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Ganztagsschule

Cover Ganztagsschule. Entwicklung, Qualität, Wirkungen : Längsschnittliche Befunde der Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen (StEG). Juventa Verlag (Weinheim) 2011. 400 Seiten. ISBN 978-3-7799-2156-1. 29,95 EUR, CH: 43,50 sFr.

Reihe: Studien zur ganztägigen Bildung.
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Entstehungshintergrund

Die vorliegende Studie startete 2005 und hatte das Ziel, die Entwicklung und den Ausbau von Ganztagsschulen in Deutschland empirisch zu begleiten und zu untersuchen. Die in drei Wellen verlaufenden Erhebungen (2005, 2007, 2009) sind ausgewertet und der vorliegende Band präsentiert die Ergebnisse. Auslöser der hinter der Studie stehenden erheblichen Bildungs- und Schulreform war das 2003 mit vier Milliarden ausgestattete Investitionsprogramm “ Zukunft Bildung und Betreuung“ (IZBB) der damaligen Bundesregierung. Das länderübergreifende Forschungsprogramm wurde durchgeführt vom Deutschen Institut für internationale Forschung (DIPF), vom Deutschen Jugendinstitut e.V. (DJI), vom Institut für Schulentwicklungsforschung der Universität Dortmund sowie der Justus-Liebig Universität Gießen. An 300 Schulen wurden mehr als 50.000 Personen befragt und dies zeigt, welche ungewöhnliche Dimension das Forschungsprojekt hatte. Dem korrespondiert die hohe Anzahl der gegenwärtigen Ganztagsschulen in Deutschland mit 47 Prozent der allgemeinbildenden Schulen. Der betroffenen Schüleranteil beträgt 27 Prozent. Die Differenz erklärt sich dadurch, dass sehr viele Schulen nur Teilbereiche als Ganztag ausweisen, die zudem meistens offen sind, also der freiwilligen Teilnahme unterliegen.

So bedeutsam die Bildungs- und Schulreform auch ist, so weitreichend und vielfältig die damit verbundenen Ziele sind ( u.a. Leistungsverbesserung, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, soziale Integration ) muss doch gesehen werden – und das sei vorwegnehmend angedeutet – , dass die empirischen Ergebnisse eher schwache positive Ergebnisse zeigen. Allerdings ist zu bedenken, dass die Anfangsphase des Ausbaus der Ganztagschule eben nur die ersten Jahre erfasst. Allerdings hat sich der deutsche Schulalltag unter dem Leitbild einer Einheit von Bildung, Betreuung und Erziehung gravierend verändert und dies ist indes ein starkes Ergebnis.

Aufbau und Inhalt

Die 18 Beiträge im vorliegenden Band orientieren sich an vier Themenfeldern, die die vier wesentlichen gesellschaftlichen Erwartungen an das Großprojekt Ganztagsschule zum Ausdruck bringen. Die Untersuchungsbereiche Primar- und Sekundarstufe I werden in den Beiträgen jeweils getrennt ausgewiesen und interpretiert:

  1. Erfolgreiche individuelle Förderung von Schülerinnen und Schülern bezogen auf die schulischen Leistungen. Abbau der in den PISA – Studien festgestellten Kompetenzdefizite.
  2. Verbesserte soziale Integration insbesondere von sozial benachteiligten Kindern sowie die Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund. Letztlich wird ein Abbau herkunftsbedingter Bildungsungleichheiten angestrebt.
  3. Ausweitung auf neue und in Halbtagsschulen weniger vorfindliche Bildungsinhalte und Lernformen (z.B. Berücksichtigung informellen Lernens). Dies bedeutet auch den Einbezug anderer Fachkräfte und die Aufnahme anderer Themen als es die bekannten Unterrichtsfächer nahe legen.
  4. Unterstützung bei der Betreuung und Erziehung der Schulkinder einhergehend mit einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dies, aber auch schon die bereits genannten Zielsetzungen, erfordert einen Einbezug des schulischen Umfeldes z.B. mit seinen sozialen und kulturellen Einrichtungen.

