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Jean-Claude Kaufmann: Sex@mour

Cover Jean-Claude Kaufmann: Sex@mour. Wie das Internet unser Liebesleben verändert. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2011. 195 Seiten. ISBN 978-3-86764-283-5. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 28,90 sFr.
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Thema

Das Thema des Buches wird anhand des Untertitels deutlich: „Wie das Internet unser Liebesleben verändert“. Damit geht es Kaufmann wieder einmal um die sog. „Hinterbühne“. Dieser französische Soziologe beschäftigt sich in seinen Büchern mit der Arbeit im Haushalt, mit unserer Vorstellung von uns Selbst, mit der Reaktion auf den nackten Busen am Strand oder eben, wie hier, mit dem Liebesleben von Menschen in einem (materiell, technisch) hochentwickelten Land wie Frankreich (oder auch Deutschland). Kaufmann schafft es dabei immer wieder, die Eigentümlichkeiten, Besonderheiten und das teilweise Geheimnisvolle oder Umwälzend-Revolutionäre an diesen doch recht alltäglichen Themen herauszuarbeiten.

Autor

Jean-Claude Kaufmann ist Soziologe am Centre National de la Recherche Scientifique der Universität Paris V – Sorbonne.

Entstehungshintergrund

Kaufmann bezeichnet dass vorliegende Buch als eine Fortsetzung seiner Veröffentlichung „Singlefrau und Märchenprinz“. In diesem Buch analysierte er die Erwartungen von Frauen „in Bezug auf die Liebe und die Schwierigkeiten, die sie neuerdings beim Eingehen einer Beziehung“ haben (S. 11). Die durch das Internet hervorgerufenen Veränderungen waren für ihn so bemerkenswert, dass er das Buch zunächst auf den neuen Stand brachte und in einer Neuauflage veröffentlichte. Aber er wollte auch herausarbeiten, wie sehr das Internet die persönlichen Begegnungen „im richtigen Leben“ (also nicht nur in unseren Vorstellungen und Träumen) revolutionierte. Darum geht es in dem vorliegenden Buch.

Aufbau und Inhalt

Nach Einleitung und Prolog („Im Netz“) geht Kaufmann in den drei großen Kapiteln auf sein Thema ein:

  1. „Im richtigen Leben“ (S. 23-82),
  2. „Lust und Gefühl“ (S. 83-132) und
  3. „Die Frauen, der Sex, die Liebe“ (S. 133-168).

Das Buch wird durch ein Schlusskapitel abgerundet, dem noch ein Anhang zur Methode, eine Bibliografie, die Anmerkungen und „Eine Auswahl sprechender Nicknamen und Blog-Titel“ folgen.

Das Buch beginnt wie ein (erotischer) Liebesroman: „Er ist da, wartet hinten in der Bar auf sie. Weder die Fotos hatten alles gezeigt noch die Webcam. Hier, ihm gegenüber, ist der Eindruck ein anderer, hier sprechen die Körper… . Jetzt wird sich alles entscheiden, das weiß sie… . Es reicht vielleicht nur für einen Drink, vielleicht für eine Nacht oder, wer weiß, sogar für das ganze Leben“ (S. 8).

Nur wenige Rituale des Sich-Kennenlernens scheinen die Zeit überdauern zu können. Hierzu gehört vielleicht der gemeinsam eingenommene Drink, viel mehr nach Kaufmann aber nicht. „Das Universum der Liebesbegegnungen hat sich zu Beginn des Jahrtausends abrupt gewandelt. Eine sanfte Revolution, ausgelöst durch zwei sehr unterschiedliche Phänomene: eine neue Bejahung der Sexualität durch die Frauen und die allgemeine Verbreitung des Internet“ (ebd.).

Das Kapitel „Im richtigen Leben“ beginnt mit der Schilderung einer Person mit dem Nickname „Trentenaire dans la jungle“ (übersetzt: „Frau in den Dreißigern im Dschungel“), die sich in einer Online-Kontaktbörse registriert hat. Schon nach wenigen Tagen im Chat gibt sie ihre Handy-Nummer weiter und verabredet sich mit einem Gesprächspartner zu einem „realen“ Treffen im Hotel. Kaufmann beschreibt solch´ eine Verabredung als ein spezifisches Ereignis mit offenem Ausgang (was in diesem Fall bedeutet, dass die Verabredung nicht stattfindet, weil der Kontakt-Börsen-Partner nicht zu dem verabredeten Termin erscheint, sondern es vorzieht, zur selben Zeit mit anderen „Opfern“ in der Kontakt-Börse Gespräche zu führen).

Solche und ähnliche Situationen werden in diesem Kapitel immer ´hautnah´ geschildert. Es geht Kaufmann dabei darum, die stattfindende „Revolution“ (S. 12) in der Art und Weise der Kontaktanbahnung empirisch („plastisch“) darzustellen: „Das Internet führt uns in eine ganz andere Epoche der Begegnung. Leicht und berauschend, aber voller Fallen, die die Liebe noch unwahrscheinlicher machen können“ (S. 12f).

Das Internet wird von Kaufmann auch als „neue Droge“ (S. 16) vorgestellt: „Es gibt eine Sucht, zwanghaft einmalige Kontakte zu sammeln“ (S. 17). Aber Kaufmann hat auch Weisheiten „auf Lager“ wie z.B. die, dass zu einer verpatzten Begegnung immer zwei gehören: „Von Anfang an, zum Beispiel, wenn ein kalter, distanzierter Kommunikationsstil die Geschichte so beginnen lässt, dass eine Fortsetzung unwahrscheinlich erscheint“ (S. 43).

Als nächstes nimmt Kaufmann sich die unterschiedlichen Logiken (und Techniken) vor, mit deren Hilfe sich Personen in der Kontaktbörse tummeln. So verstehe eine bestimmte Personengruppe ihre Aktivitäten in der Kontakt-Börse als „game“ und fühlt sich von einer leistungsorientierten Wettkampflogik getrieben (S. 65). Ein Leitmotiv für eine (Liebes-) Begegnung in einer ganz anderen Personengruppe hingegen sei „das Feeling“: Es führt diese Personen ganz intuitiv zu dem, was in einem bestimmten Moment sinnvoll ist (S. 67): Das allein zähle für diese Gruppe. Noch besser sei es, wenn dabei ein Gefühl der inneren Harmonie entstehe. Kaufmann beurteilt das alleinige Sich-Verlassen auf „das Feeling“ allerdings eher skeptisch: „Da es aus komplexen, unsicheren mentalen Inhalten resultiert, gibt es nichts Instabileres als das Feeling. Insbesondere in der Liebe“ (ebd.).

Kaufmann ist Empiriker genug, um solche Aussagen nicht einfach unbegründet in den Raum zu stellen. Nein: Mit Referenz auf ein anderes seiner Bücher (Kaufmann, J.C., 2009: L´étrange histoire de l´amour heureux, Paris) belegt er Aussagen wie diese (S. 67), was u.a. den enormen Reiz seiner Veröffentlichungen ausmacht.

Es folgt ein überaus lesenswerter historischer Teil zur Entwicklung des sog. „dating system“, welches seinen Ausgang in den USA der 20´er Jahre hatte und „so etwas wie eine Revolte gegen die Generation der Eltern und … sicherlich eine der ersten Manifestationen einer autonomen Jugendkultur“ (S. 76) darstellte.

Im zweiten großen Kapitel „Lust und Gefühl“ beleuchtet Kaufmann das, was nach den ersten virtuellen und realen Kontakten stattfinden kann (S. 85ff). Eine in den Diskussionsforen häufig diskutierte Frage sei jene, ob man/frau gleich am ersten Abend miteinander schlafen sollten. Hierzu werden die unterschiedlichsten Meinungen und Ratschläge aus den Kontaktforen wiedergegeben. Kaufmann stellt diesbezüglich fest, dass es im Internet von stereotypen Beschuldigungen nur so wimmelt. Seiner Meinung nach ist dies darauf zurückzuführen, dass die Chats und Foren die neuen Orte sind, an denen man versucht, eine gewisse Moral zu definieren (was ohne klare Meinungen unmöglich ist) (S. 94).

Und weiter geht es bei Kaufmanns Charakterisierung der „leisen Revolution“, die sich in Liebesdingen seit Beginn des dritten Jahrtausends vollzieht: Danach habe Sex heute die Tendenz, etwas Einfaches, Normales, Lustiges zu werden. Eine Art Freizeitbeschäftigung. Sehr angenehm und sofort zu haben (S. 101).

Der angst- und machtbesetzte Aspekt der (bzw. genauer: des Redens über) Sexualität, wie er von Foucault (z.B. in Foucault, M.: Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit, Merve Verlag 1978) so eindrücklich beschrieben wurde, fällt in Kaufmanns Charakteristik anscheinend weg. In guter französischer Tradition beschreibt er diese neue, leichte Ebene sexueller Erfahrung, die wir gerade erleben, gar als „wahre Subversion“ (S. 103). Sie liege „in der Banalität einer neuen, aufregenden, aber ungefährlichen Freizeitbeschäftigung, bei der das Spiel nicht nur darin besteht, dass man die Haut des anderen entdeckt, sondern auch persönliche Welten, die sich für kurze Zeit aufs Intimste durchdringen“ (ebd.).

Ganz so idyllisch, das gibt Kaufmann später selber zu, ist die Realität jedoch nicht. Der Sex als banalisierte Freizeitbeschäftigung öffnet ein weites Feld mit vielfältigen Positionierungen, die in sehr unterschiedlicher Weise von der Idee der Lust und des Spiels beseelt sind (S. 109). So kann die gemeinsam erlebte Erotik in egoistische Pornographie umschlagen, „in „organische Lust, die den anderen zum Objekt macht und dazu beiträgt, dass selbst die Vorstellung, menschlich zu sein, zerstört wird…“ (S. 109, unter Berufung auf Michela Marzano).

Auch die bereits angedeutete, vom „sportlichen Ehrgeiz“ beseelte Gruppe wird in diesen Zusammenhang eingeordnet: „Nick hat zum Beispiel ausgerechnet, dass 77,7 Prozent seiner Begegnungen (welch´ bewundernswerte Präzision) am Tag des ersten Dates im Bett endeten und dass 55,5% One-Night-Stands waren“ (S. 112f). Merke: „Je einfacher es ist, eine Bekanntschaft zu machen, desto weniger Bedeutung hat die Gesamtzahl“ (S. 113).

Im dritten und letzten großen Kapitel unterzieht der Verfasser seine Analyse einer deutlichen Bewertung. Er schreibt: „Das Streben nach radikaler Autonomie und Freiheit stellt in Wirklichkeit nur den Teil des Netzes dar, der am deutlichsten ins Auge springt, der sehr aktiv ist, aber sein Gegenteil kaschiert: die Schaffung neuer Normen inklusive schonungsloser Urteile“ (S. 135). Die plumpen Stereotypen der Vergangenheit kommen in neuem Gewand/Kontext wieder hervor: Männer bleiben Männer (Überschrift auf S. 137), d.h. verlieben sich leichter, können Liebe und Familie viel einfacher voneinander trennen als Frauen und jagen rein sexuellen Abenteuern weiterhin mehr nach als Frauen (S. 135f).

Trotzdem scheint ein großer Teil der Internet-Kontaktbörsen-Welt auf die jungen, radikal-freiheitsliebenden Frauen aufzubauen. Websites schlagen Männern vor, bloße Konsumobjekte zu werden und ihr (blendendes) Profil zu präsentieren, bis eine Frau darauf stößt und es anklickt. Leider, so ein betroffener Mann bedauernd, konnten die Frauen mit ihren auf diese Weise erzielten „Eroberungen“ nicht umgehen: Entweder sie verhielten sich noch schlimmer als die Männer oder die jungen Frauen warteten auf die Initiative des angeklickten Mannes im Warenkorb (S. 142).

Für Frauen sei es – auf Dauer – viel komplizierter, Sex als reine Freizeitbeschäftigung zu betrachten: „Im Unterschied zu den Männern, die seit Jahrhunderten nur mit einem Fuß in der Familie stehen und den anderen draußen behalten, engagieren sich Frauen dort voll und ganz, werden zum Dreh- und Angelpunkt der Institution“ (S. 161).

Im Schlusskapitel fasst Kaufmann seine Thesen zusammen. Danach konnte sich Sex als Freizeitbeschäftigung nicht wirklich etablieren und stabilisieren. Das Internet und seine Kontaktbörsen mit ihren vielen (potentiellen) Möglichkeiten hätten die Konfusion zwischen Liebe und Sex nur verstärkt. Sex sei nach wie vor keine Freizeitbeschäftigung wie jede andere (S. 170).

Solche Erkenntnisse würden vor allem auch von Frauen gemacht. Sie seien hin- und hergerissen zwischen den emanzipatorischen Bestrebungen, Hindernisse zur sexuellen Gleichberechtigung aus dem Weg zu räumen und ihren Traum von einer Gefühlsbindung zu verwirklichen: „Denn das Gefühl hat heute eine immer größere subversive Reichweite“ (S. 170).

Subversiv in diesem Zusammenhang bedeutet, dass das Gefühl in etwas hineinführt, das zum Abenteuer eines ganzen Lebens werden kann: „Die Erfindung einer eigenen Welt, die nach anderen Regeln als denen der egoistischen Berechnung funktioniert“ (S. 171). Kaufmann nennt eine solche Idealsituation das „Haus des kleinen Glücks“.

Die Speerspitze dieser sanften Revolution tragen die Frauen: „Eine Schulter zum Anlehnen, ein aufmerksames Ohr, ein liebevoller Blick werden auf Dauer im alltäglichen Leben gebraucht. Das kann allein das „Haus des kleinen Glücks“ wirklich geben. Und um dieses Haus zu bauen, muss man sich binden“ (S. 172).

Diskussion

Es macht nicht nur Spaß, die Bücher von Kaufmann zu lesen, es ist darüber hinaus auch äußerst lehrreich. In seinen Thesen und Gedanken ist Kaufmann sehr nahe dran an wichtigen Themen unseres Alltags. Dazu trägt seine Vorgehensweise bei, die darauf beruht, die aktuelle Analyse immer auch auf empirischen Daten aufzubauen. So sind seine Schilderungen immer erfahrungsgesättigt und – in Anbetracht des latent immer vorhandenen, aber in der Öffentlichkeit nur äussert selten direkt angesprochenen Themas – erkenntnisevozierend.

Fazit

Wieder einmal hat der Verfasser ein überaus empfehlenswertes Buch vorgelegt. Lesenswert!


Rezension von
Prof. Dr. Joachim Thönnessen
Hochschule Osnabrück Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften
Tätigkeitsfelder: Unterricht in den Bereichen Methoden der empirischen Sozialforschung, Kulturelle Diversität, Soziale Randgruppen, Soziale Milieus; Forschung in den Bereichen Illegale Drogen und Biographie, Soziale Netzwerke, Bedingungsloses Grundeinkommen
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Zitiervorschlag
Joachim Thönnessen. Rezension vom 26.01.2012 zu: Jean-Claude Kaufmann: Sex@mour. Wie das Internet unser Liebesleben verändert. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2011. ISBN 978-3-86764-283-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12393.php, Datum des Zugriffs 10.05.2021.


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