Joachim Bark, Hans-Christoph Graf von Nayhauss: Profile deutscher Kulturepochen
Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 09.11.2011
Joachim Bark, Hans-Christoph Graf von Nayhauss: Profile deutscher Kulturepochen.
Alfred Kröner Verlag
(Stuttgart) 2011.
336 Seiten.
ISBN 978-3-520-50801-0.
D: 14,90 EUR,
A: 15,40 EUR,
CH: 26,50 sFr.
Reihe: Kröner-Taschenbuch - Band 508.
„Nie zuvor gab es so viel Zerrissenheit und sentimentalen Weltschmerz wie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts“
Bei der Nachschau „Wie wir wurden, was wir sind“ (Bernt Engelmann) haben Kenntnis und Standortbestimmung des individuellen Soseins und des gesellschaftlichen Bewusstseins eine unverzichtbare, stabilisierende und identitätsstiftende Bedeutung. Es sind die geschichtlichen und kulturellen Aspekte, die für eine Selbstvergewisserung sorgen und der Kant?schen Maxime sapere aude – Wage zu wissen – gerecht werden können. Es ist das „Wissen zu wissen“, das Bildung schafft (vgl. dazu: Michael Maaser / Gerrit Walther, Hrsg., Bildung. Ziele und Formen. Traditionen und Systeme. Medien und Akteure, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12295.php).
Entstehungshintergrund und Autoren
In den Zeiten, in denen, wie es scheint, das Buchzeitalter bzw. die „Gutenberg-Galaxis“ (Marshall McLuhan) zu Ende geht, aber auch, in denen scheinbar bisherige Gewissheiten und Grenzen (Dirk Lange, Hrsg., Entgrenzungen. Gesellschaftlicher Wandel und politische Bildung, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12192.php) durch eine sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden, globalisierten (Einen?) Welt in Frage gestellt werden, ist es um so wichtiger, kulturelle Identitäten auf Stabilität und Konsequenz für die gegenwärtige und zukünftige Entwicklung der Menschheit zu überprüfen, oder, „den Blick zurück als ein Atemholen vor der Schwelle in ein neues Zeitalter bestimmen, in dem das Vergangene nicht nur in seiner Bedeutung an sich und für die Konstituierung der Gegenwart, sondern auch nach seiner wie auch immer notwendigen Funktion für die Zukunft befragt wird“.
Diesen Anspruch stellen sich die beiden Autoren: Joachim Bark, Literaturwissenschaftler an der Universität Stuttgart, und Hans-Christoph Graf v. Nayhaus, Didaktiker an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe. Sie wenden sich einer Epoche zu, die – vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts – in Europa das Denken und Handeln der Menschen in besonderer Weise prägte. Die mit der Aufklärung beginnenden, sich mit der industriell-technologischen Entwicklung fortsetzenden und bis heute wirkenden Wandlungsprozesse haben die historisch-politischen, kulturellen, sozialen, staatlichen, ökonomischen und individuellen Verhältnisse der Menschen in Europa verändert. In welcher Weise, bei welchen historischen Ereignissen und individuellen und gesellschaftlichen Zusammenhängen sich dies vollzog, kann anhand von Geschichtsanalysen, interdisziplinären Bestandsaufnahmen und Profilbildungen erfolgen und als Ansporn für die Gegenwartsauseinandersetzung dienen: „Sie sollen den Schwund ästhetischer und begrifflicher Sicherheiten verlangsamen, zu neuen Differenzierungen veranlassen und das Vergnügen des Denkens beim Lesen zurückgewinnen“.
Aufbau und Inhalt
Die Autoren gliedern den Band in zwei Teile.
Im ersten Kapitel wird die Epoche in Einzeldarstellungen beschrieben und die Bedeutungen der politischen Geschichte, Philosophie, Theologie, Musik, Künste und Literatur hervorgehoben. „Unter dem Blickwinkel dieser Wirkungsgeschichte ist für den Zeitraum nach der Aufklärung von ‚Postaufklärung‘ zu sprechen“. Der Zeitrahmen, der die Auseinandersetzung mit den Kulturepochen eingrenzt, reicht vom Beginn der Französischen Revolution bis zur Revolution von 1848 und lässt sich mit der Entwicklung der modernen Naturwissenschaften bis hin zur Bildung der neuzeitlichen Nationalstaaten kennzeichnen. Die Schwerpunktsetzung auf „deutsche Kulturepochen“ erfordert natürlich, den ethno- und möglicherweise germanozentrierten Blick über die nationalen und kulturellen Grenzen zu richten und die „Epochenmerkmale von Säkularisation und Rationalisierung, Emanzipation und Partizipation, Industrialisierung und technische Revolution“ auf die Gesellschaftsentwicklungen in Europa zu fokussieren.
Im zweiten Teil werden Zeugnisse und Quellenmaterialien abgedruckt und in die Bereiche „Geschichte und Politik“, „Kunst, Kunsttheorie, Natur und Wissenschaft“, „Philosophie und Theologie“, „Alltagsleben“ und „Literarische Texte“ eingeordnet. Jedem Epochenzeugnis ist ein einführender und bewertender Text vorangestellt, mit dem die Quellenauswahl begründet und in den Zusammenhang gebracht wird.
Fazit
Der Mensch ist ein zôon politikon, ein politisches und damit auch kulturelles Lebewesen, mit Vernunft und der Fähigkeit und Notwendigkeit ausgestattet, ein Leben in menschlichen Gemeinschaften zu führen und ein eu zên, ein gutes Leben zu führen. So definierte Aristoteles den anthrôpos. Das sind die Wurzeln, auf denen europäische Identität und Bewusstsein gründen. Im Entwurf der (allerdings bisher nicht angenommenen) „Verfassung für Europa“ heißt es in der Präambel: Es ist das „Bewusstsein, dass der Kontinent Europa ein Träger der Zivilisation ist und dass seine Bewohner, die ihn seit den Anfängen der Menschheit in immer neuen Schüben besiedelt haben, im Laufe der Jahrhunderte die Werte entwickelt haben, die den Humanismus begründen: Gleichheit der Menschen, Freiheit, Geltung der Vernunft“, das das europäische Erbe ausmachen. In der Geschichte der (deutschen) Klassik, Romantik und Restauration, wie sie sich in den Jahren von 1789 bis 1848 vollzog, sind die Werte und Normen entstanden, die in der deutschen und europäischen Wirklichkeit bis heute wirken. Sie zu kennen und sich mit ihnen auseinander zu setzen, ist Notwendigkeit und Chance zugleich.
Deshalb wenden sich die Autoren in erster Linie an Studierende, Schülerinnen und Schüler der Oberstufen und Berufsschulen, aber auch an Kulturinteressierte überhaupt, also auch an dich und mich! Dass der Verlag, wohl aus kalkulatorischen Gründen, die ausgewählten Abbildungen in oft (zu) kleinem Format und zudem in Schwarz-Weiß abdruckt, schmälert den Gebrauchswert des Bandes, macht ihn aber nicht überflüssig.
Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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