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Hans-Günter Heimbrock, Trygve Wyller (Hrsg.): Den Anderen wahrnehmen

Cover Hans-Günter Heimbrock, Trygve Wyller (Hrsg.): Den Anderen wahrnehmen. Fallstudien und Theorien für respektvolles Handeln. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2010. 245 Seiten. ISBN 978-3-525-57008-1. 39,90 EUR.
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Herausgeber

Die Herausgeber lehren Praktische bzw. Systematische Theologie an den Universitäten Frankfurt/Main bzw. Oslo. Hans-Günter Heimbrock ist darüber hinaus promovierter Pädagoge, Tygve Wyller vertritt auch die Diakonischen Studien an der Osloer theologischen Fakultät. Die sieben weiteren Autorinnen und Autoren sind an unterschiedlichen deutschen und norwegischen Hochschulen tätig; überwiegend arbeiten sie im theologischen und geisteswissenschaftlichen Bereich, zum Teil haben sie aber auch berufliche Erfahrungen im pädagogischen, sozialarbeiterischen und gesundheitsbezogenen Feld.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist aus einem dreijährigen binationalen Kooperations- und Austauschprojekt zwischen einer deutschen und einer norwegischen Forschergruppe entstanden. Dieses Projekt ist eingebunden in jeweils längerfristige Forschungsarbeiten, die sich theoretisch und empirisch den Beziehungen zwischen Phänomenologie, Praxis und Theologie widmen. Der besondere Reiz des Buches entsteht aus der binational vergleichenden Perspektive und aus der Verbindung von Fallstudien mit methodologischen und theoretischen Zugängen zum Erfahrungsfeld im weitesten Sinne Sozialer Arbeit.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst drei große Kapitel:

  1. Praxis als Herausforderung,
  2. Fallstudien und Dimensionen sowie
  3. Praxis-Forschung: Konsequenzen und Perspektiven.

Im ersten Kapitel werden Grundzüge „gegenwärtiger ethischer Schulen“ skizziert und die Bedeutung der phänomenologischen Schule und des Heterotopie-Verständnisses von Michel Foucault für lebensweltlich orientierte Zugänge zur Sozialen Praxis heraus gearbeitet. Außerordentlich instruktiv ist die ebenfalls im ersten Kapitel verortete Einführung in die Strategien empirischer Erforschung professioneller Praxis in Fallstudien.

Das Herzstück des Buches bildet das zweite Kapitel, das fünf Fallstudien umfasst und diese dann in dreifacher Perspektive reflektiert. Die Rekonstruktionen der Begegnungen zwischen Klientinnen und Klienten im pädagogischen / sozialen / gesundheitsbezogenen Feld mit professionellen Kräften und Forscherinnen/Forschern nehmen die Leserinnen und Leser hinein in die Lebenswelten einer Hospizstation, eines lebensbedrohlich erkrankten Schülers, der norwegischen Kinder- und Jugendhilfe, der Osloer Stadtmission und der Flüchtlingsunterkunft am Internationalen Flughafen Frankfurt. Diese methodisch sehr sorgfältig durchgeführten und inhaltlich differenziert aufbereiteten und reflektierten Fallstudien werden einer dreifachen zusätzlichen Analyse und Reflexion unterzogen: Die Dimensionen des Leibes, der Sprache und des Raumes werden in phänomenologischer Perspektive eingeführt und für das tiefere Verständnis der Fallstudien fruchtbar gemacht.

Das dritte Kapitel greift den eingangs entwickelten Grundgedanken eines neuen Zugangs zu professionellen Handlungsfeldern wieder auf und verdeutlicht die von den Herausgebern und den Autorinnen und Autoren vertretene ethische Grundposition: Dass das „respektvolle Wahrnehmen des Anderen“ nur möglich ist in einer konsequent am Einzelnen und an der jeweiligen Situation orientierten, phänomenologisch geschulten Haltung, und dass sich ethische Kriterien ausschließlich aus der konkreten Begegnung entwickeln lassen – es geht um „die ethischen Forderungen, die in den Fällen selbst veranlagt sind“ (S. 211). Dabei knüpfen die Autoren an das Aristotelische Verständnis der „phronesis“ als der Fähigkeit an, „Urteile mit ethischer Substanz auf Basis praktischer Erfahrungen und einzelnen Situationen zu fällen“ (ebenda), und entwickeln es weiter in Hinblick auf die Möglichkeiten, den „Anderen“ tatsächlich als Subjekt wahr zunehmen – was nur dann möglich ist, wenn tatsächlich eine „vollständige“ phänomenologische Analyse durchgeführt wird. Ein besonderes Augenmerk gilt den spezifischen Möglichkeiten von und Herausforderungen für Religion und Theologie in diesem Prozess der Wahrnehmung und der Entwicklung von ethischen Kriterien professionellen Handelns in der postsäkularen Gesellschaft. Die Autoren skizzieren auch die Anschlussstellen für kritische Einwände aus anders akzentuierten ethischen Diskursen, die vor allem auf den möglichen Mangel an Konsistenz und an berechenbarer Gerechtigkeit abheben.

Diskussion und Fazit

Das Buch bietet eine theoretisch und methodologisch anspruchsvolle und anregende Lektüre. Der Ertrag der gewählten Positionierung – im ethischen Diskurs, im phänomenologischen Zugang, im Foucault'schen Konzept der Heterotopie und in der theologischen Verortung – wird vor allem in den Fallstudien deutlich. Kritisch anzumerken bleibt, dass zwar mehrfach auf die Bedeutung des Projektes und seiner hier vorgestellten Ergebnisse für die Praxis Sozialer Arbeit hingewiesen wird, dass aber die vorhandene umfangreiche Literatur zu Sozialer Arbeit als „Hermeneutik der Lebenswelt“ und die Selbstverortung Sozialer Arbeit in den professionsethischen Diskursen nicht aufgegriffen wird. Der selbst formulierte Auftrag, „Einsichten und Fähigkeiten für soziale Berufe zu entwickeln, um eine weniger objektivierende und manipulierende berufliche Praxis in Bereichen der Sozial- und Gesundheitsfürsorge zu ermöglichen“ (S. 235), ist sicher sinnvoll, ließe sich aber in der Begegnung mit denen (den „Anderen“), die in die theoretische und empirische Erforschung eben dieser beruflichen Praxis involviert sind, vielleicht umfassender (und respektvoller) einlösen. Schön wäre es, wenn diese kritische Anmerkung zugleich als Anregung für eine mögliche zweite Auflage des im Übrigen außerordentlich empfehlenswerten Buches dienen könnte.


Rezension von
Prof. em. Dr. Hildegard Mogge-Grotjahn
Bis März 2017 Professorin für Soziologie am Fachbereich 1: Soziale Arbeit, Bildung und Diakonie an der Evangelischen Fachhochschule RWL in Bochum
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Zitiervorschlag
Hildegard Mogge-Grotjahn. Rezension vom 22.11.2011 zu: Hans-Günter Heimbrock, Trygve Wyller (Hrsg.): Den Anderen wahrnehmen. Fallstudien und Theorien für respektvolles Handeln. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2010. ISBN 978-3-525-57008-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12465.php, Datum des Zugriffs 29.10.2020.


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