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Kathrin Berdelmann: Operieren mit Zeit

Cover Kathrin Berdelmann: Operieren mit Zeit. Empirie und Theorie von Zeitstrukturen in Lehr-Lernprozessen. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2010. 243 Seiten. ISBN 978-3-506-77041-7. 29,90 EUR, CH: 49,90 sFr.
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Thema

Seit Mitte des letzten Jahrzehnts formiert sich auch über den Buchmarkt ein erziehungswissenschaftliches Programm, das sich “Operative Pädagogik“ nennt und von Klaus Prange (geb. 1939) erarbeitet worden ist. Ein zentrales Thema dieses Programms ist die Zeitlichkeit der Erziehung. Die vorliegende Monographie widmet sich diesem zeitlichen Aspekt der Operativen Pädagogik und erweitert und vertieft ihn. Die von der Autorin vorgestellte Theorie fußt auf einer empirischen Untersuchung.

Autorin

Dr. Kathrin Berdelmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Erziehungswissenschaft der Technischen Universität Berlin. Sie ist Schülerin von Thomas Fuhr, der seinerseits Schüler von Klaus Prange ist.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch ist die verlegerische Veröffentlichung von Berdelmanns Dissertation an der Pädagogischen Hochschule Freiburg aus dem gleichen Jahr.

Aufbau

Nach zwei Kapiteln zum Thema Zeit in der Erziehungswissenschaft insgesamt (Kap. 2) und in der Operativen Pädagogik Klaus Pranges im besonderen (Kap. 3) und einem Kapitel zum Forschungsdesign der zugrundeliegenden qualitativen Studie (Kap. 4) folgt das Herzstück der Arbeit: ein “Modell der Synchronisation“. Dieses Modell wird über vier Kapitel hinweg in vier Schritten entwickelt (Kap. 5 bis 8).

Inhalt

Das Thema Zeit in der Erziehungswissenschaft. „Zeit ist kein dominantes Thema der Pädagogik, der Theorie der Erziehung und der Erziehungswissenschaft.“ So konstatiert die Autorin. Nach dieser Einleitung verfolgt sie im vorliegenden Kapitel die erziehungswissenschaftliche Diskussion um die Bedeutung von Zeit an Hand vier aktueller Autoren: Manfred Lüders (1995), Heinz-Elmar Tenorth (2006) und Elmar Anhalt (2009) beziehen ihre Reflexionen auf jegliches pädagogische Handeln, während sich Sabine Schmidt-Lauff (2008) auf die Erwachsenenbildung konzentriert. Zusätzlich geht Berdelmann kurz dem Thema Zeit in der Tradition der Erziehungstheorie nach.

Zeit als grundlegendes Element in der Operativen Pädagogik von Klaus Prange. Entscheidend für Berdelmanns eigene Studie ist das erziehungswissenschaftliche Konzept der Operativen Pädagogik, das Klaus Prange entwickelt hat und das seitdem von verschiedenen Seiten aus weiterentwickelt wird. Die Autorin will nicht nur theoretisch das „Operieren mit der Zeit“ untersuchen, sondern auch metatheoretisch die Operative Pädagogik in einem zentralen Element vertiefen.
Zeit ist in der Operativen Pädagogik mit den Begriffen der Artikulation und Synchronisation verbunden. Nach Prange muss Erziehung zeitlich gegliedert, d.h. artikuliert werden. Dabei müssen die Zeiten des Erziehens und des Lernens, die unterschiedlicher Art sind, ständig aufeinander abgestimmt, d.h. synchronisiert werden. Die Zeit des Erziehens nennt PrangeDatenzeit“ des linearen Nacheinanders, die des Lernens in Anlehnung an den Philosophen Hermann SchmitzModalzeit“ des präsentischen Nebeneinanders. Noch nicht zu Ende gedacht ist die Frage, ob diese Differenzierung der Zeiten ausreicht und wie die Zeiten ineinandergreifen können.

Das Forschungsdesign. In diesem Kapitel begründet und erläutert Berdelmann ihr Forschungsdesign eines „qualitativen, explorativen und (hypothesen-) theoriegenerierenden Vorgehens“ unter Rückgriff auf die schon klassisch zu nennende Grounded-Theory-Methodologie von Barney Glaser und Anselm Strauss (1967). Der Fall, den die Autorin gewählt hat, ist eine „Kurssituation“ der Erwachsenenbildung „mit eher instruktionsbasierter Wissensvermittlung“. Dazu hat Berdelmann Interviews mit dem Dozierenden und den Teilnehmern geführt, die Teilnehmer auch schriftlich befragt und eine Videoaufzeichnung vorgenommen.

Ein Modell der Synchronisation – Die Differenzierung zeitlicher Strukturen. Berdelmann leitet aus ihrer Untersuchung insgesamt fünf Zeitformen ab und differenziert dazu die Datenzeit Pranges in die „chronometrische Zeit als Referenzzeit“, die „Verlaufsplanzeit“ und die „faktisch realisierte … Interaktionszeit“ (67). Die Modalzeit Pranges wird auch auf das Lehren bezogen. Als modalzeitlich verfasst gilt der Autorin nicht nur das Lernen. Sie kombiniert dabei drei Unterscheidungen: die zwischen Daten- und Modalzeit, zwischen Zeit der Lehrenden und der Lernenden und Planungs- und Durchführungzeit. Im Zentrum steht die Interaktionszeit, die als Durchführungszeit Lehrende und Lernende zusammenführt und sowohl daten- als auch modalzeitlich strukturiert ist. Die Lehrenden und Lernenden agieren in ihr im Kontext der Modalzeit. Nur die Lehrenden greifen auf eine Datenzeit zurück, die im Vorfeld der Veranstaltungen eine Rolle spielt: die Verlaufsplanzeit. Sie und auch die Interaktionszeit beziehen sich stets auf die chronometrische Zeit, die eigentliche Datenzeit jenseits von Planung und Durchführung.

Ein Modell der Synchronisation – Die Synchronisation von Zeitstrukturen. Nachdem die Autorin, was zu synchronisieren ist, widmet sie sich in diesem Kapitel der Frage des Wie. Dazu identifiziert sie vier „synchronisationsrelevante Dimensionen„: die “Zeitlichkeit des Inhalts“ bzw. ob er eine „Orientierung in Richtung Zukunft oder Vergangenheit des Lernenden besitzt“, die “Abfolge und Platzierung“ bzw. „wann etwas präsentiert wird“, die “Ausdehnung“ bzw. „wie lange“ und die “Geschwindigkeit des Voranschreitens“ bzw. „in welchem Tempo dies geschieht“ (106f.).

Ein Modell der Synchronisation – Graduelle Formen von Synchronisation und Asynchronisation. Hier skizziert Berdelmann verschiedene Formen der Synchronisation und Asynchronisation. Neu gegenüber Pranges Ansatz ist, dass die Autorin auch der Asynchronisation Relevanz beimisst. Asynchronisation kann durchaus “konstruktiv“ und Synchronisationproblematisch“ ausfallen. Die Artikulation oszilliert zwischen beiden Aspekten der zeitlichen Abstimmung.

Ein Modell der Synchronisation – Formen des (a-)synchronisationsbezogenen Umgangs mit der Zeit. Im letzten Kapitel zu ihrem Modell der Synchronisation stellt sich die Autorin praktischen Fragen der Kursplanung und -durchführung, und zwar aus der Sicht der Lernenden und Lehrenden. Erwachsenenbildner können gerade aus dem zweiten Teil einige Schlüsse für ihre mehr oder minder flexible Verlaufsplanung ziehen und ihre Sensibilität für spontane Prozesse und Ereignisse in der Durchführung schärfen.

Diskussion

Das Buch stellt den z.Zt. wohl elaboriertesten Versuch dar, für didaktische Kontexte die zeitliche Dimension des Lehrens und Lernens auszuloten. Dieser Versuch ist im Großen und Ganzen gelungen und bietet viele Ansatzpunkte, an der Zeitfrage weiterzuarbeiten. Es bleiben zwei Kritikpunkte. Erstens wird nicht immer deutlich, wie die Theorie aus der Empirie generiert wird bzw. worden ist. Zweitens wirkt die Differenzierung in fünf Zeitformen als noch nicht zu Ende gedacht. Zeitweise verschwimmt das Konstrukt und fehlt der Komplexität der Gegenpol der Reduktion.

Für die Operative Pädagogik bedeutet Berdelmanns Arbeit eine wesentliche Bereicherung. Sie vertieft die Programmatik in der Folge Klaus Pranges an einer ganz entscheidenden Stelle: der Zeitlichkeit pädagogischen Handelns.

Fazit

Die Dissertation „Operieren mit der Zeit“ ist ein anspruchsvoller und gelungener Entwurf zu den Fragen der Zeitlichkeit von Lehr-Lern-Situationen und des Umgangs mit der Zeit für solche und in solchen Situationen.


Rezension von
Prof. Dr. Ulrich Papenkort
Professur für Pädagogik an der Katholischen Hochschule Mainz
Homepage www.kh-mz.de/hochschule/ansprechpartner-innen/lehre ...
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Zitiervorschlag
Ulrich Papenkort. Rezension vom 28.12.2011 zu: Kathrin Berdelmann: Operieren mit Zeit. Empirie und Theorie von Zeitstrukturen in Lehr-Lernprozessen. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2010. ISBN 978-3-506-77041-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12408.php, Datum des Zugriffs 18.01.2021.


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