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Wilfried Griebel, Renate Niesel: Übergänge verstehen und begleiten

Cover Wilfried Griebel, Renate Niesel: Übergänge verstehen und begleiten. Transitionen in der Bildungslaufbahn von Kindern. Cornelsen Verlag GmbH (Berlin) 2011. 232 Seiten. ISBN 978-3-589-24684-7. 19,95 EUR.

Reihe: Frühe Kindheit - Ausbildung & Studium.
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Thema

Die Phasen des Übergangs von Kindern in die Krippe, die Kindertageseinrichtung, die Grundschule und die weiterführende Schule stehen im Mittelpunkt der Veröffentlichung. Die jeweiligen Übergänge in eine neue Lebens- und Lernumwelt werden als Schlüsselsituationen für die individuelle Entwicklung und die Bildungslaufbahn von Kindern beschrieben. Transition ist die begriffliche Rahmung, mit der die Autoren versuchen, solche Übergänge theoretisch zu fassen. Der Fokus richtet sich dabei auf das Prozessgeschehen, die Gestaltungs- und Unterstützungsmöglichkeiten von Eltern und Pädagoginnen, weil Kinder mit dem Eintritt in eine Bildungseinrichtung vor Herausforderungen gestellt werden, die sich vom geläufigen Begriff der Eingewöhnung deutlich unterscheiden. Vorgestellt werden die genannten Übergänge vor dem Hintergrund eines von den Autoren im Staatsinstitut für Frühpädagogik in München (IFP) entwickelten Transitionsmodells. Die Bedeutung und die Ausgestaltung von Bildungsübergängen werden damit hervorgehoben und auf ein theoretisches Fundament gestellt. Ein besonderes Augenmerk wird in den Beschreibungen auf das Verständnis für die Bewältigungsaufgaben der Eltern und der Kinder gelegt. Theorie, Forschung und Praxis werden anschaulich miteinander verknüpft. Die mehrperspektivischen Aspekte von Transitionen sind systematisch aufgearbeitet, Hintergrundinformationen und aktuelle Erkenntnisse aus Forschung und Praxis werden durch zahlreiche Beispiele veranschaulicht.

Entstehungshintergrund

Wilfried Griebel und Renate Niesel haben bereits 2004 ein Buch „Transitionen“ im Beltz Verlag in der Reihe „Beiträge zur Bildungsqualität“, herausgegeben von Prof. Dr. Dr. Wassilios E. Fthenakis, vorgelegt. Zu diesem Zeitpunkt sollten Theorie, Forschung und Praxis zusammengeführt werden. Anliegen war es, das Thema „Übergangsgestaltung im deutschen Bildungssystem“ in eine breitere fachliche wie auch bildungspolitische Öffentlichkeit zu rücken. Insbesondere waren Fachkräfte im frühpädagogischen Bereich und Lehrkräfte der Schulen adressiert.Nachdem in den vergangenen Jahren nationale und internationale Forschungsarbeiten stark zugenommen haben und in zahlreichen Modellprojekten eine reflektierte Übergangsgestaltung pädagogische Praxis geworden ist, erschien es den Autoren nötig, ein neu erarbeitetes Buch zum Thema vorzulegen. Mit Blick auf die gesetzliche Verankerung eines Rechtsanspruchs auf frühkindliche familienergänzende Förderung für alle Kinder, die das erste Lebensjahr vollendet haben, liegt der Schwerpunkt der aktuellen Publikation noch stärker auf dem Anspruch einer fachlichen Fundierung des pädagogischen Handelns in Einrichtungen, die Übergangssituationen gestalten und sich für das Wohlergehen und die Lernlust der Kinder sowie für das Zugehörigkeitsgefühl der Eltern zu ihrer Einrichtung einsetzen.

Aufbau

Gegliedert ist das Buch in neun thematische Kapitel.

Einer theoretischen Einbettung und Kontextuierung folgen Beschreibungen von Transitionsphasen von Kindern und ihren Familien bei den Übergängen in Krippe, Kindertagesstätte, Grundschule und weiterführende Schule. Auf die Aspekte Inklusion und Resilienzförderung wird gesondert eingegangen. Die Themenbereiche sind wie folgt gegliedert:

  1. Theorien zu Übergängen im Lebenslauf – auf dem Weg zur Erforschung von Bildungsübergängen. Theoretische Modelle aus den Wissenschaftsdiziplinen Soziologie, Pädagogik und Psychologie werden vorgestellt. Zudem werden Forschungstraditionen sowie die zu Grunde gelegten theoretischen Transitionskonzepte präsentiert.
  2. Das IFP – Transitionsmodell. Griebel und Niesel haben im Staatinstitut für Frühpädagogik in München (IFP) ein Modell von Bildungstransitionen entwickelt. Entstehung, theoretische Grundlagen und Eckpfeiler des Modells werden dargestellt.
  3. Die Geburt des ersten Kindes: Transition von der Partnerschaft zur Elternschaft in der Familienentwicklung. Die Veränderungen für alle Beteiligten werden ausführlich beschrieben. Besonderes Augenmerk wird auf die Entwicklungsherausforderungen für Eltern gelegt.
  4. Kinder bis drei in Krippe und Kita: Frühe Transitionen zwischen Familie und Bildungseinrichtungen. Im Zentrum stehen die Vorstellungen über Transitionen wenn Familien und Bildungseinrichtungen aufeinandertreffen. Gesellschaftliche Ansprüche und Herausforderungen wie auch theoretische Grundlagen zur Gestaltung früher Transitionen werden verknüpft mit den aktuell erprobten Methoden der Eingewöhnung für Kinder bis drei Jahre. Aktuelle Forschungsbefunde werden zusammenfassend dargestellt und schließlich wird die Gestaltung des Übergangsprozesses mit Hilfe des Transitionsmodells systematisch beschrieben.
  5. Transitionen nach Vollendung des dritten Lebensjahres: Von der Familie in den Kindergarten. Wie sich Transitionen beim Eintritt in den Kindergarten vollziehen, wissenschaftliche Erkenntnisse über die Übergangsprozesse und generell die Struktur der Übergangsprozesse stehen im Mittelpunkt. Vor allem die sozialen und interaktionellen Herausforderungen werden thematisiert.
  6. Transition zum Schulkind und zu Eltern eines Schulkindes. Dieser Transition ist ein umfangreiches Kapitel gewidmet. Im Sinne der zuvor beschriebenen Vorstellungen über die Bedeutung von Transitionen für gelingende Bildungslaufbahnen werden die Ressourcen thematisiert, die „übergangserfahrene“ Kinder bereits besitzen. Der Transfer von Erkenntnissen aus der Übergangsgestaltung, die in der Frühpädagogik bereits seit geraumer rezipiert werden, wird in den Mittelpunkt der Betrachtungen gerückt. Empirische Studien aus den vergangen 10 Jahren legen die Vermutung nahe, dass dieser Zugang vielversprechend ist. Das Kapitel schließt mit Empfehlungen für eine Verbesserung der Kooperation von Kindertageseinrichtungen, Grundschulen und Familien.
  7. Transitionen und Diskontinuität, Inklusion und Resilienz. Kontinuität und Diskontinuität sind ein Spannungsfeld, in dem sich Transitionsbeteiligte, also Kinder, Eltern und auch Pädagoginnen bewegen. Vor allem der Übergang vom Kindergarten in die Schule bringt auf der Ebene der Entwicklung des Individuums, auf der Ebene der Beziehungen und der Ebene der Lebensumwelten Veränderungen mit sich, die Kinder und Eltern bewältigen müssen. Diskontinuitäten in den Erfahrungen werden besonders wahrgenommen und bilden den Ausgangspunkt für die präsentierten Überlegungen, wie Konzepte der Inklusion und Resilienzförderung in der Praxis zur Anwendung kommen können.
  8. Der Übergang in die weiterführenden Schulen. Im Rahmen eines konsistenten Transitionsmodells ist der Übergang von Schulkindern in die weiterführenden Schulen bisher wenig reflektiert worden. Das Kapitel kann als Empfehlung verstanden werden, sich diesem thematischen Bezug eingehender zu widmen.
  9. Aktueller Stand und Erwartungen. Mit einem Resümee schließt das 9. Kapitel die systematische Aufarbeitung des Themas „Übergänge verstehen und begleiten“. Spätestens hier wird deutlich, wie ernst es den Autoren ist, umfassendes Wissen über Transitionen zusammenzutragen, Sensibilität zu erzeugen und die theoretische Fundierung im Kontext der großen auch öffentlich diskutierten Thematik „Gestaltung von Bildungsprozessen“ zu verorten.

