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Sonja Maurer-Joss: Dem Leben eine Stimme geben (Kinder mit Behinderung/Krebs)

Cover Sonja Maurer-Joss: Dem Leben eine Stimme geben. Zur Bedeutung der Stimme in der Musiktherapie mit behinderten und krebskranken Kindern. Dr. Ludwig Reichert Verlag (Wiesbaden) 2011. 134 Seiten. ISBN 978-3-89500-802-3. 22,00 EUR.

Reihe: Zeitpunkt Musik. Forum Zeitpunkt. Zürcher Schriften zur Musiktherapie.
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Thema

„Wenn ein Mensch singt und kann die Stimme nicht erheben, und einer kommt ihm zu helfen und hebt an zu singen, dann kann auch jener wieder die Stimme erheben. Und das ist das Geheimnis der Verbindung“ (M.Buber). Krankheit und Behinderung sind mit Schweigen verbunden: ein an Krebs erkranktes Kind verstummt, ein schwer mehrfach behindertes Kind ist stumm, ein sprachbehindertes Kind schweigt. Die Stimme ist ein wirksames musiktherapeutisches Mittel, um der verstummten und gestörten Kinderstimme zu begegnen und damit dem Kind zu mehr oder überhaupt zu Ausdruck und Entwicklung zu verhelfen. Die musiktherapeutische Vorgehensweise folgt der Entwicklung der Beziehungsfähigkeit. Darauf aufbauend wird beim krebskranken Kind die ganze Stimme als emotionales Ausdrucksventil zur Krankheitsbewältigung gepflegt, beim schwer mehrfach behinderten Kind der nonverbale stimmliche Dialog gefördert, beim sprachbehinderten Kind die Sprache angebahnt.

Autorin

Sonja Maurer-Joss ist Heilpädagogin, Musikpädagogin, Musiktherapeutin. Nach langen Jahren musiktherapeutischer Arbeit mit krebskranken Kindern im Kinderspital der Universitätsklinik in Bern arbeitet sie heute musikpädagogisch mit gesunden Kindern in Bern und musiktherapeutisch mit behinderten Kindern und schwer mehrfach behinderten Erwachsenen im Zentrum für Entwicklungsförderung und pädagogischen Neurorehabilitation in Biel/BE. Außerdem ist sie Gastdozentin im MAS Klinische Musiktherapie an der Hochschule der Künste in Zürich.

Aufbau und Inhalt

Frau Maurer-Joss schreibt über die Stimme als basale Ausdrucksform des Menschen und wirksames Mittel in der Musiktherapie, wie sie dies in ihrer langjährigen Arbeit auf einer onkologischen Kinderstation und mit mehrfach behinderten und leichter behinderten Kindern erlebt hat. Die Stimme als das körpereigene Instrument vermittelt über Atem, Klang, Wort, Töne von Anfang an die persönliche Befindlichkeit des Kindes auf dem Weg von der Stimm- und Sprachlosigkeit in eine größere Lebendigkeit, der über musiktherapeutisches Arbeiten begangen werden kann. Dabei ist der Autorin vor allem an der Entwicklung und den therapeutischen Funktionen dreier Aspekte der Stimme gelegen, die sich wie ein roter Faden durch die Arbeit ziehen: die emotionale Stimme, die Sprech- und die Singstimme.

Die Arbeit besteht aus einem theoretischen und einem praktischen Teil

1. Teil: Die menschliche Stimme. Theoretische Überlegungen zu ihren Aspekten und ihrer Entwicklung Hier kreist die Autorin das Thema Stimme von verschiedenen Seiten ein: Sie beginnt mit Gedanken zum Schweigen, aus dem die Stimme als tönender Atem hervorgeht. Darauffolgend differenziert sie o.g. drei Aspekte der Stimme und deren entwicklungsphysiologische Übergänge; diese bilden zusammen den Kern eines kreisförmigen Stimmschemas, das Frau Maurer-Joss entwickelt hat, und was sowohl im Text erscheint als auch vergrößert am Ende des Buches beiliegt. Dieses Stimmschema zeigt davon ausgehend die Sprech- und Singentwicklung des Kindes in Bezug auf Selbstentwicklung und Spielentwicklung, überschaubar in farblich abgesetzten Segmenten. Es gibt Auskunft darüber, mit welchem Stimmaspekt sich das Kind und die Therapeutin äußern, wie man die Stimme ev. durch begleitende Methoden u/o Instrumente unterstützt,

Es folgen verschiedene grundlegende und relevante Theorien über biologische, neurowissenschaftliche Erkenntnisse zu Stimme und deren Entwicklung, ontogenetische Aspekte (3. und 4. Kap.) sowie die Beziehung von Stimme zu den verschiedenen entwicklungspsychologischen Stadien des Selbstempfindens nach Stern (5.Kap.). Im 6. Kapitel liegt der Fokus auf der Entwicklung von Stimme und Spiel in der Kindheit.

