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Karlheinz A. Geißler: Alles hat seine Zeit, nur ich hab keine

Cover Karlheinz A. Geißler: Alles hat seine Zeit, nur ich hab keine. Wege in eine neue Zeitkultur. oekom Verlag (München) 2011. 240 Seiten. ISBN 978-3-86581-250-6. D: 19,95 EUR, A: 20,55 EUR, CH: 29,95 sFr.
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Thema

Die Zeit des Menschen ist seit dem 19. Jahrhundert, eingeleitet durch Geschichtswissenschaft und Evolutionsbiologie, ein zentrales Thema der Wissenschaft. Spätestes zu Beginn des 20. Jahrhunderts wird die Zeit der einzelnen Menschen, angestoßen durch die Philosophie, ebenfalls zum Gegenstand von Theorie. In der zweiten Hälfte der 20. Jahrhunderts stößt sie auch in den Humanwissenschaften auf großes Interesse und kommt als Thema bald schon im Alltag an, zunächst im beruflichen, bald im politischen und inzwischen auch im privaten. Ausgangspunkt war und ist stets zunächst die Arbeitszeit: seit den 1960er Jahren ihre kollektive Verkürzung, den 1980er Jahren ihre Flexibilisierung, ebenfalls seit den 1980er Jahren, unter dem Stichwort „Zeitmanagement“, ihre individuelle Organisation. In allen Fällen geriet immer auch bald die private Zeit in den Blick: als Freizeit für die und mit der Familie, als organisatorische Vereinbarkeit von Beruf und Familie und als „work-life-balance“.

Autor

Karlheinz A. Geißler, geb. 1942, studierte Philosophie, Ökonomie und Pädagogik und war von 1975 bis 2006 Professor für Wirtschaftspädagogik an der Universität der Bundeswehr in München. In der Erziehungswissenschaft ist er neben konzeptionellen Veröffentlichungen zur Erwachsenenbildung allgemein („Erwachsenenbildung“, 1974, mit Ernst Prokop; „Die Bildung Erwachsener“, 1982, mit Jochen Kade) und zur beruflichen im besonderen („Der große Zwang zur kleinen Freiheit“, 1998, mit Frank Michael Orthey) vor allem durch methodologische Publikationen bekannt geworden. Sie sind, für die Erwachsenenbildung („Anfangssituationen“, 1983; „Schlusssituationen“, 1992; „Lernprozesse steuern“, 1995) und für die Sozialpädagogik („Konzepte sozialpädagogischen Handelns“, 1978, mit Marianne Hege), inzwischen Klassiker geworden. Ab Mitte der 1980er Jahre trat Karlheinz A. Geißler auch und später fast ausschließlich durch Veröffentlichungen zur Frage der Zeit in Erscheinung: zuerst mit „Zeit leben. Vom Hasten und Rasten, Arbeiten und Lernen, Leben und Sterben“ (1985), zuletzt mit dem vorliegenden Buch. Dazwischen liegen fast ein Dutzend weitere Bücher zum Thema und die Mitbegründung 1991 des Projekts „Ökologie der Zeit“ an der Evangelischen Akademie Tutzing und 2002 der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik.

Aufbau

Das Buch ist in vier Kapitel eingeteilt.

Die ersten drei gelten der Theorie des Lebens in der „Zeit der Vormoderne“ (Kap. I), der „Zeit der Moderne“ (Kap. II) und der „Zeit der Postmoderne“ (Kap. III). Das vierte und letzte Kapitel gilt der Praxis des Lebens in der Zeit der Postmoderne.

