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Peter Brüger, Jörg Lau (Hrsg.): Sag die Wahrheit!

Cover Peter Brüger, Jörg Lau (Hrsg.): Sag die Wahrheit! Warum jeder ein Nonkonformist sein will, aber nur wenige es sind. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2011. 234 Seiten. ISBN 978-3-608-97139-2. 21,90 EUR, CH: 32,90 sFr.

MERKUR - 748/749 = Jg. 65, H. 9/10, S. S. 756 - 990.
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Wahrheit ist eine Form des risikoreichen Lebens

Wahr ist, was nicht falsch ist“, diese im Sinne des Aristotelischen Zweiwertigkeitsprinzips formulierte Aussage ist erst einmal logisch, also vernünftig. Der griechische Philosoph Aristoteles erklärt das in seiner Metaphysik so: „Nicht darum nämlich, weil unser Urteil, du seiest weiß, wahr ist, bist du weiß, sondern, weil du weiß bist, sagen wir die Wahrheit, indem wir dies behaupten (A. F. Koch, in: Otfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, Stuttgart 2005, S. 27). Es ist die ethische Tugend der Wahrhaftigkeit, die es den Menschen ermöglicht, ein gutes Leben anzustreben und zu führen. „Eure Rede aber sei Ja, ja, nein, nein. Was darüber hinaus ist, das ist vom Übel“ (Matthäus 5, 37), gibt den Maßstab für das christliche Denken ab. Der französische Philosoph Michel Foucault (1926 – 1984) hat in einer seiner letzten Vorlesungen am Collège de France den „Mut zur Wahrheit“ propagiert, indem er auf die Wahrheit als dem kritischen Anderen der bestehenden gängigen Lebenseinstellungen verweist „Es gibt keine Einsetzung der Wahrheit ohne eine wesentliche Setzung der Andersheit; die Wahrheit ist nie dasselbe; Wahrheit kann es nur in Form der anderen Welt und des anderen Lebens geben“ (vgl.: www.socialnet.de/rezensionen/10053.php; siehe auch: Barbara Birkhan, Foucaults ethnologischer Blick. Kulturwissenschaft als Kritik der Moderne, Bielefeld 2010).

Entstehungshintergrund und Herausgeberteam

In der seit 1947 erscheinenden Kulturzeitschrift MERKUR wird mit dem Doppelheft 9/10 vom September/Oktober 2011 die Aufforderung „Sag die Wahrheit!“ als Ausrufezeichen formuliert. Der Untertitel zeigt die Richtung des Diskurses an, mit dem 25 Autorinnen und Autoren darüber reflektieren, dass keineswegs niemand sicher sein kann, dass die Wahrheit gesagt wird: „Warum jeder ein Nonkonformist sein will, aber nur wenige es sind“. Wir sind damit mitten im Leben angelangt! „Freimütig die Wahrheit sagen ist für den existentiellen Nonkonformisten edelstes Ziel…“, so Kurt Scheel in seiner „Gebrauchsanweisung für Nonkonformisten“ (NDR Kultur, Gedanken zur Zeit, 2. 10. 2011).

Die Herausgeber der Zeitschrift, Karl Heinz Bohrer und Kurt Scheel gliedern den Band, der 242 Seiten umfasst, in drei Teile. Im ersten Teil vermitteln fünf Autoren in akademischen, journalistischen, polemischen und persönlichen Essays einen Überblick über die Thematik. Im nächsten Teil werden historische und fiktionale Typen und Ausprägungen des Nonkonformismus präsentiert; und im folgenden wird „der Bedeutung nonkonformistischen Denkens für Wissenschaft und Ästhetik, für die Psyche des Individuums und die Seele der Gesellschaft nachgegangen“.

