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Harald Kleinschmidt: Migration und Integration

Cover Harald Kleinschmidt: Migration und Integration. Verlag Westfälisches Dampfboot 2011. ISBN 978-3-89691-124-7.
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Wir kommen viel in der Welt herum – kommen wir auch zueinander?

In kaum einer anderen Lebenssituation ist die Diskrepanz zwischen „Fremdes ist schön“ (Animationskassette des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, INTERKOM PAL, 17 Min., 1990) und Fremdendistanz und -feindlichkeit (Klaus J. Bade, Hrsg., Das Manifest der 60. Deutschland und die Einwanderung, München 1994) so gravierend wie beim Umgang der Einheimischen mit den Zugewanderten im Migrationsdiskurs. Subjektive Wahrnehmungen, Stereotype und Vorurteile überwiegen nicht nur bei den alltäglichen Begegnungen, sondern auch in den wissenschaftlichen Auseinandersetzungen über Migrationsphänomene und Integrationsprozesse. Die in der Migrationsforschung aufgedeckten negativen Einstellungen von Eingesessenen gegenüber Eingewanderten besonders bei migrationsraren und -fernen Situationen machen ja deutlich, dass Ablehnungen, Feindlichkeiten und Rassismen „gemacht“ werden und nicht durch Begegnungen und eigene Erfahrungen entstehen (vgl. dazu: Max Matter / Anna Caroline Coster, Hrsg., Fremdheit und Migration. Kulturwissenschaftliche Perspektiven für Europa, Marburg 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12023.php). Als positive Entwicklung und Zielsetzung für eine offene, demokratische und humane Gesellschaft gilt es, Minderheiten in Mehrheitsgesellschaften zu integrieren. Integrationspolitik allerdings wiederum unterliegt unterschiedlichen, politischen, gesellschaftlichen, ideologischen … Vorstellungen und Konzepten. Die „Anderen“ werden dabei überwiegend als Störenfriede, Eindringlinge, Bedrohung oder Gefahr betrachtet, selten als Bereicherung. Dabei ist Migration, von der Wortbedeutung wie menschheitsgeschichtlich, etwas ganz natürliches. Der Mensch ist ein homo migrare, ein Lebewesen, das unterwegs ist: „Alle, die migrieren, bewegen sich als ganze Personen, wandern sowohl aus als auch ein und formen ihre Identitäten“. In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (10. Dezember 1948) wird in Artikel 13 festgelegt, dass jeder Mensch das Recht hat, sich innerhalb eines Staates frei zu bewegen und seinen Wohnsitz frei zu wählen, als auch jedes Land einschließlich seines eigenen zu verlassen und in sein Land zurückzukehren; genau so, in Artikel 14, in anderen Ländern vor Verfolgung Asyl zu suchen und zu erhalten.

Entstehungshintergrund und Autor

Insbesondere in der neueren Geschichte der Menschheit bilden nationale und imperiale Grenzen Hindernisse, dieses Recht, ob aus freiwilligen Motiven oder aus Zwängen, in Anspruch zu nehmen. Nicht zuletzt die deutsche Nachkriegsgeschichte lehrt, dass es äußerst umstritten ist, ein Einwanderungsland zu sein. Es wird, in der Mentalität wie im gesellschaftlichen Bewusstsein, vorausgesetzt, dass im zivilisatorischen Leben die Sesshaftigkeit die „normale“ (geordnete) Lebensform darstelle, während Umzug, Weggang, Migration also, eine ungewöhnliche und von daher zu begründende (abzulehnende bzw. verdächtige und damit zu ordnende) Verhaltensweise sei. Wer in ein „geordnetes“ Gemeinwesen „eindringt“, bedroht angeblich das gewohnte Leben und den Wohlstand und trifft deshalb auf Ablehnung, die eine Eingliederung der Migrantinnen und Migranten erschwert. Es sind die „Wohlstandschauvinisten“, die Ängste schüren und Behauptungen aufstellen, dass „Personen mit Migrationshintergrund“ zu fiskalischen und gesellschaftlichen Belastungen werden; genau so wie die „Normenchauvinisten“, die argumentieren, dass Multikulturalismus die gesellschaftliche Einheit gefährde. So hat sich aus der wohlmeinenden, freiheitlichen, demokratischen und toleranten Haltung heraus für ein multikulturelles Zusammenleben einzutreten, der abwertende (gutmenschliche) Begriff „Multikulti“ entwickelt, dem es gilt zu widerstehen. Dahinter freilich steckt nicht selten die Einstellung, dass, wenn man Multikulti für tot erkläre, man auch ernsthafte und wirksame Maßnahmen zur Integration nicht mehr denken und praktizieren müsse. Die rassistischen Parolen, wie „das Boot ist voll“, und die inhumanen, fremden- und ausländerfeindlichen Einstellungen zielen ja nicht auf eine sachliche Bewertung und Auseinandersetzung, sondern ausschließlich auf Ab- und Ausgrenzung. Dagegen hilft nur Aufklärung (vgl. dazu: Dirk Lange, Hrsg., Entgrenzungen. Gesellschaftlicher Wandel und Politische Bildung, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12192.php).

Der an der japanischen Universität Tsukuba und der Universität in Tokyo (vormals Universität Stuttgart) lehrende Historiker Harald Kleinschmidt legt eine Forschungsarbeit vor, mit der er die Debatte um Migration und Integration versachlichen will „durch Blicke in die vielfältigen Geschichten von Migranten und Migrantinnen in der ferneren und näheren Vergangenheit“ und daraus Lehren für die Gegenwart und Zukunft der menschlichen Migrationsgeschichte zu ziehen.

Aufbau und Inhalt

In 14 Kapiteln thematisiert er, orientiert an einem Zeitstrahl, sowohl die theoretischen Entwicklungen in der Migrationsforschung, den Wandlungsprozess der Mentalitäten und Begrifflichkeiten, als auch praktische Veränderungen im Umgang der nahen und fernen Menschen zueinander. Er berichtet über nachbarschaftliche Umgangsformen und ihre Auflösungen; über Reaktionen der Mehrheitsgesellschaften gegen Eindringlinge, Andersdenkende und „Außen“ – Seiter. Jedem Kapitel sind gesonderte Literaturhinweise und Quellenverweise zugeordnet. Vom sechsten bis vierzehnten Kapitel werden gewissermaßen Fallbeispiele diskutiert, z. B.: „Wie die Schwaben nach Britannien kamen“, „Hernán Cortés und die Anfänge der europäischen Migration nach Amerika“, „Warum Afrikaner im 18. Jahrhundert nach Kassel kamen“, „Wohin die Wege führen. Reisen im 17. Jahrhundert“, „Warum James Cook in die Südsee reiste und Sachen aus Hawaii nach Göttingen kamen“, „Warum John Hanning Speke nach Buganda kam“, „Wie Otokichi von Japan nach London und von London nach Shanghai kam“, „Wie die Maori zu ‚Eingeborenen‘ wurden“ und „Integration Modell Singapur“. Es sind Geschichten, hinter denen Menschen stehen und die konkrete Lebenssituationen, historische, gesellschaftliche und politische Entwicklungen beschreiben und aufzeigen, „dass Unterwegssein ein regulärer, normaler, gewöhnlicher Vorgang ist„; aber auch Hindernisläufen, Diskriminierungen und nationalistischen rassistischen Politiken gegenüberstehen.

Fazit

Der Blick in die Geschichte der Wanderungs- und Migrationsbewegungen, an ausgewählten historischen Beispielen dargestellt, zeigt zum einen, wie gelingende und misslingende Integration von Zugewanderten in Mehrheitsgesellschaften sich darstellt, welche äußeren Bedingungen wirken, wie gesellschaftliches Bewusstsein von Fremdheit fördert oder hemmt und welche individuellen und kollektiven Anstrengungen notwendig sind, um Integration gelingen zu lassen.; denn „Integration findet in erster Linie nicht in Staat und Gesellschaft statt, sondern dort, wo Migrantinnen und Migranten Aufnahme und Anerkennung in bestehenden Nachbarschaftsgruppen finden können, ohne in Ghettos ausweichen zu müssen“.

Für eine gelingende Integration ist zwar ein rechtlicher, gesellschaftlich akzeptierter und freiheitlich-demokratischer Rahmen erforderlich; jedoch ohne ein aufgeklärtes Bewusstsein aller am Integrationsprozess Beteiligten, also aller Gesellschaftsmitglieder lokal und global, kann Eingliederung, Aufnahme und Zugehörigkeit nicht gelingen. Das könnte die Botschaft sein, die aus der Analyse von Harald Kleinschmidt „Migration und Integration“ herausgelesen werden kann!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 02.12.2011 zu: Harald Kleinschmidt: Migration und Integration. Verlag Westfälisches Dampfboot 2011. ISBN 978-3-89691-124-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12424.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


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