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Marius Metzger: Erwachsenenbildung in der sozialen Arbeit

Cover Marius Metzger: Erwachsenenbildung in der sozialen Arbeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 95 Seiten. ISBN 978-3-531-18202-5. 29,95 EUR.

Reihe: VS College.
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Thema

Bildungsangebote in der Sozialen Arbeit lassen sich kaum auf einen gemeinsamen Nenner bringen, so vielfältig sind die Einsatzmöglichkeiten. Entsprechend vielfältig sind auch die hier vorgestellten Projekte der Erwachsenenbildung. Eine Gemeinsamkeit jedoch ist, dass Bildung hier oft mehr Persönlichkeitsentwicklung bedeutet als Wissensvermittlung. Die Bildungsangebote bewegen sich dabei immer auf dem schmalen Grat zwischen Fremdbestimmung, die, gerade bei den den Teilnehmenden verpflichtend auferlegten Veranstaltungen, immer auch eine Rolle spielen kann, und einer Unterstützung zur selbstbestimmten Lebensgestaltung. Der konstruktive Umgang mit gesellschaftlich vorgegebenen Rahmenbedingungen kann als Ergebnis eines erfolgreichen Bildungsangebotes angenommen werden, wobei der Impetus zur Veränderung letztlich im Individuum liegen muss.

Entstehungshintergrund

Der Autor hat Einblick genommen in die Praxis verschiedener Bildungsangebote in der Schweiz. Das Buch ist somit nicht nur durch das Zusammentragen einschlägiger Literatur entstanden, sondern auch durch den konkreten Nachvollzug der Praxen unter Einbeziehung der methodischen Hintergründe.

Aufbau

Das Buch setzt sich aus einer Einleitung, einem Kapitel zur Planung eines Bildungsangebotes und den den größten Raum einnehmenden acht Praxisbeispielen zusammen. Das Buch schließt mit einer eingehenderen Explikation von in den Bildungsangeboten angewandten Methoden ab.

Inhalte

Einleitung. Metzger weist in der Einleitung zunächst auf die didaktische Ähnlichkeit von Bildungsangeboten in der Sozialen Arbeit hin, die trotz der thematischen Vielfalt besteht. Er rückt in den Focus, dass eine Passung zwischen Bedarf und Angebot bestehen muss, um entsprechende Maßnahmen sinnhaft durchführen zu können. Er stellt schließlich das Phasenmodell von Obrecht (1996) anhand des Projektes „SuchTrunden“ vor, das eine Fünfteilung in Situationsanalyse, Prognose/Bewertung/Problemermittlung, Zielsetzung/Planung, Entscheidung/Implementierung des Plans und Evaluation vorsieht und vor der eigentlichen Durchführung des Angebots steht.

Planung eines Bildungsangebotes. Hier werden Bedarfsanalyse, Zielgruppenanalyse, Lernzielfestlegung, Planung und Öffentlichkeits- und Vernetzungsarbeit als nötige Schritte zur Durchführung eines erwachsenenbildnerischen Angebots in der Sozialen Arbeit kurz erörtert. In den für das Buch angestrengten Befragungen von Fachpersonen legte sich offen, dass hinsichtlich der Öffentlichkeitsarbeit persönliche Kontakte zum Klientel wie später Mund-zu-Mund-Propaganda entscheidende Faktoren für den Erfolg eines Angebots sind.

Praxisbeispiele. Alle Praxisbeispiele sind nach demselben Muster beschrieben. Nach einer kurzen thematischen Erläuterung folgen Angaben zu den Eckdaten des Angebots und dessen Zielen, zur Zielgruppe, zum methodisch-didaktischen Vorgehen und zu den Erfahrungen mit dem Projekt. Hierbei werden Gelingens- und Misslingensbedingungen aufgeführt.