Aufbau und Inhalt

Wie stellt sich also der zeitgenössische Nonkonformist in der Ausprägung des existentiellen Nonkonformismus dar? Im ersten Essay zeigt der Bremer Literaturwissenschaftler Peter Bürger „Das Dilemma des Außenseiters“ auf, indem er auf den „refus“, den Verweigerten, Zurückgesetzten verweist und sein Problem darin erkennt, dass „die Welt, von der er sich abwendet, ( ) ihn nicht (loslässt)“; dessen Eigenschaften sich jedoch gleichzeitig darin zeigen, „nein zu sagen“. So werden Absetzen und Abgesetzt werden (von den gesellschaftlichen Konventionen) als Verweigerung und Trennung empfunden, wie auch als Macht und Ohnmacht erlebt. Diese Phänomene verdeutlicht der Autor an mehreren historischen, literarischen Beispielen, wie etwa in Paul Valérys „Carnets“, in Jean-Paul Sartres „Saint Genet“, in Jean-Jacques Rousseaus „homme naturel“ und in Hegels „Phänomenologie des Geistes“; und er kommt zu dem (deprimierenden oder realistischen?) Ergebnis, dass der Außenseiter „auf den Appell verzichten (wird), da dieser ohnehin verhallt oder als ein Echo dessen, was er gerade nicht wollte, zu ihm zurückkehrt“.

Der Redakteur der Wochenzeitung DIE ZEIT, Jörg Lau, stößt in seinem Beitrag „Die Republik der Außenseiter“ auf Facetten der amerikanischen Gesellschaftskritik, indem er Filmsequenzen aus populären Katastrophenfilmen diskutiert und feststellt: „Im Zweifelsfall bleibt der Menschheit nur die Hoffnung auf die Außenseiter“. Es ist die Intelligenz des „Unabombers“ Kaczynski, der im Einsiedler, Landvermesser und Umkehrprediger Henry David Thoreau (1845) sein Vorbild preist: „Ich wollte tief leben und das Mark aus dem Leben saugen, ich wollte derb und spartanisch leben, um alles auszurotten, was nicht Leben ist“. In diesen Formen nonkonformistischen Denkens und Handelns, alltäglich und kriminell, sieht der Autor auch Ausprägungen, wie sie der liberale Individualismus hervorbringt und ein Bild vom Staat vermittelt, „weil er die individuelle Freiheit als Quelle seiner Legitimität anerkennt“.

Der Ressortleiter für „Geisteswissenschaften“ bei der FAZ, Jürgen Kaube, errichtet mit seinem Beitrag „Ein Denkmal für den unbekannten Innenseiter“, indem er nach dem Gegenteil des Außenseiters sucht und feststellt, dass es den Innenseiter im deutschen Wortschatz so nicht gibt; es sei denn mit dem englischen Begriff des Insiders, der jedoch im Kontext eine andere Bedeutung hat. Bei seiner Suche nach einer Sinngebung für den Innenseiter als Nonkonformisten bemüht er Historiker, Literaten und Wissenschaftler, Musil, Flaubert, Louis Dumont, u.a., und er kommt zu dem Ergebnis, dass „der Innenseiter ( ) insofern dem Spezialisten verwandt (ist), so wie der Nonkonformist Wechsel auf seine ganze Person zieht und der Außenseiter oft als ganze Person wahrgenommen und beurteilt wird“.

Der Medienwissenschaftler an der TU Berlin, Norbert Bolz, geht in seiner Reflexion „Der Reaktionär und die Konformisten des Andersseins“ davon aus, dass der „moderne Konformismus des Denkens ( ) eine Konsequenz der Entmythologisierung, der Entzauberung der Welt (ist)“, und damit eben auch aufklärerische Bedeutung habe. Dabei entlarvt er die Benutzung des neuen Kultbegriffs „Diversität“ als Konformismus und Inversion des Kulturchauvinismus. Wo aber zeigt sich wirklicher Nonkonformismus? Seine Nachschau danach führt ihn nicht in den Wissenschaftsbetrieb, sondern zu den Medien und zur „Kunst des Schreibens“, um den Stein des Anstoßes aufzuheben, nicht um ihn zu beseitigen, sondern anzunehmen und als Baustein für ein neues, nonkonformistisches Denk-Gebäude. So wird er in den Augen der Öffentlichkeit zum Reaktionär: „Der Reaktionär ist das wahre Skandalon, der Stein des Anstoßes – und deshalb der Sündenbock der Aufklärung“.