I Alles hat seine Zeit – Die Zeit der Vormoderne

Die wohl älteste Zeitvorstellung ist eine Zeit des „Rhythmus“, die Geißler auch mal „organisch“, mal „zyklisch“ nennt. Sie ist an den kosmischen Zyklen der Rotationen der Erde um ihre eigene Achse (24-Stunden-Tag), des Mondes um die Erde (Monat) und der Erde um die Sonne (Jahr) orientierte Zeit, in deren Gefolge sich Tag und Nacht, Neumond und Vollmond, Sommer (Trockenzeit) und Winter (Regenzeit) rhythmisch, d.h. als „Wiederkehr mit Abweichungen“ (59) und mit Phasen des Übergangs abwechseln. „Der Rhythmus ist kein gleichmäßiges Fließen, er ist ein Strömen, das Unterbrechungen und Wiederholungen kennt. (…) Rhythmen verleihen zeitlichen Verläufen eine Gliederung, zerteilen sie aber nicht – wie der Takt dies tut.“ (62) Diese organische Zeit prägt nicht nur die äußere (Umwelt) und innere Natur (Körper) der Menschen, sondern auch deren kollektives Verhalten und individuelles Erleben. „Zeit und Raum wurden stets qualitativ und nur ganz selten quantitativ betrachtet. Das Werden und Vergehen offenbarte sich als Rhythmus, in dem jede Phase ihren eigenen handlungsorientierten Bedeutungscharakter hatte…“ (34)

Wer sich verabredete oder seine Tageswerk vorausdachte, „arrangierte nicht auf Zeitpunkte, sondern auf Zeiträume hin“ (53): „Es ist [dann] nicht 6.15 Uhr, sondern Morgendämmerung“ (55), in deren Verlauf auch der Hahn kräht. Eile war nicht nötig, da alles zu seiner Zeit geschieht und man sich sowieso mehr als Opfer denn als Täter der Zeit sah.

II Alle Macht der Uhr – Die Zeit der Moderne

Die Moderne beginnt unter der Perspektive der Zeit in der Wende vom 13. zum 14. Jahrhundert in Norditalien. „Zwischen 1280 und 1320 war etwas geschehen, das die Welt und den Umgang mit Zeit von Grund auf verändern sollte. Man hatte die mechanische Uhr erfunden, die nach dem Rad wohl folgenreichste Innovation.“ (75). Mit der Erfindung der Uhr beginnt sich die Zeit „als Maß der Bewegung zwischen einem Vorher und einem Nachher“ bzw. „Idee des zeitlichen Fortschreitens“ durchzusetzen, die allerdings schon in den Kalendern, z.B. dem Julianischen der römischen Antike, angelegt war. Zur Kalenderzeit der Tage im Monat im Jahr tritt die Uhrzeit der Stunden am Tag, später auch der Minuten der Stunde und der Sekunden der Minute. Während die Kalenderzeit noch der organischen Zeit verbunden bleibt, hat sich die Uhrzeit als „mechanische“ Zeit des „Taktes“ von ihr gelöst. Geißler nennt sie auch „lineare“ Zeit. „Der Zeit, die von der Uhr produziert wird, haftet keine Qualität mehr an… Die leblose, mechanische Regelmäßigkeit des maschinellen Taktes überlagert immer umfassender die lebendigen, nur eingeschränkt kalkulierbaren und beherrschbaren Naturrhythmen. Der Takt verdrängt und ersetzt die Rhythmen des Lebendigen…“ (80)

Verabredungen erfolgen als Terminplanung und das Vorausdenken eigener Tätigkeiten als Zeitplanung unter dem „Zeitregime der Pünktlichkeit“ (118), das wiederum die Terminierbarkeit von Zeitpunkten voraussetzt: von Tagen der Kalender- und Stunden der Uhrzeit.

Mit dem Anbruch des Industriezeitalters bzw. „zu Beginn des 19. Jahrhunderts erlebte Europa mit der Verbreitung der Eisenbahn [und des Dampfschiffs] eine revolutionäre Veränderung des Beförderungswesens“ (125). Die Durchschnittsgeschwindigkeit der Menschen, die über Jahrtausende zu Land an die Kraft der eigenen und tierischer Beine und zu Wasser an die Kraft der Arme und des Windes gebunden war, erhöhte sich merklich und von da an exponentiell. Das Tempo zog an und das bisher bloße Fortschreiten der linearen Zeit wurde zum „Fortschritt“. „Die Erfindung der Uhr diente … zunächst der Ordnung der Zeit. Erst später ging es darum, Tempo mit ihr zu machen. Vom Hochsitz des Überblicks können wir also eine Ordnungs- und eine Beschleunigungsmoderne unterscheiden. Beschleunigung bedeutet, dass das, was getan wird, schneller oder in verdichteter Art und Weise vonstattengeht. Die Zeit wird zu einem Gegenstand des Mangels: Es gibt immer zu wenig.“ (121) Durch die Beschleunigung als Zeitverdichtung wird Zeit eingespart bzw. Effizienz erhöht.

