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Björn Migge: Handbuch Business-Coaching

Cover Björn Migge: Handbuch Business-Coaching. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2011. 311 Seiten. ISBN 978-3-407-36463-0. 39,95 EUR.
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Thema

Der Boom des Beratungsformates Coaching ist ungebrochen: Die Zahl von Ausbildungen steigt und damit auch die Zahl derer, die als Coaches firmieren. Die Zahl der Verbände steigt ebenfalls und damit die Zahl verbandseigener Standards und Qualitätskriterien. Vor einer Weile hat Sabine Asgodom in ihrem Internetmagazin „Coaching heute“ einen Artikel unter der Überschrift „Give Coaching away“ veröffentlicht. Ihr Appell lautet, Coaching nicht wie ein elitäres Geheimwissen zu horten, sondern es weiterzugeben an diejenigen, die Coaching brauchen und die Coaching einsetzen: „Jeder Mensch kann Coach sein – und jeder Mensch sollte es auch sein!“ Es geht, so die Autorin, um eine „Demokratisierung“ von Coaching.

Das ist meines Erachtens ein Prozess, der längst im Gange ist: Coaching ist ausgezogen aus der Nadelstreifenzone in die Arbeitswelten verschiedenster Berufsgruppen. Gewiss bleibt es ein Beratungsformat vor allem für Menschen in Führungspositionen. Das ist aber keineswegs mehr nur der Topmanager im Bereich Handel, Banken und Industrie, sondern auch der Geschäftsführer einer diakonischen Einrichtung, die Leiterin eines größeren AWO-Bezirkes, die Heimleiterin einer großen Altenpflegeeinrichtung – und selbst PfarrerInnen gönnen sich mittlerweile, wenn sie sich auf eine neue Pfarrstelle bewerben, ein Coaching.

Kein Wunder, dass eine solche „Demokratisierung“ von Coaching im Gegenzug den Coaching-Adel auf den Plan ruft. Wie kann man unter diesen Umständen noch den Nimbus „Coach“ retten, der doch einmal so schmückend gewesen ist? Ganz einfach: Man fügt dem Namen ein Adelsprädikat hinzu: Top-Level-Coach, Seniorcoach – oder eben: „Businesscoach“. Und wenn man, wie Björn Migge, einmal ein „Handbuch Coaching und Beratung“ (vgl. die Rezension) geschrieben hat, dann schreibt man eben nun ein „Handbuch Business-Coaching“. „Give Coaching away but keep the nimbus…“ So recht habe ich nie verstanden, wie man Businesscoaching vom „normalen“ Coaching unterscheidet, und das ist mir auch nach der Lektüre von Migges Buch nicht sehr viel klarer geworden. Aber damit bin ich schon bei der Diskussion, deshalb zunächst einmal zu den Inhalten des vorliegenden Bandes.

Autor

Björn Migge hat Medizin und soziale Verhaltenswissenschaft studiert und dann als Arzt und Dopzent in Zürich gearbeitet. In Minden hat er später das Weiterbildungsinstitut Dr.Migge-Seminare® gegründet, wo er in Präsenzkursen und in Fernlehrgängen unter anderem auch Coachingweiterbildungen anbietet. Nähere Informationen zu Person und Tätigkeit finden sichauf seiner Webseite www.drmigge.de.

Aufbau und Inhalt

Nach einem kurzen Vorwort beginnt der Band mit einem ersten Kapitel: Orientierung. Hier geht es um Definitionen und Abgrenzungen des Formates Coaching, um die Geschichte dieses Formates, um Ausbildungen, um Ethik und den Kontext von Coaching in Organisationen. Migge gibt hier auch eine Definition von „Businesscoaching„: „Das Personalentwicklungsinstrument Business-Coaching ist die individuelle Beratung, Begleitung und Unterstützung von gesunden Personen mit Führungs- und Steuerungsfunktionen in Organisationen. Es ist auch die Beratung von Selbständigen und Experten. Hierbei geht es um die auftrags- und zielgebundene Entfaltung individueller mentaler und sozialer Schlüsselkompetenzen und konkreter Strategien zur Erfolgsverbesserung.“ (S. 10)

Ein zweites Kapitel führt direkt in die Coachingpraxis, nämlich in die “Prozessgestaltung“. Hier tauchen die Klassiker jeder Coachingweiterbildung auf: Welche (idealtypischen) Verläufe weisen Coachingprozesse auf, was ist der Unterschied zwischen Experten- und Prozessberatung, wie sieht eine saubere Auftragsklärung aus, wie werden Interventionen geplant und durchgeführt bis hin zum abschließenden Praxistransfer.

Kapitel 3 heißt: Interventionsverfahren und Methoden. Es steigt gleich recht steil ein, nämlich beispielsweise mit einer Übung „Tiefenpsychologische Abwehrmuster des Coachs“, referiert dann unterschiedliche Interventionsebenen, um sich dann verschiedenen Interventionsstrategien zu widmen, zunächst den „Lösungsorientierten Interventionen“, einem der Schwerpunkte des Buches. Es folgen die Schilderungen weiterer Interventionsverfahren: den aus der Verhaltenstherapie heraus entwickelten kognitiv-emotionalen Interventionen, den aus der Hypnotherapie stammenden Verfahren imaginativer und intuitiver Interventionen und schließlich den handlungsorientierten und systemischen Interventionen.

Das abschließende vierte Kapitel stellt den Zusammenhang von Selbst- und Mitarbeiterführung her. Es fragt „Was ist Führung?“ und stellt dann zentrale Begriffe wie „positives Leben“, „Werte“, „Glück“, „Spiritualität“, „Persönlichkeit“, „Charisma und Würde“, „Resilienz“, „Salutgenese“ und „Burnout“ in den Mittelpunkt – und damit in der Tat wesentliche Themen der gegenwärtigen Diskussionen im Fach Coaching.

Der Anhang gibt noch einmal einen Überblick über das Gelernte und resümiert: „Damit können Sie nun ‚mitreden‘ und auch schon vieles in der Praxis anwenden.“ Es folgen ein kommentiertes (und damit sehr wertvolles!) Literaturverzeichnis, ein Stichwort- und ein Personenverzeichnis.

Diskussion

Dass Björn Migge gute Lehrbücher schreibt, hat er bereits mit dem oben genannten Handbuch bewiesen. Es ist deutlich zu spüren, dass er selbst sowohl in der Ausbildung von Coaches tätig ist als auch in eigener Praxis als Coach. Er selbst weist darauf hin, dass sich sein „Verbundstudium Personal- und Business-Coach“ und das „Handbuch Business-Coaching“ gegenseitig ergänzen. Diese Verschränkung von Praxis und Weiterbildung tut dem Buch gut, seine Praxisrelevanz wird auf jeder Seite deutlich. Andererseits wird das Buch gelegentlich den Charakter einer Sammlung von Ausbildungspapers auch nicht ganz los, und nicht alles ist durch eine innere Logik miteinander verbunden. Und anderes steht dann eben da, weil es eben noch einmal da stehen muss, wie z.B. das unvermeidliche SMART-Modell zur Zielschärfung. Ist es denn nun doch ein Anfängerbuch? Oder ein weiterführendes Buch, das eine spezielle Qualifikation über basale Coachingkenntnisse hinaus anzielt? Das wird mir nicht recht klar.

Eine Stärke von Migge war es schon in seinem ersten „Handbuch“, dass er das Kapitel Ethik nicht übergeht. Das wiederholt sich in dem vorliegenden Band. Die Ethikdiskussion wird seit längerem im Fach Coaching immer wieder geführt. Migge hätte dazu vieles zu sagen – mehr als in den angemessen begrenzten Kapiteln eines Handbuches abzubilden ist. Bei der Lektüre ist es hilfreich, auch die Aussagen, die Migge im vierten Kapitel macht, als Beiträge zur Ethikdebatte zu lesen! Hilfreich finde ich seinen Hinweis auf die Notwendigkeit einer „kontinuierlichen Qualitätsverbesserung des Coachs“ (S. 95f): Er empfiehlt Einzelsupervision und kontinuierliche Weiterbildung. Das möchte ich deutlich unterstreichen: Coaching ist ein Prozess – und Coachsein auch!

Mir kommt Migge sehr entgegen mit seiner kritischen Haltung gegenüber Coaching-„Tools“. Er schreibt: „Viele dieser Tools finde ich persönlich sehr oberflächlich, einige sogar dumm, wenn sie unabhängig von einer Theorie oder Anwendungswissenschaft als ‚reine Technik‘ daherkommen.“ (S. 100) Drei Ausrufezeichen am Rand! Das ist das Wohltuende bei Migge, dass er von Methoden spricht statt von Tools. Der Unterschied besteht darin, dass Methoden stets eingebettet sind in den Kontext eines komplexen (praxis-)theoretischen Konzepts wie des lösungsfokussierten Ansatzes, der Verhaltenstherapie oder anderer Beratungs- und Therapieformen. Hier kennt sich der Autor gut aus – und argumentiert gelegentlich an überraschenden Fronten: So verteidigt er etwa die Trancearbeit der Hypnotherapie gegenüber christlich-pietistischen Kreise, die hier schnell dunkle Magie am Werk sehen. Darauf kommt auch nicht jeder.

Die unterschiedlichen Interventionskonzepte werden sehr breit dargestellt. Da ist es hilfreich, dass Migge feststellt: „Die dargestellte Praxis in diesem Buch soll kein Kochrezept für Anfänger sein, sondern lediglich eine Idee anregen und einen Überblick darüber verschaffen, mit welchen Methoden gearbeitet werden kann.“ (S. 185) Dieser Hinweis ist zwar gut versteckt, aber gleichwohl wichtig, denn Coaching ist, wie andere Beratungsformate auch, nicht aus Büchern zu lernen, sondern nur in der Kombination von eigener Lektüre, supervidiertem Üben, kollegialem Austausch, lehrenden Vorbildern etc.

Angesichts des Titels „Handbuch Business-Coaching“ kommen genuine Businessthemen recht kurz. Ein neunseitiger Abschnitt im ersten Kapitel ist der „Organisationswirklichkeit“ gewidmet und entfaltet die Grundthese: „Coaching vermittelt an der Schnittstelle von Mensch und Organisation“. Weitere zwanzig Seiten befassen sich mit dem Thema Führung – auch das ist kein für das Business reserviertes Thema. Und alle anderen Themen sind nur sehr locker mit „Business“ verknüpft, so dass sich die Frage stellt, ob der Buchtitel nicht selbst ein Teil „Business“ ist: eben Marketing. Marketing ist nicht ehrenrührig, aber hätte es nicht auch gereicht, das gut gemachte Buch als Band 2 des Handbuchs Coaching und Beratung zu veröffentlichen? (Unter dem Titel „Business-Coaching“ schwebt mir persönlich eher eine Arbeit wie beispielsweise die von Astrid Schreyögg, „Coaching für die neu ernannte Führungskraft“ vor, die wirklich ein zentrales Feld von Coaching im Businessbereich thematisiert und in diesem Kontext grundlegende Arbeitsweisen des Beratungsformates aufzeigt.)

Das alles schmälert nicht die Qualität der Arbeit von Migge. Nur glaube ich eben, es fügt dem Coaching nichts Wesentliches hinzu, ob es nun im Business oder beispielsweise im Non-Profit-Bereich stattfindet: Menschen bleiben Menschen, Konstellationen bleiben Konstellationen, Lösungen bleiben Lösungen. Nur der Kontext ändert sich ein wenig, das ist aber in jedem Arbeitsfeld der Fall, und dennoch würde ich mich gegen Sozial-Coaching, Schul-Coaching, Handwerks-Coaching etc. wehren. Bindestrich-Formate sind selten hilfreich, sie neigen dazu, vom Wesentlichen abzulenken. Mit diesem demokratischen Vorbehalt gegenüber Adelsprädikaten lautet das Fazit gleichwohl: Ich habe das Buch mit einigem Gewinn gelesen!

Fazit

Eine gute Ergänzung des „Handbuches Coaching und Beratung“ und eine reiche Fundgrube an Perspektiven und methodischen Zugängen!


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 08.11.2011 zu: Björn Migge: Handbuch Business-Coaching. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2011. ISBN 978-3-407-36463-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12398.php, Datum des Zugriffs 23.07.2019.


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