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Sabine Andresen, Karin Bock u.a. (Hrsg.): Vereintes Deutschland - geteilte Jugend

Cover Sabine Andresen, Karin Bock, Micha Brumlick, Hans-Uwe Otto, Mathias Schmidt, Dietmar Sturzenbecher (Hrsg.): Vereintes Deutschland - geteilte Jugend. Ein politisches Handbuch. Leske + Budrich (Leverkusen) 2003. 500 Seiten. ISBN 978-3-8100-3560-8. 24,90 EUR.
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Einführung in das Thema

Das Buch beschäftigt sich mit der Situation der Jugend in den neuen Bundesländern und den Rollen dieser nachwachsenden Generation in der "neuen" Bundesrepublik. Dieses hochkomplexe Thema, von dem bislang häufig nur einzelne Facetten bearbeitet wurden, wird von den sechs renommierten HerausgeberInnen in Form eines umfangreichen Handbuches bearbeitet, das sie bewusst ein politisches Handbuch nennen. Sie wollen damit nicht zulässt der "neuen Normalisierung" entgegen treten, in der die ostdeutsche Perspektive häufig vernachlässigt wird und die unterschiedlichen Lebensbedingungen für Kinder in Ost und West nicht mehr skandalisiert werden.

In den 31 Beiträgen, in den verschiedene Focussierungen vorgenommen und Ergebnisse aus Forschungsprojekten vorgestellt werden, soll die Komplexität der "geteilten Jugend" in der Bundesrepublik zur Diskussion gestellt und umfassend analysiert werden. Vermeiden wollen die HerausgeberInnen sowohl eine Engführung von Situations- und Gefährdungsdiskursen aus westdeutscher Perspektive als auch einen (n)ostalgischer Blick in die Vergangenheit. Der Focus wird vielmehr gerichtet auf die grundlegende Auseinandersetzung mit den Bedingungen, die als Voraussetzung für eine Integration in die neue Bundesrepublik gelten.

Aufbau und Inhalte

Das Handbuch ist in fünf Teile gegliedert.

Im ersten Teil wird die Thematik "Jugend und Politik" beleuchtet. In ihrem einführenden Beitrag "Jugend als gesellschaftliche Markierung" verdeutlichen Andresen/ Bock/ Otto, dass und in welcher Form an den Lebens- und Aufwachsbedingungen heutiger Kinder und Jugendlicher in Ostdeutschland hervortritt, mit welchen Schwierigkeiten die neue Bundesrepublik zu kämpfen hat. Die fünf folgenden Beiträge geben eine Fülle an Informationen, in dem sie Ergebnisse aus Studien zu gesellschaftlichen Entwicklungen, Rahmenbedingungen und politischen Einstellungen und Orientierungen von Jugendlichen darlegen. Der Beitrag von Richard Münchmeier, in dem er, sich auf die 13. Shell-Studie beziehend, einen Ost-West-Vergleich vornimmt, rundet dieses erste Kapitel ab.

Im zweiten Teil "Geteilte Chancen" wird der Focus auf Fragen nach Sozialisationsunterschieden, ihren Wirkungen und dem hierin zu beschreibenden Wandel seit der "Wende" gelegt. Die fünf Beiträge legen auch hier unterschiedliche Schwerpunkte: So geht z.B. Dieter Kirchhöfer auf die Spezifik und die darin liegenden Chancen "verregelter" Kindheiten in der DDR ein. Durchaus vorhandene Unterschiede zwischen Alltagspraxis und gesellschaftlichen Orientierungen der Krippenerzieherinnen arbeitet Iris Nentwig-Gesemann in ihrem Beitrag zur Bedeutung der Vorschulerziehung im Rahmen der Volksbildung heraus.

Die sechs Beiträge in Teil III "Jugend und Gewalt" beschäftigen sich mit Erkenntnissen zur Gewaltbereitschaft und Ausländerfeindlichkeit von Jugendlichen sowohl in den alten als auch in den neuen Bundesländern. Hier werden Studien aus den 90-er Jahren in ihren zentralen Ergebnissen vorgestellt und aktuell und perspektivisch diskutiert. Die Geschlechterperspektive wird hierzu vor allem im Beitrag von Svendy Wittmann und Kirsten Bruhns bearbeitet.