III Alles zu jeder Zeit – Die Zeit der Postmoderne

Mit der Postmoderne, deren Beginn Geißler nirgends datiert, wird die Zeitverdichtung zusätzlich zur Beschleunigung durch die Vergleichzeitigung mehrerer Aktivitäten erzielt, die der Autor, wie inzwischen üblich, „Multitasking“ nennt. Personen, die ihre Tätigkeiten nicht nur seriell beschleunigen, sondern auch parallel bündeln, bezeichnet Geißler als „Simultanten“. Sie „bemühen sich immerzu und überall, mehrere Aufgaben gleichzeitig zu erledigen. Ihre Maxime heißt: ‚Fixer, dichter, mehr!‘“ (179). „Auch heute, im Zeitalter der Zeitverdichtung, geht's um mehr Tempo, aber nicht mehr nach dem Handlungsmuster des ‚Eins-nach-dem-anderen‘, sondern nach dem des ‚Alles-gleichzeitig-und-zwar-sofort‘. Die Postmoderne bricht mit dem Nacheinander der linearen Folge von Ereignissen.“ (189)

Der Umgang der Simultanten mit der Zeit ist nicht nur durch Verdichtung qua Beschleunigung und vor allem Vergleichzeitigung, sondern auch durch Entgrenzung gekennzeichnet – in zeitlicher und räumlicher Hinsicht. Durch Verstetigung entfallen Anfänge und Enden, insbesondere Pausen als unproduktive Zeiten zwischen Enden und Anfängen. Die „Non-Stop-Gesellschaft“ (Karlheinz Geißler), in der jeder jederzeit tätig sein kann, führt zur Flexibilisierung der Zeit. Simultanten „kennen weder feste noch regelmäßige“ (179) Zeiten. Durch eine Entörtlichung, wie sie Mobiltelefon und Laptop, inzwischen auch Smartphone und Tablet-PC ermöglichen, sind das gesprochene und geschriebene Wort, das stehende und bewegte Bild quasi unterwegs. Mit dem Walkman war schon zuvor die Musik mobil geworden. Durch die „transportablen Alleskönner in den Hand-, Hosen- und Jackentaschen“ (157) spricht und hört, schreibt und liest, fotografiert, filmt und schaut der Simultant an jedem Ort.

Karlheinz Geißler charakterisiert die Postmoderne zusätzlich zur Beschleunigung und Vergleichzeitigung, Verstetigung und Entörtlichung zahlreicher Tätigkeiten noch durch die Vorläufigkeit von Entscheidungen. Der Wahlfreiheit durch die Zunahme an Optionen korrespondiert die Qual der Wahl, durch die Entscheidungen möglichst (lange) offen gelassen werden: „Freiheit als Zumutung“. „Mit der Menge der Entscheidungsfreiheiten und der Zahl der Entscheidungsmöglichkeiten wachsen der Entscheidungsaufwand, der Entscheidungsdruck und die Zeitnöte“ (210), die durch „flexible Zeitkoordination und häufig anfallende, kurzfristige Umdispositionen“ (212) entstehen.

Simultanten „vermeiden verbindliche und langfristige Festlegungen, wo immer es möglich ist“ (179). Verabredungen werden stets neu verhandelt, wobei das „Mobiltelefon die Rolle des Leitinstruments der Zeitkoordination übernimmt“ (195).

IV Wege aus der Zeitfalle

„Das ständige Nachdenken über Zeit ist genauso wenig ein tragfähiges Lebenskonzept wie das unablässige Zeitmanagement.“ (226) Auch zwischen der Skylla der Dauerreflexion und der Charybdis reflexionsloser Technik kann und will Geißler nur „Andeutungen eines besseren Zeitlebens“ bzw. „Skizzen der Richtung“ für Wege aus der Zeitfalle bieten, nichts „Abschließendes … oder gar allgemeingültige Ratschläge“ (227). Der Autor nennt vier Richtungen: „Balancieren statt Koordinieren“ (232) und „Enthetzen statt Entschleunigen“ (235), Pausen machen bzw. lassen und „ein Ende finden“ (244). Das Balancieren in dem „Kunterbunt aus Zeitformen und Zeitqualitäten, Zeitzuständen und Zeiterfahrungen“ (233) gibt den Anspruch auf, „die Zeit in den Griff bekommen zu können“, hat „sie aber dabei fest im Blick“ (235). Das Enthetzen bedeutet den „Verzicht auf überflüssiges Tempo“ und den Versuch, „allen Geschehnissen, allen Dingen und Aufgaben eine jeweils angemessene Geschwindigkeit zu geben“ (238). Die „Pause“ steht für das vorläufige, das „Ende“ für das gültige Ende. „Ohne Innehalten geht es nicht, ohne Pause kommt niemand zu Sinnen.“ (244) Und „wer aufhört, hört auf, um woanders weitermachen zu können“ (245).

Auch wenn Geißler den Bezug selbst nicht herstellt, kann das Balancieren als Ausweg aus der Vergleichzeitigung, das Enthetzen als Ausweg aus der Beschleunigung und können das Pausieren und Beenden als Auswege aus der Verstetigung verstanden werden.

Diskussion

Der Untertitel des Buches führt ein wenig in die Irre. Die zugesagten „Wege in eine neue Zeitkultur“ werden in nur einem von vier Kapiteln angesprochen und eher angedeutet als ausgewiesen. Die drei ersten, weniger lebenspraktischen als zeitdiagnostischen Kapitel bieten eine historisch sinnvolle Skizze dreier Weisen des insbesondere kollektiven Umgangs mit der Zeit. Die Zeiten der Vormoderne und Moderne werden klar konturiert, während die Zeit der Postmoderne im Strich noch verschwimmt. Das ist natürlich einerseits der fehlenden Distanz zu einem Zeitalter geschuldet, in dem wir selbst leben. Andererseits hat man hin und wieder den Eindruck, das die spürbare Lust des Autors an gelungenen und oft auch schönen Formulierungen zu Lasten von Klarheit der Aussage geht. Hilfreich wäre es gewesen, wenn er auch für die Zeit der Postmoderne einen Begriff gefunden hätte, den man der zyklischen-organisch-rhythmischen Zeit der Vormoderne und der linear-mechanisch-vertakteten Zeit der Moderne kurz und griffig gegenüberstellen könnte: vielleicht noch am ehesten, was er auch andeutet, „multiple Zeit“.

Spannend wäre es ebenfalls gewesen, wenn Geißler seine diachrone, epochenvergleichende Betrachtung um eine synchrone, kulturvergleichender ergänzt und dazu auf die interessanten Ansätze von Edward T. Hall (monochrone vs. polychrone Zeitorientierung) und Richard D. Lewis (reaktive Kultur mit zyklischer, linear-aktive mit linearer und multiaktive mit personen-ereignis-relativierter Zeitorientierung) zurückgegriffen hätte.

Wohltuend ist, dass Geißler weder eine Verfallsgeschichte von der Kultur zur Zivilisation noch eine Erfolgsgeschichte der Technik über die Natur präsentiert, sondern jede Zeit ambivalent sieht: „Kein Fortschritt ohne Rückschritt, keine Freiheit ohne Zwang, keine Entlastungen ohne neue Belastungen.“ (180) So sind z.B. „die Zeiten … im Laufe des Uhrzeitimperiums sowohl besser als schlechter geworden. Auf jeden Fall sind sie anders geworden.“ (147)

Fazit

Karlheinz A. Geißler hat wieder einmal ein leicht und flüssig geschriebenes, lehrreiches und gedanklich anregendes Buch zu (s)einem gewichtigen Thema vorgelegt: dem Umgang mit der Zeit, in vormodernen, modernen Zeiten und in der uns heute neu und anders beanspruchenden postmodernen Zeit.


Rezension von
Prof. Dr. Ulrich Papenkort
Professur für Pädagogik an der Katholischen Hochschule Mainz
Homepage www.kh-mz.de/hochschule/ansprechpartner-innen/lehre ...
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Zitiervorschlag
Ulrich Papenkort. Rezension vom 22.12.2011 zu: Karlheinz A. Geißler: Alles hat seine Zeit, nur ich hab keine. Wege in eine neue Zeitkultur. oekom Verlag (München) 2011. ISBN 978-3-86581-250-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12412.php, Datum des Zugriffs 18.01.2021.


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