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Ulrich Wehner: Generationelle Pädagogik

Cover Ulrich Wehner: Generationelle Pädagogik. Die menschheitsgeschichtliche Seite von Bildung und das öffentliche Moment von Erziehung. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2011. 384 Seiten. ISBN 978-3-506-76965-7. 48,00 EUR, CH: 76,00 sFr.

Reihe: Monographien zur Erziehungswissenschaft - Band 2.
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Thema

Im vergangenen Vierteljahrhundert haben das Nachdenken und das öffentliche Reden über das Verhältnis der Generationen zueinander, initiiert und motiviert von divergierenden Beweggründen deutlich zugenommen. Während die einen mehr Zusammenhalt wahrzunehmen glaubten, fanden andere Gründe für eine stärkere Entsolidarisierung bis hin zur Gegnerschaft der Generationen. Publizistisch wurden laufend neue Generationeneinheiten ausfindig gemacht und unter einem wohlfeilen Dach aufgehoben (z.B. Generation X, Generation Praktikum, Generation Internet). Von wieder einer anderen Richtung wurde an die Verantwortung der Generationen appelliert, die sie angesichts begrenzter Ressourcen füreinander haben. Wenig bis gar nichts wurde dahingehend investiert, zu klären, welche Generationenbegriffe dabei zugrunde gelegt werden. Dieser kurze Aufriss lässt nur annäherungsweise erahnen, welche Fragen eine „generationelle Pädagogik“ im Anschluss an die vorhandenen Entwürfe aus der Bildungs- und Erziehungstheorie und deren philosophische, ethische und geschichtliche Implikationen zu klären hat. Dass man dabei um eine allgemeinpädagogisch-grundlagentheoretische Herangehensweise nicht umhin kann, ergibt sich schon aus der Reichweite des Titels – schließlich geht es um eine Pädagogik.

Herausgeberin

Das Buch ist als Band 2 in der erst 2011 begonnenen und bis dato 3 Bände umfassenden Reihe „Monographien zur Erziehungswissenschaft“ erschienen, die im Auftrag der Görres-Gesellschaft von Winfried Böhm, Ursula Frost, Volker Ladenthin und Gerhard Mertens herausgegeben wird.

Der Autor Prof. Dr. Ulrich Wehner hat seit 2011 die Professur für Frühkindliche Bildung / Elementarpädagogik und Grundschulpädagogik in der Abteilung für Schulpädagogik und Elementarpädagogik am Institut für Bildungswissenschaft der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe inne.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Monographie ist die im Jahr 2008 an der Universität Würzburg vorgelegte Habilitationsschrift von Ulrich Wehner. Sie reiht sich in die pädagogisch-ethischen Fragestellungen und bildungs- sowie erziehungstheoretischen Interessen ein, denen sich der Autor im Laufe seines akademischen Werdegangs zugewandt hat.

Aufbau

Der Monographie liegt eine klassisch-schlichte Einteilung in I. Hinführung, II. Rekonstruktion und III. Diskussion zugrunde.

Nach der Explikation der Aktualität des Themas, der Darstellung der Fragestellung und der Vorgehensweise, die von einer „Hinführung“ erwartet werden, gibt der Autor im zweiten Abschnitt „Rekonstruktion“ einen Überblick über den Stand der Theoriegeschichte und Theoriebildung, hier auf die „Pädagogik der Aufklärung“, die er exemplarisch – mit verschiedenen Querverweisen – an Kants und Schleiermachers Entwürfe einer Generationellen Pädagogik entfaltet. Wehner hält sich bei der Darstellung beider Klassiker an die Reihenfolge, sich vom überlieferten Text ausgehend textkritisch-hermeneutisch erschließend dem Inhalt anzunähern und entstehungs- und ideengeschichtliche Momente sowie weiterführende und kritische Erkenntnisse der Bildungs- und Geistesgeschichte einfließen zu lassen, bevor er beide Entwürfe nach ihrem „emanzipatorischen Akzent“ abtastet, Querverweise zieht und einen Ausblick gibt. Dem Kapitel „Diskussion“, in dem er die „Pädagogik der Gegenwart“ studiert, legt Wehner eine Dreiteilung zugrunde. Der Abschnitt A) wendet sich der „generationellen Bildungslehre“ zu, während Abschnitt B) die „generationelle Erziehungslehre“ fokussiert. Im Abschnitt C) „Bildungs- und erziehungstheoretische Erprobungen“ (unter dem Vorzeichen von Gerechtigkeit, Vorsorge, Vertrag) werden einige Ansätze (z.B. Bildung für nachhaltige Entwicklung) auf ihre begründungstheoretischen Zusammenhänge analysiert.

