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Kathrin Berdelmann, Thomas Fuhr (Hrsg.): Operative Pädagogik

Cover Kathrin Berdelmann, Thomas Fuhr (Hrsg.): Operative Pädagogik. Grundlegung, Anschlüsse, Diskussion. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2009. 239 Seiten. ISBN 978-3-506-76669-4. 29,90 EUR, CH: 49,90 sFr.
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Thema

Seit Mitte des letzten Jahrzehnts formiert sich auch über den Buchmarkt ein erziehungswissenschaftliches Programm, das sich „Operative Pädagogik“ nennt – nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Ansatz Otto Hansmanns (1998) –, von Klaus Prange (geb. 1939), einem Schüler Werner Lochs (geb. 1929), erarbeitet und durch seine eigenen Schüler (Thomas Fuhr, Klaudia Schultheis, Gabriele Strobel-Eisele) und einen anderen Schüler Lochs (Volker Kraft) in verschiedenen Richtungen vertieft worden ist. Der vorliegende Sammelband stellt das Programm, in dessen Mittelpunkt die Operation des Zeigens steht und das Prange in „Die Zeigestruktur der Erziehung. Grundriss der Operativen Pädagogik“ (2005) und in „Die Formen des pädagogischen Handelns“ (zusammen mit Gabriele Strobel-Eisele, 2006) vorgestellt hat, erstmals zur Diskussion.

Herausgeber

Thomas Fuhr, Professor für Erwachsenenbildung/Weiterbildung an der Pädagogischen Hochschule Freiburg, ist Schüler Klaus Pranges, Kathrin Berdelmann, promovierte wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fachhochschule Nordwestschweiz und am Institut für Erziehungswissenschaft der Technischen Universität Berlin, ihrerseits Schülerin von Fuhr.

Aufbau

Die Herausgeber sortieren die Beiträge unter die Rubriken „Anschlüsse“ und „Diskussion“ und eröffnen das Buch unter dem Stichwort „Grundlegung“ mit einem Text Klaus Pranges. Unter den „Anschlüssen“ finden sich eine anthropologische Vertiefung des Zeigens (Elmar Anhalt), drei Ausführungen zur Zeitlichkeit bzw. Artikulation des Zeigens (Thomas Fuhr, Kathrin Berdelmann, Malte Brinkmann), zwei Ergänzungen zur Operation des Zeigens (Norbert Ricken, Bernd Schwarz) und eine metatheoretische Analyse des Zeigens des Zeigens (Harm Paschen). Zur „Diskussion“ gehören drei Beiträge, die die Operative Pädagogik mit anderen pädagogischen (Jochen Kade, Robert Kreitz) und einem soziologischen (Markus Rieger-Ladich) Programm vergleichen. Ein weiterer Beitrag unter „Anschlüsse“ (Jörg Dinkelager) wäre als programmatischer Vergleich besser unter „Diskussion“, ein anderer unter „Diskussion“ (Peter Menck) als Ergänzung besser unter „Anschlüsse“ aufgehoben gewesen.

Inhalt

Klaus Prange: Warum operativ? Zur Begründung der Operativen Pädagogik. Mit der Operativen Pädagogik erklärt Prange „Erziehung“ zum zentralen Begriffswort der Erziehungswissenschaft und verwendet es im weitesten Sinne. Das ist angesichts der begrifflichen Alternativen „Bildung“ oder „Erziehung und Bildung“ keineswegs selbstverständlich. Er räumt ein, dass es sich beim Titel „Operative Pädagogik“ einerseits um einen Pleonasmus handelt. „Anders als in ihren Operationen gibt es die Erziehung nicht. Sie ist in jedem Falle ‚operativ?…“ (24) Andererseits sollen gerade diese Operationen selbst in den Mittelpunkt gestellt und erst einmal beschrieben (deskriptive Definition) und weder bestimmte Operationen als einzig richtig gefordert (programmatische Definition) noch die Rede über erzieherische Operationen etymologisch erläutert oder einfach festgesetzt (stipulative Definition) werden. Prange legt in seinem Beitrag dar, „wie man zeigen kann, dass das Zeigen diejenige Operation ist, durch die das Erziehen gekennzeichnet ist und sich von anderen Tätigkeiten und Verhaltungen unterscheidet“ (16). Seine Pädagogik ist noch in dem dritten Sinne operativ, als sein Weg der Beschreibung durch die Operationen der Reduktion und Variation möglichst einfacher Beispiele beschritten wird.

