socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Meinolf Peters: Leben in begrenzter Zeit

Cover Meinolf Peters: Leben in begrenzter Zeit. Beratung älterer Menschen. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2011. 160 Seiten. ISBN 978-3-525-67011-8. 16,95 EUR.

Reihe: Täglich Leben.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Bei aller Alters-Euphorie bleibt eines dennoch festzuhalten: Gewonnene Jahre, späte Freiheit und fitte Alte können nicht darüber hinweg täuschen, dass sich am Ende, im Vierten Alter, das Leben der Hochbetagten, vielleicht pflegebedürftig Gewordenen, verengt. Die Ahnung davon kommt in der zweiten Lebenshälfte bereits früher auf. Es stellt sich die Aufgabe, sich in eine andere als die uns umgebende reale Welt hinein zu denken, also zu transzendieren. Im Widerspruch dazu wird alten Menschen heute ein nochmaliger Aufbruch in neue, diesseitige Lebenswelten empfohlen: In Ehrenamt, Luxus, Kontrastprogramme. Das alles wird aber nur begrenzt durchtragen. In diesem Konflikt gibt Meinolf Peters mit seinem neuen, 160seitigen, bei Vandenhoek & Ruprecht erschienenen Buch „Leben in begrenzter Zeit. Beratung älterer Menschen“ eine Hilfe.

Autor

Professor Dr. phil. Meinolf Peters, Diplom-Psychologe und psychoanalytischer Therapeut, ist in der therapeutischen Altenberatung tätig und leitet als teilhabender Geschäftsführer das Institut für Alternspsychotherapie und Angewandte Gerontologie in Marburg.

Grundlegende Inhalte

Das Buch „Leben in begrenzter Zeit“ reflektiert beraterische Aufgaben angesichts möglicher Belastungen und Sinnkrisen im Alter. Die Vermittlung zwischen angesonnener souveräner Gestaltung des letzten Lebensabschnitts und seiner vorgegebenen Endlichkeit sollte, so ist der Ansatz, zu einer versöhnlichen Identitätsfindung und reflexivem Handeln führen. Peters plädiert hierbei für das Vorliebnehmen mit kleinen, nächstliegenden Aufgaben. Der geläuterte alte Mensch mag seine Lebenspraxis gelassen bewerkstelligen, lautet das Anliegen. Er kann sich im Diesseits ethisch verorten, weil er sich fürs Jenseits nicht metaphysisch mit letzter Sicherheit zu definieren vermag.

Inhalte im einzelnen

In den sechs Kapiteln seines Buches umreißt Peters eingangs anhand zweier Fallschilderungen das Problem der Alters-Identitätsbildung.

Das Kapitel Altern in heutiger Zeit wendet sich der aktuellen Alters-Kohorte zu, der die religiöse Bindung in ihrer Gottgeborgenheit nur noch teilweise hilft.

Das umfangreichste Kapitel gilt den Beratungsanlässen und handelt unter anderem Positionsverluste, Paarkonflikte, Wohnungswechsel, pflegerische Aufgabenerfüllung, Traumata, Depressionen, Ängste, Krankheiten und Heimübersiedlung ab.

Als Formen gelingenden Alters werden Selbstbescheidung, Anerkennung der Fragmentarität des Lebens und spirituelle Transzendenz mittels Religiosität, Natur und/oder Musik gesehen.

Die Implikationen der Altersberatung stellen ein Missverhältnis zwischen Beratungsbedarf und Inanspruchnahme der Beratung fest und reflektieren die Dynamiken zwischen jüngeren Beratern und älteren Klienten.

Im Epilog skizziert der Autor für seine Klientel ein „Theater der Seele“, das das alternde Ego zum aktiven Mitspieler macht.

Diskussion

Jenseits der um sich greifenden, optimistischen „Well off older people„-Woopie-Mentalität reflektiert Meinolf Peters gerne die menschliche Endlichkeit und die begrenzte anthropologische Grundkonstante, ohne dabei ausschließlich in Pessimismus zu verfallen. Das tat der Autor bereits in seinem 2008 erschienenen Buch „Die gewonnenen Jahre. Von der Aneignung des Alters“, in dem er eine modifizierte Kontinuität und eine Entschleunigung empfahl. Die damals bereits zu den Verlusten des Alters angeschlagenen leisen Töne nimmt er nun mit seinem Ansinnen der kleinen Aufgaben und der spirituellen Transzendenz wieder auf. Sie klingen nun unter dem Zeichen des heran nahenden Lebensendes wieder an. Vieles am Kürzer-Treten, Sich-Abfinden und Loslassen aus dem Ratgeber von vor drei Jahren kehrt nun wieder: Thema mit Variationen.

Die Notwendigkeit psychologischer Beratung, der der als Therapeut tätige Autor verständlicherweise das Wort redet, wird nicht unbedingt evident, wenn er darauf hinweist, dass viele Klientenprobleme auch durch kirchliche Sozialberatung angegangen werden könnten. In den Problembeschreibungen des Buches finden sich ohnehin viele Anlässe für soziales Case Management. Auch fußen die angeführten Bedarfserhebungen für die psychosoziale Beratung Älterer noch auf der Situation vor Errichtung der flächendeckenden Pflegestützpunkte durch das Pflege-Weiterentwicklungsgesetz 2008, wodurch sich die Beratungsdichte wesentlich erhöht hat.

Viele Fallschilderungen sind in das Buch eingeflossen. Sie sind bei aller Illustration so zahlreich, dass sie teilweise den Lesefluss hemmen. Auch sind sie oftmals so heterogen und disparat, dass entsprechend differenzierte Therapievorschläge dazu gar nicht gemacht werden können. So stellt sich die Frage, ob die vom Verfasser intendierte psychotherapeutische Arbeit mit alten Klienten in der angedachten Intensität nicht doch oftmals auf verlorenem Posten steht. Außerdem ist der psychotherapeutische Beratungsbedarf sehr milieuabhängig. Insofern stehen auch die spekulativen Bedarfs-Projektionen für künftige Alterskohorten, deren sozialstruktureller Aufriss heute noch kaum absehbar ist, auf unsicherem Boden.

Ein sehr begrüßenswerter Zug des Buches „Leben in begrenzter Zeit“ ist, dass es von der einseitigen Propagierung der Alten-Aktivierung um jeden Preis weg kommt und Lösungen des Konflikts zwischen Aufbruch und Loslassen auch in den kleinen Aufgaben vor Ort und im Zurückschalten auf die gelassene spirituelle Transzendenz sieht. Insofern ist es eher ein für jedermann allgemein-bildender Ratgeber als therapeutisch wegweisende Lehrmeinung. Hier sind die weiterführenden Gedanken von Joan Erikson, der Witwe des bedeutenden Entwicklungspsychologen, zur Abkehr von Misstrauen, Materialismus und Stagnation und zur Hinwendung zu Hoffnung, Zutrauen, Güte und Weisheit sehr hilfreich (Seite 121 ff.).

Der Lektorierung des Buches sind leider Verwechslungen zwischen dem relativen „das“ und dem finalen „dass“ in einer Häufung durchgegangen, die den orthografisch sattelfesten Leser erschüttern (für eine Folge-Auflage sei zur Korrektur hingewiesen auf Seite mit Zeilen 34-18, 36-32, 40-34, 52-26, 59-5, 68-28 und 34, 82-31, 95-8, 100-12, 102-6). Hilfreich ist die Nennung vieler helfender Organisationen und Institutionen im Anhang, der auch ein reichhaltiges, einschlägiges Literaturverzeichnis enthält.

Fazit

Das Buch „Leben in begrenzter Zeit. Beratung älterer Menschen“ ist eine große Hilfe für das loslassende Durchlaufen der Lebensendzeit. Mit hoher Sensibilität bietet sich Meinolf Peters als erfahrener therapeutischer und mitmenschlicher Ratspender an.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
E-Mail Mailformular


Alle 89 Rezensionen von Kurt Witterstätter anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 23.11.2011 zu: Meinolf Peters: Leben in begrenzter Zeit. Beratung älterer Menschen. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2011. ISBN 978-3-525-67011-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12365.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung