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Anton A. Bucher: Geiz, Trägheit, Neid & Co. in Therapie und Seelsorge

Cover Anton A. Bucher: Geiz, Trägheit, Neid & Co. in Therapie und Seelsorge. Psychologie der 7 Todsünden. Springer (Berlin) 2011. 280 Seiten. ISBN 978-3-642-04906-4. 29,95 EUR, CH: 40,50 sFr.
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Thema

Todsünden sind, neben ihrer Banalisierung durch die Werbung und Fiktionalisierung in Literatur und Film, ein wiederentdecktes und wiederzuentdeckendes altes Thema der Lebensführung. Ursprünglich eine Referenz christlicher Selbst- und Seelsorge mit moralischem Anklang wird das Thema inzwischen essayistisch nicht nur von Theologen (Klaus Hofmeister/Lothar Bauerochse: Geil & geizig. Die Todsünden als Gebot der Stunde. 2004; Hermann J. Zoche: Die sieben Todsünden unserer Zeit. Die große Gier nach mehr. 2008), sondern auch von Historikern (Aviad Kleinberg: Die sieben Todsünden. 2010), Psychologen (Anne Maguire: Die dunklen Begleiter der Seele. Die Sieben Todsünden psychologisch betrachtet. 1996; Heiko Ernst: Wie uns der Teufel reitet. Von der Aktualität der 7 Todsünden. 2011) und Soziologen (Gerhard Schulze: Die Sünde. Das schöne Leben und seine Feinde. 2006) aufgegriffen. Das vorliegende Buch ist das aktuellste Beispiel einer psychologischen Thematisierung. Mit den Todsünden findet inzwischen auch die entsprechende Tradition christlicher Spiritualität, angestoßen durch Gertrude und Thomas Sartory (Lebenshilfe aus der Wüste. Die alten Mönchsväter als Therapeuten. 1980), wirkmächtig aufgegriffen durch den Benediktiner Anselm Grün, ihre Beachtung.

Autor

Anton Bucher, 1960 in der Schweiz geboren, ist nach einem Studium der Theologie und Pädagogik an der Universität Fribourg in Religionspädagogik an der Universität Mainz promoviert und habilitiert und an der Universität Fribourg in Erziehungswissenschaft ein zweites Mal habilitiert worden. Er ist Professor für Religionspädagogik an der Universität Salzburg. Bucher hat schon beachtliche 19 Monographien zu Themen im Schnittfeld von Pädagogik, Psychologie und Theologie geschrieben.

Aufbau

Das Buch besteht aus einem allgemeinen Kapitel „Die Sieben Todsünden“ und sieben Kapitel zu den sieben Kapiteln zu den Todsünden Geiz/Habgier, Neid, Völlerei, Stolz/Hochmut, Zorn, Trägheit und Wollust. Im ersten Kapitel stellt Bucher die Relevanz, Tradition und psychologische Studien zu den Todsünden insgesamt vor. In den restlichen Kapiteln unterzieht er jede einzeln Todsünde einer allgemein-, differential-, entwicklungs-, evolutions- und klinisch-psychologischen Untersuchung.

Inhalt

„Was aussteht, ist eine ‚Psychologie der Sieben Todsünden‘, die empirisch fundiert ist und weniger Ratschläge erteilen und schon gar nicht ‚predigen‘ will…“ (VII). Diese Lücke will Bucher schließen. Er versteht Todsünden, durchaus in der Tradition bis zur Renaissance, nicht als Sünden (lat. peccata). Da „Sünden“ eigentlich als verwerfliche Handlungen zu verstehen sind, seien hier stattdessen Haltungen gemeint: „verwerfliche Neigungen“ (7) bzw. Laster (lat. vitia). Ob diese vergleichbar zum Status der Todsünde (peccatum mortale oder capitale) und im Unterschied zur lässlichen Sünde (peccatum veniale) als entsprechend schwerwiegend eingeordnet werden müssen, lässt der Autor offen. In der Tradition wurden sie individualethisch (gutes Leben) gesehen und galten als Hauptlaster (vitia principalia oder capitalia). Todsünden wurden, ergänzend gesagt, bis zur Renaissance hauptsächlich sozialethisch (moralisch richtiges Leben) und als Verfehlungen gegen die zehn Gebote verstanden, allen voran als Götzendienst gegen das 1. Gebot (Du sollst keine anderen Götter haben neben mir), als Mord gegen das 5. Gebot (Du sollst nicht töten) und als Ehebruch gegen das 6. Gebot (Du sollst nicht ehebrechen).