Fragen der Erziehung zur Demokratie und Toleranz und damit auch Fragen der bildungstheoretischen Ausrichtung werden in Teil IV "Demokratie, Erziehung und politische Bildung" verhandelt. So beschäftigt sich Micha Brumlik mit dem kognitiven Gehalt von Demokratie und diskutiert, in wie weit es sich bei den neuen Bundesländern um posttotalitäre Kulturen und postkoloniale Gesellschaften handelt. Der dieses Kapitel abschließende Beitrag von Michael Winkler geht davon aus, dass die häufig schnell dahin gesprochene Behauptung von einem mittlerweile abgeschlossenen Vereinigungsprozess ein Oberflächenphänomen sei, bei dem die Vorgeschichten, die nach wie vor wirksam sind, ignoriert werden. In seinen Ausführungen zu "Erziehung und Bildung" geht er dabei insbesondere auf das "Format von Familiarität", dem Zusammenschmelzen informeller Netzwerke und auf pädagogische Mentalitäten ein.

Der abschließende Teil V nimmt unterschiedliche Sozialisationsinstanzen wie Schule (Franz Prüß), Vereine (Bauer/Burrmann) oder die Erziehungshilfen (F. Peters) in den Blick und beschäftigt sich in zwei Beiträgen mit der virulenten Thematik von Arbeit und Jugendarbeitslosigkeit im Osten (Oehme/ Kreher und R. Lutz), Der Beitrag von Karin Böllert zu "Profession und Gesellschaft", in dem sie Ist-Zustand und Perspektiven der Jugendhilfe-Ost darstellt bzw. zur Diskussion stellt, schließt das Handbuch ab.

Zielgruppe

Zielgruppe des Handbuches ist primär die Gruppe der in der Jugend- und Transformationsforschung bzw. in der Lehre Tätigen. Dabei kann man zu einem spezifischen Thema nachschlagen und fündig werden. Ebenso lädt das Buch ein, sich Zeit zu nehmen und sich umfassend zu bilden.

Fazit

Das Buch ist ein Buch, das deutsch-deutsche Differenzen in der Kinder- und Jugendgeneration benennt und konkretisiert, ohne sie damit festzuschreiben und polarisierend zu wirken. In dem Handbuch werden alle aktuellen Erkenntnisse zum Aufwachsen in Ostdeutschland zusammengetragen und auf Perspektiven hin befragt. Somit ist es ein Sammelband mit Beiträgen vieler AutorInnen, ein Nachschlagewerk im aktuellen Ost-Diskurs, eine wichtige Datenquelle und ein Buch, das sich auseinandersetzt und damit auch zur Auseinandersetzung anregt. Ein Buch mit derart vielfältig sich ineinander verwebenden Themen und Aspekten ist nicht einfach zu rezensieren, da es letztendlich nur ausschnitthaft präsentiert werden kann. Aber genau in dieser inhaltlichen Vielfältigkeit liegt die Stärke dieses Handbuches. Vermisst habe ich die Ausweisung eines roten Fadens durch die Kapitel im Rahmen einer Einleitung. Das wäre LeserInnen wie mir hilfreich, um sich (a) schneller in solch einem umfangreichen Werk zurecht zu finden und (b) die Konzipierung des Buches durch die Herausgeberinnen nachvollziehen zu können.


Rezension von
Prof. Dr. Claudia Daigler
Professorin für Integrationshilfen und Übergänge in Ausbildung und Arbeit an der Hochschule Esslingen
Homepage www.hs-esslingen.de/de/mitarbeiter/claudia-daigler.html
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Zitiervorschlag
Claudia Daigler. Rezension vom 20.04.2004 zu: Sabine Andresen, Karin Bock, Micha Brumlick, Hans-Uwe Otto, Mathias Schmidt, Dietmar Sturzenbecher (Hrsg.): Vereintes Deutschland - geteilte Jugend. Ein politisches Handbuch. Leske + Budrich (Leverkusen) 2003. ISBN 978-3-8100-3560-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1242.php, Datum des Zugriffs 23.01.2021.


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