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Guido Lauen: Stadt und Kontrolle

Cover Guido Lauen: Stadt und Kontrolle. Der Diskurs um Sicherheit und Sauberkeit in den Innenstädten. transcript (Bielefeld) 2011. 615 Seiten. ISBN 978-3-8376-1865-5. 36,80 EUR.

Reihe: Urban studies.
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Thema

Am Beispiel des Diskurses über Sicherheit und Sauberkeit zeigt der Autor, wie Kontrollparadigmen die menschliche wie bauliche „Architektur“ von Städten beeinflussen. Er setzt sich kritisch damit auseinander, dass bestimmte Gruppierungen den politischen wie gesellschaftlichen Diskurs dominieren und zeigt ausführlich die Folgen dieser Entwicklung auf. Ausgehend von subjektiven Gefühlen der Unsicherheit werden seiner Beobachtung zufolge Maßnahmen implementiert, die nicht im Sinne einer demokratischen Gesellschaft sein können.

Entstehungshintergrund

Die Schrift ist zugleich eine Dissertation an der Bergischen Universität Wuppertal, Fachbereich Bildungs- und Sozialwissenschaften.

AutorIn oder HerausgeberIn

Dr. Guido Lauen ist Diplom-Sozialwissenschaftler. Von 2004 bis 2007 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fach Erziehungswissenschaft/Berufspädagogik an der Bergischen Universität Wuppertal. Seit 2007 ist er wissenschaftlicher Referent bei AQAS e.V., der Agentur zur Qualitätssicherung durch Akkreditierung von Studiengängen, in Bonn.

Aufbau und Inhalt

Immer wieder werden im kommunalen Bereich die Auswirkungen subjektiver Unsicherheitsgefühle und Kriminalitätsängste diskutiert. Vor allem Passanten, Bewohner und Geschäftsleute der Innenstädte fordern konkrete Maßnahmen gegen „Störer“. Der Autor analysiert unter zahlreichen Gesichtspunkten den Diskurs, bei dem seiner Beobachtung zufolge in einer „eigentümlichen Einigkeit“ Obdachlose, Drogenkonsumenten, öffentlich trinke Alkoholiker, Vertreter „nicht angepasster“ Lebensstile, sonstige Verhaltensauffällige, „Straßenkinder“ und Bettler als Verursacher von Problemen angenommen werden. Zentrale Begriffe dieser Annäherung sind die Auseinandersetzung mit den Kategorien Wahrheit, Ausgrenzung und Thematisierung.

Detailliert wird in dem Werk beispielsweise unter Bezugnahme auf Michel Foucault die Herangehensweise der wissenssoziologischen Diskursanalyse theoretisch begründet. In diesem Zusammenhang wird Macht als strategische Einwirkungsmöglichkeit definiert, die wiederum gesellschaftliche Wahrheit konstruiert. Sprache spielt als Medium der Vermittlung demnach eine herausgehobene Rolle. Neben der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Diskurs über die Kontrolle des öffentlichen Raums beschäftigt sich der Autor mit den diversen Arenen der Öffentlichkeit, die das Alltagswissen und die Interpretation der Wirklichkeit konstituieren. Systeme der Ausschließung führen dabei zu einer Verschleierung der Macht in den Diskursen, wodurch das „Sagbare“ eingeschränkt wird. Diskurse stellen nach Darstellung von Lauen so eine „eigene Wirklichkeit“ dar.

Die Definition des Begriffes Stadt wird anhand diverser grundlegender Darstellungen unter anderem von Max Weber entwickelt. Ein besonderes Augenmerk liegt auf dem Ausschluss aus dem Arbeitsprozess, was an kollektiven Konsum hindert. Stadtentwicklungspolitisch führe das zu politisch gewollten „Trabantenstädten“, in denen sich Probleme wie Armut, Arbeitslosigkeit und Migration konzentrieren. Medien spielen eine besondere Rolle bei der Schaffung eines Wahrnehmungs- und Deutungsklimas, das der Autor als Hysterie kennzeichnet.

Ausgehend von dem Begriff der Urbanität, wie ihn Georg Simmel geprägt hat, wird das konstituierende Miteinander unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen in Städten beschrieben, das sich durch eine gewisse gegenseitige Reserviertheit auszeichnet. Ausführlich geht Lauen auf die Ver- und Gebote ein, die meist als Folge des städtischen Sicherheits-Diskurses etabliert werden. In manchen Kommunen ist selbst das Niederlassen von mehr als 30 Minuten an einem Ort oder der Auftritt mit einer „ungepflegten Erscheinung“ ordnungsbehördlich eingeschränkt. Insgesamt sei häufig eine Homogenisierung der Innenstadtbereiche zu beobachten, bei der jegliche Formen von „Unsauberkeit“ oder mögliche Erzeugung von Angst ausgeschlossen werden sollen. Informelle Sozialkontrolle werde zunehmend durch formelle Regeln und Maßnahmen ersetzt. Diese wiederum sind Ergebnis eines diskurshaften Prozesses von Definition, Selektion und Wahrnehmung von Abweichung. Weit unterhalb der Schwelle strafrechtlicher Sanktionen werden Mittel des Polizei-, Straßen- oder Wegerechts sowie privatrechtlicher Hausordnungen gegen „Ausgeschlossene“ wirksam. Gleichzeitig wird mit einer zunehmenden Abnahme demokratischer Öffentlichkeit der Diskurs einseitig von mächtigen Stichwortgebern dominiert.

Konkret illustriert werden diese Entwicklungen an der Errichtung räumlich abgeschlossener Einkaufszentren, an Konzepten von Vergnügungsparks und privaten wie staatlichen Ordnungsdiensten bzw. Polizeien. Intensiv widmet sich der Autor der Praxis und Betrachtung von Armut, beachtenswert ist auch ein spannender Exkurs über das Betteln in historischer wie gegenwärtiger Perspektive. Abschließend plädiert Lauen für eine Besinnung auf die urbane Toleranz des Fremden im Sinne einer „res publica“.

Diskussion

Mit seinen mehr als 600 Seiten ist das Werk umfangreich und detailliert, gibt interessante Impulse für methodisches Vorgehen und theoretische Ansätze. Es leistet einen wichtigen Beitrag zur wissenschaftlichen Beschäftigung mit einem Thema, welches sich einer neutralen Betrachtung gerade auf der betroffenen kommunalen Ebene sonst entzieht. Damit trägt der Autor zu einer Versachlichung des Diskurses bei, insofern sind dem Buch viele Leser gerade im Bereich der Entscheidungsträger in den Städten zu wünschen. Gleichwohl dürfte der Umfang einige abschrecken, zumal an einigen Stellen nervige inhaltliche Wiederholungen den Text nicht gerade lesbarer machen.

Fazit

Der Zusammenhang zwischen Unsicherheitsgefühlen und Kriminalitätsängsten auf der einen sowie der tatsächlichen Bedrohung auf der anderen Seite wird am Beispiel des Diskurses über Sicherheit und Sauberkeit in Städten aufgezeigt. Die Thematisierung von Ausgrenzung bestimmter Bevölkerungsgruppen wird mit Hilfe einer wissenssoziologischen Diskursanalyse untersucht. Der Autor beruft sich dabei auf das Konzept von Urbanität als Miteinander unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen. Die darin bedingte Reserviertheit werde zunehmend durch Ausgrenzung mit Hilfe von Ver- und Geboten unterstrichen. Informelle Sozialkontrolle werde zunehmend durch formelle Regeln und Maßnahmen ersetzt, die in dem Werk ausführlich illustriert und diskutiert werden.


Rezensent
Prof. Dr. Frank Überall
Medien- und Politikwissenschaftler an der HMKW Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft; www.politikinstitut.de
Homepage www.politikinstitut.de
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Zitiervorschlag
Frank Überall. Rezension vom 17.07.2012 zu: Guido Lauen: Stadt und Kontrolle. Der Diskurs um Sicherheit und Sauberkeit in den Innenstädten. transcript (Bielefeld) 2011. ISBN 978-3-8376-1865-5. Reihe: Urban studies. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12493.php, Datum des Zugriffs 23.05.2019.


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