socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Lutz Koch: Lehren und Lernen

Cover Lutz Koch: Lehren und Lernen. Wege zum Wissen. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2013. 180 Seiten. ISBN 978-3-506-77310-4. 24,90 EUR, CH: 35,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Lernen gilt gemeinhin als Thema der Psychologie, heute auch (wieder) der (Neuro-) Physiologie. Innerhalb der Psychologie waren und sind es die Lern- und die Gedächtnispsychologie, die das Lernen zum Gegenstand haben: mal als motorisch orientierte, auch bei Tieren übliche Verhaltensänderung, mal als kognitiv ausgerichteter, für Mensch typischer Wissenserwerb. Die Pädagogik hat – nach einer ersten „pädagogischen Auswertung der Psychologie des Lernens“ (Heinrich Roth, Pädagogische Psychologie des Lehrens und Lernens, 1957) Ende der 1950er Jahre und der „realistischen Wendung“ (Heinrich Roth, 1962) der Disziplin in den auslaufenden 1960er Jahren – von der Psychologie das Lernen als einen ihrer Grundbegriffe übernommen, zur Aufgabe der Erziehung erklärt - wohl erstmalig durch Werner Loch (Enkulturation, 1968) – und sie selbst als „Lernhilfe“ (z.B. durch Giesecke, Seiffert, Brezinka) aufgefasst. Das geschah parallel zum Rückgriff auf soziologische Theorien und zur Übernahme des Begriffs der Sozialisation. Was in der Tradition der Pädagogik, insbesondere bei Herbart, noch „Erfahrung“ und „Umgang“ hieß, wurde als „Lernen“ und „Sozialisation“ reformuliert. Seitdem wurde und wird das Lernen in der Pädagogik auch immer wieder unter Rückgriff auf die Philosophie interpretiert, so durch Günter Buck (Lernen und Erfahrung, 1968), Lutz Koch (Logik des Lernens, 1991) und Käte Meyer-Drawe (Lernen als Erfahrung, 2003). Die ganze Breite der derzeitigen Diskussion um den Lernbegriff in der Pädagogik decken die Sammelbände von Michael Göhlich und Jörg Zirfas (Pädagogische Theorien des Lernens, 2007), Gabriele Strobel Eisele und Albrecht Wacker (Konzepte des Lernens in der Erziehungswissenschaft, 2009) und Peter Faulstich (Lerndebatten, 2014) ab.

Während das Lernen in der Pädagogik seit Ende der 1960er Jahre als Grundbegriff angesehen wird, werden die Begriffe des Lehrens und Wissens mit eben diesen Bezeichnungen einerseits kaum reflektiert. Zum „Lehren“ sind erst in diesem Jahrzehnt ein erster Sammelband (Hans-Christoph Koller/Norbert Ricken/Roland Reichenbach, Philosophie des Lehrens, 2012) und eine erste pädagogische Monographie erschienen (Andreas Gruschka, Lehren, 2014), und „Wissen“ ist, außer durch Alfred Petzelt (Wissen und Haltung, 1955), wohl noch nicht Thema einer eigenen pädagogischen Monographie gewesen. Auf der anderen Seite ist der Begriff des Lehrens immer schon in dem des Unterrichts und der des Wissens in dem der Bildung aufgegangen, mal als zentraler Teil, mal bis auf einen mehr oder minder kleinen Rest.

Lutz Kochs Buch „Lehren und Lernen. Wege zum Wissen“ ist, so kann man vielleicht sagen, wie die „Bauformen des Unterrichts“ (1983) von Klaus Prange und die „Phänomenologie des Unterrichts“ von Wolfgang Sünkel (1996) eine allgemeine Didaktik: schulform-, schulstufen- und schulfachfachübergreifend, in der Tendenz auch schulunabhängig. Koch selbst spricht von einer „allgemeinen Theorie des Lehrens“ (17). Im schon erwähnten Sammelband von Koller u.a. hat er 2012 schon einen ersten „Abriss“ dazu geliefert. Sein Ansatz ist wie die Theorien von Buck und Meyer-Drawe philosophisch, im Unterschied zu diesen aber logisch und epistemologisch orientiert.