So strukturiert wie der Aufbau des Buches im Groben ist, so klar reihen sich auch die Argumentationslinien in den einzelnen Kapiteln aneinander – und davon gibt es sehr viele.

I. Hinführung

Sie beginnt mit einer Wort-, Begriffs- und Metapherngeschichte zur Generation, die zeigt, wie weitläufig der zu vermessende „Raum pädagogischen Generationendenkens“ (S. 19) ist. Gerade weil seine „Leuchtkraft“ (S. 19) so groß sei, sei es in von Wehner festgestellten fünf Phasen von anderen Disziplinen absorbiert und oft mit veränderter Konnotation in die Pädagogik re-integriert oder in ihr wiederbelebt worden, was in die Schlussfolgerung mündet: „Entweder man arbeitet mit einem nicht pädagogisch konstruierten Generationenbegriff in der Pädagogik, oder man arbeitet an einem Generationenbegriff der Pädagogik“ (S. 26). Wehner macht das Durcheinander zwischen dem Typ „Pädagogik der Generationen“ (Thematisierung von Erziehung und Bildung zwischen nicht erziehungswissenschaftlichen Generationentheoremen), die zur differentiellen Pädagogik gehört und dem Typ „Generationelle Pädagogik“ (Erziehung und Bildung als menschheitsgeschichtliches weltöffentliches Anliegen), die eindeutig allgemeinpädagogisch ist, für die Verwirrung bezüglich einer generationentheoretischen Pädagogik verantwortlich. Sodann legt der Verfasser offen, mit welchen Ausgangsthesen und mit welchem Vorgehen (siehe Aufbau) er sich der Generationellen Pädagogik nähert. Sowohl beim zweiten als auch beim dritten Kapitel werden jeweils die Bildungs- und Erziehungstheorie getrennt behandelt.