Elmar Anhalt: Wenn Menschen etwas zeigen. Zum anthropologischen Dispositiv des Zeigens. Anhalt skizziert anlässlich der These Pranges, dass Zeigen die Grundoperation der Erziehung ist, die Struktur des Zeigens unabhängig von der Erziehung. Dazu entwickelt er elf Merkmale, die einerseits anthropologisch begründet sind, andererseits, da das Zeigen eine menschliche Operation ist, die Anthropologie bereichern können.

Thomas Fuhr: Die Zeitigung des Zeigens. Untersuchuchungen zur Artikulation in Seminaren der Erwachsenenbildung. Fuhr rekapituliert die Theorie der Artikulation, wie sie Prange mit seiner Habilitationsschrift „Pädagogik als Erfahrungsprozeß“ beginnend über die Didaktik „Bauformen des Unterrichts“ bis zu seinem „Grundriss der Operativen Pädagogik“ entwickelt hat und berichtet von einem Forschungsprojekt, in dem die Artikulation von Seminaren der Erwachsenenbildung erfragt und beobachtet worden ist.

Kathrin Berdelmann: Die (A-) Synchronisation von Zeitstrukturen in Lehr-Lernsituationen. Berdelmann referiert die Ergebnisse eine Forschungsprojekts, durch das sie Pranges Theorie der Artikulation verfeinern konnte. Sie identifiziert neben den von Prange identifizierten Formen der Daten- und Modalzeit weitere Zeitstrukturen und ergänzt die von ihm betonte Synchronisation zwischen Zeitstrukturen um deren ebenfalls mögliche und notwendige Asynchronisation.

Malte Brinkmann: Wiederholungen. Zur temporalen Differenz der pädagogischen Übung. Die Übung, von ihm auch „ostentatives Zeigen“ genannt, ist bei Prange eine der drei elementaren Formen des Zeigens und damit der Grundoperation der Erziehung. Brinkmann widmet sich in seinem Beitrag dieser Zeigeform und beleuchtet zwei immer wieder unterschiedene Formen „übender Wiederholung“ im Licht des Übungsverständnisses Pranges, das seinerseits noch offene Fragen aufwirft.

Norbert Ricken: Zeigen und Anerkennen. Anmerkungen zur Form pädagogischen Handelns. Der Beitrag Rickens ist der erste Text, in dem die Operation des Zeigens durch eine weitere Operation ergänzt wird. Der Autor erweitert nach Hinweisen auf Schwachstellen in der Theorie Pranges das Zeigen um das Anerkennen und das didaktische Dreieck von Lehrer, Schüler und Thema um das von Lehrer, Schüler und einem Anderen/Dritten zu einem Viereck.

Jörg Dinkelaker: Pädagogisches Handeln und Pädagogische Kommunikation. Analyse des Verhältnisses zweier Operationsweisen. Neben der von Klaus Prange angestoßenen Operativen Pädagogik hat sich, ausgehend von Jochen Kade, eine andere pädagogische Schulrichtung etabliert: die Pädagogik der Kommunikation. Dinkelager vergleicht anhand der Interpretation einer Kurssequenz beide Theorieprogramme bzw. das Zeigen als Handeln (Operative Pädagogik) und als Kommunikation. Er stellt dar, dass und wie beide Aspekte des Zeigens analytisch zu differenzieren sind, sich aber praktisch ergänzen.

Bernd Schwarz: Selbstgesteuertes Lernen und „Zeigen“. Anmerkungen zu den Grenzen des Zeigens als Grundlage einer Bestimmung pädagogischen Handelns. Das Zeigen als die Grundoperation der Erziehung zu identifizieren, hält Schwarz für nicht ausreichend. Er schließt sich einerseits der These an, dass das Zeigen eine wesentliche Operation der Erziehung darstellt, zieht aber die Angemessenheit des Zeigebegriffs für indirekte Formen der Erziehung, insbesondere das selbstgesteuerte Lernen, in Zweifel.

Harm Paschen: Eine pädagogisch-operative Interpretation von Pranges „Zeigen“. Paschens Beitrag ist als einziger metatheoretisch. Er thematisiert nicht das Zeigen, sondern das theoretische Zeigen des praktischen Zeigens und stellt mehr formal als inhaltlich die Beschränkungen der Operativen Pädagogik und Alternativen heraus.

Markus Rieger-Ladich: Richtfest! Überlegungen zur Theoriearchitektur der „Operativen Pädagogik“. Rieger-Ladich verweist darauf, dass sich die Operative Pädagogik, wie die Pädagogik der Kommunikation übrigens auch, teilweise auf die Soziologie Niklas Luhmann's stützt. Er unterstellt ihr jedoch eine tendenzielle Machtblindheit und empfiehlt zusätzlich die Soziologie Pierre Bourdieus, da die für Strukturen der Macht ungleich senisbler ist.

Jochen Kade: Kommunikation und Zeigen. Zum Verhältnis von Operativer Pädagogik und Theorie Pädagogischer Kommunikation. Auch Kade vergleicht, wie schon Jörg Dinkelager, die Operative Pädagogik Klaus Pranges mit seiner eigenen Theorie pädagogischer Kommunikation: Erziehung als Kommunikation statt als Handeln. Während die Operative Pädagogik eher dem Kontext der Schule entstammt und phänomenologisch-philosophisch orientiert ist, kommt die Theorie pädagogischer Kommunikation eher aus dem Zusammenhang der Erwachsenenbildung und bleibt zeitgeschichtlich ausgerichtet.

Robert Kreitz: Operative Pädagogik und die Pädagogik der Kooperation. Mit diesem Beitrag gerät ein drittes Theorieprogramm in den Blick: die von Kreitz selbst entwickelte Pädagogik der Kooperation im Anschluss an die analytische Philosophie. Der Autor zeigt insbesondere auf, dass und wie sich sowohl das Lernen als auch die Erziehung als doppelte Aktivität von Zeigen und Lernen auch anders interpretieren lässt.

Peter Menck: Zeigen: Deuten und Verpflichten. Dieser letzte Beitrag hätte nach der Systematik des Buches besser zu den „Anschlüssen“ gepasst. Denn Menck stellt die Grundoperation des Zeigens nicht in Frage, sondern ergänzt sie. Er betont, dass zu Zeigendes nicht nur einseitig gezeigt, sondern auch von beiden Seiten aus gedeutet werden muss. Diese Deutung müsse angeleitet werden.

Diskussion

Es würde zu weit führen, jeden der dreizehn Beiträge des Sammelbandes im einzelnen zu diskutieren. Nur bestimmte Aufsätze herauszunehmen, verbietet sich angesichts der hohen Qualität der Aufsätze und der verschiedenen unverzichtbaren Perspektiven auf die Operative Pädagogik. So möchte ich an dieser Stelle nur auf eine Frage verweisen, die im Band nicht bzw. andeutungsweise nur von Jochen Kade gestellt wird. Diese Frage ist für eine Diskussion der Operativen Pädagogik aber von entscheidender Bedeutung: Stellt dieses Theorieprogramm nicht unter der Hand doch ‚nur‘ eine Didaktik dar, die Erziehung im weiteren Sinne sub specie des Unterrichts sieht und für die Erziehung nicht zweckmäßig ist?

Fazit

Wer sich für ein aktuelles und schon recht elaboriertes Theorieprogramm der Allgemeinen Pädagogik interessiert, findet in der Operativen Pädagogik dazu einen hochinteressanten Ansatz. Der vorliegende Sammelband ist für das Verständnis und auch die Kritik dieses Ansatzes eine große Hilfe, kann aber die Lektüre der Grundwerke des Programms („Die Zeigestruktur der Erziehung“, 2005; „Die Formen des pädagogischen Handelns“, 2006) nicht ersetzen.


Rezension von
Prof. Dr. Ulrich Papenkort
Professur für Pädagogik an der Katholischen Hochschule Mainz
Homepage www.kh-mz.de/hochschule/ansprechpartner-innen/lehre ...
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Zitiervorschlag
Ulrich Papenkort. Rezension vom 30.12.2011 zu: Kathrin Berdelmann, Thomas Fuhr (Hrsg.): Operative Pädagogik. Grundlegung, Anschlüsse, Diskussion. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2009. ISBN 978-3-506-76669-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12406.php, Datum des Zugriffs 18.01.2021.


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