Autor

Lutz Koch, 1942 geboren, war von 1991 bis 2007 Professor für Allgemeine Pädagogik an der Universität Bayreuth. Nach seiner 1973 veröffentlichten Dissertation „Naturphilosophie und rationale Theologie. Interpretationen zu Kants vorkritischer Philosophie“ und der 1991 erschienenen Habilitationsschrift „Logik des Lernens“, beide an der Universität zu Köln vorgelegt, und vor dem hier besprochenen Werk hat er die beiden Monographien „Bildung und Negativität“ (1995) und „Kants ethische Didaktik“ (2003) verfasst sowie zehn Sammelbände herausgegeben. Mitherausgegeben hat er 2008 den ersten Band des dreibändigen „Handbuchs der Erziehungswissenschaft“ (Hrsg. v. Gerhard Mertens u.a.), für den er die Beiträge „Bildung und Entfremdung“, „Lernen und Erkenntnis“, „Lernen und Erfahrung“ und „Ästhetische Bildung“ geschrieben hat. 2007, anlässlich seiner Emeritierung und seines 65. Geburtstag, wurde ihm die Festschrift „Urteilskraft und Pädagogik. Beiträge zu einer pädagogischen Handlungstheorie“ (Hrsg. v. Birgitta Fuchs) gewidmet.

Entstehungshintergrund

Mit dem vorliegenden Werk greift Koch wieder das Thema seiner Habilitationsschrift aus dem Jahre 1991 auf, schließt damit nach zahlreichen Aufsätzen und mit seiner vierten Monographie in dieser Reihe den Themenkreis von Lehren und Lernen, Bildung und Didaktik und erweist sich damit als ein profilierter Vertreter (philosophischer) Bildungstheorie, die der Bildungsforschung insbesondere psychologischer Provenienz kritisch gegenübersteht.

Aufbau

Kochs Buch besteht aus immerhin dreizehn Haupt- und sage und schreibe fast 140 Unterkapiteln. Es ist aber nicht nur die schiere Zahl der thematischen Einheiten, die einen Ein- und Überblick erschwert, sondern auch ihr nur loser Zusammenhang. Der Autor hat sich für einen gewissermaßen halb-systematischen Aufbau entschieden, der zwischen strenger Logik und assoziativer Ästhetik angesiedelt ist und der rhetorischen Tradition der Topiken entspricht, die nur „allgemeine Gesichtspunkte [„topoi“] für die Argument- bzw. Gedankenfindung“ enthalten und eine „Leitfadenfunktion“ (21) haben. Er bezieht seine Haut- und Unterkapitel, mal gesondert, mal vereint, auf die „Dreier-Topik, die des Lernenden, des Lehrenden und dessen, was gelehrt und gelernt wird (des ‚Stoffs‘), also auf die dreistellige Relation des sog. Didaktischen Dreiecks“ (21). Die Stichwörter „Lernen“, „Lehren“ und „Wissen“ des Buchtitels korrespondieren mit dieser Trias.

Kap. II („Wissen“) und VI (Häuser des Wissens“) sind dem Wissen, Kap. III („Lernen“) und IV („Lernen und Studieren“) dem Lernen und Kap. V („Lehren“) und VII („Zeigen und Reden“) dem Lehren gewidmet. In Kap. VIII („Bild und Bedeutung“) und IX („Medien der Vermittlung: Urteil und Schema“) nimmt Koch quer zur Dualität von Lernen und Lehren die Dualität von Anschauung und Begriff, von Ästhetik und Logik in den Blick. Es folgt Kap. X mit der „Gangstruktur des Lernens und Lehrens“. Die letzten drei Kapitel können als thematische Vertiefungen verstanden werden, die der Logik (XI. „Urteilsformen und didaktische Form“; XII: „Urteilsbildung“) und der Rhetorik (XIII: „Sprache und Gespräch“) verpflichtet sind.