Zu a. Eine generelle Verbesserung der Schulnoten konnte nicht festgestellt werden (Hans Peter Kuhn / Natalie Fischer, S.224). Jedoch bewirkt eine regelmäßige Beteiligung an Ganztagsschulangeboten (extracurricular activities) eine förderliche Entwicklung der Schulnoten. Die genannten Autoren sprechen in diesem Zusammenhang von protektiven Wirkungen – ein Begriff, der in der vorliegenden Studie häufiger anzutreffen ist. Ein Effekt protektiver Wirkungen auf Schulnoten wird auch einer unterstützenden und fairen Schüler – Betreuer – Beziehung zugeordnet. Ebenso ist die pädagogische Qualität der genannten Angebote von Bedeutung. Darunter ist die kognitive Aktivierung, die Motivierung und die Partizipation der Schülerinnen und Schüler zu verstehen. Die letztgenannten Faktoren wirken sich auch auf das Wohlbefinden der Schulkinder im Ganztagsschulen aus. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Schulnoten nicht abfallen, bei leichtem Ansteigen des Wohlbefindens.

Zu b. In den jeweiligen Ganztagsschulen steigt die Teilnahme der Schülerinnen und Schüler am Ganztagsbetrieb. Die „soziale Durchmischung“ sowohl von Kindern mit niedrigem sozioökonomischen Status als auch von Kindern mit Migrationshintergrund ist gegeben. Für die Grundschule gilt allerdings, dass das sozioökonomisch höchste Viertel (Quartil) quantitativ stärker im Ganztagsbereich ausgeprägt ist und angenommen werden kann, dass eine Selektion im Spiel ist. Diese Selektion nimmt jedoch im Sekundarbereich ab und für 2009 lauten die Prozentzahlen nach den Quartilen aufsteigend: 23,9; 30,7; 23,0; 22,5 ( Heinz Günter Holtappels / Stephan Jarsinski / Wolfram Rollett, S.105). An offenen Ganztagsschulen ist indessen eine die Teilnahme betreffende Selektion vorhanden. Hierzu gehört auch der Hinweis, dass an Schulen mit hohem Anteil von sozial benachteiligten und mit einem Migrationshintergrund versehenen Schülerinnen und Schülern die Teilnahmegewinnung für den offenen Ganztagsbereich schleppend verläuft.

Zu c. Das Angebotsspektrum im Ganztagsbereich umfast, über den regulären Unterricht hinausgehend, u.a. Hausaufgabenbetreuung, Förderung, fachbezogene Angebote mit musisch-kultureller oder naturwissenschaftlicher Ausrichtung, fachübergreifende Angebote mit handwerklich-technischer Ausrichtung, sowie mit der Ausprägung sozialen Lernens, hinzu kommen Freizeitangebote wie Arbeitsgemeinschaften und Sport. Es wurde bereits darauf hingewiesen, das von diesem Ganztagsangebot leichte positive (protektive) Effekte auf Schulnoten und Wohlbefinden der Schulkinder ausgehen. Auch verbessert sich das Sozialverhalten und deviantes Verhalten wird gemindert. Bei genauerem Hinsehen stellen sich aber zukünftig noch zu leistende Verbesserungen heraus. So muss das Schulprogramm in eine deutlichere Korrespondenz mit dem Ganztagsangebot gesetzt werden, soziales und interkulturelles Lernen bedarf der Ausweitung, die Beteiligung der Lehrkräfte muss verstärkt werden, eine systematische Qualitätsentwicklung ist vonnöten und mehr außerschulische Unterstützung ist notwendig. Letzteres gilt, obwohl der Anteil von Ganztagsschulen, die mit außerschulischen Partnern kooperieren von 71 Prozent (2005) auf 87 Prozent (2009) gestiegen ist (Bettina Arnoldt, S. 317). Langjährige Kooperationen sind anzustreben, sowohl um die Organisationsaufgaben innerhalb des Ganztagsbereiches zu entlasten, als auch die Verbindung von Unterricht und Ganztagsangebot zu verbessern.

Zu d. Die Ganztagsschule wirkt bezüglich der Herkunftsfamilie aus mehreren Gründen entlastend. Zunächst wird die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessert. Bei ökonomisch gut situierten Familien durch die Ausweitung der (Doppel-)Berufstätigkeit, bei ressourcenärmeren Familien durch die Aufnahme von Arbeitsverhältnissen. Eltern bewerten die Sicherstellung der Betreuung gerade bei jüngeren Kindern hoch, ebenso wird der Wegfall der Hausaufgaben begrüßt, auch weil innerfamiliale Konflikte gemindert werden. Darüber hinaus zeigt sich eine gewisse Verbesserung des Familienklimas und hier insbesondere bei ressourcenärmeren und schuldistanzierten Eltern. Gleichwohl hat „der Ausbau der Ganztagsschule (…) die Familie und das Familienleben nicht fundamental umgekrempelt“. So Ivo Züchner (S. 310), in dem leider nur einzigen Beitrag zu diesem wichtigen Thema.

Diskussion

Die Längsschnittstudie zeigt eine hohe Anzahl positiver Tendenzen. Sie bestätigt damit, dass der Weg von der Halbtagsschule zur Ganztagsschule eine gute Richtung aufgenommen hat. Die erhobenen Daten ermöglichen Bildungspolitikern und Bildungsplanern, Lehrerkollegien und Schulleitungen eine Überprüfung und ggf. korrigierte Weiterentwicklung ihrer Tätigkeit und ihrer Perspektiven. So zeigt sich anhand der Daten, dass das über den Unterricht hinausgehende Ganztagsangebot verbesserungs- und entwicklungsbedürftig ist. Dieser Hinweis gilt auch für die außerschulischen Kooperationspartner. Auch signalisieren die Daten eben nicht einen gravierenden Erfolg der Ganztagsschulen, sondern eher Ergebnisse, die auffordern, den begonnen Reformprozess nachhaltig fortzusetzen. Der „schwere Tanker“ Halbtagsschule lässt sich nicht in kurzer Zeit völlig umsteuern. Eine vierte Erhebungswelle nach zehn Jahren wird sicherlich aussagekräftiger sein, aber nur weil die Basisdaten jetzt schon erhoben wurden.

Der vorliegende informationsdichte Band ist auch deshalb schwer zu erfassen, weil die einzelnen Beiträge zuwenig miteinander verknüpft sind. Dazu wäre u.a. eine übersichtliche Gliederung notwendig gewesen. Das Thema Schule – Familie kommt zu kurz und Themen wie Jugendhilfe oder Soziale Arbeit an Schulen haben kaum einen Stellenwert. Letztlich ist die sozialpädagogische Seite der beschriebenen Bildungs- und Schulreform in dieser Veröffentlichung wenig ausgeprägt.

Fazit

Der Band beschreibt die Erforschung der ersten Entwicklungsschritte der umfangreichsten Bildungs- und Schulreform in Deutschland. Mit fast der Hälfte aller allgemeinbildenden Schulen, die Ganztagsschulen geworden sind, ist ein enormer Umfang erreicht. Die vorgelegten Ergebnisse zeigen positive Tendenzen an deren Verstetigung noch gearbeitet werden muss. Für die Akteure im Bildungs- und Schulsektor liegt ein unerlässliches Buch vor und auch die zukünftige Lehrerschaft wird sich damit auseinandersetzen müssen.


Rezension von
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 02.01.2012 zu: Ganztagsschule. Entwicklung, Qualität, Wirkungen : Längsschnittliche Befunde der Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen (StEG). Juventa Verlag (Weinheim) 2011. ISBN 978-3-7799-2156-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12427.php, Datum des Zugriffs 03.12.2020.


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