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Jürgen Hargens: Gut eingestimmt? Zum Umgang mit Stimmungslagen

Cover Jürgen Hargens: Gut eingestimmt? Zum Umgang mit Stimmungslagen. Verlag moderne lernen lernen Borgmann GmbH & C (Dortmund) 2011. 125 Seiten. ISBN 978-3-86145-336-9. 9,60 EUR, CH: 15,50 sFr.
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Autor

Jürgen Hargens (*1947, Uetersen) ist Psychologischer Psychotherapeut (Familientherapie, systemische Therapie), Fortbilder, Supervisor, Lehrtherapeut und Autor. Seit 1979 betreibt er eine eigene Praxis. 1983 gründete er die Zeitschrift für systemische Therapie und war bis 1992 deren Herausgeber. Er publiziert vorwiegend praktische Lebensratgeber und humorvolle Essays. Seit 2006 ist er als Lehrbeauftragter an der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien tätig.

Aufbau und Inhalt

In einer Zeit, wo „immer neue Krankheitsbilder ‚entdeckt‘“ (S. 9) werden (z.B. Burn-out) ist es wichtig, einen geeigneten Umgang mit Stimmungsschwankungen und Niedergeschlagenheit zu finden, ohne sich gleich dem Etikett einer Diagnose zu ergeben. Stimmungsschwankungen sind „normal“, vor allem im Kontext der jeweiligen Umstände des/ der Betroffenen. Die Gesellschaft bestimmt das Ausmaß ab wann Stimmungsschwankungen nicht mehr normal sind (vgl. S. 90). Demnach „spielen soziale Bewertungen eine bedeutsame Rolle.“ (ebd.). Der Weg führt häufig zum Experten und anschließend zu Medikamenten, in der Hoffnung diese würden dem/ der Betroffenen die Verantwortung für seine/ihre Niedergeschlagenheit oder Stimmungsschwankungen nehmen – ihn/sie entlasten. Hargens spricht in diesem Sinne von der „Pathologisierung des Alltagslebens“ (S.11).

Der vorliegende kompakte Ratgeber enthält ein kurzes Vorwort, 11 Kapitel und eine Danksagung. Zwischen den einzelnen Kapiteln ist der rote Faden klar erkennbar, da Hargens den/ die LeserIn kontinuierlich von einem Kapitel in das Nächste begleitet. Ein Kapitel ist selten länger als 10 Seiten.

In dem Vorwort unterstreicht der Autor sein Ziel und seine Motivation für das Buch. Mittels einer Vielzahl von Ideen und Übungen versucht er dem/ der LeserIn alltagsnützliche Werkzeuge zu vermitteln, die einen besseren bzw. anderen Umgang mit Niedergeschlagenheit (unabhängig von einer Diagnose) oder Stimmungsschwankungen ermöglichen. Er zeigt dem/ der LeserIn Wege, „die eigenen Kräfte – und die Ressourcen und Möglichkeiten […] sozialer Netzwerke – zu aktivieren, um wieder […] [das eigene] Leben in Besitz zu nehmen.“ (S. 11) Sein Fokus liegt daher zunächst auf Stimmungen und Stimmungsschwankungen und auf deren Bewertung und Umgang durch die Betroffenen.

Eingangs legt Hargens seinen Fokus auf die Identifizierung mit einem Etikett (am Beispiel von Depression). Hier appelliert er an den/ die Betroffene einen Perspektivwechsel vorzunehmen und verweist auf den Unterschied, ob man Depression „hat“ oder depressiv „ist“ (vgl. S. 21). „Wenn sie depressiv sind, dann wird ‚erwartet‘, dass Sie sich auch so verhalten.“ (S.22). Im Anschluss kommt der Autor auf das Verständnis zu sprechen, dass sich die Betroffenen (für ihr Leiden) von ihrem Gegenüber wünschen. Weiterhin appelliert er an die Betroffenen nicht nach den „wahren Gründen“ (S. 41) bzw. Ursachen für die Niedergeschlagenheit zu suchen, „sondern nach denen, die […] helfen, wieder handlungsfähig zu werden“ (ebd.). Er warnt vor Verallgemeinerungen und Übertreibungen, die sich z.B. in Bezeichnungen wie ‚immer‘, ‚manchmal‘, ‚meistens‘ oder ‚dauernd‘ ausdrücken. Vielmehr zeigt er konkrete Übungen auf, wie der/ die Betroffene einen wertschätzenderen Umgang mit sich finden kann. Dieser wertschätzende Umgang impliziert sowohl Anerkennung für sich selbst, als auch Sensibilität und Eigenlob (vgl. S. 109) für die Kleinigkeiten im Alltag, die gut laufen. Darüber hinaus vermittelt er kleine Anleitungen, wie den Grübeleien entgegengewirkt werden kann – ohne diese Gedanken zu verdrängen. Hargens unterstreicht hierbei die Notwendigkeit der Akzeptanz. Im Umgang mit Gefühlen sollen wir authentisch sein. Diesem Anspruch gerecht zu werden ist nicht immer einfach und wird eingehend vom Autor erörtert (vgl. S. 97 ff.).

Das letzte Kapitel ist eine Art Zusammenfassung, in dem Hargens noch einmal die wichtigsten Aspekte für einen gelingenderen Umgang mit Stimmungsschwankungen hervorhebt. Er kommt zu dem Schluss und das ist auch der Kern des Ratgebers, dass „das, was meine Stimmung mit mir macht, immer auch eine Folge der Bewertung [ist], die ich meiner Stimmung gebe“ (S. 119).

Zielgruppe

Der kompakte Ratgeber richtet sich primär an Menschen, die unter Stimmungsschwankungen leiden und nach Methoden suchen, diesen entgegenzuwirken. Darüber hinaus kann er auch für professionelle HelferInnen von Interesse sein, da Hargens eine Vielzahl von Übungen und Möglichkeiten aufzeigt, um einen geeigneteren Umgang mit Stimmungsschwankungen zu finden. Weiterhin erhält der/ die professionelle HelferIn einen zusätzlichen Einblick in die Bedürfnisse der Betroffenen.

Diskussion und Fazit

Eingangs erwähnt Hargens, dass das Buch keine Alternative zur professionellen Unterstützung darstellen soll. Dieser Anspruch wäre auch zu hoch gegriffen. Vielmehr zeigt der Ratgeber dem/ der LeserIn einen kleinen „Methodenkoffer“, der den Umgang mit Stimmungsschwankungen erleichtern kann. Er gibt Anleitungen, wie die Betroffenen die einzelnen Methoden adäquat für sich nutzen können. Dabei greift er u.a. auf kognitiv verhaltenstherapeutische Methoden zurück (z.B. Skalen) und klärt den/ die LeserIn über die Funktion der sogenannten ‚Wunderfrage‘ auf (systemischer Ansatz), um nur zwei Beispiele zu nennen. Dennoch äußert er, dass jede(r) für sich entscheiden muss, ob diese Methoden ausreichen oder ob er/ sie vielleicht doch (zusätzlich) professionelle Hilfe in Anspruch nehmen will.

Weiterhin verweist er darauf, dass sich viele dieser Methoden bei ihm und seinen PatientInnen bewährt haben. Die Sprache in dem Buch ist sehr einfach gehalten, so dass es für die LeserInnen – auch ohne Vorkenntnisse – gut verständlich ist. Hargens arbeitet mit vielen bildhaften Beispielen. So gibt er z.B. auch in seinen Übungen Vorschläge, was für Gedanken kommen könnten etc. Die meisten Übungen sind gut in den Alltag integrierbar. Der Autor schreibt viel in der Ich-Form, was dem Ratgeber eine persönliche Note verleiht und dem/ der Betroffenen Hoffnung gibt.

Alles in allem ist dieser Ratgeber eine gute erste Hilfe, um einen geeigneteren Umgang mit Stimmungsschwankungen zu finden. Er zeigt einige Ideen und Methoden, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit und keine allgemeine Wirkungsgarantie haben. Letzteres wird vor allem durch den Schreibstil in der Ich-Form deutlich …


Rezension von
Anika Stitz
B.A. Soziale Arbeit
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Zitiervorschlag
Anika Stitz. Rezension vom 27.03.2012 zu: Jürgen Hargens: Gut eingestimmt? Zum Umgang mit Stimmungslagen. Verlag moderne lernen lernen Borgmann GmbH & C (Dortmund) 2011. ISBN 978-3-86145-336-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12472.php, Datum des Zugriffs 27.07.2021.


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