socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Klaus Töpfer, Ranga Yogeshwar: Unsere Zukunft

Cover Klaus Töpfer, Ranga Yogeshwar: Unsere Zukunft. Ein Gespräch über die Welt nach Fukushima. Verlag C.H. Beck (München) 2011. 240 Seiten. ISBN 978-3-406-62922-8. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 30,50 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Wir haben die Chance – nutzen wir sie?

Stellte man in einem Katalog all die Warnungen, Prognosen und Empfehlungen zusammen, die Menschen über die (Weiter-)Existenz der Menschheit formuliert haben, würde man einen dicken Wälzer produzieren. Es sind Bestandsaufnahmen, die den Abschluss einer Entwicklungsphase feststellen und den Anfang einer neuen Entwicklung prognostizieren, wie – „Wollen die Menschen von heute und morgen nicht ihr Ende einläuten, sondern den Anfang einer neuen Ära, so muss der Übergang von dem gegenwärtigen undifferenzierten und unausgeglichenen zum ausgewogenen Wachstum jetzt vollzogen werden“ – wie dies Mihailo Mesarovi? und Eduard Pestel in dem zweiten Bericht an den Club of Rome, „Menschheit am Wendepunkt“, 1974 formuliert haben; es handelt sich um Feststellungen, wie – „Wir haben einen historischen Wendepunkt in der Wirtschaftsentwicklung erreicht“ – die in der Folgediskussion um den Brundtland-Bericht „Our Common Future“ (1987) immer wieder den Menschen ins Stammbuch geschrieben werden; es wird dramatisch in der Agenda 21 der Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro registriert: „Die Menschheit steht an einem entscheidenden Punkt ihrer Geschichte. Wir erleben eine zunehmende Ungleichheit zwischen Völkern und innerhalb von Völkern, eine immer größere Armut, immer mehr Hunger, Krankheit und Analphabetentum, sowie eine fortschreitende Schädigung der Ökosysteme, von denen unser Wohlergehen abhängt“. Es wäre aufzulisten der Appell, den die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ 1995 in ihrem Bericht „Our creative diversity“ in die Welt gebracht hat: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“. In den Katalog gehörten auch die alljährlich erscheinenden Berichte des New Yorker Worldwatch Institute „Zur Lage der Welt“, etwa der Warnung, dass der Planet Erde vor der Überhitzung stehe (2009, vgl. dazu: www.socialnet.de/rezensionen/7730.php, sowie, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10494.php). Hinein gehörten auch die zahlreichen, an Umfang und Intensität zunehmenden kapitalismuskritischen Arbeiten, wie sie von Autoren wie Elmar Altvater, John Holloway, Jürgen Meier, Oskar Negt, Jean Ziegler u.a. thematisiert und im Rezensionsdienst von Socialnet vorgestellt werden. Nicht fehlen dürfte in den Quellenangaben die Aufforderungen, für ein kooperatives Mensch-Natur-Verhältnis zu sorgen (Peter M. Senge, u.a., Die notwendige Revolution. Wie Individuen und Organisationen zusammenarbeiten, um eine nachhaltige Welt zu schaffen, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11714.php), wie auch Jeremy Rifkins Anregung, eine globale, empathische Zivilisation zu schaffen und die dritte industrielle Revolution einzuleiten (2010, www.socialnet.de/rezensionen/9048.php sowie: Jeremy Rifkin, Die Dritte Industrielle Revolution. Die Zukunft der Wirtschaft nach dem Atomzeitalter, 2011); wie auch die Erinnerungen, wie sie zur Bedeutung der Allmende und der Gemeingüter für die Menschheit angebracht werden (Heinrich-Böll-Stiftung / Silke Helfrich, Hrsg., Wem gehört die Welt? Zur Wiederentdeckung der Gemeingüter, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/7908.php sowie: Elinor Ostrom, Was mehr wird, wenn wir teilen. Vom gesellschaftlichen Wert der Gemeingüter, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11224.php).