  1. Praxisbeispiel „SuchTrunden Cannabis“. Die Teilnehmenden dieses Angebots wurden von der Jugendanwaltschaft hierzu verpflichtet. Über angeleitete Diskussionsrunden, Input zu den möglichen Konsequenzen des Cannabiskonsums und individuelle Zielfestlegungen soll eine kritische Reflexion des eigenen Verhaltens erreicht werden. Dabei müssen Input und die Möglichkeiten, eigene Erfahrungen zu berichten, in einem sinnvollen Verhältnis stehen, um einer passiven Haltung der Teilnehmenden entgegenzuwirken.
  2. Praxisbeispiel „Begleitete Pflegeelternabende“. Die Pflegekinderaktion Bern bietet begleitete Pflegeelternabende an, die Pflegeeltern einen Erfahrungsaustausch mit dem Ziel erweiterter Handlungsspielräume ermöglichen soll. Es zeigte sich, dass die Pflegeelternabende einer professionellen Leitung bedurften und emotional besetzte Themen durch den Einsatz von Symbolkarten besser bearbeitet werden können.
  3. Praxisbeispiel „Gesprächsgruppe für Menschen mit psychischen Krankheiten“. Ziel dieses Angebots ist es, Menschen mit psychischen Erkrankungen zu einer befriedigenden Lebensführung zu verhelfen. Die am häufigsten von depressiven Erkrankungen betroffenen Teilnehmer im Alter von 20 bis 65 Jahren behandeln im Rahmen einer themenzentrierten Interaktion nach Cohn jeweils selbst gewählte Fragen zur Lebensgestaltung. Das Gelingen der Gesprächsrunden hängt wesentlich von der Erwartungshaltung der Teilnehmenden ab.
  4. Praxisbeispiel „Informations- und Trainingsprogramm FiaZ“. Das Angebot ist als Sanktion für Personen verpflichtend, die als Fahrzeugführer im angetrunkenen Zustand polizeilich erfasst wurden. Etwa durch Rekonstruktion risikoreicher Situationen soll eine Verhaltensänderung erreicht werden.
  5. Praxisbeispiel „KNOW-HOW – NO-HAU“. Zur Teilnahme des Bildungsangebots der Fachstelle gegen Männergewalt in Luzern werden von der Jugendanwaltschaft mit Gewaltdelikten auffällig gewordene Jugendliche verpflichtet. Unter anderem durch die Methode Risikokreis soll gelernt werden, Situationen frühzeitig als Risikosituation einzuschätzen und zukünftig anders reagieren zu können. Durch Rekonstruktion vergangener Gewaltdelikte soll zudem die künftige Persönlichkeitsentwicklung durch Verantwortungsübernahme für das eigene Handeln gestützt werden.
  6. Praxisbeispiel „Begleitete Laufbahngruppe für Frauen“. Mittels kollegialer Beratung sollen die Teilnehmerinnen dieses Angebots der Fachstelle „Frau, Arbeit und Weiterbildung“ neue berufliche Möglichkeiten ausloten, um die eigene Laufbahn positiv beeinflussen zu können.
  7. Praxisbeispiel „Training für Insassen und Austretende von Strafanstalten“. In diesem Angebot für Strafgefangene sollen unter Anwendung der Methode INSEL („Innehalten, Nachdenken, Sammeln, Entscheiden und Lösen“(65)) Problem- und Konfliktlösestrategien vermittelt werden, um kriminelle Handlungen zukünftig zu vermeiden und die Resozialisierung zu erleichtern.
  8. Praxisbeispiel „Careplay“. Mitarbeitende von Spielbanken sind in der Schweiz dazu verpflichtet, im Rahmen eines Sozialkonzeptes Schulungen zur Suchtprävention zu besuchen. Über Impulsreferate, Diskussionsrunden und Gruppenarbeiten wird casinointern und in externen Schulungen nötiges Wissen vermittelt und die Teilnehmer erhalten ein Kommunikationstraining. Als Hilfsmittel zur Erkennung einer Suchtgefährdung von Besuchern stehen den Mitarbeitern standardisierte Fragebögen zur Verfügung.

Methoden. In einem abschließenden Kapitel werden in den Angeboten verwendete Methoden genauer erläutert. So handelt es sich beim Risikokreis beispielsweise um eine Methode zur individuellen Abwägung von Risiken, um zukünftig zu einem reflektierteren Verhalten in entsprechenden Situationen zu gelangen. Hierzu wird ein Kreis gezeichnet, in welchem individuelle Risikosituationen durch Punkte markiert werden. Einer dieser Punkte kann vom Teilnehmer als Ausgangspunkt für eine Einschätzung des eigenen Bewältigungspotenzials ausgewählt werden, wobei es sich um eine Situation handeln sollte, die zwar nicht ohne Weiteres, aber durch Hilfestellung bewältigbar erscheint. Mittels des Risikokreises können so im Verlauf auch Fortschritte deutlich werden, indem zum Beispiel Situationen im Lernprozess sich schließlich doch als vom Teilnehmer zu meistern darstellen.

Diskussion

Im Bereich erwachsenenbildnerischer Angebote im Rahmen der Sozialen Arbeit sind sicherlich zwei Ebenen relevant: Zum einen sind der theoretische Rahmen, die Prämissen und sozialphilosophischen Hintergrundannahmen zu beachten, die letztlich auch auf die zweite Ebene zum anderen, die praktische Umsetzung und Ausgestaltung, zurückwirken. Während ersteres nur sehr reduziert im Buch expliziert wird, liegt auf letzterem der Schwerpunkt. Hierbei durchzieht sich durch alle Beispiele eine auch durch den Aufbau des Buches prägnant verdeutlichte Gleichförmigkeit, bisweilen begleitet von Redundanzen. Die klare Strukturierung wie auch die Erörterung einiger Methoden kann sicherlich für den Praktiker hilfreich sein, ein eigenes Konzept zu erstellen, auch wenn es sich auf eine im Buch nicht enthaltene Thematik erstreckt. Dieser sollte sich aber darüber bewusst sein, dass durch eine Strukturgebung und Methodenwahl zwar ein erster Schritt getan, die eigentliche Arbeit aber sicher noch weiterer Anstrengungen hinsichtlich der Reflexion widersprüchlicher Anforderungen und einer kritischen Auseinandersetzung mit der jeweiligen Thematik und der eigenen Rolle bedarf.

Fazit

Das Buch richtet sich laut Angaben auf dem Klappentext an Studierende und Dozenten/Dozentinnen. Es ist jedoch auch und vor allem für Praktizierende als Ideengeber geeignet, da der Schwerpunkt auf der konkreten Ausgestaltung von Angeboten der Erwachsenenbildung in der Sozialen Arbeit liegt. Hier liefert es sicherlich auch wichtige Hilfestellungen.


Rezension von
Dr. Lena Becker
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Zitiervorschlag
Lena Becker. Rezension vom 11.09.2012 zu: Marius Metzger: Erwachsenenbildung in der sozialen Arbeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-531-18202-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12369.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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