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Wilhelm Heitmeyer: Gewalt in öffentlichen Räumen

Cover Wilhelm Heitmeyer: Gewalt in öffentlichen Räumen. Zum Einfluss von Bevölkerungs- und Siedlungsstrukturen in städtischen Wohnquartieren. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 2. Auflage. 235 Seiten. ISBN 978-3-531-18654-2. 36,00 EUR.
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Thema

Wenn benachteiligte Stadtquartiere als benachteiligende Quartiere empfunden werden, führt dies zu Formen relativer Deprivation. Und relative Deprivation kann zu abweichenden Verhaltensweisen führen. Die Konfliktpotentiale in solchen Quartieren, in denen unterschiedliche Gruppen auf ihre Weise um Anerkennung und sozialer Verortung ringen, sind nicht nur auf ihre sozioökonomische Lage zurückzuführen, sondern sind auch bedingt durch die Struktur dieser Quartiere und ihre städtebauliche Gestaltung, durch die Attraktivität ihrer öffentlichen Räume und den Zugang zu ihnen, durch die Anbindung an die Kernstadt und den Grad, mit dem sie an der kulturellen, sozialen und urbanen Kerndynamik der Stadt teilhaben. Die Frage, die allenthalben bewegt, ist also, welche Beziehungen zwischen den Strukturen des Stadtteils einerseits bestehen und dem Habitus, den ihre Bewohnerschaft nur deshalb – auf Grund dieser Strukturen – entwickeln kann.

Autorinnen und Autoren

Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer ist Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld.

Prof. Dr. Helmut Thome ist Professor am Institut für Soziologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Die weiteren Autorinnen und Autoren kommen aus den Bereichen der Kriminologie und der Konflikt- und Gewaltforschung.

Entstehungshintergrund

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft DFG hat eine stadtsoziologische Studie gefördert, deren Ergebnisse jetzt vorliegen. Dabei wurden zwischen 2004 und 2008 drei unterschiedliche Stadtquartiere untersucht:

  1. das Frankfurter Gallus-Viertel,
  2. Duisburg-Marxloh und
  3. Halle-Silberhöhe.

Aufbau

Die Studie wird in fünf große Kapitel unterteilt:

  1. Das Forschungskonzept
  2. Untersuchungsgebiete
  3. Situationen in den Stadtteilen im Vergleich. Ergebnisse quantitativer Beschreibungen
  4. Vertiefte Analysen zu spezifischen Problemkonstellationen

  5. Fazit

I. Das Forschungskonzept

W. Heitmeyer und H. Thome stellen in diesem Kapitel ihre Forschungsfragen vor und beschreiben die Untersuchungsanlage.

Die zentrale Forschungsfrage ist, welche Zusammenhänge bestehen zwischen den individuellen Integrationsgraden, der individuellen Problemwahrnehmung und den Reaktionsweisen im Stadtteil (und durch den Stadtteil).

Dabei geht um fünf Problemkonstellationen:

  1. Welche Bedeutung haben ethnische Konstellationen und die Problemwahrnehmung für die Gewaltbereitschaft?
  2. Welche Problemwahrnehmungen stehen im Zusammenhang mit der Wahrnehmung und Erfahrung von Gewalt, Kriminalität und Viktimisierung, der Legitimation von Gewalt und der Forderung nach Kontrollverschärfungen?
  3. In welchem Verhältnis stehen die gegebenen Wertorientierungen zur Gewaltneigung und der Kontrollverschärfung?
  4. Wie beeinflusst die eigene soziale Lage – insbesondere Desintegrationserfahrungen - das Engagement im Stadtteil, etwas zu verändern oder zu verbessern?
  5. Welche Zusammenhänge gibt es zwischen der Problemwahrnehmung und der Wegzugsabsicht?

Die Untersuchung beruht auf folgenden Komponenten:

  1. Struktur- und Gelegenheitsbeschreibungen,
  2. Elemente der qualitativen Beschreibungen zur Situation im Stadtteil,
  3. Deskription der Umfragedaten und Konstruktermittlung,
  4. Elemente der quantitativen Zusammenhangsanalyse.

Im Folgenden werden in einer Konstruktübersicht die unabhängigen und abhängigen Variablen vorgestellt und die differenzierten Erhebungsinstrumente erläutert.

II. Untersuchungsgebiete

W. Heitmeyer, S. Kock, J. Marth, A. Schroth und D. von de Wetering beschreiben die drei oben genannten Untersuchungsgebiete. Diese Beschreibungen werden auf vier Bereiche fokussiert: Bebauungsstruktur, Bevölkerungsstruktur, ökonomische Chancenstruktur und die Begegnungs- und Interaktionsstruktur.

Dabei wird deutlich, dass die zwei westlichen Quartiere – Duisburg-Marxloh und das Frankfurter Gallus-Viertel einen relativ hohen Anteil an Ausländern haben, während der Stadtteil Halle-Silberhöhe als Plattenbausiedlung zu DDR-Zeiten kaum mehr als 5% Ausländeranteil hatte und deshalb auch heute der Ausländeranteil keine signifikante Rolle spielt.

Die Strukturen dieser Quartiere werden einer ausführlichen Strukturanalyse unterzogen und mit subjektiven Beschreibungen des Lebens untermauert.

III. Situationen in den Stadtteilen im Vergleich

W. Heitmeyer, S. Kock, J. Marth, A. Schroth, H. Thome und D. van de Wetering vergleichen in diesem Kapitel die quantitativen Beschreibungen. Hier sei auf einige Punkte besonders hingewiesen.

Problemwahrnehmung: Alle Stadtteile werden als benachteiligt bezeichnet.

Desintegration: Desintegration wird auf der Basis des Bielefelder Desintegrationsansatzes diskutiert, was meint:

  • eine sozialstrukturelle Dimension (Reproduktionsaspekt),
  • eine institutionelle Dimension (Vergesellschaftungsaspekt),
  • eine personale Dimension (Vergemeinschaftungsaspekt).

Die Autorinnen und Autoren kommen bei der Gegenüberstellung der Stadtteile zu dem Ergebnis, dass der Stadtteil Duisburg-Marxloh am stärksten als benachteiligend empfunden wird und auch dort die Gewalt als am bedrohlichsten wahrgenommen wird. Die Bewohnerschaft dort fühlt sich auch im wenigsten integriert. Sie hat auch eine am stärksten konventionalistische Werthaltung.

Beim interethnischen Ost-West-Vergleich zeigt sich, dass die türkische Bewohnerschaft in den weltlichen Stadtteilen sehr viel deutlicher auf konventionelle Werte setzt als die deutsche Bewohnerschaft, aber in Halle-Silberhöhe auch die deutsche Bewohnerschaft signifikant deutlicher konventionelle Wertorientierungen hat.

Beim Vergleich soziodemographischer Merkmale zeigt sich, dass in allen drei Stadteilen eher die 18- bis 29jährigen die sozialen Konfliktlinien wahrnehmen.

IV. Vertiefte Analysen zu spezifischen Problemkonstellationen

In diesem Kapitel geht es um zentralen Teil der Studie, die den Zusammenhang von schwierigen Integrationsbedingungen, Problemwahrnehmungen und problematischen Verhaltensweisen thematisiert. Dabei ist von Bedeutung, inwieweit die unterschiedlich zusammengesetzte Bevölkerung, die damit zusammenhängenden unterschiedlichen Problembeschreibungen und die Verhaltensdispositionen, die daraus erwachsen, einen je spezifischen Zusammenhang bilden.

J. Marth und D. van de Wetering analysieren die Bedeutung von ethnischer Konstellation und Raumperzeption für die Gewaltbereitschaft in benachteiligen Sozialräumen. Welchen Einfluss haben Erfahrungen der Desintegration und Anomie auf die Gewaltbereitschaft. Dabei wird dem sozialräumlichen Kontext eine besondre Bedeutung beigemessen.