Das 7. Kapitel widmet sich der Stimme in der Musiktherapie: detaillierte Erklärungen zu Stimme und Stimmspiel als Teil verschiedener musiktherapeutischer Methoden, sowie die therapeutische Funktion der Stimme und des Stimmspiels in der Musiktherapie mit Kindern. Hier finden sich erste anschauliche Fall-Vignetten aus der Praxis, die die dargestellten theoretischen Modelle verdeutlichen.

Im zweiten praktischen Teil zeigt die Autorin auf, wie sie mit Stimme in der Musiktherapie mit schwer mehrfach behinderten, sprachentwicklungsgestörten und krebskranken Kindern arbeitet. Als Grundlage dienen Stundenprotokolle und Tonaufnahmen ihrer langjährigen Arbeit. Die theoretischen methodischen Faktoren des ersten Teils werden gezielt herangezogen und als diagnostisches Material eingesetzt. Die folgenden differenzierten und umfangreichen Fallvignetten werden daraufhin untersucht und diagnostisch und methodisch erläutert.

Zu Beginn die Darstellung des EBQ-Instrumentes von Schumacher, das die Autorin als diagnostisches Instrument als Grundlage für stimmliche Interventionen bei diesen Kindern heranzieht. Die folgenden verschiedenen Fallvignetten werden auf ihre Selbstempfindungsstörungen und ihre Beziehungsqualitäten hin untersucht und eingeschätzt. Sowohl die diagnostische Auswertung als auch die Einschätzung der Interaktionsmuster erfolgen immer nach dem gleichen Schema: Stimmaspekt/begleitende Instrumente und Methode – Modus/Synchronizität – Therapeutische Funktion der Stimme – Interventionstechnik – jeweils beim verstummten, schweigenden und sprachentwicklungsgestörten Kind.

Das herausnehmbare Stimmschema bietet dem Leser anregende Hilfestellung, um sowohl die stimmlichen Äußerungen der Kinder als solche als auch im Therapieprozess nachzuvollziehen.

Diskussion und Fazit

Es scheint zunächst abenteuerlich, die Felder Onkologie und schwere Mehrfach- bzw. Sprachbehinderungen so in einem Buch und Atemzug zusammenzubringen. Die Autorin bewerkstelligt dies souverän, indem sie sich ausschließlich auf die Stimme, ihre biologische und neurologische Entwicklung, ihre therapeutischen Möglichkeiten und die theoretische Einordnung in übergeordnete Systeme stützt. Sie bringt es fertig, die Bereiche unter diesen Gesichtspunkten zu vereinen und doch in der Behandlungsbeschreinbung klar von einander zu trennen. Ihr Beobachtungsschema ermöglicht dabei Vergleichbarkeit.

Diese Buch ist eindrucksvoll in seinem Ansatz, die Stimme als therapeutisches Instrument so weit einzukreisen – ihm damit eine so fundierte theoretische Grundlage zu geben, dass es möglich ist, damit sowohl diagnostisch als auch praktisch nachvollziehbar zu arbeiten.

Die Praxisbeispiele machen deutlich, was es bedeutet, dem Leben wieder eine Stimme zu geben.

Obwohl Frau Maurer-Joss das Buch mit philosophischen und literarischen Textbausteinen und Gedichten sowie mit Fotoausschnitten von Reliefs atmosphärisch anreichert, vermeidet sie es, in eine emotionale oder esoterische Richtung abzugleiten, wie es bei dem Thema Stimme leicht passieren kann. Sie behält eine wissenschaftlich fundierte Klarheit in Sprache und Darstellung, die das Buch auch für Menschen interessant macht, die nicht musiktherapeutisch, aber mit Stimme in anderen Berufen arbeiten oder einfach an der Stimme als solcher interessiert sind. Für Musiktherapeuten ist es unbedingt zu empfehlen.


Rezension von
Dr. sc. mus. Monika Nöcker-Ribaupierre
Dipl. Musiktherapeutin DMtG, Vice President der International Society for Music in Medicine ISMM.
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Zitiervorschlag
Monika Nöcker-Ribaupierre. Rezension vom 10.01.2012 zu: Sonja Maurer-Joss: Dem Leben eine Stimme geben. Zur Bedeutung der Stimme in der Musiktherapie mit behinderten und krebskranken Kindern. Dr. Ludwig Reichert Verlag (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-89500-802-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12460.php, Datum des Zugriffs 16.10.2021.


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