Gustav Seibt, Autor der Süddeutschen Zeitung, fordert auf zum „Nicht mitmachen“ und stellt in seinem Text seine Außenseiter vor. Bei seiner Nachschau in der Geschichte und Literatur findet er seinen „Lieblingsaußenseiter“, den Schweizer Kulturhistoriker Jacob Christoph Burckhardt (1818 – 1897), der sich nicht als akademischer Beobachter verstand, sondern sich mit seiner Aussage – „Wir sind die Welle selbst“ – mitten in das politische und gesellschaftliche Geschehen begab, ohne freilich konformistisch und plakativ zu wirken. Dann „Stopfkuchen“, Wilhelm Raabes Heinrich Schaumann in seinem Roman „Stopfkuchen“. Es ist die immerwährende Auseinandersetzung zwischen Mitläufer- und Außenseitertum. Das Dilemma wird deutlich, nimmt man Arno Schmidts (durchaus aktuell zu interpretierende) Forderung, dass der Schriftsteller wie auch der Historiker „keinen Freund, kein Vaterland, keine Religion“ haben dürfe; gleichzeitig aber auch die Erkenntnis, dass daraus keine Isolation und Abkapselung entstehen dürfe.

Nach den fünf Essays beginnt Karl Heinz Bohrer das erste Kapitel, indem er mit dem Beitrag „Der Mut zur Wahrheit“ die Foucaultsche Forderung aufnimmt und am William Shakespeareschen Hamlet abarbeitet. Mit der Frage, was Hamlet zum Außenseiter macht, reflektiert der Autor die beiden für ihn wesentlichen Merkmale eines Außenseitertums: Melancholie und Zynismus; wobei er ersteres mit „Selbstversicherung“ und Zynismus als Dissens und Distanzierung identifiziert: „Nonkonformismus … als zynischer Mut zur Wahrheit“. Die Parenthese ergibt sich durch die Hinwendung zur antiken Parrhesia, der (Rede-) und damit eben auch der (Gedanken-) Freiheit, die heute als anthropologisch-existentielle Lebensgestaltung nicht mehr, wie Bohrer meint, im Foucaultschen Sinne, sondern: „Hamlets Nonkonformismus ist als Verhalten auch heute denkbar, wenn man ihm den empathischen Anspruch nimmt“.

„Nichts ist mir so unähnlich wie ich selbst…“, so beginnt Jean-Jacques Rousseau ein Porträt über sich selbst. Der Autor Henning Ritter beginnt seinen Beitrag „Der andere Rousseau“ mit diesem Bekenntnis. Es schildert die beständige Suche nach einer richtigen, beständigen und natürlichen Ordnung der Dinge. Es kennzeichnet das beinahe obsessive Bemühen, „ein Leben auf gleicher Höhe zu führen“ und sein Streben nach Gleichmäßigkeit im Leben. Es ist sein immerwährendes Suchen danach, in der entstandenen innergesellschaftlichen Opposition „in der Wahrheit zu leben, sich also, so weit wie möglich von den Gesellschaftlichen Zwängen unabhängig zu machen“; fürwahr ein Rat, der auch heute gilt.

Die Politikwissenschaftlerin des John Stuart Mill Instituts für Freiheitsforschung an der SRH Hochschule Heidelberg, Ulrike Ackermann, fragt: „Welches Rätsel, dieser Mann, und welches Phänomen, diese Frau?“. Dabei meint sie die eine und selbe Person: „George Sand nimmt sich die Freiheit“ untertitelt sie ihren Beitrag: „Unkonventionelle Begehrlichkeiten“. Weil Liebe nur in Freiheit möglich ist, wie die Schriftstellerin George Sand, die als Aurore Dupin 1804 zur Welt kam, einmal geäußert hat und ihr Leben nach diesem Motto einrichtete, bleibt die Frage auch heute: „Was wollen wir denn nun, Männermoral oder Frauenmoral, oder nichts davon oder beides, oder ganz etwas Neues?“.

Die Münsteraner Literaturwissenschaftlerin Karin Westerwelle nimmt Édouard Manets Gemälde „Die Musik in den Tuilerien“ (1862) zum Anlass, um über die Stellung und Bedeutung des Künstlers (Artist) in der bürgerlichen Gesellschaft zu reflektieren. Mit Baudelaires Prosagedicht „Verlust des Heiligenscheins“ verweist die Autorin auf Maler und Literaten und des Dichters als Propheten im unübersichtlichen, aufstrebenden und hergebrachte Traditionen ignorierenden städtischen Lebens. Aber es sind nicht die auffallenden, aufreizenden Gesten und Manieren, die den Artisten als Gaukler zeigen. „Er ist einzig mit dem Blick begabt, einem unvergleichlichen Blick, der sowohl Tiefe als auch Unvergesslichkeit birgt“.

Der Stuttgarter Kunstgeschichtler Reinhard Steiner schaut in Alessandro Manzonis Roman „I promessi sposi“ (Die Brautleute, 1827, 1840/42) nach, um der „Bravi“ habhaft zu werden, jener Menschen nämlich, die Tollkühnen, Verwegenen, Wilden, Ungebändigten, Briganten, Tapferen – Außenseiter eben und in ihren Erscheinungsformen ambivalente Figuren. Und doch: Der Bravo, etwa in Schillers „Die Räuber“, hat etwas Ästhetisches, Außergewöhnliches, ja sogar Faszinierendes, wie übrigens auch Mafioses an sich.

Außenseiter wird man nicht selten durch Erfahrungen im engeren Umkreis, etwa in der Familie, in Freundeskreis und im Alltag. Franz Kafka, der in der literarischen Zuschreibung als der typische Außenseiter und Sonderling gilt, hat sich mit den biografischen Episoden der Brüche und Entwicklungen seines Lebens intensiv auseinandergesetzt, wie dies der Münchner Literaturwissenschaftler Gerhard Neumann in seinem Text „Die Pawlatsche“ feststellt; es ist „Kafkas Trauma“ vom Verstoßensein, vom Weggeschobenwerden und Unterdrückung, die er durch seinen Vater erfährt und was sich symbolhaft in der Pawlatsche, einem verandaartigem Balkon an der Hausfront im Innenhof seines Elternhauses ausdrückt. Neumann zeigt auf, dass Kafkas Schreiben „der Versuch (ist), aus der Rollenzuschreibung des Außenseiters herauszugelangen und vom Vater ‚selbständig ein Stück weit wegzukommen‘, sich aus dem Machtbereich in die Freiheit zu lösen“.

Der Leiter der Wirtschaftsredaktion der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, Rainer Hank, dreht den Titel von Robert Musil, „Der Mann ohne Eigenschaften“, um, indem er mit der Figur des reichen Industriellen, Politikers und Intellektuellen Dr. Paul Arnheim in seinem Beitrag ihn als „Mann vieler Eigenschaften“ bezeichnet. Er arbeitet heraus, wie der Wirtschafts- und Bildungsbürger Arnheim durch sein Bemühen, „die Gegensätze seiner Zeit zum Ausgleich zu bringen“, scheitert und gewissermaßen aus seiner Zeit fällt. Sein Fazit, dass Arnheim als Außenseiter „eine ironische Existenz (ist), der sich durchaus nicht ohne Größe ein letztes Mal gegen das objektiv Unabwendbare und Unerzählbare stemmt, wo doch längst Kunst und Ökonomie, Lyrik und Handel, Moral und Geschäft sich voneinander getrennt haben“.

Der Redakteur der Süddeutschen Zeitung, Lothar Müller zeigt in seinem Beitrag „Der Konformist“ auf, wie sich der Konformist im 20. Jahrhundert von den historischen Zuschreibungen, Tugenden und Untugenden löst, durch Einstellungen wie „Ehrgeiz und Aufstiegswillen, Bedenkenlosigkeit und Eroberungswillen“ und damit Bewusstseinsinhalte durch „seine Beziehung auf Macht und Autorität“ austauscht. Er nimmt Alberto Moravias Roman „Il conformista (1951) und insbesondere Bernardo Bertoluccis Film „Der Konformist“ ((1970) zum Anlass, die Widersprüche und Zusammenhänge zwischen Konformismus und Faschismus zu klären.

Die Berliner Historikerin Ute Frevert fragt nach „Nonkonformität im Sozialismus“. Am Beispiel des Lebens und Wirkens des Historikers und Wirtschaftswissenschaftlers .Jürgen Kuczynski (1904 – 1997), der in der DDR ein hohes Ansehen genoss und gleichzeitig ideologischen Angriffen ausgesetzt war, Gläubiger des Sozialismus, Kommunist, Atheist und Kritiker des real existierenden Sozialismus, Mitglied der Akademie der Wissenschaften, zeigt die Autorin den „blinden Fleck des Jürgen Kuczynski“ auf. Seine unbedingte Gläubigkeit an das, was die Partei befiehlt, seine geradezu devote Haltung zur kommunistischen und sowjetischen Politik und seine bourgeoise Lebensführung zeigen die Widersprüche des scheinbaren Nonkonformisten in einem Staat auf, in dem Nonkonformismus nicht vorgesehen und ausgeschlossen war.

Der Warschauer Journalist und Publizist Adam Krzemiński reflektiert über die Entwicklung im Ostblock und Polen, die dazu führte, dass der ideologische Ost-West-Konflikt sich auflöste und den relativ harmonischen Gezeitenwechsel in Osteuropa herbeiführte. An zwei Lebens- und Aktionsbeispielen erläutert er die unterschiedlichen nonkonformistischen Haltungen in seinem Heimatland: Jacek Kuroń (1934 – 2004), Bürgerrechtler, Publizist, Historiker, Pädagoge und Politiker; und Adam Michnik (* 1946), Publizist, polnischer Essayist und politischer Publizist, „Widerspruchsucher“ und Chefredakteur der linksliberalen größten Tageszeitung, Gazeta Wyborcza. Beide wirkten gemeinsam und in unterschiedlicher Intensität und Konsequenz, um Bürgerrechte gegen die Staats- und Parteimacht zu verteidigen. Der Titel von Krzemi?skis Beitrag – „Das tust du nicht!“ ist einem Brief entnommen, den Michnik 1983 aus dem Gefängnis herausschmuggeln konnte und in dem er die damalige polnische Militärregierung anklagte, Oppositionelle außer Landes schaffen zu wollen.

Der Kulturwissenschaftler, Autor und Übersetzer Siegfried Kohlhammer, Lektor am Institut für Vergleichende Kulturwissenschaft an der Staatlichen Universität Yokohama, kann nicht so recht der Meinung Glauben schenken, dass die „Exzentriker“ ausgestorben und dem „Durchschnittsmenschen“ Platz gemacht hätten: „Exzentriker sind ein gutes Zeichen, aber man sollte kein Gewese um sie machen“. Die Zuschreibungen und Diskurse, die er in der Literatur findet, sind für Kohlhammer Anlass genug, gelassen zu bleiben; denn „Exzentriker sind nicht die Schöpfer, Urheber oder Bewahrer der Freiheit, sie sind Symptome dafür. Zeichen einer liberalen Gesellschaft, die bereit ist, alle Formen nonkonformes Denken, Verhalten, Schaffens zu tolerieren, zuweilen auch zu fördern und sogar zu belohnen, solange diese die von den Gesetzen gegebenen Grenzen nicht überschreiten“.

