Arbeit und ihre Bezugswissenschaften. Lucius & Lucius (Stuttgart) 2011. ISBN 978-3-8282-0545-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12358.php, Datum des Zugriffs 25.06.2021.


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