Inhalt

Den Inhalt eines so tiefschürfenden und gedanklich reich gesättigten Werks in einer Besprechung wiederzugeben, muss prinzipiell scheitern. Darum seien mir nur einige wenige und auszugsweise Bemerkungen erlaubt. Dazu orientiere ich mich, ganz im Sinne des Autors, topisch am didaktischen Dreieck, vom Wissen übers Lernen bis zum Lehren. Diese Reihenfolge Kochs ist insofern schlüssig, als sich – rückwärts betrachtet – das Lehren auf das Lernen und dieses auf das Wissen richtet.

Wissen ist für Koch nicht nur ein „Verstehen von etwas“ und damit von theoretischer Bedeutung, sondern auch ein „Sich-auf-etwas-Verstehen“, also praktisch relevant. Dem entspricht die klassische Dualität von „Wissenschaft (episteme, scientia)“ und „Kunst (techne, ars)“ (30), wobei zum Können der Kunst nicht nur praktisch-technisches Wissen („knowing how“), sondern auch theoretisches („knowing that“) gehört. Nicht ganz deutlich wird, ob sich das Können im praktischen, in letzter Konsequenz „stummen“ bzw. nicht verbalisierbaren („tacit knowing“, Michael Polanyi) Wissen erschöpft oder nur zusätzlich eines „knowing how“ bedarf. Das theoretische Können, „das geübt und geschärft werden muss“, neben dem praktischen Wissen die zweite Grenzzone zwischen Wissen und Können, ist das „formale Bildungsziel, das Schulen [und andere Bildungseinrichtungen] anvisieren können“ (201). Wissen erstreckt sich für den Autor aber nicht nur in das sachbezogene Können, sondern auch in das personenbezogene Wollen hinein, und zwar als praktisch-moralisches Wissen, „was man tun und lassen soll“ (42). Dass das Wollen nicht nur auf Fragen der „Moral“ bzw. des Sollens, sondern auch der „Lebenskunst“ (Otfried Höffe) bzw. des persönlichen Wollens ausgerichtet sein kann, wird nicht erwähnt.

Im Kontext des Wissens thematisiert Koch weiterhin den Dual von (rezeptiv erworbenen) Kenntnissen und (produktiv angeeigneten) Erkenntnissen, der der aristotelischen Unterscheidung von Wissen-Dass („hoti“) und Wissen-Warum („dioti“) entspricht. Kenntnisse bedingen Erkenntnisse, aber nicht umgekehrt. Wissen hat, ob nur Kenntnis oder auch Erkenntnis, anders als Meinen und Glauben, „Gewissheitscharakter“ (64).

Bildungseinrichtungen haben die „zentrale Doppelfunktion …, einerseits das Individuum zum Wissen zu führen und andererseits eben dadurch das Wissen [der Gesellschaft] zu erhalten“. Das Individuum ist „Zweck und Mittel zugleich“ (44).

Wenn Lutz Koch vom „Lernen“ spricht, hat er vornehmlich das „künstliche“ Lernen durch Lehren im Blick: Lernen „aus zweiter Hand“ (18) bzw. aus der Erfahrung Anderer. Er versteht dieses Lernen und Lernen überhaupt als einen „Weg zum Wissen“. Die anderen beiden Wege sind für ihn das „natürliche“ Lernen durch (Lebens-) „Erfahrung“ (18) und das wiederum künstliche Lernen durch „methodisch eingerichtete wissenschaftliche Erfahrung (Forschung)“ (12). Kochs philosophischer, genauer „logisch-epistemischer Zugang“, an der traditionellen Philosophie der (Spät-) Antike und des Mittelalters, mehr noch an der klassisch-modernen (deutschen) Philosophie eines Kant und Hegel orientiert, verzichtet auf Vergleiche mit der Psychologie des Lernens, auch nach der kognitiven Wende oder in konstruktivistischer Lesart. Seine anfänglichen Bemerkungen zu den psychologischen Zugängen fallen durchweg kritisch aus.

Während die Lernpsychologie Lernen als Weg zu einem motorischen oder kognitiven Können und die Gedächtnispsychologie als Weg zu Kenntnissen versteht, begreift Koch das Lernen als Weg zum Wissen, insbesondere zu Erkenntnissen. Und dieses Lernen will er, wieder im Unterschied zur Psychologie, „pragmatisch“ verstanden wissen, d.h. als „Tun des Lernenden und nicht als neurobiologisches oder psychologisches Geschehen im Inneren des Lernenden“ (77), das durch das „Widerfahrnis“ (78) der Erfahrung ausgelöst wird. Lernen erfolge zwar (auch) aus Erfahrung heraus, aber nicht, wie für die Psychologie, durch Erfahrung oder, wie in der hermeneutischen (Buck) und phänomenologische Lerntheorie (Meyer-Drawe) angenommen, als Erfahrung. Die erste Stufe des Lernens ist das „Aufnehmen und Behalten“, die zweite „allmähliches Verstehen, … Suche nach Verständnis“ (83). Lernen als Verstehen lässt sich „niemals etwas völlig Neues und vollständig Unbekanntes“, sondern nur „Neues über ‚Altes‘“ (85).

Das Lernen ist ein Tun, das Lehren, so Lutz Koch, ein „Lernenlassen“ (75), d.h. die „Veranlassung dieses Tuns“. „Eigentlich ‚vermittelt‘ der Lehrer gar nicht, sondern er veranlasst nur die Selbstbelehrung…“ (92) Koch könnte auch, mehr indirekt sagen: Der Lehrer „ermöglicht“ sie. Die „elementaren Operationen“ bzw. „symbolischen Grundfunktionen“ dieses Lehrens sind das „Zeigen“ als „Reden ohne Worte“ und das „Reden“ als „Zeigen mit Worten“ (137). Dem Zeigen der Lehrenden entspricht auf Seiten der Lernenden das Sehen, dem Reden das Hören, beidem das Verstehen.

Für beide, das Lernen wie das Lehren, ist das Wechsel- und Zusammenspiel von Anschauung und Begriff mit den beiden Wegrichtungen vom Einzelnen und Konkretem zum Allgemeinen und Abstrakten und umgekehrt von zentraler Bedeutung.

Diskussion

Kochs umfangreiches und reichhaltiges Buch erfordert seitens des Lesers durchaus philosophische Vorkenntnisse, mindestens die Bereitschaft, sich auf philosophische Gedankengänge einzulassen. Der Blickwinkel, den der Autor meist einnimmt, nämlich den der Logik und Erkenntnistheorie, ist für die heutigen fachwissenschaftlichen Gepflogenheiten ungewohnt. Für die Logiker unter den Lesern dürfte befremdlich sein, dass nur die klassische, ob antike oder moderne Logik eine Rolle spielt. Trotzdem lohnt sich die Lektüre und belohnt den Leser mit einer Vielzahl von sowohl Kenntnissen als auch Erkenntnissen, gerade weil die Perspektive ungewohnt und die Auslegung traditionell ist.

Fazit

Eine wirklich allgemeine Didaktik, die man sich erlesen, in die man sich einlesen muss. Der geistige Ertrag lohnt sich. Der Autor lehrt, der Leser lernt, beide Wissen.


Rezension von
Prof. Dr. Ulrich Papenkort
Professur für Pädagogik an der Katholischen Hochschule Mainz
Homepage www.kh-mz.de/hochschule/ansprechpartner-innen/lehre ...
E-Mail Mailformular


Alle 46 Rezensionen von Ulrich Papenkort anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Ulrich Papenkort. Rezension vom 31.03.2015 zu: Lutz Koch: Lehren und Lernen. Wege zum Wissen. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2013. ISBN 978-3-506-77310-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12407.php, Datum des Zugriffs 18.01.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht