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Kelly G. Wilson, Troy DuFrene: Und wenn alles ganz furchtbar schiefgeht

Cover Kelly G. Wilson, Troy DuFrene: Und wenn alles ganz furchtbar schiefgeht. Lernen, mit Ängsten umzugehen. Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2011. 128 Seiten. ISBN 978-3-87387-788-7. 14,90 EUR.

Reihe: aktive Lebensgestaltung, Act im Alltag.
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Thema und Entstehungshintergrund

Die Acceptance und Commitment Therapie, kurz ACT (gesprochen wie das englische Handeln), ist eine moderne kognitiv-verhaltenstherapeutische Behandlungsform, die zu den sogenannten Verhaltenstherapien der dritten Welle zu zählen ist. In der deutschsprachigen Literatur finden sich hierzu bislang noch relativ wenige Publikationen, es werden jedoch zunehmend mehr (vgl. Luomo & Hayes 2007 www.socialnet.de/rezensionen/9301.php ). Vor allem für Laien gibt es bislang wenig zu lesen. Diese Lücke versuchen die Autoren zu schließen. Wie im Untertitel benannt, soll dies Buch Acceptance und Commitment Therapie im Alltag darstellen.

Autoren

  • Kelly G. Wilson, Ph. D., ist Privatdozent für Psychologie an der University of Mississippi.
  • Troy DuFrene ist ein auf psychologische Themen spezialisierter Sachbuchautor.

Aufbau und Inhalt

Die Autoren stellen zunächst die Grundlagen der ACT in einer für Laien deutlich verkürzten Form auf knapp zehn Seiten dar. Anschießend stellen sie die nach DSM-IV häufigsten Angststörungen vor, um anschließend das gesamte Konzept der Kategorisierung grundsätzlich in Frage zu stellen: „Die Etiketten, die Psychologen (und andere Fachleute) bestimmten Verhaltensmustern verleihen, sind nichts weiter als Methoden, um die Welt zu kategorisieren, zu ordnen und in Worte einzukästeln“ (S. 24). Des Weiteren folgen sechs Kapitel in denen die sechs Prozesse, die nach Ansicht der ACT-Vertreter grundlegend für menschliches Leiden seien, beschrieben werden:

  1. Kontakt mit dem gegenwärtigen Augenblick. Hierbei handelt es sich in um ein dem Zen-Buddhismus entnommenes Konzept der Achtsamkeit, welches durch Kabat-Zinn in die Psychotherapie eingeführt wurde.
  2. Defusion - eine Wortneuschöpfung, mit der ein „Entschmelzen“ mit den belastenden Gedanken beschrieben wird. Vor allem Menschen mit depressiver oder ängstlicher Symptomatik nähmen ihre Gedanken „für bare Münze“, d.h. sie identifizieren sich mit diesen.
  3. Akzeptanz. Der Begriff ist im Sinne der ACT leicht missverständlich übersetzt. Genau genommen wird hiermit ein Zustand des Annehmens beschrieben. In der dialektisch-behavioralen Therapie nach Marsha Linnehan werden demzufolge Übungen zur „radikalen Akzeptanz“ durchgeführt.
  4. Werte. Ein weiterer zentraler Aspekt der ACT: Hier sind im Gegensatz zu herkömmlichen verhaltenstherapeutischen Therapieverfahren keine konkret mess- und erreichbaren Therapieziele gemeint, sondern vielmehr an übergreifenden Werten gearbeitet, an denen sich später das gesamte Handeln und die zu definierend en Therapieziele orientieren können.
  5. Commitment besagt letzten Endes „nur“, dass man sich anhand der erarbeiteten Werte immer wieder unabhängig von „Rückfällen“ oder Misserfolgen weiter in die angestrebte Richtung entwickeln will.
  6. Selbst als Kontext. Hierbei handelt es sich um den anspruchsvollsten Teil der insgesamt sehr intellektuell ausgerichteten ACT. Im Grunde wird nach der „Defusion“ folgender Frage nachgegangen: Wer bin ich, wenn nicht meine Gedanken? Angestrebt wird eine Form der Transzendenz, die zu erklären, den Rahmen dieser Rezension sprengen würde.

Abschließend wird nochmals der Bogen zum Anfang des Buches gespannt. Die „Idee“ der ACT, nämlich seelisches Leiden anzunehmen und entsprechend der eigenen Werte zu handeln wird aufgegriffen und auf weiterführende Literatur in diesem Sinne verwiesen.

Diskussion

Bislang gibt es in der deutschprachigen Literatur zwar bereits eine Unmenge an mehr oder wenig seriösen Veröffentlichungen zum Thema Achtsamkeit (ein Teil der ACT), die Selbsthilfebücher zur ACT sind jedoch noch an den Fingern einer Hand abzuzählen (z.B. Hayes 2007, Wengenroth 2008). Somit füllt diese Veröffentlichung die Lücke in Bezug auf eine wichtige Therapieschule, die derzeit stark „im Kommen“ ist. Kelly G. Wilson ist als direkter Schüler vom Begründer der ACT – Stephen Hayes – zudem prädestiniert, dieses Buch zu schreiben. Leider habe ich als Rezensent, der sich derzeit intensiver mit der ACT auseinandersetzt zwei zentrale Kritikpunkte anzubringen:

Erstens: Das Buch ist vor allem im ersten Kapitel zu polemisch verfasst. Die kritische Diskussion der gängigen Diagnosesysteme (hier die DSM-IV) ist altbekannt und auch in Ansätzen durchaus berechtigt. Die Autoren, die es aufgrund ihrer Ausbildung besser wissen, unterscheiden beispielsweise auf Seite 29 zwischen klar diagnostizierbaren körperlichen Erkrankungen und psychologischen Verhaltensmustern, die durch die oben genannten Diagnosesysteme angeblich willkürlich pathologisiert würden. Dies klingt zunächst schlüssig, ist es aber nicht. Auch bei den durchaus schwerer zu objektivierenden psychiatrischen Syndrommustern werden zunehmend neurobiologische und genetische Veränderungen erkannt. Die derzeit in Überarbeitung befindlichen Diagnosesysteme versuchen genau diesem Umstand Rechnung zu tragen. Um es noch einmal in aller Klarheit zu sagen: Die Diagnosesysteme DSM-IV und ICD-10 definieren Störungsbilder, keine Krankheiten! Meines Erachtens ist die ACT auch im Rahmen von kategorialer Diagnostik gewinnbringend einsetzbar. Wenn ich eine ACT-Therapie erfolgreich abgeschlossen habe, störe ich mich auch nicht mehr an Etikettierungen durch Diagnosesysteme. Ansonsten wäre diesbezüglich einiges verkehrt gelaufen.

Zweitens: Den Vorwurf an einige gängige ACT-Veröffentlichungen, teilweise zu elitär-abgehoben intellektuell zu formulieren, müssen sich leider auch die Autoren dieses Buches gefallen lassen. Sie verlieren sich zu häufig in schwelgerischen Zitaten der Literatur (Shakespeare, Dickinson, die Bibel!). Diese gewählte Form ist wie bereits erwähnt intellektuell sehr ansprechend, dürfte jedoch den Kreis der Leserschaft rapide einschränken. Zudem fehlt trotz der gelegentlich eingestreuten „Spiele“, mit denen die beschriebenen Elemente erfahrbar gemacht werden sollen, in der Regel der Praxisbezug zum alltäglichen Erleben derjeniger, die sich ein solches Buch zulegen dürften. Zitat einer von mir zuvor mit ACT-Konzepten erfolgreich behandelten Patientin: „Ich finde das Buch nicht sehr hilfreich und hätte nicht gelernt, mit meinen Ängsten umzugehen (das verspricht ja der Titel) … die Autoren kommen nicht auf den Punkt.“ (E-Mail-Korrespondenz 2012).

Fazit

Trotz meiner umfassenden Kritik habe ich das Buch weitestgehend gerne gelesen. Es hat mich emotional bewegt, was aus dieser Rezension deutlich geworden sein sollte. Ich würde es jedoch keinesfalls zwecks Selbsthilfe an Angstpatienten weiterempfehlen. ACT-Klienten zur Therapiebegleitung würde ich eher das Übungsbuch „In Abstand zur inneren Wortmaschine“ von Steven C. Hayes (2007) empfehlen, zum Einstieg in das Thema eignet sich die Veröffentlichung „Das Leben Annehmen“ von Matthias Wengenroth (2008) besser. Das vorliegende Buch kann vor allem ACT-Therapeuten als Denkanstoß dienen. Für diese wurde es jedoch nicht zwingend geschrieben. Insofern wurde hier eine Chance vergeben.


Rezension von
Dr. Alexander Tewes
Leitender Dipl.-Psychologe, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP) - Haus 4
Psychiatrische Klinik Lüneburg gemeinnützige GmbH im Verbund der Gesundheitsholding Lüneburg
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Zitiervorschlag
Alexander Tewes. Rezension vom 30.08.2012 zu: Kelly G. Wilson, Troy DuFrene: Und wenn alles ganz furchtbar schiefgeht. Lernen, mit Ängsten umzugehen. Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2011. ISBN 978-3-87387-788-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12475.php, Datum des Zugriffs 18.02.2020.


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