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Sven Lind: Demenzkranke Menschen pflegen

Cover Sven Lind: Demenzkranke Menschen pflegen. Grundlagen, Strategien und Konzepte. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2003. 208 Seiten. ISBN 978-3-456-84001-7. 26,95 EUR.
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Zielsetzung und Zielgruppen

Ein weiteres Buch über Demenzen oder genauer zur Pflege von Demenzkranken, das sich allerdings von vielen anderen positiv unterscheidet. Es ist ein Leitfaden oder ein Orientierungsmodell für Pflegekräfte der Altenhilfe, der außerordentlich praxisnah, anschaulich strukturiert und sprachlich klar geschrieben ist. Dr. Sven Lind, der Verfasser des Fachbuches, ist Psychologe und verfügt über eine mehrjährige Tätigkeit auf einer gerontopsychiatrischen Modellstation in einem Altenpflegeheim in München. Er fasst die Erfahrungen, die insbesondere in Heimen der Altenpflege gesammelt wurden, zusammen und fügt sie in einen wissenschaftlichen Erklärungsansatz ein, der sich dem sogenannten neuen Weg der Demenzpflege verpflichtet fühlt, dem Kausalzusammenhang zwischen "Hirn und Verhalten".

Aufbau und Übersicht über die behandelten Themen und Inhalte

Das Buch ist in sieben Kapitel untergliedert. In der Einleitung weist der Autor auf Probleme im Umgang mit Demenzkranken hin, deren Krankheit uns Einblicke in eine uns fremde Welt des zunehmenden Realitätsverlustes gewährt. Lind beklagt das weitere Auseinanderdriften zwischen der Pflege und ihrer theoretischen Konzeptbildung und der wissenschaftlichen Forschung, indem in der Pflege kaum auf aktuelle neurowissenschaftliche Erkenntnisse Bezug genommen wird. Gegenwärtig kann auf fast 500 verschiedene Methoden, Therapien und Aktivierungsmodelle der psychischen Behandlung und Betreuung zurückgegriffen werden, die ohne einen wissenschaftlichen Standard nebeneinander existieren. Sie führen zu einem pflegerischen Vakuum, indem alle mitreden, aber keiner den anderen versteht (S. 19).

Lind geht von empirischen, also erfahrungsbezogenen Forschungen in der Pflegepraxis aus und grenzt sich strikt von Ansätzen der Psychoanalyse nach Freud, Jung oder Erikson, der humanistischen Psychologie nach Rogers und behavioristischen Zugängen ab, weil es sich hierbei nur um bloße Gedankenkonstrukte handele, die dem Bereich der Spekulationen zuzuordnen seien. Dass sich bei Anwendung solcher Modelle im späteren Lebensalter und bei psychotischen Akutkrisen Gefahren für Demenzkranke ergeben können, ist sicher nicht zu bestreiten, sie jedoch als Spekulationen zu bezeichnen, geht wissenschaftlich zu weit und ist in einem Fachbuch nicht zu respektieren.

In Kapitel zwei, das mit dem Titel "Verstehen" überschrieben ist, führt der Autor in demenzspezifische Verhaltensweisen ein. Das Ziel der Ausführungen besteht darin, die Zusammenhänge zwischen den krankhaften Prozessen im Gehirn und den oft eigentümlichen Verhaltensweisen Dementer zu verdeutlichen. Nach der Klärung des Begriffes Demenz, den Demenztypen, dem Verlauf und der Häufigkeit wird dem Verhalten Demenzkranker nachgegangen. Es werden u.a. Überforderungstendenzen oder die eingeschränkte Umweltkompetenz in klarer und leicht verständlicher Art und Weise heraus gearbeitet. Formen der mangelnden Umweltkompetenz sind die fehlende Krankheitseinsicht, Zeitverschränkungen (gleichzeitiges Erleben von Gegenwarts- und Vergangenheitseindrücken), Halluzinationen sowie Wahnvorstellungen und Fehlwahrnehmungen. Lind hebt beispielsweise hervor, dass die fehlende Krankheitseinsicht einerseits zum verminderten Leidensdruck führt (die Betroffenen merken nicht, dass sie krank sind), andererseits aber können sich Demenzkranke dadurch einem nicht überschaubaren Risiko aussetzen.

Kapitel drei befasst sich mit der Wahrnehmung Demenzkranker, die sich in drei Stufen zusammenfassen lässt: 1. Beobachtung, 2. Interpretation und 3. Intervention sowie Überprüfung. In den folgenden Ausführungen verdeutlicht der Autor die körperlichen und geistigen Abbauprozesse, die Beeinflussung durch die Tagesform, die Abweichungen vom Normalverhalten und die Notwendigkeit der Änderung der Pflegekräfte.

Im vierten Kapitel geht es um die Selbstwahrnehmung, also vorrangig um Aspekte, die die Kommunikation mit Demenzkranken beeinträchtigen oder erschweren. Es kann davon ausgegangen werden, dass die Selbstwahrnehmung in der Pflege und Betreuung der entscheidende Schritt zur reflektierten Pflege darstellt, die dazu veranlassen sollte, die eigenen Interventionsschritte ständig hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf den Pflegenden zu hinterfragen. So ist wissenschaftlich belegt, dass Hektik und Stress von Demenzkranken auf Grund der noch gut erhaltenen psychosozialen Sensibilität sofort wahrgenommen und als Belastung und Bedrohung empfunden werden. In den weiteren Ausführungen dieses Kapitels werden Verhaltenstipps für das Pflegepersonal gegeben, die für den Leser eher trivial erscheinen und einer wissenschaftlichen Fundierung vermissen lassen.

Das nächste, das fünfte Kapitel, ist das umfangreichste und widmet sich dem "Agieren" also der unmittelbaren Pflegeaktion. Es kann nicht oft genug auf den Zusammenhang zwischen der Pflege und Betreuung einerseits und der Lebensqualität der Demenzkranken andererseits hingewiesen werden. So kann im Rahmen von Kommunikationsstörungen ein Teufelskreis entstehen. Wenn keine Kommunikation mit den Betroffenen zustande kommt, wird die Pflegekraft von den Demenzkranken als kommunikationsunfähig erlebt, was wiederum die Pflegekraft veranlasst, eine geringe Bindung zum Gepflegten einzugehen oder Tätigkeiten nur routinehaft oder mechanisch auszuführen. Danach werden Probleme und Schwierigkeiten genannt, die bei der unmittelbaren Pflege auftreten können: die fehlende Krankheitseinsicht, Scham, Furcht und Unsicherheit, Frustration und Verzweiflung, Überforderung oder lebensgeschichtlich bedingte Verhaltensweisen.

Das vorletzte Kapitel ist mit "Reagieren" überschrieben und zielt darauf ab, die Verhaltenskompetenz der Pflegekräfte im Umgang mit der Hilflosigkeit, Überforderung und Furcht der Demenzkranken zu stärken und zu erweitern. Der Autor beklagt in diesem Zusammenhang, dass es keine Prüfinstanzen bei Ansätzen über Interaktionsmodelle von Demenzkranken gibt und insofern ein unstrukturiertes und teils auch konträres Vorgehen in den stationären Einrichtungen zu beobachten ist. In den folgenden Abschnitten werden verschiedene theoretische Modelle, die in der Pflege von Demenzkranken berücksichtigt werden sollten, vorgestellt: das "Modell der abgestuften Bedrohungsintensität und der abgestuften Reaktionsweisen", "Modell des Umgangs mit RealitätsverlustenÓ oder das "Zwei-Welten-Konzept".

Das letzte und damit siebente Kapitel beschäftigt sich mit dem Pflegekonzept und dem Leitbild in der demenzspezifischen Normalität. Zunächst wird der Kompensationsaspekt dargestellt. Die durch die Krankheit verloren gegangene Binnenstruktur, die es mit sich bringt, dass sich Betroffene nicht mehr situationsangepasst verhalten können, muss durch den Aufbau einer entsprechenden Außenstruktur, die als Orientierungs- und Schutzgefüge dient, kompensiert werden. Die Konzeption "Demenzspezifische Normalität" basiert auf der Schaffung einer Lebenswelt, die dem Verarbeitungs- und Reaktionsvermögen Dementer angepasst werden muss. Im folgenden werden Kernelemente der Pflege und Betreuung dieser beiden Ansätze diskutiert. Bei der Gestaltung der Versorgungsstrukturen spielen die Flexibilität, die Tagestrukturierung der Betreuungsangebote und die biographische Orientierung eine besondere Rolle.

Fazit

Das vorliegende Buch ist vom Autor als Leitfaden oder als Orientierungsmodell für Pflegekräfte der Altenhilfe konzipiert worden und es wird diesem Anliegen voll gerecht. Es ist ein leicht verständliches Fachbuch, eigentlich eher ein Praxishandbuch, das es Pflegekräften ermöglicht, sich auf die Besonderheiten in der Betreuung Demenzkranker schnell und praxisnah einzustellen. Es ist logisch und stringent gegliedert, indem vom Verstehen der Krankheit über die Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung auf das Agieren und Reagieren bis hin zum Pflegekonzept und Leitbild übergegangen wird.

Jedem Kapitel ist ein Foto vorangestellt, das den Leser auf die Spezifik Dementer einstimmen soll. Die Zielstellung jedes Kapitels wird präzis heraus gearbeitet. Hervor gehoben werden in farblich unterlegten Texten wichtige Erkenntnisse, Praxistipps und Praxisbeispiele, die schnell eine Handreichung für die alltägliche Arbeit bieten. Alle Kapitel werden mit einer Zusammenfassung des wesentlichen Inhalts beendet.


Rezensentin
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 27.01.2004 zu: Sven Lind: Demenzkranke Menschen pflegen. Grundlagen, Strategien und Konzepte. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2003. ISBN 978-3-456-84001-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1241.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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