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Janne Mende: Begründungsmuster weiblicher Genitalverstümmelung

Cover Janne Mende: Begründungsmuster weiblicher Genitalverstümmelung. Zur Vermittlung von Kulturrelativismus und Universalismus. transcript (Bielefeld) 2011. 208 Seiten. ISBN 978-3-8376-1911-9. 28,80 EUR, CH: 40,50 sFr.

Reihe: Kultur und soziale Praxis.
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Verhältnisbestimmung von Kulturrelativismus und Universalismus

In der von der UNESCO 2001 formulierten „Allgemeinen Erklärung zur kulturellen Vielfalt“ wird Kultur definiert „als Gesamtheit der unverwechselbaren geistigen, materiellen, intellektuellen und emotionalen Eigenschaften…, die eine Gesellschaft oder eine soziale Gruppe kennzeichnen“. Damit werden kulturelle Äußerungen und Ausprägungen als gleichwertig bestimmt. Und in der „Erklärung über Rasse und Rassenvorurteile“ vom 27. 11. 1978 wird in der Präambel eindeutig festgestellt, dass „alle Völker und Gruppen von Menschen ungeachtet ihrer Zusammensetzung oder ihres Volkstums gemäß ihrer eigenen schöpferischen Kraft zum Fortschritt der Zivilisationen und Kulturen beitragen, die in ihrer Vielzahl und als Ergebnis ihrer gegenseitigen Durchdringung das gemeinsame Erbe der Menschheit darstellen“. Die Suche nach einer gemeinsamen globalen Ethik, wie sie in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (1948) in der „Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte“ grundgelegt ist, gestaltet sich schwierig, wie die engagierten Diskussionen anlässlich des 50jährigen Bestehens der Menschenrechtserklärung 1998 zeigten und bis heute aktuell sind: Der Übergang von einer „Kultur des Krieges“ zu einer „Kultur des Friedens“ wird immer wieder behindert durch nationale und kulturrelativistische Egoismen, was sich nicht zuletzt dadurch verdeutlicht, dass es zu Besonderheiten in den Menschenrechts- und Kulturauffassungen kam, wie etwa mit der Afrikanischen Charta der Menschenrechte und der Islamischen Charta der Menschenrechte. Das Einverständnis der Unantastbarkeit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte wird immer wieder in Frage gestellt. Zwar konnten die Versuche von einigen Ländern des Nahen Fernen Ostens in der ersten Hälfte der 1990er Jahre abgewehrt werden, die universale Bedeutung der Menschenrechtserklärung zugunsten von asiatischen und islamischen Werten in Frage zu stellen (Sophie Bessis, in: UNESCO-Kurier 10/1998), doch die Auseinandersetzungen zwischen den Positionen des Kulturrelativismus und des Universalismus bestehen weiterhin und verschärfen sich sogar.

Entstehungshintergrund und Autorin

Es sind die gravierenden Veränderungen, wie sie sich angesichts der immer interdependenter, entgrenzender und ungerechter entwickelnder (Einen?) Welt vollziehen, die Menschen dazu bringen, nach individueller Freiheit und Gerechtigkeit zu rufen, Menschenrechtsverletzungen anzuprangen, aber auch nach (sozialer) Sicherheit Ausschau zu halten. Überlieferte und scheinbar selbstverständliche und nicht hinterfragbare Kulturäußerungen und Lebensperspektiven werden in Zweifel gezogen und auf den Menschenrechts-Prüfstand gestellt. Fragen nach Gleichberechtigung von Mann und Frau, gegen Abhängigkeit und Diskriminierung, gegen Zwangsheirat (vgl. dazu: Yvonne Riaño / Janine Dahinden, Zwangsheirat. Hintergründe, Maßnahmen, lokale und transnationale Dynamiken, Zürich 2010, www.socialnet.de/rezensionen/11860.php); und nicht zuletzt die Praxis der weiblichen Genitalverstümmelung, wie sie bis heute vor allem in afrikanischen und durch die Migrationsbewegungen auch in europäischen Ländern stattfinden. Die Menschenrechtsorganisation Terre des Femmes schätzt, dass weltweit rund 130 Millionen Mädchen und Frauen Opfer von Beschneidungen sind. Weibliche Genitalverstümmelung ist eine fundamentale Menschenrechtsverletzung“. Den Protesten der Universalisten und Menschenrechtler gegen den Kult der Beschneidung stehen diametral die Argumentationen der Kulturrelativisten gegenüber, die in der Genitalverstümmelung einen Bestandteil der eigenen Kultur sehen und den Vorwurf der Menschenrechtsverletzung zurück weisen. Die Fronten, die sich in dieser Auseinandersetzung gebildet haben, lassen sich anscheinend mit verstandesgemäßen Argumenten nicht lösen. Wenn Argumente und Gegenargumente zu ideologischen, wirkungslosen Schlag-Wörtern werden, bedarf es einer anderen, wissenschaftlichen Argumentation, „ein sozial- und moralphilosophisch reflektierter Rückgriff auf die Hinweise der Kritischen Theorie… (die) eine produktivere Konzeption des zugrundeliegenden Verhältnisses der beiden Pole (ermöglicht)“.

Die an der FU Berlin tätige Ethnologin, Psychologin und Politikwissenschaftlerin Janne Mende greift mit ihrer Arbeit in die aktuellen, globalen Auseinandersetzungen um Kulturrelativismus und Universalismus ein und entwickelt „eine Herangehensweise…, die universalistisch den Wert der Verringerung individuellen Leidens auszuweisen erlaubt, dies gesellschaftlich absichert, dabei kontextsensibel und historisch spezifisch vorgeht und die Gefahr, selbst in eine statische und repressive Konzeption zu entgleiten, reflexiv aufnimmt“.

Aufbau und Inhalt

Die Autorin gliedert die Analyse in drei Kapitel.

Im ersten Teil diskutiert sie die historischen und phänomenologischen Entstehungs- und Herkunftsprozesse des Kulturrelativismus und Universalismus, setzt sich mit den verschiedenen, wissenschaftlichen Kulturbegriffen auseinander, verdeutlicht die menschenrechtlichen Positionen der konträren Konzepte und plädiert dafür, das (dialektische) Verhältnis von Kulturrelativismus und Universalismus reflexiv und sozialwissenschaftlich zu erörtern.

Im zweiten Kapitel wird das konstitutive Moment der beiden Pole als „strikt gegenüberstehend konzeptualisiert, gleichzeitig jedoch sind Momente des einen Pols konstitutiv im anderen enthalten“. Am Beispiel der weiblichen Genitalverstümmelung / Genitalbeschneidung formuliert Janne Mende vier Perspektiven der Problematik: die gegenkoloniale, gesundheitliche, kulturelle und individuell-freiheitliche Perspektive.

Im dritten Teil schließlich wird die Argumentation zusammen gebracht in den Überzeugungen, dass in jeder menschlichen Gesellschaft Individualität, Autonomie und Reflexionsmöglichkeiten vorhanden und wirksam sein müssen, um die Freiheit des menschlichen Daseins menschenrechtlich zu gewährleisten. Das wäre die Grundlage für eine objektive Betrachtung der kontroversen Positionen: „Der reflexive, offene Wahrheitsanspruch eines vermittelten Universalismus ist dabei nicht das idealisierte, abstrakte Gegenstück zum Bestehenden, (sondern) er ist durch die jeweils dominierenden gesellschaftlichen Bestimmungen vermittelt und weist gleichzeitig über sie hinaus“.

Fazit

Der dezidiert vermittelnde Ansatz, nicht einfach die „andere“ Position abzulehnen und die „eine“ als die allein gültige auszuweisen, ist es wert, in den wissenschaftlichen Diskurs zu bringen und sich damit auseinander zu setzen.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 18.11.2011 zu: Janne Mende: Begründungsmuster weiblicher Genitalverstümmelung. Zur Vermittlung von Kulturrelativismus und Universalismus. transcript (Bielefeld) 2011. ISBN 978-3-8376-1911-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12377.php, Datum des Zugriffs 25.06.2021.


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