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Susann Reinheckel (Hrsg.): Erziehung krimineller Jugendlicher [...]

Rezensiert von Dr. Regine Drewniak, 18.11.2011

Cover Susann  Reinheckel (Hrsg.): Erziehung krimineller Jugendlicher [...] ISBN 978-3-531-17670-3

Susann Reinheckel (Hrsg.): Erziehung krimineller Jugendlicher in kriminalpädagogischen Institutionen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 113 Seiten. ISBN 978-3-531-17670-3. 34,95 EUR.
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Thema

Gegenstand des Buchs sind ausgewählte Aspekte zum Phänomen Jugendkriminalität sowie zu möglichen Reaktionen institutioneller sowie pädagogisch-therapeutischer Art.

Herausgeberin

Die Herausgeberin Susann Reinheckel ist Diplom-Pädagogin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Heil- und Sonderpädagogik der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Entstehungshintergrund

Das Buch enthält Zusammenfassungen von sieben Diplomarbeiten, die am Institut für Heil- und Sonderpädagogik der Justus-Liebig-Universität Gießen entstanden sind und – so die Herausgeberin einleitend – für die Pädagogik bei Verhaltensstörungen einen Erkenntnisfortschritt erbrachten.

Aufbau

Die Aufsätze sind gegliedert in die drei Teile „Sozialstrukturelle Merkmale krimineller Jugendlicher“, „Kriminalpädagogische Einrichtungen“ und „Pädagogisch-Therapeutische Hilfen“ mit jeweils zwei Beiträgen (zwei der sieben Diplomarbeiten sind zu einem Aufsatz zusammengefasst).

Inhalt

Die Herausgeberin verweist in der Einleitung auf Erkenntnisdefizite hinsichtlich der Erziehung krimineller Jugendlicher im Arbeitsgebiet der Pädagogik bei Verhaltensstörungen. Die vorgestellten Abschlussarbeiten beleuchten einige der bislang offen gebliebenen Fragen.

Joana Lauth geht der Frage nach dem Zusammenhang von Verhaltensstörungen und Schulversagen junger Strafgefangener nach. Neben dem Verweis auf Forschungsbefunde, die auf Schulleistungsprobleme bei dieser Gruppe verweisen, hat sie insgesamt sieben Interviews mit Strafgefangenen einer Justizvollzugsanstalt durchgeführt. Ihre Ergebnisse verweisen auf die Relevanz von Verhaltensstörungen (Schuleschwänzen, Drogenkonsum, Aufmerksamkeitsdefizite) für Schulversagen und Kriminalität. Um schulischen Misserfolg und eine Entwicklung zu Kriminalität zu verhindern, fordert die Autorin adäquate Umgangsformen mit Verhaltensstörungen in der Schule sowie insbesondere die Vermittlung von Erfolgserlebnissen.

Margarete Bergen und Marianne Tefke widmen sich den Hintergründen der Delinquenz junger Aussiedler, wie sie kriminologischen Studien zu entnehmen sind. Herausgearbeitet werden soziökonomische und soziokulturelle Risikofaktoren, die Integrationsschwierigkeiten für Aussiedlerjugendliche bedingen. Die Risikofaktoren werden schließlich eingebunden in klassische Kriminalitätstheorien und in ihren konkreten Ausprägungen diskutiert. Die Autorinnen verweisen auf die enorme Bedeutung der gesellschaftlichen Rahmenbedingung für eine gelingende, aber auch misslingende und in Delinquenz mündende Integration dieser Migrantengruppe.

Die gesetzliche Möglichkeit, die Jugendstrafe in freien Formen zu vollziehen, ist Anlass für Kathrin Dietrich, zwei solcher Einrichtungen in Deutschland (Projekt Chance in Creglingen) und der Schweiz (Pestalozzi Jugendstätte Burghof) einer vergleichenden Betrachtung zu unterziehen. Beiden Einrichtungen gemeinsam ist der Versuch, durch ein besonderes pädagogisches Mileu realistische Entwicklungsperspektiven mit und für die jungen Menschen zu ermöglichen. Ausgehend von den theoretisch begründeten Erfolgsaussichten dieser Form der Unterbringung plädiert die Autorin für eine quantitative Ausweitung solcher Einrichtungen – wenn auch systematische Evaluationen zur Zeit noch weiteren Forschungen vorbehalten bleiben.

Als weitere Institution der Erziehung straffällig gewordener Jugendlicher stellt Jennifer Seil ein staatliches Erziehungsheim in Luxemburg vor (Centre socio-éducatif de l'Etat). Angesichts der Ergebnisse ihrer konzeptionellen Analyse, dass ein fundiertes theoretisches Konzept nicht vorliegt, bezweifelt die Autorin, dass eine entsprechende Unterbringung von Jugendlichen den Ursachen ihrer Kriminalität entgegenzuwirken in der Lage ist. Der insgesamt sehr defizitäre Informationsstand erlaube indessen keine Beurteilung von Zielerreichungen – und mache wirkungsorientierte Evaluationen dringend erforderlich.

Als Form der pädagogisch-therapeutischen Förderung krimineller Jugendlicher hat Sarah Fissman die künstlerische Förderung durch Bildhauerei untersucht. Ihre zentrale Fragestellung betrifft die Möglichkeit der Unterstützung der Entwicklung der Jugendlichen zu sozial- und selbstverantwortlichen Persönlichkeiten durch künstlerische Interventionen. Hierzu hat sie vier Experteninterviews (Werkstättenleiter) in drei Werkstätten durchgeführt. Die bildhauerische Aktivität dient nach Ansicht der Experten als Vehikel für Kommunikation und fördert Selbstwirksamkeitserfahrungen sowie Selbstwertgefühl der Jugendlichen, verfolgt aber keinen explizit resozialisierenden Auftrag. Gleichwohl betrachtet die Autorin die Bildhauerwerkstätten als effektive Möglichkeit der Sanktionierung krimineller Verhaltensweisen.

Svende Annamarie Schäfer schließlich überprüft die theoretische Fundierung von konfrontativer Pädagogik und Anti-Aggressivitäts-Training – zwei Praxis-Konstrukte, die seit längerem vehement diskutiert und kritisiert werden. Eine systematische Literaturanalyse verweist auf theoretische Mängel, pädagogisch und entwicklungspsychologisch fragwürdige Methoden sowie die unzureichende rechtliche Legitimation derartiger Maßnahmen. Die Popularität der konfrontativen Praxis bleibe nach Ansicht der Autorin insofern mehr als erstaunlich, doch habe die Diskussion um klare Strukturen, angemessene Regeln und Normen die pädagogische Fachdiskussion durchaus bereichert.

Diskussion

Buchtitel und Klappentext verstören zunächst: die gewählte Bezeichnung „kriminelle Jugendliche“ sowie die einseitige Etikettierung von Jugendkriminalität als Verhaltensstörung gelten im kriminologischen Fachdiskurs seit langem als überholt. Um so erfreulicher ist es, dass die Autorinnen auf solche Begrifflichkeiten weitgehend verzichten und sich ihren Fragestellungen im wesentlichen sehr viel differenzierter nähern. Wer sich für die referierten Einzelaspekte interessiert, erhält jeweils einen fundierten Einblick in den aktuellen Forschungs- und Diskussionsstand durch überwiegend lesenswerte Zusammenfassungen und für weitere Informationen hilfreiche Literaturverweise. Durch die Eigenständigkeit der zugrundeliegenden Diplomarbeiten ist eine unverbundene Sammlung von Texten entstanden: ein abschließender Überblick mit den essentiellen Erkenntnissen für den erziehungswissenschaftlichen Diskurs wäre gleichwohl wünschenswert gewesen.

Fazit

Trotz irreführendem Titel und Klappentext bieten die versammelten Aufsätze durchaus weiterführende Einblicke in kriminologische Fragestellungen. Die von der Herausgeberin in häufiger Wiederholung bemühte „Pädagogik bei Verhaltensstörungen“ bleibt indessen für die Gruppe der straffällig gewordenen Jugendlichen noch einige Antworten schuldig.

Rezension von
Dr. Regine Drewniak
Kriminologin/Evaluatorin, wissenwasgutist, Göttingen
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Es gibt 7 Rezensionen von Regine Drewniak.

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Zitiervorschlag
Regine Drewniak. Rezension vom 18.11.2011 zu: Susann Reinheckel (Hrsg.): Erziehung krimineller Jugendlicher in kriminalpädagogischen Institutionen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-531-17670-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12372.php, Datum des Zugriffs 18.05.2022.


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