Der Literaturwissenschaftler von der Stanford University, Hans Ulrich Gumbrecht, fragt, ob „Paradigmenwechsel und Nonkonformismus mehr als eine Tautologie“ im Wissenschaftsbetrieb darstellt. Dabei setzt er sich mit ausgewählten Natur- und Geisteswissenschaftlern des 20. Jahrhunderts auseinander; Einstein, Heidegger, Wittgenstein, Ferdinand de Saussure, Sigmund Freud, Nietzsche, Karl Marx… Die Schelte bleibt nicht aus: Wissenschaftler, die immer nur auf die „turns“ und Wechsel schauen, „sind die Bauchredner vielfältig gespeicherter Diskurse geworden und verwenden enorm viel Zeit auf das Planen von Diskurs- und Redestrategien“.

Der Heidelberger Philosoph Jürgen Paul Schwindt geht auf die „Katastrophe der Parrhesie an Deutschlands Bildungslandschaften“ ein, indem er über „Nonkonformismus und Universität“ nachdenkt. Die „freimütige Rede“ ist, so der Autor, an den Universitäten abhanden gekommen, angesichts des zweckorientierten und administrativ verordneten Ausstoßes. Die hermeneutische Lehre wird ausgetauscht gegen Markttauglichkeit, was, nach Meinung des Autors „die Rekontextualisierung des Übersprungs über die Konventionen die Abtötung des Impulses (bedeutet), dem sich das Neue verdankt.

Der Kunstgeschichtler an der Nürnberger Akademie der Künste, Christian Demand, erstellt einen Lagebericht über die Kunstakademie. Er leitet seine Berichterstattung mit einer zynisch-kabarettistischen Schilderung über die honoratorisch aufgestellten Einweihungszeremonien eines Erweiterungsbaus der Nürnberger Kunstakademie ein, um einen Blick auf die Historie der Anstalten zu werfen, als Bildungs- und Ausbildungsstätten für künstlerisches Schaffen. Die Defizite zum heutigen Akademiebetrieb sieht der Autor vor allem in der Situation, „dass die wenigsten Akademien sich heute überhaupt noch die Mühe machen, auch nur einen Minimalkanon von Fähigkeiten und Kenntnissen zu definieren, der als Conditio sine qua non einer Ausbildung in ‚freier Kunst‘ obligatorisch wäre. Damit verweist er auf die „Widersprüchlichkeit von nonkonformistischem Ethos und konformistischem Auftrag der Lehre“ und zeigt damit das „radikale Misstrauen gegen das Prinzip der Lehrbarkeit ihres Gegenstands“ auf.

Der Literaturwissenschaftler und Redakteur der Simmel Studies (Bielefelder Georg Simmel Gesellschaft), Ingo Meyer, schildert in seinem Beitrag die Atmosphäre, wie sie in den 1860er Jahren in der Pariser Kunstszene vorherrschte und fragt: „Ästhetische Innovation in der bildenden Kunst?“. Mit der Gestalt des niederländischen Landschaftsmalers Johan Barthold Jongkind (1819 – 1891) zeigt er Entwicklungen auf, die sich, widerständig durch konventionelle Malerei, als nonkonformistischer Auf- und Ausbruch darstellt und die Frage nach der Etablierung von Kunstrichtungen erzwingt; mit einem Zeitsprung etwa hin zum Maler, Installationskünstler, Bildhauer und Fotografen Martin Kippenberger (1953 – 1997), dessen Werk Symbolwert für das aufstrebende juppyhafte Zugriffsverfahren der 1980er Jahre hat: „Kippenberger war … kein Nonkonformist…, sondern exakt das (lieferte), was die Öffentlichkeit auch heute wohl noch immer erwartet, das vollendete Künsterklischee“. Und dann der Augsburger Martin Eder (* 1968) mit seinen „Lolita-Motiven“ und naiv-kitschig anmutenden Haustierabbildungen, die vordergründig Publikumsgeschmack bedienen, hintergründig aber durch „Benutzungserscheinungen von Körpern“ Menschen- und Gesellschaftskritik ausdrücken.

Der Dresdner Soziologe Joachim Fischer resümiert über den systemischen Nonkonformismus in der modernen bildenden Kunst: „Wie sich das Bürgertum in Form hält“. Es ist die bürgerliche Vergesellschaftung, die der bildenden Kunst ein (angemessenes oder unangemessenes?) Podium als „avantgardistische Bildbearbeitung, als Fond der Innovationsschulung, des Kreativitätsrisikos“ bietet. Der taghellerleuchtete Nonkonformismus der offiziellen Kunst- und Alltags-(Konsum-)szene kontrastiert mit der nachtdunklen, lichtscheuen Zeichensymbolik des (kriminalisierten) Grafitto. Die Spannweite der bürgerlichen Lebensformen, die sich in der Gewichtung des konomischen, sozialen und kulturellen Kapitals zeigt und die Flexibilität und Wendigkeit des Bürgertums kennzeichnet.

Der Autor Michael Rutschky nimmt in seinem Essay „Die Erfindung des Ich“ die Geschichte des Otto Schily, als Grünen-Abgeordneter, Parteiwechsler zur SPD, Innenminister und schließlich zum Unternehmer zum Anlass, die Frage nach der eigenen Identität zu stellen. Die öffentliche und interessenorientierte Häme lässt nicht auf sich warten: „Der junge Mann kämpft selbstlos für seine Ideale – der alte Mann kassiert ab, wo er kann“. Rutschky greift die immerwährende Frage auf, die sich als Scandalon oder Realitätsbewusstsein durch die Menschheitsgeschichte zieht und die Frage nach der Identität, nach Wandlung und Zweck stellt. Also: „Bleibe, wer du bist!“ oder: „Veränderung als (Lebens-)Kraft!“, eingebettet in die Ideologien von Tradition und Fortschritt. Der französische Soziologe Jean-Claude Kaufmann schlägt vor, „statt danach zu suchen, ob Identität … einen festen Kern braucht…, sollten wir die immerwährende, oft genug quälende Frage nach der eigenen Identität als zentralen Sozialisationsmechanismus der modernen Welt erkennen“. Rutschky zeigt mit mehreren Fallbeispielen die Crux der scheinbar harmonisch aufgestellten Geschichten auf.

Der Sozialpsychologe und Direktor des Essener Kulturwissenschaftlichen Instituts, Harald Welzer und der wissenschaftliche Mitarbeiter Sebastian Wessels, berichten über die Ergebnisse eines Forschungsprojektes zu Konformismus und Autonomie: „Wie gut, dass auch die Nonkonformisten konform sind“. Sie treffen erst einmal die erstaunliche Feststellung, dass „so ziemlich alles auf der Benutzeroberfläche demokratischer Gesellschaft ( ) nach Kriterien der Konformität und eben nicht der Autonomie ab(läuft)“; trotzdem aber dem Nonkonformismus erheblich mehr gesellschaftliche Aufmerksamkeit und Hochachtung zukommt als der Konformität. In den experimentellen Untersuchungen zeigen sich nun erhebliche Abweichungen in der üblichen Idealvorstellung; denn der „wahrgenommene Gegensatz zwischen Eigenschaften eines Menschen, die genuin von ihm selbst kommen, und solchen, die vom Einfluss anderer Menschen herrühren, bildet den Kern von Autonomiegefühl wie von Autonomieideal – was man als genuin Eigenes wahrnehmen kann, mithin das Nonkonforme, ist gut und hat allen Anspruch auf Verwirklichung; was als Niederschlag fremder Einflüsse erscheint, steht unter Verdacht“. Konformität als Form der Nonkonformität?

Der Kasseler Soziologe Heinz Bude reflektiert über die „gesellschaftliche Rolle des Nonkonformismus“. Dabei verweist der Autor auf die verschiedenen Anpassungs- und Widerstandsformen, verdeutlicht Strategien von Aufstieg, Selbstbewusstsein und Scheitern in einer offenen Gesellschaft; und die filtert heraus: „Nonkonformisten treten als Einzelne auf, die sich dem Herdentrieb entgegenstellen, der Schwarmintelligenz misstrauen und die Intertextualität unterbrechen“. Nach Tillich ankert der Mut zum Nonkonformismus in zwei Paradigmen: Resignation oder Erlösung. Könnte es nicht sein, so fragt Heinz Bude, dass existentieller Nonkonformismus in der heutigen Zeit der Ungewissheiten und Ängstlichkeiten bedeutet, „beispielgebende Einzelne (zu suchen), die sich nicht mit der Ausrede zufrieden geben, dass man lieber Institutionen verbessern sollte als Individualitätstypen zu pflegen“?

Kurt Scheel fragt zum Abschluss des Doppelbandes: „Auslaufmodell Nonkonformismus?“ danach, wie sich Nonkonformismus heute darstellt, geriert und wahrgenommen wird, von den „realexistierenden Nonkonformisten“, die sich als „Querdenker“ oder „Tabubrecher“ in die Öffentlichkeit stellen (lassen). Die Philippika wirkt teilweise überzogen und zweideutig; aber sein Hinweis, dass Nonkonformismus kein Geschäfts- und Aufstiegsmodell sei, ist gerechtfertigt. Er favorisiert den „Konformisten des Andersseins“ (Norbert Bolz), indem für den existentiellen Nonkonformisten plädiert, der sich nicht als Marktschreier aufführt, sondern sich vorzugsweise an die eigene Bezugsgruppe wendet: „Es sind die eigenen Leute, denen der existentielle Nonkonformist seine Wahrheit, seine abweichende Wahrheit, freimütig mitteilt“, sie aber nicht unbedingt dauernd hinausposaunen muss: „Wenn es ihm dann wirklich wichtig ist…, muss er eben seine Wahrheit sagen und im Guten wie im Bösen die Folgen auf sich nehmen“.

Fazit

„Der Mut zur Wahrheit“, als ethische, moralische und humane Forderung, ist eine Herausforderung für Menschlichkeit in der sich immer interdependenter, entgrenzender und verändernder (Einen?) Welt. Mit dem Hinweis, dass die im Heft formulierten und reflektierten Überlegungen zur heutigen Situation des Nonkonformismus keine Gebrauchsanweisung für einen Nonkonformisten sein kann, sondern eher ein „Graciánisches Handorakel“ sein möge, wird eine Replik darauf genommen, dass der Jesuit Baltasar Gracián die Auflistung seiner Aphorismen nach dem griechischen Vorbild als Orakel und Sprechstätte verstand, die Wahrheit zur Sprache brachte. Der Vergleich ist gut gewählt; geht es doch auch heute darum zu erkennen, dass heute, genau so wie zu allen Zeiten notwendig ist, „das Wagnis der Wahrheit und des Freimuts einzugehen“.

Wie immer: Die Institution MERKUR bietet erneut einen an- und aufregenden Diskurs zu einer bedeutsamen Frage des menschlichen Zusammenlebens an.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 12.03.2012 zu: Peter Brüger, Jörg Lau (Hrsg.): Sag die Wahrheit! Warum jeder ein Nonkonformist sein will, aber nur wenige es sind. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2011. ISBN 978-3-608-97139-2. MERKUR - 748/749 = Jg. 65, H. 9/10, S. S. 756 - 990. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12494.php, Datum des Zugriffs 26.05.2019.


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