Inhalt

Die Erforschung von Bildungsübergängen bildet den Ausgangspunkt für die Prozessbeschreibungen, die in den lebenslaufrelevanten Übergangsphasen Partnerschaft/Elternschaft, Familie/Krippe, Familie und ggf. Krippe/Kindergarten bis hin zum Übergang in die Grundschule und schlussendlich in die weiterführende Schule nachvollziehend dargelegt werden. Theorien zu solchen Übergängen im Lebenslauf lassen sich dabei in einer langen Tradition in den Wissenschaftsdisziplinen der Anthropologie, der Soziologie, der Pädagogik und der Psychologie finden. Im Überblick werden diese vorgestellt und zusätzlich Anknüpfungspunkte in den theoretischen Schwerpunkten aktueller Transitionskonzepte aufgezeigt.

Um den Leserinnen und Lesern den Kontext der in den nachfolgenden Kapiteln fokussierten Übergangssituationen zu vermitteln, stellen die Autoren anschließend an den Überblick über Theorietraditionen und Konzepte das Transitionsmodell des IFP, dessen Entwicklung und theoretische Grundlagen noch einmal gesondert vor. Dieses Modell wirkt als Leitfaden für die Systematik der Beschreibung der genannten Übergangsprozesse. Die Kapitel zu den Übergängen im Bildungssystem sind vor dem Hintergrund vertrauter Alltagssituationen in der pädagogischen Praxis von Kindertageseinrichtungen und Schulen erarbeitet. Im Mittelpunkt stehen die Bewältigungsaufgaben der Kinder und ihrer Familien. Anschaulich wird versucht, das Erleben der Kinder und der Eltern, deren Vorstellungen von der Gestaltung dieser Übergangsphasen sowie die Risiken für ein erfolgreiches Bewältigen solcher Situationen beschrieben.

Ergänzt werden die Beschreibungen immer wieder durch Berichte über erfolgreiche Konzepte und Modelle aus pädagogischen Einrichtungen, die sich mit der Gestaltung von Übergängen intensiv auseinandersetzen. Geschickt werden zudem Erkenntnisse aktueller nationaler wie auch internationaler Studien eingeflochten.

Um den Transfer in die Praxis zu erleichtern werden durch Beispiele und kleinere Aufgabenstellungen immer wieder Reflexionen angeregt.

Abgerundet werden die umfangreichen Beschreibungen durch eine Zusammenfassung zu aktuellen Forschungsentwicklungen, die zunehmend Themen wie Armut von Kindern, Migrationshintergründe und Genderaspekte in den Blick nehmen. Auf diese Weise gelingt der Ausblick auf die Erwartungen an die Bildungseinrichtungen insgesamt. Dem Schwerpunkt der Erforschung von Bildungsübergängen wird so angemessen Rechnung getragen.

Fazit

Wilfried Niebel und Renate Griebel haben ein aktuelles Standardwerk für frühpädagogischen Fachkräfte, Lehrkräfte und Studierende vorgelegt. Die Aufmerksamkeit wird auf die Gestaltung der Transition als Basis für eine gelingende Bildungslaufbahn für alle Kinder gelegt. Aktuelle Erkenntnisse aus Forschung, Theorie und Praxis sind in anregender Weise miteinander verknüpft.


Rezension von
Prof. Dr. Ines Kadler-Neuhausen
Erziehungswissenschaftlerin, Hochschule Fulda, FB Sozialwesen
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Zitiervorschlag
Ines Kadler-Neuhausen. Rezension vom 10.09.2012 zu: Wilfried Griebel, Renate Niesel: Übergänge verstehen und begleiten. Transitionen in der Bildungslaufbahn von Kindern. Cornelsen Verlag GmbH (Berlin) 2011. ISBN 978-3-589-24684-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12381.php, Datum des Zugriffs 06.12.2021.


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