socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Andreas Hepp: Medienkultur. Die Kultur mediatisierter Welten

Cover Andreas Hepp: Medienkultur. Die Kultur mediatisierter Welten. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 174 Seiten. ISBN 978-3-531-17217-0. 16,95 EUR.

Reihe: Medien - Kultur - Kommunikation.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Im Reigen der zahlreichen Veröffentlichungen des Sonderforschungsgebietes Mediatisierte Welten hat Andreas Hepp ein kleines Buch veröffentlicht, das sich mit der Wirkung der Kultur mediatisierter Welten auf die Gesellschaft in der heutigen Zeit beschäftigt. Im Zentrum steht das soziologische Interesse, inwieweit die Medien (-Kultur) auf die Gemeinschaft und den Einzelnen (als Teil der Gesellschaft) wirken.

Autor

Andreas Hepp hat an der Universität Trier promoviert und ist heute Professor für Kommunikations- und Medienwissenschaft an der Universität Bremen. Seine Fachgebiete sind u.a. die Mediensoziologie, die Cultural Studies sowie die transnationale and transkulturelle Kommunikation. Hierzu hat Hepp unzählige Publikationen in Monografien, Sammelbänden und Zeitschriften sowohl in Deutsch als auch in Englisch verfasst.

Aufbau und Inhalt

In sieben Kapiteln nähert sich Andreas Hepp verschiedenen Aspekten der Medienkultur. Er sucht nach einem Ansatz, der beschreibt, wie sich „unsere Kultur“ mithilfe von Medien zur Medienkultur wandelt, bzw. gewandelt hat. In seinen Augen sind die bisherigen Ansätze nicht hinreichend genug, um diesen Wandel zu beschreiben, da sie entweder die Medien nicht ernst genug nähmen oder, andersherum, die Medien als Zentrum des Wandels sehen.

Was Medienkultur (nicht) ist. Nach seinen einleitenden Worten arbeitet sich Hepp an einer Negativliste ab, mit deren Hilfe er beschreibt, was Medienkultur im Rahmen seines Forschungsgebietes nicht sei. Dabei setzt er sich kritisch mit verschiedenen Ansätzen der Medienkultur auseinander. Er nimmt die Theorien zu Massenmedien von Adorno und Horkheimer auseinander, die in seinen Augen ein zu pessimistisches, dunkles Bild der Kulturindustrie entwerfen und zu wenig empirisch gestützt seien. Er entlarvt den Ansatz der Mediumstheorie als zu einfach gedacht, da er lediglich sogenannte (Ideal-) Typen von Kulturen, die auf ein Leitmedium reduziert werden, zeichne. In den Thesen des emeritierten Münsteraner Kommunikationswissenschaftlers Siegfried Schmidt erkennt Hepp den Ansatz, dass Medien wirklichkeitskonstruktiv seien, wobei man jedoch Medienkulturen vielfältig verstehen müsse. Aus den Theorien zur Cyberkultur entnimmt Hepp die Erkenntnis, dass heutige Medienkulturen technisierte Kulturen seien.

Mediatisierung von Kultur. Im dritten Kapitel kommt Hepp auf die Prägekräfte der Medien auf die Kultur zu sprechen. Mediatisierung sei mehr als der Prozess der medialen Vermittlung von Kommunikation. Es geht ihm um das Wechselverhältnis zwischen Medienkommunikationswandel und Kulturwandel. Hierbei komme dem Prozess der Vermittlung eine wichtige Rolle zu. Hepp diskutiert verschiedene Ansätze, die die Medien in Kultur und Gesellschaft zu verorten suchen, u.a. von Stig Hjarvard (Medienlogik) und der Kritik darauf von Nick Couldry und Knut Lundby, von seinem Kollegen Friedrich Krotz (Metaprozess) sowie von ihm selbst (Prägekräfte der Medien). Hepp führt die Grundtypen von Kommunikation nach Thompson und Krotz an und verteidigt diese gegen die Kritik von Hjarvard. Sie dienen ihm als einen für seine Annahmen geeigneten Orientierungsrahmen, der die Stufen der Prägekräfte der Medien gut nachzeichne. Darauf aufbauend sieht Hepp, dass Mediatisierung über die von Thompson und Krotz dargestellten Typen der Medienkommunikation auch im Bereich der neuen virtualisierten Medienkommunikation gut zu fassen sei.

Medienkultur als die Kultur mediatisierter Welten. Andreas Hepp stellt fest, dass in Medienkulturen primäre Bedeutungsressourcen mittels technischer Kommunikationsmedien vermittelt werden. Dabei stellt er sich Fragen über die Art und Weise von Produktion, Repräsentation, Aneignung, Identifikation sowie Regulation. Medienkulturen sind in seinem Sinne translokale Phänomene, die aus einer Vielzahl von Verdichtungen bestehen. Für die empirische Medienkulturforschung sieht Hepp die Aufgabe, typisierte Zusammenhänge zu erfassen. In Anlehnung an Anselm Strauss sieht er hierzu verschiedene Ebenen, wie die Beschreibung der sich verändernden medialen Welten, die Skalierung der medialen Welten (eine Reduktion auf eine bestimmte Gruppe), die Verschachtelung verschiedener Technologien und charakteristische kommunikative Arenen, in denen transmedial Kommunikation ausgeübt wird. Zur Analyse entwirft Hepp den Begriff der kommunikativen Figuration und verweist auf die Notwendigkeit, verschiedene Medien für die Analyse von Netzwerken mit einzubeziehen.

Vergemeinschaftungen heutiger Medienkulturen. Hepp warnt davor, Medienkultur ausschließlich translokal zu verstehen und das Lokale beiseite zu legen. Das Lokale bleibe ein zentrales Element. Darüber hinaus existiere eine Vielzahl translokaler Vergemeinschaftungen, deren Zugehörigkeit wir uns auswählen können. Translokale Vergemeinschaftungen sieht er sowohl terretorialisiert (Region, Nation, Nationenbund) als auch Deterritorialisiert (u.a. Diaspora, Religion, Populärkulturell, Soziale Bewegung). Diese Vergemeinschaftungen können auch ineinander übergehen. Der subjektive Vergemeinschaftungshorizont wird dabei von vielfältigen (medialen) Kommunikationsnetzwerken getragen. Er sieht zudem eine kommunikative Mobilität, die von zwei Säulen getragen wird: Zum einen werden Endgeräte selber mobil (Handy), aber auch stationäre Medien richten sich auf Menschen in Bewegung (Clouding). Für kulturelle Identität in heutigen Mediengesellschaften gilt, dass ihr Bezug auf „die Gesellschaft“ in erheblichen Teilen auf subjektive Vergemeinschaftungshorizonte verweist.

Medienkultur erforschen. Für die Beschäftigung mit Medien entwickelt Hepp einen Begriffsapparat und schlägt zur Erforschung eine Methodologie vor, die aus vier Punkten besteht:

  1. Der Entwicklung neuer Theorien, bzw. die Überprüfung alter Theorien mit Hilfe der Grounded Theory, die auf eine Vielzahl formaler Theorien verweist,
  2. dem De-Zentrieren der Medienforschung mit Hilfe eines soziologischen Ansatzes,
  3. dem Erkennen von Mustern anhand von Diskursen sowie
  4. der Einbeziehung einer transkulturellen Perspektive.

Ausblick. Am Ende räumt der Autor ein, dass sein Ansatz in dem Feld nicht der allein mögliche sei, verteidigt ihn aber gegen andere Ansätze.

Diskussion

In seiner Veröffentlichung gibt Andreas Hepp einen möglichen Weg vor, sich mit Fragen zu Medien und Gesellschaft zu beschäftigen. Geschickt lenkt er den Leser durch verschiedene Theorien der Medienwissenschaft und nimmt ihn durch ein Mit-einbeziehendes-Schreiben mit in sein Boot. Dabei ist seine Sprache oftmals belehrend oder in einem Tonfall einer einführenden Vorlesung. Man spürt schnell, welchen medienwissenschaftlichen Theorien er sein Vertrauen schenkt und welchen nicht. Mit Bewertungen der Ansichten verschiedener Kollegen hält er nicht hinter dem Berg, sondern tut sie offensiv kund. Dass er dabei Horkheimer und Adorno aus dem historischen Kontext reißt und ihnen aufgrund einer fehlenden (sozialwissenschaftlichen) Empirie lediglich einen Kulturpessimismus vorwirft, aus dem man nur teilweise etwas Brauchbares ziehen kann, wirkt nicht in der Kritik an ihren Thesen, sondern an der einfachen Bewertung überheblich. Auch an vielen Vorreitern der Medienwissenschaft lässt Hepp nur selten ein gutes Haar. Er bereitet sorgfältig seinen Roten Faden vor und folgt ihm halbwegs stringent. Bei seinem weitreichenden theoretischen Blick unterschlägt er jedoch auch wichtige Theorien, wie unter anderem im Feld der Diasporastudien Appadurais Mediascape oder Gilroys Identitätsraum.

Das Buch ist sehr dicht geschrieben, so fällt es oftmals schwer, dem Autor gedanklich ins Wort zu fallen und zu sagen: „Moment mal!“ Dafür sind hier und da textliche Brüche auszumachen. Der Autor reißt manchmal etwas an, verfolgt diesen Gedanken nicht weiter und springt stattdessen zu einem Begriff zurück, den er weiter vorne beiläufig angesprochen hat. Dabei schreibt er komplizierter als notwendig. Seine Tendenz, die Methoden der Grounded Theory in der Medienwissenschaft zu etablieren, muss mit Vorsicht bedacht werden. Die Gefahr ist groß, dass eine immense Zahl an wissenschaftlichem Datenmüll entsteht, der, bevor er veröffentlicht ist, schon wieder ad acta gelegt werden kann.

Fazit

Der Text ist belehrend und folgt der klaren Meinung des Autors. Im Gegensatz zu Clifford Geertz Methodik der dichten Beschreibungen von Phänomenen, versucht Hepp Analyse-Cluster zu entwickeln und entwirft dafür abstrahierte Begriffe wie Verdichtung oder Prägekräfte. Er schafft eine Sprache für Eingeweihte und richtet sein Werk damit an ein soziologisches Fachpublikum. Kommt man aus einer kulturwissenschaftlichen oder medienphilosophischen Schule, so gibt Hepp viel Anlass zu einem anregenden Diskurs. Dabei ist das Buch schlecht lektoriert. Dopplungen hätten gestrichen werden können, der Rote Faden deutlicher gefasst, die komplizierte Sprache vereinfacht sowie einige Schreib- (insbesondere auf S. 14) und Seitensatzfehler (140/141) verbessert werden können. Aber trotz seiner soziologisch-zentrierten Sicht auf die Medien, gibt Andreas Hepp dem Leser einige interessante Ansatzpunkte auf mögliche Untersuchungen von Medien.


Rezension von
Michael Christopher
Filmwissenschaftler, Theaterwissenschaftler und Mitherausgeber der Zeitschrift manycinemas
E-Mail Mailformular


Alle 32 Rezensionen von Michael Christopher anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Michael Christopher. Rezension vom 08.06.2012 zu: Andreas Hepp: Medienkultur. Die Kultur mediatisierter Welten. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-531-17217-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12498.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung