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Albert Hauser, Rolf Neubarth u.a. (Hrsg.): Sozial-Management

Cover Albert Hauser, Rolf Neubarth, Wolfgang Obermair (Hrsg.): Sozial-Management. Praxis-Handbuch soziale Dienstleistungen. Luchterhand Verlag (München) 2000. 2. erweiterte und überarbeitete Auflage. 809 Seiten. ISBN 978-3-472-03858-0. 68,00 EUR, CH: 128,00 sFr.
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Sozialmanagement - Lehrbuch, Loseblattwerk oder Kompendium?

Wachstum, Wettbewerb und widrige Umweltentwicklungen haben den Bedarf an Managementkompetenz in sozialen und Nonprofit-Organisationen (NPO) wachsen lassen. Immer differenziertere Organisationsstrukturen, spezialisiertere MitarbeiterInnen und komplexere Instrumente sind für eine erfolgreiche Steuerung von Wohlfahrtsverbänden und Mitgliederorganisationen erforderlich. In diesem Umfeld mehren sich die Angebote an Seminaren, Studiengängen und Publikationen.

Umfassende und inhaltlich ausgewogene Lehrbücher zum Sozialmanagement vermag ein einzelner Autor kaum zu verfassen. Allenfalls Einzelaspekte werden von einem Autor abschließend behandelt, so zum Beispiel von Schwarz in dem - inzwischen nicht mehr ganz aktuellen - Klassiker zur Führung von Verbänden "Management in Nonprofit Organisationen", Haupt Verlag.

Als Antwort auf den laufenden Aktualisierungsbedarf sind einige Loseblattwerke auf dem Markt erschienen, so z.B. das "Handbuch Sozialmanagement" vom Raabe Verlag oder "Der Verbandsberater" vom Kognos Verlag. Diese Werke sind sehr umfassend angelegt. Auch wenn sich sicher nicht jeder Beitrag durch die gleich hohe Kompetenz auszeichnet, ermöglichen solche Handbücher zu jedem Aspekt eine schnelle erste Orientierung. Die Ergänzungslieferungen sind allerdings meist relativ teuer und lohnen sich nur, wenn sie zeitnah beim Leser Verwendung finden. Wer nicht "täglich" mit dem Loseblattwerk arbeitet, kommt mit einem gebundenen Werk preiswerter weg, selbst wenn er alle drei Jahre eine neue Auflage erwirbt.

Neben dem hier besprochenen Buch erschienen in den letztem Jahren u.a. bei Schäffer-Poeschel von Eschenbach (Hrsg.) "Führungsinstrumente für die Nonprofit Organisationen" und von Badelt (Hrsg.) "Handbuch der Nonprofit Organisationen". Beide Werke sind recht interessant. Ersteres bietet einen - teilweise etwas oberflächlichen - Überblick über die Führungsinstrumente und letzteres ist bei den spezifischen rechtlichen und steuerlichen Bedingungen für Deutschland etwas schwach.

In diesem publizistischen Umfeld soll sich nun "Sozial-Management" von Luchterhand behaupten.

Was braucht der Sozialmanager?

"Sozial-Management" richtet sich an Führungskräfte in sozialen Nonprofit-Organisationen. Diese benötigen branchenspezifische betriebswirtschaftliche Steuerungsinstrumente und in den meisten Fällen Hilfen für die Gestaltung von mitgliederorientierten Organisationen. Unter diesem Gesichtspunkt sollen einige der 35 Beiträge exemplarisch beurteilt werden.

Das Kompendium bietet als Einstieg "Teil 1 - Trends und Thesen zum Sozialmanagement".

Sechs Autoren beleuchten in diesem Abschnitt aus sehr unterschiedlichen Perspektiven die Rolle des NPO-Managements.

Beispielsweise propagieren Mitschke und Böhlich, Berater bei McKinsey, die Überwindung psychologischer Barrieren, "soziale Dienste mit Waren und Dienstleistungen und Hilfe Suchende mit Kunden gleichzusetzen", sowie die Übernahme von "Managementtechniken und -prozeduren aus der Industrie". Diese Managementtechniken (oder Mythen?) werden sprachlich und graphisch flott dargestellt. Die Besonderheiten von NPO finden jedoch nur am Rande Erwähnung. Jeglicher Hinweis auf die Grenzen "industrieller" Techniken bei wertegeleiteten Idealverbänden oder besonderen Bedingungen der Arbeit mit hilfebedürftigen (?) Menschen (!) fehlt. Ein solcher "Managerismus" mag der Führungskraft das Leben vereinfachen und vielleicht auch einem aktuellen Trend zur Ökonomisierung des Sozialen folgen. Aber diese Reduktion von Komplexität zerstört möglicherweise gerade das Wesen von Wohlfahrtsverbänden und Mitgliederorganisationen als Teil der Zivilgesellschaft. Eine konsequente Umsetzung der Empfehlungen ließe am Ende tatsächlich nur soziale Dienstleister übrig. Die Wohlfahrtsverbände verlören als solche jede Existenzberechtigung.

Für die Oberflächlichkeit des ersten Beitrages entschädigt die profunde und differenzierte Darstellung von Strachwitz "Aktuelle Strukturfragen von Not-for-Profit-Organisationen" voll und ganz. Der Autor stellt die wesentlichen Strukturmerkmale und Entwicklungen des Dritten Sektors dar. Vor diesem Hintergrund gibt er Empfehlungen zur Rechtsformwahl, die auf dem gegebenen Raum sicher nicht abschließend sein können, aber doch komprimiert typische Aspekte vermitteln. Auch der eher gesellschaftspolitische Ausblick ist von Branchenkenntnis und Weitblick gekennzeichnet.

Weitere Beiträge liefern Engelhardt (zur strategischen Planung und Organisationsgestaltung), Graf (praxisfern und ohne Branchenbezug zur Systemtheorie), Witt (zur Unternehmenskultur und seiner Operationalisierung) und von Saldern (wie Graf ohne Branchenbezug, aber inhaltlich interessanter zur Komplexität von Systemen.

Am umfangreichsten ist "Teil 2 - Managementkonzepte".

Die 23 Beiträge umfassen die Bereiche strategische Steuerung (Freiburger Management-Modell, Leitbild, strategische Optionen, Qualität, Ehren-/Hauptamt), Organisation (Veränderungsmanagement, EDV), Marketing (Kommunikationsmanagement, PR, Fundraising), Personal & Führung (Konfliktmanagement, Zielvereinbarung, Personalentwicklung, Frauenförderung, Vorschlagswesen, Beschwerdemanagement, Kundenzufriedenheit), Finanzen (Rechnungswesen, Benchmarking) und Branchenspezifika (Kommunalmanagement).

Daumenlang/Palm ("Qualitätsmanagement" nach dem TQM-Modell) und Neubarth ("Qualitätsmanagement in sozialen Dienstleistungsorganisationen" nach dem EFQM-Modell) setzen sich sehr differenziert und praxisnah mit Fragen des Qualitätsmanagements auseinander. Letzterer bietet neben den Grundlagen von EFQM als Beispiel einen umfassenden "Musterqualitätsleitfaden für Beratungseinrichtungen der Seniorenarbeit". Fragebögen und Checklisten steigern den Nutzwert beider Beiträge.

Ein ausreichender Bezug zu NPO stellt für viele Autoren ein Problem dar, z.B. für Steinherr ("Strategische Optionen"), dessen Biographie keine Erfahrung mit NPO erkennen lässt und dessen Checkliste zum Prozess der strategischen Planung wohl nur für Profitorganisationen zu empfehlen ist, da u.a. ideelle Ziele und Ehrenamt dort keinen Raum haben.

Bei einigen Beiträgen, wie Weber "Personalentwicklung" oder Beck/Schwarz "Konfliktmanagement" stellt sich die Frage, ob allgemeine Managementthemen aus einer Sozialmanagementdarstellung mangels Branchenbezug ausgeschlossen werden sollten, um den Branchenspezifika mehr Raum gewähren zu können, oder ein Branchenbezug herzustellen gewesen wäre? Beck/Schwarz stellen zwar am Rande die Frage, ob soziale Organisationen auf Grund ihres Selbstverständnisses und typischer (beruflicher) Sozialisationen besonders konfliktscheu sind, beschränken sich aber ansonsten auf eine durchaus interessante Darstellung von Konfliktlösungsstrategien ohne Beispiele oder Spezifika von NPO. Webers weitgehend akademischer Beitrag geht weder auf weitverbreitete Defizite der Personalentwicklung in NPO, noch auf die Besonderheiten der Personalentwicklung Ehrenamtlicher ein.

Die Rolle des Ehrenamtes betrachtet P. Schwarz in "Ehrenamt und Hauptamt". Plausibel legt er die Notwendigkeit klarer Aufgabenverteilungen dar und gibt konkrete Anregungen, wie die Steuerungskompetenz bei den in der Regel verantwortlichen Ehrenamtlichen angesiedelt werden kann.

Die vielleicht zentrale Herausforderung für das Sozialmanagement (oder das NPO-Management) ist die Integration wirtschaftlicher und fachlich-ideeller Ziele, Werte und Konzepte. Wie weit der Weg dahin ist, wurde dem Rezensenten bei dem Beitrag "Controlling" von Blazek deutlich: Die Abbildung "Ganzheitliches Denken und Handeln im Controlling" zeigt ein rein betriebswirtschaftliches Kennzahlensystem mit 15 Elementen. Gleichsam als Feigenblatt steht das Leitbild darüber, ohne jede Operationalisierung und weitere Bedeutung für das Controlling. Ein ganzheitliches Controlling darf die wirtschaftliche Seite nicht aus den Augen verlieren, sollte aber der Verwirklichung von Werten, der Erreichung von fachlicher Qualität, der gesellschaftlichen Wirkung und anderen nichtmonetären Aspekten breiten Raum einräumen. Hier wären konkrete Beispiele und die Diskussion neuerer Ansätze wie Balanced Scorecards wünschenswert.

Erfreulich sind Beiträge von AutorInnen, die die allgemeinen Grundlagen eines Themas sachgerecht darstellen und zusätzlich durch Beispiele den Bezug zu NPO herstellen, wie z.B. bei Velsen-Zerweck "Vorschlags- und Beschwerdemanagement in Sozialverbänden" oder Lehnerer/Löwenhaupt "Benchmarking".

Die Teile 3 "Praxisberichte" und 4 "Blick über die Grenzen" in andere Länder der EU weiten den Horizont.

Insbesondere der Beitrag von Hauser/Obermair "Das Münchner Modell" über die Organisationsentwicklung des Caritasverband der Erzdiözese München und Freising vermag Mut zu machen, auch in der eigenen Organisation weitreichende Veränderungen anzustreben. Die erforderlichen Bedingungen für einen erfolgreichen Wandel listen die Autoren am Ende ihres Beitrags auf.

Der Serviceteil fällt deutlich gegenüber den Beiträgen ab.

Abgesehen von den üblichen Autorenprofilen und einem Index enthält der Teil wenig Nützliches:

  • einige mehr oder weniger willkürlich zusammengestellte Adressen
  • ein überwiegend veraltetes und unkommentiertes Literaturverzeichnis (Wer soll 2001 etwas mit der damals sehr nützlichen Sozialsoftware-Marktübersicht von Kreidenweis "EDV-Handbuch Sozialwesen" von 1993 anfangen?)
  • ein eher unspezifisches und wenig zweckmäßiges Glossar (Beispiel "Antwortzeit ... ist die Zeit, die benötigt wird, um auf die Anforderungen einer Dienstleistung durch den Kunden abschließend zu reagieren. Das bedeutet die Zeit, die vom Eingang des Untersuchungsmaterials bis zum Ausgang des ersten Befundberichts einer Untersuchung ... vergeht.")
  • einen Abschnitt "Checklisten" mit ganzen zwei (!) Checklisten zur Zusammenarbeit mit Unternehmensberatern und der Auswahl seriöser NPO-Seminare
  • einen Abschnitt "Musterverträge" mit ebenfalls zwei (!) Verträgen zur Zusammenarbeit mit externen Beratern (diese werden immer ihre eigenen Vertragsmuster vorsehen) und zur freien Mitarbeit eines Diplomanden/Doktoranden.

Fazit

Das Praxis-Handbuch bietet zu einem breiten Spektrum von Sozialmanagementthemen reichhaltiges Material. Formale Gestaltung, einheitlicher Aufbau der Beiträge, reichhaltige Verwendung von Abbildungen, Auflistungen und Checklisten sowie Vertiefungsangebote je Beitrag sind bereits rundum gelungen. Für einen angemessenen Preis erhält die NPO-Führungskraft viele Anregungen und zu den meisten Basisthemen einen ersten Einstieg.

Eine systematische Einführung in das Sozialmanagement vermögen die lose nebeneinander stehenden Beiträge weniger zu geben. Vielleicht ist das Feld inzwischen auch schon zu breit, um dies in einer Aufsatzsammlung leisten zu können. Dann stellt sich nur die Frage, wie die Sozialmanager bei dem systematischen Erwerb von Grundlagenwissen unterstützt werden können. Für die nächste Ausgabe wäre eine noch bessere Verzahnung der Beiträge, die Beseitigung einiger Redundanzen, die dringend erforderliche Ergänzung aktueller Fragestellungen, wie z.B. Internet-/Intranetnutzung und Balanced Scorecards, sowie vor allem ein durchgängiger praxisrelevanter Bezug auf NPO bei allen Beiträgen zu wünschen.


Rezensent
Dipl.-Kfm. Christian Koch
Geschäftsführer der socialnet GmbH und selbständiger Unternehmensberater für Nonprofit-Organisationen
Homepage www.npoconsult.de
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Zitiervorschlag
Christian Koch. Rezension vom 01.10.2001 zu: Albert Hauser, Rolf Neubarth, Wolfgang Obermair (Hrsg.): Sozial-Management. Praxis-Handbuch soziale Dienstleistungen. Luchterhand Verlag (München) 2000. 2. erweiterte und überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-472-03858-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/125.php, Datum des Zugriffs 23.11.2017.


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