II. Rekonstruktion. Zur Pädagogik der Aufklärung

Die „Rekonstruktion“ setzt Schwerpunkte in der Ausarbeitung. Zwei bedeutende Vertreter aus der Grundlegungsphase der pädagogischen Disziplin werden exemplarisch herausgegriffen. Beim Kantschen Entwurf einer Generationellen Pädagogik wird die Theorie der Bildung stärker elaboriert, bei Schleiermacher steht die Theorie der Erziehung im Mittelpunkt. Einer werkimmanenten Analyse und Kritik folgen jeweils zeithistorische Verweise, rezeptionsgeschichtliche Erkenntnisse und danach die Bedeutung für die Gegenwart. Anders als bei der Darstellung der Kantschen Bildungstheorie üblich, wählt Wehner den Zugang über die „bildungstheoretisch abgefasste Geschichtsphilosophie“ (S. 48), was seines Erachtens manches, was bisher als unkritisch und brüchig gedeutet wurde, zurechtrücken kann. Die „Erziehung von oben herab“ wird dem als unkritisch geziehenem Fortschrittsoptimismus enthoben, wenn der Gang durch die Menschheitsgeschichte als „Ergebnis einer rationalen, aus legitimen Bedürfnissen der Vernunft“ (S. 60) interpretiert und das moralische Subjekt als „Veranstaltung der Natur“ (S. 63) gedeutet wird, das mit brauchbarem, angemessenem, wirksamen Handeln das kollektive Gedächtnis beeinflusst. Im nächsten Schritt wird die bildungsphilosophische Implikation des Generationenbegriffs der generationellen Pädagogik herausgearbeitet, ohne die „generationelle Erziehungskunst“ (S.71) nicht gedacht werden kann. Die überpersonale und personale Relevanz der Zeitdimension werden gesondert erörtert und die Generativität bei Kant als eine „offene Frage der Ethik des Erziehens“ (S. 99) identifiziert. Zusammenfassend würdigt Wehner mit Blick auf die Aufklärung, die im Generationenkonzept von Kant bereits grundgelegt sei, den „Ausruf einer pädagogischen Öffentlichkeit“ (S. 117) als die generationentheoretische Leistung, die wesentlich stärker in der „Weltverbesserungsstrategie“ (S. 115) Bildung als in der Erziehung verankert sei. Letztere bildet bei Schleiermachers Entwurf einer Generationellen Pädagogik die prominente Basis seiner 1862er Vorlesungen. Schleiermachers generationelle Erziehungstheorie wird in den „Grundzügen der Erziehungskunst“ im „Ausschlussverfahren“ (S. 129) zum alltäglichen Vorverständnis von Erziehung und der Kritik an diversen Erziehungswirklichkeiten (z.B. der Haus- und Schullehrerei) in „freier Rede“ hergeleitet. Sie lässt sich nach Wehner in eine Generationenmatrix mit einer genealogisch-biologischen, einer historisch-kulturbiologischen und einer erziehungswissenschaftlich ethisch-kulturbiologischen Ebene einteilen, von denen zwar etliche Theoriestücke „quer zueinander“ (S. 174) liegen würden, die sich aber in seiner „abstrakten Grundlagenforschung“ (S. 176) und in der „konkreten Erziehungstheorie“ (S. 176) zum Generationenaspekt nicht widersprechen. Im Gegensatz zu Kant setzt Schleiermacher am geschichtlich vorliegenden Phänomen Erziehung an und identifiziert es unter zu Hilfenahme des Generationenbegriffs als „Kulturinvariante“ (S. 175). Die Erkenntnisse der wissenschaftlichen Betrachtung von Erziehung richten sich maßgeblich gegen die herrschende Praxis der Zeit und werden für eine neue bürgerliche Erziehung vorgebracht. Die erziehungswissenschaftliche Fundierung hat bei Schleiermacher ihr Pendant in einer „bildungstheoretischen Idee von Erziehung“ (S. 177) für alle, ungeachtet von lebensweltlichen Verengungen und über die gesamte Lebensspanne hinweg. Seine pädagogische Generationentheorie ordnet die Pädagogik der Kulturwissenschaft zu, auch das eine Bestimmung, die weitere Fragen aufwirft, die hier nicht geklärt werden können.

III. Diskussion. Zur Pädagogik der Gegenwart

Auch in diesem umfangreichen dritten Abschnitt des Buches werden die Bildungs- und Erziehungstheorie nacheinander untersucht, bevor Wehner abschließend exemplarisch zwei „Erprobungen“ (S. 179) einer Generationellen Pädagogik herausgreift und würdigt.

Die Analyse der Gegenwart beginnt Wehner mit der „generationellen Bildungslehre im Kontext von Generationenethik“ (S. 179), die er bereits in der Überschrift als „Bildung über die individuelle Lebenszeit hinaus“ (S. 179) und danach als „Pendant zur Individualpädagogik“ (S. 180) charakterisiert. Zeit ist für die Generationelle Bildungslehre und für die Individualpädagogik ein gegenstandskonstituierendes Kriterium: Bei ersterer bedeutet sie „was Bildung heißen kann, wenn es in ihr um etwas geht, das über die Lebenszeit hinaus bedeutungsvoll bleibt“ (S. 180), bei letzterer reflektiert sie, „was Bildung über die Lebenszeit heißen kann“ (S. 180) und beide Aspekte korrigieren einander. Im ersten Schritt auf dem Weg zu einer Generationellen Bildungslehre zeichnet Wehner auf, wie die „Rubrik Generationenethik“ (S. 181) außerhalb der Philosophie von Ethik und Pädagogik quasi als Zukunftsethik mit negativem Vorzeichen erfunden wurde. Der zweite Schritt beinhaltet sieben Bausteine, die zur „Architektonik“ (S. 186) gehören. Es sind dies die „größeren Erzählungen“ (S. 186), die technischen Hilfsmittel, die das Überleben der Menschheit im Einklang mit der Natur bestimmen, die überpersonelle Ausrichtung der Bildungsarbeit im Sinne kollektiver Bildungsprozesse, der Bildungsbegriff als kritisches Moment einer Pädagogik als Kulturwissenschaft, die Geschichte als fortwährende, entschleunigende, nicht aber ruhige „Bildungszeit, auch von Generationen“ (S. 219), die überpersonale und überindividuelle Implikation von Pädagogik und Ethik und schließlich die selbstlose „Fortexistenz von Menschheitsgeschichte“ (S. 231) zur Beglaubigung idealer Normen.

Ähnlich umfangreich wie die Generationelle Bildungslehre werden Grundlinien Generationeller Erziehungslehre in der Gegenwart auf bildungstheoretischer Basis ausgebreitet. Die im vorausgegangenen historischen Abschnitt entfalteten Aussagen werden jeweils kurz eingeflochten. So beginnt die Argumentation damit, den „Primat der Bildungslehre vor der Erziehungslehre“ (S. 236) zu begründen und das Mündigkeitstheorem als erziehungsprozessunabhängiges menschheitsgeschichtlich relevantes Moment guten Lebens zu verankern. Im Anschluss daran stellt Wehner zwei Generationenterminologien vor, nämlich die „als Bestandteil der Theorie bürgerlicher Familienerziehung“ (S. 244) und die „als Bestandteil pädagogischer Soziologie“ (S. 256). Sie werden zwar der Pädagogik der Generationen zugeordnet, sind der Beweisführung Wehners zufolge aber wegen der nicht-pädagogischen Generationenbegriffe erziehungstheoretisch nicht maßgeblich, wenngleich lehrreich. Mit drei umfangreichen Hauptpunkten umreißt er danach die „Grundlinien einer Generationellen Erziehungstheorie“ (S. 269). Zunächst sichtet er aktuelle Beiträge, wie z.B. die von Zirfas/Wulf (2004), Winkler (1998), Sünkel (1997), Liebau/Wulf (1996), untersucht deren erziehungstheoretische Implikationen und Bezüge aufeinander sowie auf historische Wurzeln und schließt daraus, dass eine generationelle Erziehungstheorie noch lange nicht überholt sei, vielmehr die verschiedenen fachinternen Zugänge aufeinander bezogen und nicht „irrtümlich gegeneinander ausgespielt“ (S. 286) werden sollten, da eine öffentliche, den Menschenrechten verpflichtete Bildung von Kindern und Jugendlichen bis jetzt nicht überall selbstverständlich sei. Im zweiten und dritten Punkt zeichnet Wehner die Bewegung vom „Generationenverhältnis“ zur „Generationendifferenz“ und von da aus wieder zum „Generationenverhältnis“ nach. Generationendifferenz ist auf der Zeitachse rückgebunden an das Generationenverhältnis insofern als „gleichzeitig Ungleichzeitige“ (S. 306) aneinander gebunden sind und dies wiederum strukturell menschheitsgeschichtlich so sei. Wehner tituliert den Begriff „Generationendifferenz“ als ein Hilfskonstrukt; der Begriff „Generationenverhältnis“ dagegen sei der Träger einer generationentheoretischen Erziehungstheorie, indem personale Erziehung und überpersonales erzieherisches Generationenverhältnis (das gleichzeitig Ungleichzeitige) in vielfacher Weise aufeinander bezogen seien und pädagogische Praxis nur arbeitsteilig und interdisziplinär zu bewerkstelligen sei.

Auf der Grundlage der bildungs- und erziehungstheoretischen Verortung einer Generationellen Pädagogik prüft Wehner abschließend im Kapitel „Bildungs- und erziehungstheoretische Erprobungen“ (S. 315) die Themenfelder „Naturethik“ (Bildung für Nachhaltigkeit) und „Generationenvertrag“. Zunächst widmet er sich der „ethischen Rahmung“ (S. 316) der Gerechtigkeit zwischen den Generationen. Hier stehen sich die Pole Egalitarismus (Fairness: gleiche Überlebens- und Lebensgestaltungsoptionen der zukünftigen Generationen wie die heutige Generation) und Progressivismus (Vorsorge: den zukünftigen Generationen soll es besser gehen) gegenüber, wobei sich die Kompromissformel darauf geeinigt hat, dass Generationengerechtigkeit dann bestehe, wenn „die Chancen zukünftiger Generationen auf Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse mindestens so groß sind wie die der heutigen Generation“ (S. 321). Eine bildungstheoretisch fundierte Menschheitsgeschichte fußt auf einer Ordnung der Generationenverhältnisse, weswegen Wehner schlussfolgert: „Eine Ethik der Menschheitsgeschichte ist notwendig eine Generationenethik“ (S. 321). Die „Frage nach dem richtigen Umgang mit der Natur“ (S. 322) sieht Wehner exemplarisch als von zentraler zukunftsethischer Bedeutung, welche die intergenerationelle Gerechtigkeit fokussiert und damit auch bildungstheoretische Relevanz hat. Nach intensiver Auseinandersetzung mit der Nachhaltigkeitsdiskussion verweist Wehner darauf, dass die Antwort auf die Frage, wie viel Natur die Gegenwärtigen den Zukünftigen hinterlassen müssen (vgl. S. 349) maßgeblich davon abhänge, von welcher Beurteilung der jetzigen Bedingungen auszugehen sei und Standards für „Dimensionen des menschen- und tierwürdigen Lebens“ (S. 350) zur Messung der Ausgangslage noch vorzulegen und anzuwenden seien. Das abschließende Kapitel beleuchtet die „Erziehungstheorie im sozialethischen Begründungszusammenhang des ‚Generationenvertrags‘“. Hier konkretisiert sich, „dass die öffentliche Erziehung der jüngeren Generation für die kulturelle Bildung der älteren Generation“ (S. 350) sozialethisch relevant ist. Am Beispiel des Systems der sozialen Sicherung würde dies nach Wehner bedeuten, dass Kinder (unmündige Generation), wenn sie als öffentliches Gut geschätzt würden, als eigenständige Gruppe und gemäß deren Bedarf – und partiell unabhängig vom Familieneinkommen – bei der Verteilung wohlfahrtsstaatlicher Leistungen berücksichtigt, gehört und als Anspruchsberechtigte auf Sozialversicherungsleistungen etabliert werden müssten.

Diskussion

Theoretische Abhandlungen in der Größenordnung wie die vorliegende zur Generationellen Pädagogik werden nicht jeden Tag geschrieben. Was Wehner mit seiner Habilitationsschrift geleistet hat, ist bildungs- und erziehungsphilosophisch sowie -theoretisch auf höchstem Niveau geisteswissenschaftlicher Tradition anzusiedeln. Das Werk entwirft ein Theoriegebäude einer Generationellen Pädagogik und bestückt es mit den tragenden Säulen aus Geschichte und Gegenwart, zeigt aber auch auf, wo es noch Ergänzungen braucht und Fragen unbeantwortet bleiben müssen. Es hat einen systematisierenden und ordnenden Charakter, der angesichts der Beliebtheit der Thematik und zunehmender Veröffentlichungen zu einzelnen Mosaiksteinchen Orientierung gibt und Zusammenhänge erhellt. Nach der Lektüre des Buches steigt die Erkenntnis darüber, in welch großer Lücke sich das Buch positioniert hat. Es ist ein Grundlagenwerk, über das disziplinintern, aber auch -übergreifend diskutiert werden wird, hat es doch sehr viele Berührungspunkte zur Ethik, Geschichte, Philosophie, zu den Kulturwissenschaften usw.

Eine große Stärke der Monographie besteht in der sehr stringenten Argumentation, die sich auch sprachlich niederschlägt und damit dem Lesefluss bei der insgesamt abstrakten bildungs-, kultur- und geistesgeschichtlichen Materie dienlich ist. Ebenso angenehm sind die Zusammenfassungen, die Schlussfolgerungerungen, jeweils kondensierte Wiederholungen der Argumente, kritische Anmerkungen und starke Überleitungen zwischen den Gliederungspunkten. Die Inhalte des Buches werden öfters anhand von Wortspielen verdichtet und verdeutlicht. Deshalb entsteht nicht nur stilistisch, sondern auch aus Sicht der Gesamtkonzeption der Eindruck einer „größeren Erzählung“, wie sie der Autor selbst bei den Grundlinien einer generationentheoretischen Bildungslehre konstatiert. Leseschleifen einzulegen, Passagen zweimal zu lesen und immer wieder inne zu halten, erfordert dieses Buch.

Fazit

Umfang und streckenweise wenig untergliederte lange Textpassagen wirken bei der ersten In-Augenscheinnahme der Monographie nicht besonders einladend. Ist die erste Hürde genommen, dann entwickelt es geradezu eine magnetische Anziehungskraft. Als Leser wird man von einer disziplinierten Argumentation Schritt für Schritt durch die Inhalte geleitet. Es gibt kaum eine Passage, die nicht mit einer Zusammenfassung, einer Conclusio und einer Überleitung zu den nächsten Fragen abgerundet wird. Die anspruchsvollen theoretischen Inhalte so lesbar präsentieren zu können, ist eine Kunst. Inhaltlich hat mir erst dieses Buch die Tiefe und Breite des Bedeutungsgehalts einer Generationellen Pädagogik und ihre Differenz zu anderen Generationenkonzepten verdeutlicht. Die Monographie ist eine durch und durch bildungs- und erziehungstheoretische Schrift. Sie ist eine Generationelle Pädagogik in Reinform, die dennoch manche Aspekte nur anreißen konnte.

Obwohl die Monographie die referierten bildungs- und erziehungstheoretischen Positionen verständlich und nachvollziehbar zusammenfasst, wiedergibt und Theorieansätze vorbildlich zueinander in Beziehung setzt, profitiert hauptsächlich der historisch Gebildete und bildungs- wie erziehungswissenschaftliche Experte von der Lektüre. Dies gilt auch für die Pädagogik der Gegenwart. Die Monographie ist nichts für einen schnellen Überblick und ebenso wenig eine Einstiegslektüre. Insgesamt ist das Buch sehr sorgfältig gestaltet: Die Bibliographie ist umfangreich, die Fußnoten sind gut abgesetzt, es lassen sich nur ganz wenige Tippfehler finden. Die Collage auf dem Einband gibt Deutungshilfen. Wenngleich kapitelintern im Dreierschritt in sich stimmig und inhaltlich ohne Zweifel vollständig, endet der letzte Abschnitt für diese Abhandlung unerwartet abrupt und konkret.


Rezensentin
Prof. Dr. Irmgard Schroll-Decker
Lehrgebiete Sozialmanagement und Bildungsarbeit an der Fakultät Angewandte Sozial- und Gesundheitswissenschaften der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg
Homepage www.oth-regensburg.de/professoren-profilseiten/prof ...
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Zitiervorschlag
Irmgard Schroll-Decker. Rezension vom 23.04.2012 zu: Ulrich Wehner: Generationelle Pädagogik. Die menschheitsgeschichtliche Seite von Bildung und das öffentliche Moment von Erziehung. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2011. ISBN 978-3-506-76965-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12389.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


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ISSN 2190-9245

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