Die sieben Todsünden werden, von einzelnen Vorläufern abgesehen, bis zu Evagrios Pontikus (345-399) zurückverfolgt, einen der sogenannten Mönchsväter, die im 4. Jahrhundert n. Chr. als Eremiten in die ägyptische Wüste zogen. Dieser griechischsprachige Mönch, der insbesondere im orientalischen Christentum der armenischen, syrischen und koptischen Kirche als Kirchenvater verehrt wird, hatte acht Hauptlaster postuliert. Johannes Cassian (ca. 360-430) hat diesen Katalog für das lateinische Abendland bekannt gemacht, Papst Gregor der Große (540-604) auf sieben Laster reduziert und über das mönchische Leben hinaus popularisiert. Der Neid kam hinzu, während die Traurigkeit (lat. tristitia) unter die Trägheit und die eitle Ruhmsucht (gr. cenodoxia, lat. vana seu inanis gloria) unter den Stolz/Hochmut subsummiert wurden. Isidor von Sevilla (560-636) hat mit seiner Enzyklopädie und später Dante Alighieri (1265-1321) in seiner „Göttlichen Komödie“ die Siebenzahl kanonisiert.

Bis heute kam es zu einer Umwertung der Todsünden. „Die Humanwissenschaften, insbesondere die Psychologie … transformierten Todsünden in menschliche Bedürfnisse und rechtfertigten sie als ‚natürlich‘ …“ (8) Und der Stolz/Hochmut, der in der Tradition noch als verwerflichstes Laster galt, ist auf den vierten Rang gerutscht. Die ersten drei Plätze belegen nach einer eigenen Studie des Autors Geiz/Habgier, Neid und, ganz im Sinne des herrschenden Schlankheitsideals, Völlerei. Die Kapitel des Buches folgen der von Bucher konstatierten quantitativen Gewichtung.

Da es zu weit führen würde, die folgenden Kapitel en detail zu referieren, beschränke ich mich jeweils nur auf Bemerkungen Buchers zur Phänomenologie der Todsünden. Die traditionellen lateinischen und griechischen Bezeichnungen habe ich hinzugefügt.

Geiz/Habgier (gr. filargyria, lat. avaritia). Bucher beschreibt mit Aristoteles Geiz als „Mangel im Geben“ und Habgier als „Übermaß in Nehmen“ (23). Da Geiz und Habgier meist zusammen auftreten, sind sie zu einer Todsünde verschmolzen worden. In der Psychopathologie sind zwanghaftes Horten und Kaufsucht entsprechende Äquivalente.

Neid (lat. invidia). Neid wird oft mit Missgunst, Eifersucht und Schadenfreude in Verbindung gebracht. Während der Neider etwas, das ein anderer besitzt, haben möchte, verfügt der Missgünstige schon darüber und gönnt es diesem nur nicht. In durchaus vorkommenden wohlwollenden Varianten des Neids gönnt der Neider dem Beneideten seinen Besitz. Der Unterschied des Neids zur Eifersucht liegt darin, dass für diese drei Personen, für den Neid nur zwei konstitutiv sind. Schadenfreude ist oft eine positiv erlebte Folge von Neid.

Völlerei (gr. gastrimargia, lat. gulae concupiscentia). Die Völlerei bzw. Gefräßigkeit findet ihr psychopathologisches Korrelat im Binge-Eating bzw. zwanghaftem Heißhunger, der jemand immer wieder wie eine Fressattacke überfällt. Ihm entspricht das Binge-Drinking bzw. unkontrollierte Rauschtrinken.