Einer der wichtigsten Ergebnisse ist sicher, dass der Stadtteil Halle-Silberhöhe deutlich von den westdeutschen Stadtteilen abweicht, was die Wahrnehmung der Integrationsdefizite und die Orientierungsprobleme angeht. Dahingegen konnte die Vermutung nicht bestätigt werden, dass es eine deutliche Differenz im Grad der gemessenen Gewaltbereitschaft und der Desintegration in Abhängigkeit ethnischer Kontexte gibt.

Sonja Kock und Ulf Thöle gehen den Fragen nach,

  • welchen Einfluss Viktimisierungserfahrungen und die Wahrnehmung von Devianz als Problem zu möglichen Verhaltensreaktionen der Vermeidung, der Forderung nach Kontrollverschärfung und nach Legitimation individueller Gewaltausübung führen,
  • inwieweit die Wahl eines bestimmten Verhaltens von den Viktimisierungserfahrungen, den Problemwahrnehmungen und den soziodemographischen Faktoren abhängt und
  • ob das Setting des Stadtteils, seine Zusammensetzung Einfluss auf die Verhaltensreaktionen hat.

Dazu werden Hypothesen gebildet, die zentralen Begriffe operationalisiert und die Zusammenhänge graphisch und in Tabellenform übersichtlich vorgestellt.

Andreas Schroths Beitrag „Die Bedeutung von ethnischer Konstellation und Wertorientierungen für die Gewaltbereitschaft und Kontrollverschärfung in Stadtteilen“ will der Frage nachgehen, welche Wertorientierungen in den unterschiedlichen Stadteilen zu bestimmten Verhaltensdispositionen führen.

Die Ergebnisse sind:

  • Wertorientierungen haben einen Einfluss auf die Gewaltneigung.
  • Die ethnische Konstellation im Stadtteil führt im Frankfurter Gallus-Viertel zu einem geringeren Niveau der Gewaltakzeptanz als in den anderen beiden Stadtteilen.
  • Der Einfluss der Wertorientierungen auf die Kontrollverschärfung ist sehr gering.
  • Die ethnische Konstellation führt im Gallus-Viertel zu einer geringeren Forderung nach Kontrollverschärfung als in den anderen beiden Quartieren.

Julia Marth und Denis van de Wetering fragen nach dem Zusammenhang von Engagement und Desintegration. Es geht um bürgerschaftliches Engagement, was ausführlich dargestellt wird. Und es geht um dessen Bedingungen: soziale, ökonomische und politische Integration. Kann man sich als Teil einer res publica verstehen, für die man verantwortlich ist? Diese Frage ist an Bildung, sozialen Status und sozialer Verortung im Stadtteil gebunden.

„Raus aus dem Stadtteil?“ fragt Andreas Schroth und untersucht die Wegzugsabsichten der Bewohner benachteiligter Quartiere. Es geht um den Zusammenhang von Problemwahrnehmung und der Absicht wegzuziehen. Zunächst ist zu erwarten, dass die besser gebildeten und ökonomisch abgesicherten Bewohner eher das Quartier verlassen, wenn es sich zu einem Problemquartier entwickelt. Allerdings: nur signifikante Effekte abweichenden Verhaltens führen zum Wunsch wegzuziehen, Deutsche verlassen eher das Quartier als z. B. die Türken und auch das Alter spielt eine zentrale Rolle.

V. Fazit

Wilhelm Heitmeyer und Helmut Thome diskutieren in einem kurzen Fazit die Ergebnisse aus Strukturdaten, qualitativen Interviews und quantitativen Analysen. Die strukturellen Probleme des Quartiers und sein Ruf außerhalb haben einen zentralen Einfluss auf das Lebensgefühl und die Erwartungen, die sie innerhalb und außerhalb des Quartiers haben dürfen. Die individuelle Gewaltbereitschaft in Abhängigkeit soziodemographischer Daten zeigt, dass ein niedriges Bildungsniveau im Alter der Adoleszenz vor allem bei männlichen Bewohnern am höchsten ist.

Orientierungslosigkeit und die mangelnde Integration und soziale Verortung, die oft einhergeht mit mangelnder Anerkennung und fehlendem Vertrauen in die Bewältigungsstrategien im Alltag, sind zentrale Einflussgrößen auf die Verhaltensdispositionen.

Die Kontrollverschärfungen werden eher von den Türken gefordert, wobei im Frankfurter Gallus-Viertel diese Forderung weniger erhoben wird als in den anderen beiden untersuchten Stadtteilen.

Die Forderungen für die weitere Forschung beziehen sich auf (interdisziplinäres?) Zusammenführen unterschiedlicher Ansätze. Vor allem der Zusammenhang von sozialräumlicher Segregation und individuellen Desintegrationserfahrungen werden immer bedeutsamer – auch für die Forschung.

Das Buch schließt mit einer ausführlichen Literaturliste und einem Tabellenanhang ab, in dem noch einmal die einzelnen Untersuchungsergebnisse dargestellt werden.

Diskussion

Die Studie geht der Frage der Gewalt in öffentlichen Räumen nach, wobei der Fokus auf der Gewaltbereitschaft Jugendlicher und junger Erwachsener vor dem Hintergrund ihres Lebensgefühls, der Einschätzung ihres Stadtteils, ihrer Integrations- und Desintegrationserfahrungen und der individuellen Verhaltensdispositionen in Abhängigkeit von soziodemographischen Merkmalen liegt.

Der empirische Vergleich dreier Stadtteile, die alle im Programm „Soziale Stadt“ sind, also als benachteiligt gelten, haben auf Grund ihrer unterschiedlichen ethnographischen Geschichte in West und Ost und ihrer unterschiedlich zusammengesetzten Bevölkerung auch z. T. unterschiedliche Vorstellungen, was ein „gutes Leben“ im Stadtteil bedeuten könnte.

Und sie spüren die Diskrepanz zwischen ihren Möglichkeiten und den Erwartungen, die an sie herangetragen werden. Anomie, relative Deprivation und Orientierungslosigkeit sind dann oft die Folgen aus denen nur ganz bestimmte Möglichkeiten erwachsen, mit dieser Diskrepanz umzugehen. Meist führen diese Bedingungen zu spezifischen Verhaltensdispositionen der Devianz – und auch zur Gewalt.

Die Studie zeigt sehr deutlich, welche Zusammenhänge relevant sind und die Forderung der Autoren, sich stärker mit den Folgen und Bedingungen sozialräumlicher Segregation für das Verhalten und das Bewusstsein auseinanderzusetzen, wird hier noch einmal mehr deutlich hervorgehoben.

Dabei kennt die Stadtsoziologie seit längerem diese Zusammenhänge – hier wurden sie auf eine spezifische Weise noch einmal untersucht und verdeutlicht.

Fazit

Eine gründliche empirische Studie vor einem differenzierten theoretischen Hintergrund und mit einem sorgfältig ausgearbeiteten empirischen Instrumentarium.


Rezensent
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor für Soziologie mit den Schwerpunkten Soziale Probleme, Kommunale Sozialpolitik, Stadtsoziologie, insbesondere Soziale Probleme der Stadtentwicklung, Segregationsprozesse, Stadtumbau
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 23.12.2011 zu: Wilhelm Heitmeyer: Gewalt in öffentlichen Räumen. Zum Einfluss von Bevölkerungs- und Siedlungsstrukturen in städtischen Wohnquartieren. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 2. Auflage. ISBN 978-3-531-18654-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12496.php, Datum des Zugriffs 20.08.2017.


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