Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Christoph Hutter, Michael Hevicke u.a. (Hrsg.): Herausforderung Lebenslage

Rezensiert von Dr. Birgit Szczyrba, 08.06.2004

Cover Christoph Hutter, Michael Hevicke u.a. (Hrsg.): Herausforderung Lebenslage ISBN 978-3-8258-7085-0

Christoph Hutter, Michael Hevicke, Bernhard Plois, Birgit Westermann (Hrsg.): Herausforderung Lebenslage. PraxisReflexe aus der kirchlichen Ehe-, Familien-, Lebens- und Erziehungsberatung. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2003. 254 Seiten. ISBN 978-3-8258-7085-0. 19,90 EUR.
Reihe: Theologie und Praxis, Band 18
Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Einführung

Der Band stellt eine Sammlung von Beiträgen dar, die sich zum einen theoretisch mit psychosozialer Beratung als gesellschaftlichem Auftrag sowie Mandat und Lizenz der Profession der Berater/innen befasst. Zum andern werden PraxisReflexe, wie es im Untertitel heißt, präsentiert, die sich teils explizit katholisch-theologischer, teils transdiziplinär-wissenschaftlicher Diktion bedienen.

Zu den Herausgeber/inne/n

  • Dr. Christoph Hutter ist Diplom-Theologe und Diplom-Pädagoge, Psychodramatiker (DFP/DAGG) und Erziehungsberater in Osnabrück.
  • Michael Hevicke ist Diplom-Soziologe, Gruppentherapeut (BAG/DAK) und Leiter des Psychologischen Beratungszentrums Papenburg.
  • Bernhard Plois ist Diplom-Theologe und Diplom-Psychologe, Gruppentherapeut (BAG/DAK), Supervisor (BAG/DAK) und leitet das Referat für Ehe-, Familien-, Lebens- und Erziehungsberatung in Osnabrück.
  • Birgit Westermann ist Diplom-Psychologin, systemische Familientherapeutin (DFS) und leitet die Psychologische Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche in Osnabrück.

Aufbau und Inhalte

Der Band "Herausforderung Lebenslage" enthält neun Beiträge im Abschnitt Zeichen der Zeit: Beratung im Prozess der Identitäts- und Standortbestimmung, die den gesellschaftlichen Kontext von Beratung beleuchten. Hier kommen folgende Aspekte zur Sprache:

  • Wie muss eine systematische Beratungstheorie formuliert werden? (Hutter)
  • Welche Kriterien bestimmen das Verhältnis Beratung - Kirche? (Plois)
  • Was sind Werte in einer individualisierten und pluralisierten Gesellschaft? (Paul)
  • Was ist das Menschenbild in der kirchlichen Beratungsarbeit im Vergleich zu nicht kirchlichen Schulen? (Plois)
  • Beratung als Zeitmanagement der Entschleunigung (Hevicke)
  • Kirchliche Beratung als Antwort auf gesellschaftliche Missstände (Plois)
  • Juristische und ökonomische Koordinaten der Familienberatung (Lanfermann)
  • Prävention, Niedrigschwelligkeit und Vernetzung als Anspruch an die Arbeit nach §16 KJHG (Westermann)
  • Die Demarkationslinie Beratung - Therapie (Hutter)

Acht weitere Beiträge unter der Überschrift Praxiseinblicke: Beratung im Dialog mit Lebensfragen und eigener Fachlichkeit widmen sich konkreten Fragen, die sich den Berater/inne/n im Beratungsalltag stellen und die hier kritisch reflektiert werden:

  • Soziologisch, theologisch und sozialpsychologisch relevante Hintergründe für Beratungsarbeit (Hutter)
  • Lebenswelt "Schule" und Beratungslehrerausbildung (Westermann)
  • Therapeutische Arbeit im Rechenunterricht bei Dyskalkulie (Trouw/Schweinsberg-Dette)
  • Therapeutische Arbeit mit Schüler/inne/n nach langjährigen sexuellen Übergriffen durch einen Lehrer an einer Grundschule (Masselink/Pomberg)
  • Emotionen, Themen und abgewehrte Ängste in Familien in Scheidungssituationen (Hutter)
  • Trauerarbeit mit Kindern und Jugendlichen (Schleper)
  • Einwirkungen eines sich verselbständigenden Individualismus in der Gruppentherapie (Bahnson)

Diskussion

Die Beiträge in diesem Band sollen insgesamt verstanden werden als Überlegungen, die zu einer systematischen Beratungstheorie beitragen können. Theoretische Bausteine einer individualisierungs- und pluralismustauglichen Beratungstheorie werden in einer Skizze dargestellt, die dem besorgniserregenden Entwurf einer neoliberalisierten Gesellschaft Antworten bieten will. Mit diesem Entwurf wird das Ohr geschärft, wenn es um die weitere Auseinandersetzung mit Beratungsanlässen und -bedarfen geht: Beratung ist hiernach die individualisierte Antwort auf gesellschaftliche Entwicklungen, die Vereinzelung, Beziehungsanalphabetismus und die Vorherrschaft ökonomischer Kriterien bedeuten. Das Abdrängen ehemals stabilisierender gesellschaftlicher Klein-Räume (Familie, Ehe, Partnerschaft, peer group) in die individuell zu verantwortende, aber hoch anspruchsvolle Verwirklichung von Bedürfnissen wie Nähe, Glück und Sicherheit macht Beratung zu einem Angebot, das immer stärker und immer diversifizierter nachgefragt wird.

Einige Beiträge widmen sich diesem Phänomen steigender Beratungsnachfrage aus theologischer Perspektive mit Fragen wie: Was macht gerade kirchliche Beratung attraktiv? Warum ist kirchliche Beratung etwas Besonderes? Was macht kirchliche Berater/innen zu besonderen Berater/inne/n? Diese mehr oder weniger überzeugenden Versuche, kirchliche Beratung aus dem wachsenden Angebotsmarkt und der professionspolitisch forcierten Abgrenzung zu bzw. Vermengung mit psychotherapeutischen Angeboten hervorzuheben, machen zumindest eines deutlich: Auch der kirchliche Beratungssektor braucht wie alle Professionen, die Beziehungsarbeit leisten, Selbstvergewisserungsstrategien wie Supervision und Fortbildung. Allein die Gewissheit, der "Cheftherapeut Gott" richte am Ende doch alles, kann da unter professionellen Gesichtspunkten nicht ausreichen. Der "Ideologieverdacht", dem kirchliche Beratung ausgesetzt sein mag, wird damit nicht ausgeräumt. Auch Berater/innen sind Produkte und Protagonist/inn/en der oben genannten gesellschaftlichen Entwicklungen und brauchen eine Orientierung für ihr Konzept der hochkomplexen Beziehungsarbeit.

Ob dieses Konzept nun ein kirchliches oder ein weltliches ist, dem Leser und der Leserin wird klar, welchen Stellenwert Beratung als gesellschaftliche Dienstleistung hat, obwohl ihr - und gerade der psychosozialen Beratung, der sich dieses Buch widmet - der Geruch des Stigmas anhaftet. Wer Beratung braucht, funktioniert nicht oder ist gar krank. Hier wird eindringlich beschrieben, dass es in einer Welt der Märkte gar nicht anders kommen kann, als dass Menschen sich mit ihren gescheiterten Lebensentwürfen zwischen den Extremen hochstilisierter Individualität und totaler Entgrenzung an Beratungsstellen wenden, weil dort andere Maßstäbe von Zeit, Wert und Sinn gelten, als es der Markt vorgibt. Diese Argumentation ist so überzeugend und deutlich, dass das Bild von Gesellschaft fast düster wirkt. Berater/innen als "Individualisierungsgewinner", die sich eine "Nische gesichert" haben, können sich mit der Lektüre identifizierend oder abgrenzend in dieses Bild einordnen.

Fazit

Der Band "Herausforderung Lebenslage" ist eine Sammlung von Beiträgen, die sich teils transdisziplinär, teils kathologisch-theologisch argumentierend mit Beratung als immer stärker nachgefragtem Angebot in Zeiten nicht aufzuhaltender Neoliberalisierung auseinander setzt. Das Buch richtet sich einerseits mit einer vielseitigen Diskussion über den gesellschaftlichen Kontext von Beratung an professionspolitisch und -theoretisch Interessierte, die sich auf dem enger werdenden Angebotsmarkt in ihrer beraterischen Haltung positionieren möchten. Andererseits spricht der Band gerade kirchliche Berater/innen an, die in der Auseinandersetzung von Glauben und Praxiserfahrungen ihre Identität als Berater/innen durch Hinweise aus der Arbeit einer Diözese stärken oder abgleichen möchten. Insgesamt überzeugen die disziplinübergreifenden Beiträge in dem Band. Insbesondere die Bausteine zu einer Beratungstheorie und die Abgrenzung von Beratung und Therapie scheinen zukunftsweisend für eine Profession, die zwar ein bürokratisch verwaltetes, rechtlich abgesichertes und bezahltes, aber für manche Rat Suchende das einzige Beziehungsangebot ist, in dem Bedürfnisse thematisiert werden können, die nicht mit ökonomischen Kriterien zu belegen sind.

Das Buch eignet sich daher für psychosoziale Berater/innen aller Herkunftsdisziplinen, aber auch für Professionelle in anderen Beratungsformaten wie Supervision und Coaching, die auf der Suche nach einer Systematisierung und Einordnung ihrer Tätigkeit auf dem diffusen Beratungsmarkt sind.

Rezension von
Dr. Birgit Szczyrba
Sozial-und Erziehungswissenschaftlerin, Psychodrama-Leiterin (DFP/DAGG), Leiterin der Hochschuldidaktik in der Qualitätsoffensive Exzellente Lehre der Technische Hochschule Köln, Sprecherin des Netzwerks Wissenschaftscoaching
Website
Mailformular

Es gibt 24 Rezensionen von Birgit Szczyrba.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Birgit Szczyrba. Rezension vom 08.06.2004 zu: Christoph Hutter, Michael Hevicke, Bernhard Plois, Birgit Westermann (Hrsg.): Herausforderung Lebenslage. PraxisReflexe aus der kirchlichen Ehe-, Familien-, Lebens- und Erziehungsberatung. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2003. ISBN 978-3-8258-7085-0. Reihe: Theologie und Praxis, Band 18. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1248.php, Datum des Zugriffs 19.05.2022.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht