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Kurt Buser, Thomas Schneller u.a.: Medizinische Psychologie, medizinische Soziologie

Cover Kurt Buser, Thomas Schneller, Klaus Wildgrube: Medizinische Psychologie, medizinische Soziologio. Kurzlehrbuch zum Gegenstandskatalog. Urban & Fischer in Elsevier (München, Jena) 2003. 5., überarbeitete Auflage. 456 Seiten. ISBN 978-3-437-43210-1. 29,95 EUR.
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Hintergrund, Ziele, Didaktik und Leitbild

Das Kurzlehrbuch ist in 5. Auflage erschienen (1. Auflage Oktober 1978; 5. Auflage 2003). Für die Herausgeber ist es wichtig, neben dem Sachbezug eine didaktische Form der Wissensvermittlung vorzulegen: es ist beabsichtigt, Sinn und Ziel der Lerngebiete einsichtig aufzuarbeiten. Ferner musste für die 5. Auflage ein neuer Gegenstandskatalog (GK) im Kontext der Ärztlichen Vorprüfung in Medizinischer Psychologie und Medizinischer Soziologie gemeistert werden. Schließlich soll der Handlungszusammenhang des Curriculums anhand inhaltlicher und technischer Hilfen bewusst werden (S. V):

  • Prüfungsrelevante Inhalte sind markiert
  • Abbildungen und Tabellen erleichtern das Verständnis der psychologischen und soziologischen Theorien
  • Merkkästen heben wichtige Sachverhalte hervor
  • Klinkkästen zeigen die Relevanz sozialwissenschaftlicher Grundlagen in der Praxis
  • Schlüsselbegriffe - nachlesbar in den Randspalten - geben dem Buch die Qualität eines Repetitoriums vor Prüfung und Physikum
  • Ein zweifarbiges Layout ermöglicht eine schnelle Orientierung im Text
  • Schließlich orientieren sich die Autoren an einem modernen Leitbild, indem im Mittelpunkt der Medizin der Mensch steht und nicht die Therapie von Krankheiten.

Autoren

Die Autoren, Kurt Buser, Thomas Schneller und Klaus Wildgrube, sind als Psychologen und Sozialwissenschaftler an der Medizinischen Hochschule Hannover tätig.

Aufbau und Übersicht über Themen und Inhalte

Das Werk umfasst insgesamt 510 Seiten mit einer integrierten Darstellung von Medizinischer Psychologie und Medizinischer Soziologie. Es ist in drei Hauptkapiteln gegliedert.

  1. Hintergrundwissen zu Entstehung und Verlauf von - besonders chronischen - Erkrankungen
  2. Psychosoziale Aspekte ärztlichen Handelns
  3. Prävention (Förderung und Erhaltung von Gesundheit)

Abgeschlossen wird das Lehrbuch mit einem umfangreichen Register (S. 431-456).

Der 1. Abschnitt - "Entstehung und der Verlauf von Krankheiten" (S. 3-241) - beinhaltet erstens die Bezugssysteme von Gesundheit und Krankheit mit Begriffserklärungen, die betroffene Person, medizinischer Befunderhebung und dem Gesellschaftsbegriff im Blickwinkel der Erfüllung bzw. Abweichung von sozialen Normen und Rollen. Zweitens werden Gesundheits- und Krankheitsmodelle referiert im Blickwinkel des Verhaltens, Biopsychologie, Psychodynamik, Sozialpsychologie und Soziologie; letzteres mit Verweis auf gesellschaftliche Opportunitätsstrukturen und die Einflüsse ökonomischer und ökologischer Umweltfaktoren. Drittens werden die methodischen Grundlagen in 7 Kapiteln referiert. Sie reichen in klassischer Weise von der Hypothesenbildung, Operationalisierung, Untersuchungskriterien mit Testkonstruktion, Itemselektion, Skalenbildung, Gütekriterien und den Messfehlern einschließlich ihrer Kontrolle über die Untersuchungsplanung, Methoden der Datengewinnung in qualitativer und quantitativer Hinsicht bis zur Datenauswertung. Viertens diskutieren die Autoren das Herzstück des Buches, die theoretischen Grundlagen beider Disziplinen in Mikro- und Makroperspektive; 10 Kapitel sind dafür vorgesehen. Die Mikroperspektive betreffen biologische Grundlagen menschlichen Verhaltens, Lernen, Kognition, Emotionen, Motivation, Persönlichkeit, Entwicklung und primäre Sozialisation und die Entwicklung und Sozialisation im Lebenslauf. Die Makroperspektive beinhaltet die soziodemographischen wie sozialstrukturellen Determinanten wie Modernisierungsprozesse, Änderungen der Erwerbsstruktur, Einfluss von Bildung und Lebensstil auf die Gesundheit und die Bedeutung der sozialen Differenzierung.

Der 2. Abschnitt - "Ärztliches Handeln" (S. 245-386) - beinhaltet die Arzt-Patient-Beziehung mit den Schwerpunkten der Professionalisierung des Arztberufes, Arztrolle, Krankenrolle und die Formen und Probleme der Kommunikation und Interaktion, die Untersuchung, das Gespräch, die Urteilsbildung und Entscheidung mit dem Erstkontakt, der Exploration und Anamnese, den körperlichen Untersuchungen, Arten der diagnostischen Entscheidung, Grundlagen der Entscheidung, Urteilsqualität und Qualitätskontrolle, Entscheidungskonflikte und Entscheidungsfehler. Ferner thematisieren die Autoren psychologische Interventionsmodelle in der Medizin und besondere medizinische Situationen: ärztliche Beratung, Patientenaufklärung und -schulung, Psychotherapie, Intensiv-, Notfall-, Transplantations-, Reproduktions-, Sexual- und Pallativmedizin, Onkologie und Humangenetische Beratung. Schließlich wird mit einem soziologischen Focus der Patient und das Gesundheitssystem aufgearbeitet. Vier Kapitel stehen im Mittelpunkt der Untersuchung: von den Stadien des Hilfesuchens, Bedarf und Nachfrage im Kontext der Versorgung, Über-, Unter- und Fehlversorgung über die Patientenkarriere im Versorgungssystem bis zum Qualitätsmanagement im Gesundheitswesen.

Der 3. Abschnitt - "Förderung und Erhaltung von Gesundheit" (S. 389-427) - ist der Prävention und Maßnahmen zur Förderung und Erhaltung der Gesundheit gewidmet. Zuerst führen die Autoren in den Bereich der Prävention ein. Klassische Themen reichen von der primären, sekundären oder tertiären Prävention bis zu Formen psychosozialer Hilfen und der Sozialberatung. Zweitens werden Maßnahmen zur Förderung und Erhaltung der Gesundheit in drei Kapiteln referiert. Im einzelnen geht es um Gesundheitserziehung und Gesundheitsförderung, Verhaltensänderung, Rehabilitation, Soziotherapie, Selbsthilfe und Pflege. Im Bereich der Pflege werden aktuelle Themen aufgegriffen wie die Mitwirkung von Patientenvertretern im Gesundheitswesen, Pflegeversicherung, Pflegeeinrichtungen, Beurteilung der Pflegebedürftigkeit und Pflegequalität bis zur psychosozialen Belastung in der Pflege.

Fazit

Das Werk ist kein Kompendium zur Medizinischen Psychologie und Medizinischen Soziologie, sondern ein Kurzlehrbuch. An diesem Maßstab sollte es gemessen werden. Durch den Kurzlehrbuchcharakter gehen wichtige Analysen und Informationen zwar verloren. So werden im Bereich der Medizinischen Soziologie grundlegende Aspekte wie soziales Handeln, soziale Konstruktion von Gesundheit und Krankheit, Handlungstheorie, Systemtheorie oder Phänomenologie als analytische Grundlagen der health sciences kaum behandelt; auch in grundlegende Schulen der Psychologie wird nicht eingeführt. Zur Vertiefung dieser Themen liegen Monographien vor; die Autoren verweisen nach den einzelnen Kapiteln auf diese weiterführende Literatur. Insgesamt besticht das Werk durch strukturierte und systematisierte Klarheit; es erhält seinen Charme durch eine Lockerheit und ein Engagement im Stil. Auch werden komplexe Sachverhalte übersichtlich dargestellt. Für angehende Ärzte, Gerontologen,  Medizinpsychologen, Medizinsoziologen, Sozialarbeiter, Sonderpädagogen oder Sozialwissenschaftler liegt ein umfangreiches Werk vor, das gerne in die Hand genommen wird um zu stöbern aber auch ein Lehrbuch, das als Nachschlagewerk und zur Examensvorbereitung einen ehrenvollen Platz im Bücherregal einnimmt. Auch für Dozenten ist das Lehrbuch reizvoll - sei es zur Auffrischung oder um Beispiele für eine praxisnahe Präsentation zu gewinnen.


Rezension von
Prof. Dr. Bernhard Mann
MPH Dipl.-Sozialwirt. Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz
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Zitiervorschlag
Bernhard Mann. Rezension vom 23.03.2004 zu: Kurt Buser, Thomas Schneller, Klaus Wildgrube: Medizinische Psychologie, medizinische Soziologio. Kurzlehrbuch zum Gegenstandskatalog. Urban & Fischer in Elsevier (München, Jena) 2003. 5., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-437-43210-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1249.php, Datum des Zugriffs 21.06.2021.


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