Entstehungshintergrund und Autoren

Über die Frage, weshalb der Mensch, der ja nach der philosophischen Interpretation ein vernunftbegabtes Lebewesen und als als zôon politikon in der Lage ist, ein eu zên, ein gutes Leben zu führen (Aristoteles), scheinbar so wenig ist der Lage ist zu erkennen, dass „die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt bildet“, wie dies in der Präambel der von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 proklamierten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte diktiert wird – gibt es ja vielfältige Erklärungsmuster und Spekulationen. Die Pessimisten und Fatalisten erklären diese Unfähigkeit eher mit der Metapher, dass der Mensch eben des Menschen Wolf und ein Egoist sei, die Hasardeure, die Gefahren ignorieren und in ihrer konservativen Denke – „Das haben wir schon immer so gemacht“ – sich jeder objektiven Einschätzung von Entwicklung entziehen, und schließlich die Optimisten und Humanisten, die im Menschen ein lernfähiges, auf Gemeinsamkeit fokussiertes Lebewesen sehen. Je nach Einstellung und Mentalität wird sich daraus die Frage nach der Zukunft der Menschheit ergeben. Steht die Menschheit am Abgrund und geht sie zwanghaft und unbedingt einen Schritt weiter, oder tragen Warnzeichen und Prognosen zur Umkehr bei?

Ohne Zweifel gehören die beiden Autoren, die ein Buch in der Form eines Gesprächs über die Welt nach Fukushima vorlegen, zu denjenigen, die davon überzeugt sind, dass es den Menschen gelingt, aus Fehlentwicklungen zu lernen und neue Perspektiven für eine humane Existenz der Menschheit zu entwickeln. Es ist gleichzeitig ein Generationengespräch. Der 1938 geborene Klaus Töpfer, ehemaliger Minister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, späterer Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP), Gründungsdirektor des Instituts für Klimawandel, Erdsystem und Nachhaltigkeit (IASS) in Potsdam und derzeitige stellvertretende Vorsitzende der von der Bundesregierung eingesetzten Ethikkommission für sichere Energieversorgung, gilt als „Altmeister in Nachhaltigkeitsfragen“, während Ranga Yogeshwar, geboren 1959, als studierter Physiker, „Fernsehaufklärer“ und Autor von populärwissenschaftlichen Büchern bekannt ist.

Der vom Soziologen Ulrich Beck 1986 geprägte Begriff von der „Risikogesellschaft“ hat sich ja mittlerweile in vielfältigen Facetten und Aspekten ausgeprägt; da ist von dem menschlichen Bedürfnis nach Sicherheit die Rede (Ulrich Beck, Weltrisikogesellschaft. Auf der Suche nach der verlorenen Sicherheit, 2007, in: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, www.socialnet.de/rezensionen/4820.php) und von Ausnahmezuständen (Markus Holzinger, Stefan May, Wiebke Pohler, Weltrisikogesellschaft als Ausnahmezustand, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/9743.php), die allesamt eine, wie es scheint, bisher nie da gewesene Herausforderung für die menschliche Entwicklung darstellen.

Aufbau und Inhalt

Die japanische Umwelt- und Nuklearkatastrophe von 2011 hat viele Menschen, die an die technologische Machbarkeit und Beherrschbarkeit von Risiken glaubten und – je nach Mentalität und Aufgeklärtheit auch bei Gefahren und Auswirkungen bei der Produktion von Atomenergie – nachdenklich werden lassen. Nicht zuletzt Fukushima hat dazu geführt, dass die Bundesregierung den Beschluss gefasst hat, (wenn auch nicht sofort, sondern bis zum Jahr 2021), die deutschen Atomkraftwerke vom Netz zu nehmen. Die politische Entscheidung zum Atomausstieg hat mittlerweile in mehreren Ländern und Regionen der Erde ebenfalls ein Echo gefunden. In den Vorworten, die von den beiden Autoren in ihrem Gedankenaustausch im ländlichen Anwesen Yogeshwars in Hennef vorangestellt werden, verdeutlichen sich bereits Unterschiede und Gemeinsamkeiten dieser beiden Prominenten. Yogeshwar nimmt ein Vorkommnis, dass während ihrer Unterhaltung ein junger Sperber gegen eine Fensterscheibe des Hauses fliegt, weil er sich vorher bereits durch ein scheinbar gieriges Fressen einen Knochen seines Opfers in seinen Rachen stieß und dabei vermutlich sein Sehvermögen beschädigt wurde, sich beim Aufprall verletzte und von den beiden Gesprächspartnern zu einem Tierarzt und danach in die Sperbervogelstation Gut Leidenhausen bei Köln gebracht und gesund gepflegt wurde, zum Anlass um festzustellen, dass das Unglück dem Vogel das Leben gerettet habe. Dabei zieht er eine Parallele zur Katastrophe von Fukushima: Sie ist unsere Chance! Klaus Töpfer bekennt dabei, dass er beim gemeinsamen Gespräch über die Kernenergie und die analytische Betrachtung aus wissenschaftlicher Sicht viel gelernt habe und dies eine spannende Erfahrung für ihn gewesen sei.

Die Gesprächspartner gliedern ihren Gedankenaustausch in acht Kapitel, die jeweils im Untertitel auf den Themenschwerpunkt verweisen:

  • „GAU!“ – Wie Katastrophen uns verändern;
  • „Wir sind gefangen“ – Warum Alternativlosigkeit so gefährlich ist;
  • „Ja bitte! Nein danke!“ – Auf der Suche nach Orientierung;
  • „Nach dem Ausstieg“ – Kann die Energiewende gelingen?;
  • „Konsum! Konsum! Konsum!“ – Wo bleibt das Glück in den Bilanzen?“;
  • „Andere Welten“ – Was wir von Indien und Kenia lernen können;
  • „Konkret“ – Es lässt sich vieles ändern, und „Zusammen frei“ – Ein Schritt in die Zukunft.

Die vielfältigen Zugangsweisen im Gesprächsverlauf machen deutlich, dass es nicht ausreicht, ein Problem in der Menschheitsentwicklung alleine zu betrachten; etwa nur darüber nachzudenken, wie die Klimakatastrophe verhindert werden kann, oder die Finanzkrise zu bewältigen ist; wie ein ökonomischer Perspektivenwechsel vollzogen werden kann; oder die lokalen und globalen Ungerechtigkeiten beseitigt werden können. Vielmehr bedarf es einer zusammenhängenden Betrachtung und einer Ethik, die von einer lokalen und globalen Empathie getragen ist: „Wir haben als Generation die Chance, eine neue Gebrauchsanleitung zu entwickeln, die nicht von einem wirtschaftlichen, sondern von einem empathischen Denken bestimmt wird“. Gegen „die Zeit, die ihre Kinder frisst“, ist Innehalten angesagt – und nachdenken! Zu erkennen, dass „die Finanzkrise, die Energiekrise, die Klimakrise ( ) lediglich Symptome der Gefangenschaft in unserem System (sind)“. Das Gespräch ist also nichts anderes als die dringende Aufforderung zum Perspektivenwechsel hin zu einem globalen Bewusstsein: „We are all together“.

Fazit

Natürlich sind Gespräche keine Expertisen oder Referate, auch keine Gutachten. Das Gespräch zwischen Klaus Töpfer und Ranga Yogeshwar über unsere Zukunft bietet eine Fülle von angedeuteten und ausführlichen Argumentationen darüber, dass „eine andere, bessere, menschenwürdigere Eine Welt möglich ist“. Es sind Aufforderungen, nicht darauf zu warten, dass andere etwas tun, sondern Herausforderungen an jeden Einzelnen in der Gesellschaft, Hier und Dort, also überall auf der Erde! Der Verlag platziert das Buch in der Vorweihnachtszeit – eine gute Gelegenheit, es zu verschenken und zum Anlass zu nehmen, in der Familie, im Freundeskreis, in der Schule und Erwachsenenbildung zu diskutieren, welche Lehren die Menschheit aus den Katastrophen von Fukushima (und anderen Krisensituationen) zieht.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
E-Mail Mailformular


Alle 1482 Rezensionen von Jos Schnurer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 06.12.2011 zu: Klaus Töpfer, Ranga Yogeshwar: Unsere Zukunft. Ein Gespräch über die Welt nach Fukushima. Verlag C.H. Beck (München) 2011. ISBN 978-3-406-62922-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12442.php, Datum des Zugriffs 17.01.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht