Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Claudia Iven: Basiswissen Sprachförderung

Rezensiert von ao. Prof. i.R. Dr. Franz Dotter, 30.05.2012

Cover Claudia Iven: Basiswissen Sprachförderung ISBN 978-3-427-04163-4

Claudia Iven: Basiswissen Sprachförderung. Für die sozialpädagogische Erstausbildung. Bildungsverlag EINS GmbH (Köln) 2011. 147 Seiten. ISBN 978-3-427-04163-4. 19,45 EUR.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Autorin

Die Autorin, Prof. Dr. Claudia Iven, ist Diplom-Sprachheilpädagogin und leitet den Studiengang Logopädie an der Europa-Fachhochschule Fresenius in Idstein Taunus.

Aufbau und Inhalt

Das Buch bietet laut Aussage seiner Autorin Grundvoraussetzungen für eine kindbezogene Sprachförderung und ist ein Lehrbuch "für die sozialpädagogische Erstausbildung" (Untertitel). Es enthält 7 knappe Kapitel zu je ca. 15-20 Seiten.

Die ersten beiden behandeln einführend "Sprache und Kommunikation" (Kap. 1) bzw. die "Grundlagen der Sprachentwicklung" (Kap. 2).

Die Kapitel 3-7 widmen sich der Sprachförderung, die zuerst umschrieben wird (Kap. 3); danach wird die "Planung des Förderangebots" anhand von Beobachtung, Einschätzung und Testverfahren beschrieben (Kap. 4). Kap 5 gibt praktische Beispiele für die Förderziele "Kommunikationsbereitschaft und Sprechfreude", "Wortschatz", "Grammatik" und "Mundmotorik und Aussprache". Kap 6 behandelt die "Sprachförderung als Vorbereitung auf die Schule" unter der Perspektive der Schriftsprachentwicklung und mit dem "phonologischen Bewusstsein" als einem Hauptthema. Kap 7 beschreibt "Sprachförderung bei mehrsprachigen Kindern".

Ein kurzer Abschnitt zu "Ergänzungen und Lösungen", Literaturangaben und Stichwortregister schließen das Buch ab.

Diskussion

Die Darstellungen sind generell sehr umsichtig und enthalten viele wichtige Grundorientierungen, womit das Buch seine LeserInnen zu einem offenen Herangehen an verschiedene Fördersituationen und -kontexte motiviert.

Der einzige, aber gravierende Kritikpunkt ist – wie bei vielen pädagogischen Texten – das Bild von Sprache: Man kann sich eigentlich nicht vorstellen, dass pädagogische Einführungswerke geschrieben werden, welche die neueren Entwicklungen in Nachbarwissenschaften wie Psychologie, Soziologie, Anthropologie oder Medizin ignorieren. Bezüglich der Sprachwissenschaft scheint das – wie auch hier – gang und gäbe zu sein. Die Autorin nimmt zwar eine sehr plausible und für die Praxis empfehlenswerte Position ein, nämlich die einer umfassenden Einbettung von Sprache in menschliche Beziehungen und Interaktion, aber sie ignoriert die wichtigsten Entwicklungen der letzten Jahrzehnte, was z.B. die funktional orientierte "Kognitive Linguistik" (nicht die teilweise ebenso benannten Ableger generativer Strömungen) oder die enge Verbindung der sogenannten "non-verbalen" Kommunikation mit Sprache (wie sie z.B. von Adam Kendon gezeigt wurde) betrifft. Die Verwendung dieser Quellen würde eine bessere Absicherung ihres Standpunktes und manche Vertiefung erlauben.

Dass unter Sprache nur gesprochene Sprachen verstanden werden, wundert im derzeitigen Ausbildungskontext für "Sprachförderer" oder LogopädInnen gar nicht; es zeigt, dass die Gebärdensprachen nach wie vor systematisch (d.h. von den Bildungssystemen) diskriminiert werden. Was hilft eine Einführung in die Sprachförderung, welche zwar einen Sprachentwicklungskalender anbietet (S. 35); aber nicht dazu sagt, dass bis heute viele schwerhörige und gehörlose Kinder die dort aufgeführten Ziele nicht erreichen, weil sie nicht angemessen gefördert werden?

Die gesprochene Sprache selbst wird eindimensional beschrieben; es werden weder Sprachvarianten des Deutschen (Dialekte, Umgangs- oder Verkehrssprachen) erwähnt, welche in Lexik und oder Morphosyntax z.T. erheblich von der Standardsprache abweichen, noch wird auf situationsabhängige Register eingegangen. Auch der Zusammenhang von gesprochener und Schriftsprache wird in völlig veralteter Weise dargestellt.

In der gleichen eindimensionalen Art wird auch die "phonologische Bewusstheit" behandelt: Zumindest gibt die Autorin keinen Hinweis darauf, dass sich diese einerseits nur auf die vom Kind als Muttersprache (bzw. bevorzugte Sprache) verwendete Sprachvariante beziehen kann (d.h. ein Dialektsprecher besitzt "phonologische Bewusstheit" bezüglich seines Dialekts und im günstigsten Fall kontrastives Wissen bezüglich der gesprochenen Standardsprache), andererseits die historisch gewachsenen Schriftsysteme phonologisch inkonsistent sind. Der deutsche Begriff "phonologisch" führt übrigens genauso in die Irre, wie der Begriff "psychologisch", wenn er "psychisch" meint. Was Kinder entwickeln, ist ein erfahrungsbezogenes Wissen über das Lautsystem ihrer Muttersprache, kein sprachwissenschaftliches Modellwissen, das man als "phonologisch" bezeichnen könnte (es sei nur nebenbei erwähnt, dass es verschiedene, miteinander teilweise unvereinbare Modelle der deutschen Standardsprachphonologie gibt).

Als geradezu gefährlich müssen Feststellungen gewertet werden, wie "dass ein ungestörtes Hörvermögen auch für den Schriftspracherwerb von Bedeutung ist: das Kind muss als Grundlage Geräusche … und Klänge … unterscheiden können, bevor es Laute und anschließend auch Buchstaben voneinander unterscheiden kann." (S. 97) oder "Selbstverständlich ist ein ungestörtes Sehvermögen ebenfalls notwendig, um Lesen und Schreiben zu lernen." (S. 98). Es wird kein Wort darüber verloren, wie hör- oder sehbehinderte Kinder von klein auf zur nun ja gesetzlich geforderten gleichberechtigten Teilhabe in Bildung kommen sollen.

Aufgrund dieser Defizite der Darstellung von Sprache wird natürlich auch nicht darauf verwiesen, dass z.B. DialektsprecherInnen auch heute noch bei Tests oder Therapien systematisch benachteiligt werden, weil ihre Sprachvarianten z.T. weder bei Textauswertungen berücksichtigt werden, noch die TesterInnen und TherapeutInnen diesbezüglich ausgebildet sind. Berücksichtigt man die Tatsache, dass zumindest in Deutschland ein Konnex zwischen sozialer Schicht und Sprachverwendung besteht, wundert nicht, dass die Erfolge von Sprachförderung bei Kindern, die nicht aus einem Standardsprach- oder zumindest standardsprachnahen Kontext kommen, relativ gering sind.

Fazit

Sprachförderung durch sprachwissenschaftliche Dilettanten ist leider in vielen Bereichen gang und gäbe; die Autorin ist hierfür nur ein Beispiel.

Vielleicht klingt die Kritik bezüglich der Darstellung von Sprache zu harsch; aber immerhin will das Buch über Sprachförderung informieren und ich empfinde es als ärgerlich bzw. peinlich, dass gerade ein sonst sehr gutes Buch diese Lücken aufweist. Trotzdem empfehle ich das Buch für Kauf bzw. Verwendung.

Rezension von
ao. Prof. i.R. Dr. Franz Dotter
Sprachwissenschaftler, Universität Klagenfurt
Mailformular

Es gibt 80 Rezensionen von Franz Dotter.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Franz Dotter. Rezension vom 30.05.2012 zu: Claudia Iven: Basiswissen Sprachförderung. Für die sozialpädagogische Erstausbildung. Bildungsverlag EINS GmbH (Köln) 2011. ISBN 978-3-427-04163-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12364.php, Datum des Zugriffs 30.01.2023.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht