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Rainer Ningel: Methoden der Klinischen Sozialarbeit

Cover Rainer Ningel: Methoden der Klinischen Sozialarbeit. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2011. 434 Seiten. ISBN 978-3-8252-3542-0. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 35,90 sFr.

Reihe: UTB - 3542.
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Thema

Das vorliegende Einführungs- und Nachschlagewerk bietet einen Überblick über die Methoden Sozialer Arbeit. Dazu werden die Grundlagen methodischen Handelns erläutert und mögliche Interventionen im klinischen Kontext, sowie deren theoretische Fundierung ausführlich beschrieben.

Autor

Rainer Ningel (Paar-, Familien- und Suchttherapeut, Casemanager, Supervisor) ist Professor für Interventionslehre in der Sozialen Arbeit an der Hochschule Koblenz. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Suchtkrankenhilfe, Klinische Sozialarbeit, Systemische Beratung, Case Management sowie Sport und Bewegung in der Sozialen Arbeit.

Aufbau und Inhalt

Die zwölf Kapitel des vorliegenden Titels geben einen Methodenüberblick Sozialer Arbeit. In einem ersten Abschnitt (Kapitel eins bis fünf) erfolgt dazu die Erläuterung grundlegender Aspekte methodischen Handelns. Im zweiten Abschnitt (Kapitel 6 bis 12) werden unterschiedliche Interventionsformen, sowie deren theoretische Fundierung umfassend erläutert. Das Anliegen des Bandes ist, die Vielfalt sozialarbeiterischer Methodik für die Klinische Sozialarbeit zu erschließen.

In den fünf Kapiteln des ersten Abschnitts gibt Ningel einen Überblick sozialarbeiterischer Methodik. Anliegen des Autors ist, zentrale Aspekte Sozialer Arbeit für die fachwissenschaftliche Vertiefung Klinische Sozialarbeit zu erschließen. Ningel fokussiert im einführenden Grundlagenabschnitt auf die Entwicklungsgeschichte der Sozialen Arbeit in ihrem Verhältnis zur Gesundheit und zum Gesundheitswesen, wo ihr lange Zeit, bis heute, die Rolle eines geduldeten „Mitspielers“ zugewiesen wird. Diese, von externen Professionen zugewiesene, untergeordnete Rolle setzt Ningel mit den fachlichen Beiträgen Sozialer Arbeit in Verbindung: die systemische Sichtweise, das Sozialmanagement, die Theorieansätze und Professionalisierung Klinischer Sozialarbeit, sowie das Case Management, welches der Autor als zentrales Methodenkonzept in der Klinischen Sozialarbeit vorschlägt. Die jeweiligen fachlichen Erträge werden breit und in ihrer fachlichen Entwicklungsgeschichte vorgestellt. Zentrale Aspekte und Theoriebausteine werden, z. T. mit Bezug auf die verwendete Referenztheorie in Merkkästen und Schaubildern zusammengefasst und aufbereitet. Der Band entwickelt bereits in diesem Einführungsabschnitt die Qualität eines allgemeinen Lehrbuchs sozialarbeiterischer Methodenlehre. Hinsichtlich der Theorieansätze Klinischer Sozialarbeit bezieht sich Ningel vorwiegend auf die grundlegenden Arbeiten Pauls (vgl. die Rezension), allerdings auf dem Publikationsstand von 2004, so dass die Weiterentwicklung der Profession und Disziplin in ihrem publizistischen Gehalt nicht umfassend nachvollzogen werden kann.

In den Folgekapiteln des zweiten Abschnitts bietet der Band auf 280 Seiten eine Einführung in die grundlegenden Kompetenzen, Haltungen und Prinzipien Sozialer Arbeit, sowie eine Einführung in die klassische Methodentrias der Sozialen Einzelfallhilfe, Gruppenarbeit und Gemeinwesenarbeit. In eigenen Kapiteln werden „systemisch orientierte Verfahren“, die systemische Sozialarbeit und die systemische Beratung vorgestellt. Ningel arbeitet hier die große inhaltliche Nähe Klinischer Sozialarbeit zu „systemischen“ Ansätzen, also zu Methoden und Interventionstechniken die sich letztlich auf Systemtheorien, z. B. bei Luhmann beziehen, heraus. Soziale Arbeit und insbesondere Klinische Sozialarbeit sind, so Ningel, darauf angewiesen, eine Weiterentwicklung, weg vom einfachen Klienten- oder Familiensystem-Modell „hin zu einem Modell multipler Systeme, welches die Interaktion zwischen den verschiedenen Systemen zu verstehen versucht“ (360) zu verwirklichen und – hier mit Bezug auf die Beiträge zu Systemproblemen wie sie von Staub-Bernasconi benannt wurden- in eine entsprechende Methodik umzusetzen, welche z. B. die Aspekte der Ressourcenmobilisierung, Bewusstseinsbildung, Kulturveränderung, Sozialkompetenz, aber auch die Lösung von Machtproblemen realisieren kann. Anhand eines zentralen Fallbeispiels stellt der Autor „konventionelles“, d. h. monokausales und mehrdimensionales, also systemisch-orientiertes Vorgehen in Diagnostik und Therapieplanung gegenüber.

In einem eigenen Kapitel geht Ningel auf die „Relevanz der therapeutischen Methoden“ ein. Erwartet man hier die Bezugnahme auf die zentralen Erkenntnisse der Psychotherapieforschung mit ihren Erträgen zu schulenübergreifenden Aspekten und Wirkfaktoren und ihrer Bedeutung für die Beratungsarbeit und gesamte Klinische Sozialarbeit, wird man über die Vielfalt der Hinweise zur Kreativ- und Kunsttherapie, Musik- und Tanztherapie, Ergotherapie, sowie Sport- und Bewegungstherapie inkl. Reittherapie erstaunt, bzw. auch enttäuscht sein. Denn unerwähnt bleiben in diesem zentralen Kapitel (im Methodenkreis jedoch unverzichtbar) Integrative Suchttherapie, Methoden der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie, Sozialtherapie und die Hinweise aus der Milieutherapie, bzw. Fragen sozialtherapeutischer Gestaltung institutioneller Rahmenbedingungen, z. B. in geschlossenen Einrichtungen, sowie die besonderen Aspekte in der Arbeit mit „unfreiwilligen Klienten“, z. B. in Institutionen mit hohem Zwangscharakter, z. B. justiznahen Behandlungssettings (Bewährungshilfe, Sozialtherapeutische Anstalt, JVA). Ningel verweist auf die Nähe zwischen Einzel-Psychotherapie und der Einzelarbeit der Sozialen Arbeit. Er warnt davor, dass die Soziale Arbeit „nicht, wie oft in der Praxis beobachtbar, als Eklektizismus nach Belieben Module und Elemente verschiedener therapeutischer Konzepte beliebig“ (341) miteinander kombiniert, sondern Einzeltherapie als „begründetes, zielgerichtetes und in ein Gesamtkonzept eingebettetes Handeln auf dem Hintergrund der entsprechenden Zusatzqualifikation und Ausbildungen“ (ebd.) zu erfolgen habe. Welche Therapieformen und -methoden dafür in Frage kommen, bleibt das Kapitel schuldig und das auch in Bezug auf die umfangreich vorgestellten kreativ-, ergo- und bewegungstherapeutischen Ansätze.

In einem eigenen Kapitel werden abschließend Überlegungen zu einer ökologisch-orientierten Klinischen Sozialarbeit vorgestellt. Ningel geht hier zunächst auf den Aspekt der Lebensweltorientierung ein, verweist u. a. auf die Macht der lebensweltlichen Bezüge der Klientel Klinischer Sozialarbeit, welche es zu begleiten und zu gestalten gilt. Als besonderen Gestaltungs- und Lebensrahmen werden die Wohnformen „Betreutes Wohnen“, und „Betreute Wohngemeinschaft“, sowie das Umfeldgestaltende Konzept der Soziotherapie, welches jedoch im Umfang von nur einer Textseite lediglich angerissen wird.

Zum Schluss wendet sich Ningel der Frage der Perspektiven in der Methodik Klinischer Sozialarbeit zu. Zunächst greift er hier die zentralen Entwicklungsaspekte Sozialer Arbeit in den vergangenen 40 Jahren auf, z. B. die Abkehr von der Defizit- hin zur Ressourcenorientierung, die Entwicklung des sozio-psycho-somatischen Paradigmas, die Entwicklung von Case- und Sozialmanagement. All dies sei entwickelt und nun müsse „die Profession handeln“ (411) um einen angemessenen Platz im Bereich der Gesundheitsversorgung zu erkämpfen. Neben dieser Perspektive wird auf allgemeiner Ebene der wesentliche Aspekt sozialarbeiterischer Forschung benannt. Sozialarbeitsforschung (die hier allerdings nicht als klinische Forschung konzeptualisiert wird) müsse sich (dringend) mit der Interpretation der Lebenslagen und -welten ihrer Klientel und mit der Evaluation sozialarbeiterischer Praxis befassen, um die eigene Methodenlehre zu unterstützen, zur eigenen wissenschaftlichen Absicherung beizutragen und dadurch ihre praktische Bedeutung zu erhöhen. Daneben sei durch Supervision als spezifischer Beratungstechnik und Sozialmanagement die Qualität der erbrachten Leistungen zu optimieren. Insgesamt wirbt Ningel für einen langsamen, wohl überdachten Wandel Sozialer Arbeit i. S. einer Ausdifferenzierung der Disziplin und Profession durch Herausbildung einer Fachsozialarbeit. Sein abschließendes Credo dazu: „Die Soziale Arbeit benötigt eine Strategie des Bewahrens und Veränderns. Es sollten nicht vorschnell oder in zu großen Schritten Wissensbestände und Handlungskonzepte aufgegeben werden, aber gleichzeitig sollte sich eine Kultur der Neugierde und Offenheit entwickeln für die Innovationen, die nicht den Werten, Prinzipien und Normen der Sozialen Arbeit widersprechen…“ (414 f).

Zielgruppe

Der Band richtet sich an Praktiker und Studierende Sozialer Arbeit und kann in der Lehre als Nachschlage- und Einführungsband eingesetzt werden. Dabei erleichtert ein umfassendes Fallbeispiel, das sich als roter Faden durch das gesamte Buch zieht, das Verständnis der referierten Theorie- und Methodendarstellung.

Diskussion

Anliegen des Bandes ist, neue Handlungskonzepte, die eine lange Erfahrungsgeschichte integrieren, zu formulieren. Dabei ist der Rückgriff auf bewährte Methoden und Handlungsansätze in der Sozialen Arbeit unabdingbar. Ningel greift zentrale Methoden die jeder Sozialen Arbeit innewohnen auf und projiziert sie auf sein Konzept Klinischer Arbeit, die er hauptsächlich als „Soziale Arbeit im Gesundheitswesen“ definiert. Dabei wird deutlich, dass Klinische Sozialarbeit 1. auf die traditionellen Methoden nicht verzichten kann und 2. eine vertiefte Fachlichkeit in ihrem handlungswissenschaftlichen Paradigma benötigt. Entstanden ist so ein Buch, das -einmal mehr- den reichen methodischen Hintergrund Sozialer Arbeit hervorragend auffächert, erläutert und, mit Hilfe eines sich durch den gesamten Band ziehenden Praxisbeispiels, vorführt. Durch den stetigen Theoriebezug der vorgestellten methodischen Ansätze erfolgt gleichzeitig die wissenschaftliche Fundierung Klinischer Sozialarbeit. Zentrale Aspekte dieser Fachsozialarbeit (Gesundheitsbezug, Ressourcenorientierung, systemische Sichtweise) werden dabei definiert, wobei die Kontur der Klinischen Fachsozialarbeit, z. B. die Fokussierung auf beratungs- und psychotherapiewissenschaftliche Konzepte, die Konzeptionalisierung der klinischen direct practice, die spezifische Gestaltung der Hilfebeziehung, Fragen der Wirksamkeitsmessung und Evaluation etc. nicht immer in der notwendigen Schärfe herausgearbeitet werden. Sicher bezieht sich die Klinische Sozialarbeit immer auf das Methodenrepertoire grundlegender Sozialer Arbeit, allerdings wird die im klinischen Fachdiskurs aufgeworfene Frage nach der Notwendigkeit und Ausgestaltung einer „eigenen“ Methodik, etwa spezifischen Beratungsmethoden oder Theorie und Methodik der Sozialtherapie, auch die Soziale Psychotherapie nicht aufgegriffen. Der für die Disziplin Klinischer Sozialarbeit wichtige Bereich sozialwissenschaftlicher Forschungsmethodik schließlich bleibt, sieht man von einigen Hinweisen zur Selbstevaluation und Evaluation im Kontext des Qualitätsmanagements ab, völlig unberücksichtigt.

Hinsichtlich der Theorieansätze Klinischer Sozialarbeit bezieht sich Ningel vorwiegend auf die grundlegenden Arbeiten Pauls, allerdings auf dem Publikationsstand von 2004, so dass die Weiterentwicklung der Profession und Disziplin in ihrem umfassenden publizistischen Gehalt nicht nachvollzogen werden kann.

Fazit

Ningel legt mit den „Methoden der Klinischen Sozialarbeit“ ein umfassendes Kompendium traditioneller sozialarbeiterischer Methodik vor, deren Relevanz für die klinische Praxis vor allem in den umfangreichen Praxisdarstellungen gut erschlossen und nachvollziehbar wird. Methodische Innovationen Klinischer Praxis und Forschung, sowie die umfangreichen Theorie- und Praxisbeiträge der letzten Jahre werden in dem ansonsten gut recherchierten Band leider kaum berücksichtigt. Insgesamt eine gelungene Zusammenstellung, welche als Handbuch, Lehrbuch und Nachschlagewerk seinen Eingang in die Ausbildungsgänge (Klinischer) Sozialer Arbeit finden wird.


Rezensent
Dr. phil. Gernot Hahn
Dipl. Sozialpädagoge (Univ.), Sozialtherapeut
Klinikum am Europakanal Erlangen Forensische Ambulanz
Homepage www.gernot-hahn.de
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Zitiervorschlag
Gernot Hahn. Rezension vom 10.01.2012 zu: Rainer Ningel: Methoden der Klinischen Sozialarbeit. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2011. ISBN 978-3-8252-3542-0. Reihe: UTB - 3542. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12391.php, Datum des Zugriffs 13.12.2017.


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