Stolz/Hochmut (lat. superbia). Bucher unterscheidet „angemessenen“ und „hybriden Stolz“. Der erste basiert auf eigener Leistung und wird positiv gewürdigt, der zweite und negativ bewertete auf einem Privileg, das einem bloß zugefallen ist. Der „vikarisierende Stolz“ auf Mitmenschen, z.B. der Eltern auf ihre Kinder, gilt als angemessen. „Hochmut“ versteht der Autor als Synonym für „Stolz“, Narzissmus als selbstverliebten Stolz. Zur Schau getragener Stolz gilt als Überheblichkeit bzw. Arroganz, wenn der Grund beachtenswert, als Eitelkeit (lat. „vanitas“, engl. „vanity“), wenn er „leer“ und „hohl“ ist.

Zorn (lat. ira). Zorn ist schwer von Ärger und Wut abzugrenzen. Bucher versucht es, indem er Zorn für heftiger als den steten Ärger und für klarer als die blinde Wut erklärt. Zorn könne sich obendrein nur gegen Menschen, Wut aber auch gegen Sachen wenden. Zorn, so würde ich ergänzen, ist eine Angriffs-, Ärger eine Abwehremotion.

Trägheit (lat. acedia; anxietas sive taedium cordis). Trägheit ist diejenige Todsünde, die am schwierigsten zu verstehen ist. Bucher leistet dem Missverständnis der Trägheit als Faulheit Vorschub, indem er diese als einen Aspekt der Trägheit deklariert. Besser trifft wohl der zweite Aspekt: Schwermut bzw. Gleichgültigkeit, traditionell auch „Trägheit des Herzens“ genannt. Die Bezüge zur klinischen Depression liegen auf der Hand, zumal die bei Evagrios Pontikus noch gesonderte Traurigkeit seit Gregor dem Großen in der Trägheit aufgegangen ist.

Wollust (lat. fornicatio). Auf den ersten Blick noch, auf den zweiten aber nicht mehr einfach zu verstehen ist die Wollust. Bucher verhandelt sie pathologisch als „Sexsucht“ und bringt noch sadomasochistische und kriminelle Varianten der Sexualität ins Spiel. Die veraltet und verklemmt klingenden Wörter „Unkeuschheit“ und „Unzucht“ spart er aus. Damit kann er zwar die moralischen, mehrheitlich kirchlichen Themen des vorehelichen, ehebrecherischen, gleichgeschlechtlichen oder käuflichen Geschlechtsverkehrs umgehen. Er verschenkt aber den Blick auf qualitative Aspekte der Sexualität, die sich auf das Phänomen der Scham beziehen: als Schamhaftigkeit oder Offenherzigkeit, als Schamlosigkeit oder Verschämtheit.

Diskussion

Bucher beschränkt seine Psychologie der Todsünden bewusst auf empirische Zugänge und eine theoretische Orientierung. Dazu referiert er eine Vielzahl psychologischer Studien, insbesondere aus dem angelsächsischen Sprachraum, und mit ihnen eine große Spannbreite verschiedenster Erkenntnisse. Das ist zweifellos eine Stärke des Buches – aber gleichzeitig auch seine Schwäche. Bucher verzichtet erstens, von Ausnahmen abgesehen, darauf, durchaus erhellende spekulative Zugänge und eine klinisch-praktische Orientierung in seine Psychologie einzuschließen. Zweitens spart er psychologische Überlegungen zu den Todsünden insgesamt aus.

Die Tiefenpsychologie, die mehr spekulativ und klinisch ausgerichtet ist, hätte durchaus etwas zu einer Psychologie der Todsünden beizutragen. Das gilt ganz besonders für die Neopsychonanalyse von Karen Horney (1885-1952) über Harald Schultz-Hencke (1892-1953) und Erich Fromm (1900-1980) bis zu Josef Rattner (1928). Interessant ist zudem, dass diese Tradition an die philosophische Ethik in der Form der Tugendethik anschlussfähig ist, was Fromm (Man for himself. An Inquiry into the Psychology of Ethics, 1947) und Rattner (Tugend und Laster. Tiefenpsychologie als angewandte Ethik, 1988) näher ausgeführt haben.

Überlegungen zur Frage der Todsünden insgesamt könnten sich beispielsweise auf die Systematik der Todsünden beziehen. Evagrius Pontikus hatte noch, wie Bucher auch erwähnt, gemäß der platonischen Psychologie physische (Völlerei, Wollust; Geiz/Habgier), emotionale (Zorn, Traurigkeit, Trägheit) und kognitive (Ruhmsucht, Stolz/Hochmut) Todsünden unterschieden, lokalisierbar in Bauch, Brust und Kopf. Gregor der Große kannte nur noch geistige und fleischliche Sünden. Zu den letzteren zählte er Völlerei und Wollust. In anderer Weise hat jüngst Heiko Ernst Sünden-Paare gesehen: Völlerei und Wollust, Hochmut und Neid und Habgier und Trägheit. Übrig bleibt der Zorn. Es wäre auch denkbar, dass die acht Todsünden nach Evagrios Pontikus mit ihrer Differenzierung von Trägheit und Traurigkeit und von Stolz/Hochmut und Ruhmsucht dem Verständnis psychischer Dynamik angemessener sind. Ergänzt um den Neid, den Gregor der Große hinzufügte, ergäbe sich eine Zahl von neun Todsünden, zu der es in der Tradition der Mönchsväter eine Vorlage der sogenannten „Logismoi“ (Gedanken) gibt: Völlerei, Wollust und Geiz/Habgier (physisch), Zorn, Trägheit und Traurigkeit (emotional) und Stolz, Neid und Ruhmsucht (kognitiv). Mit neun Todsünden und fast genau diesen spielt auch die persönlichkeitspsychologische Deutung des Enneagramms durch Oscar Ichazo. An die Stelle der Angst rückt bei ihm die Angst.

Ein Bezug auf die traditionelle Tugendethik hätte vielleicht zu Tage gebracht, dass dort hinter den sieben Todsünden ein einziges Hauptlaster steht: Maßlosigkeit. Dann wäre in Anlehnung an Aristoteles auch deutlich geworden, dass jeder Todsünde im Umschlag eine zweite und gegenteilige Maßlosigkeit entspricht und beide zu Tugenden des Maßes transformiert werden können. So korrespondiert der Geiz in seiner negativen Bewertung mit der Verschwendung, während er positiv in Sparsamkeit und die Verschwendung in Großzügigkeit verwandelt werden kann. Stolz, um ein anderes Beispiel zu nennen, gilt als die positive Variante des Hochmuts, dem wiederum die Demut im kriecherischen Sinne entgegensteht, die als Bescheidenheit aber einen guten Klang hat. So gesehen würden vierzehn Lastern vierzehn Tugenden entsprechen. Und während die Tugend(en) des Maßes im Konzert der vier platonischen Kardinaltugenden auf den Menschen selbst, die Kultivierung seiner inneren Ordnung bzw. die „Ruhe des Gemüts“ (Thomas von Aquin) abzielt (vgl. emotionale Intelligenz, Emotionsregulation) und auf die anderen Tugenden vorbereitet, gilt die Tugend der Klugheit der Erkenntnis, die Tugend der Gerechtigkeit der Zubilligung und die Tugend der Tapferkeit der Durchsetzung des Guten.

Aber diese thematischen Lücken tun dem Buch des Autors prinzipiell keinen Abbruch. Beschränkung war notwendig, und innerhalb des gewählten Rahmen hat Bucher Beachtliches geleistet. Das Buch hätte er aber anders benennen sollen, z.B. „Psychologie der Todsünden“. Die Stichwörter „Therapie“ und „Seelsorge“ führen in die Irre. Das erste weckt praktisch-klinische, das zweite religiöse Erwartungen, die beide nicht bedient werden.

Fazit

Ein interessantes und lehrreiches, obendrein flüssig geschriebenes Buch zu einem alten, aber nach wie vor aktuellen Thema.


Rezension von
Prof. Dr. Ulrich Papenkort
Professur für Pädagogik an der Katholischen Hochschule Mainz
Homepage www.kh-mz.de/hochschule/ansprechpartner-innen/lehre ...
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Zitiervorschlag
Ulrich Papenkort. Rezension vom 14.11.2011 zu: Anton A. Bucher: Geiz, Trägheit, Neid & Co. in Therapie und Seelsorge. Psychologie der 7 Todsünden. Springer (Berlin) 2011. ISBN 978-3-642-04906-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12401.php, Datum des Zugriffs 18.01.2021.


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