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Rolf G. Heinze: Die erschöpfte Mitte

Cover Rolf G. Heinze: Die erschöpfte Mitte. Zwischen marktbestimmten Soziallagen, politischer Stagnation und der Chance auf Gestaltung. Juventa Verlag (Weinheim) 2011. 240 Seiten. ISBN 978-3-7799-2246-9. 24,95 EUR, CH: 37,50 sFr.
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Thema

Auf dem „sozialwissenschaftlichen Publikationsmarkt häufen sich Bücher und Aufsätze zu Gefährdungen (…) zur „Zerstörung der Mittelschichten“, die den Autor in ihrer analytischen Dichte wie politischen Weitsicht nicht befriedigen können. (S. 7) Es sei eine unübersichtliche Debatte entstanden, in der der Band durch „ein kritisches Resümee“ zu mehr Orientierung beitragen will. Dabei sollen explizit die Handlungsspielräume sozial- und gesellschaftspolitischer Steuerung vermessen werden. Schließlich gehe es nicht darum die „Mythenbildung“ (S. 8) um die Mittelschichten weiter voran zu treiben, denn „verantwortungsvolle Wissenschaft muss ebenfalls Bausteine für eine erneuerte politische Ökonomie des Wohlfahrtsstaates und konzeptionelle Entwürfe für eine Verknüpfung von mehr Eigenverantwortung mit zukunftsfähigen, an sozialer Kohäsion statt Ausgrenzung orientierten Gesellschaftsmodellen entwickeln.“ (S. 10f.) Dabei sei eine „Verschlechterung der sozialen Lage in den letzten Jahren“ unübersehbar. Während die Armuts(risiko)quote „weitgehend stagniert“ und die Mittelschicht leicht schrumpfe, verstärkten sich „Statusängste und subjektive Verunsicherungen (…), die zum Teil auf die nachlassende Aufstiegsmobilität bei gestiegener Abwärtsmobilität“ gründeten. Gleichzeitig erodierten „das sog. Normalarbeitsverhältnis“ und das Vertrauen in „korporatistische Strukturen in Deutschland.“ (S. 21) Vor dem Hintergrund der „Handlungsprobleme des „Herrschaftsmanagers“ Staat“, der einerseits ein mehr an sozialer Sicherheit bzw. an sozialem Sicherheitsgefühl vermitteln soll, dessen Handlungsoptionen aber angesichts der „systemischen Abhängigkeiten von einer funktionierenden Ökonomie und die enormen Programme zur Regulierung der Finanzkrise“ eingeschränkt werden (S. 23), gelte es nun nicht in alte „Appelle an die Erhöhung der Solidarität oder eine staatliche Umverteilungspolitik“ (S. 16) zu verfallen. Jenseits der „einseitigen Fokussierung auf (…) Untergangsszenarien“ gelte es den Blick wieder frei zu machen für die „Entfaltung von Kreativitätspotentialen“ mit deren Hilfe „sowohl soziale Integrationsaufgaben bewältigt werden können als auch emanzipatorische Gestaltungschancen“ eröffnet werden könnten. (S. 31) Denn – so die zentrale These des Bandes – sei „die Angst vor einem sozialen Abstieg (…) wesentlich höher als es die realen Wandlungsprozesse erwarten lassen.“ Im Ergebnis koppele sich „die Semantik einer bedrohten Mitte (…) teilweise von den Sozialstrukturen ab, was auch auf die ausgeprägte deutsche Sicherheitsmentalität zurückzuführen“ sei. (S. 146)

Autor

Rolf G. Heinze ist Professor für Allgemeine Soziologie, Arbeit und Wirtschaft an der Ruhr-Universität Bochum.

Aufbau und Inhalt

Im ersten Kapitel entfaltet der Autor zunächst den roten Faden des Bandes (vgl. Inhalt). Daran schließt sich eine Analyse der Fiskalkrise in Bezug auf die Steuerungsfähigkeit der (Sozial-)Politik. Der Autor kommt zu der Überzeugung, dass es zukünftig „nicht mehr um eine Ausweitung staatlicher Steuerung“ gehe, vielmehr drohten die „unübersehbaren Symptome von Regierungsversagen in Staatsversagen umzuschlagen.“ Dies bedeute nicht das Ende von (Sozial-)Politik in Bezug auf die Bearbeitung sozialer Probleme bzw. der Organisation von Sicherungsleistungen, aber „bei der Erledigung dieser Aufgaben wird in den nächsten Jahren eher eine Austeritätspolitik dominieren.“ Verstärkt wird das Dilemma der Sozialpolitik – also am dringlichsten zu sein, wenn die ökonomischen Voraussetzungen ihrer Entfaltung entgegenstehen – zusätzlich durch die „territorialen Entgrenzungen des klassischen Nationalstaates, die von einer Entgrenzung sozialer Ungleichheitsdynamiken begleitet werden.“ (S.31) Kurz: In dem Maß wie Politik komplexer wird, reduzieren sich die Steuerungsmöglichkeiten nationaler Politik. Der Autor weist hier – wie an anderen Stellen – auf die nicht zu unterschätzenden psychologischen Effekte in Krisenzeiten, denn „Hinweise darauf, dass manche Sorgen nicht realen Verschlechterungen der sozialökonomischen Lage entsprechen, werden in der Mitte kaum wahrgenommen, was sicherlich an der generellen Tendenz in Deutschland liegt, panisch auf neue Risiken zu reagieren.“ Gleichzeitig attestiert der Autor den sozialstaatlichen Institutionen mangelnde Effizienz, denn die „Ausdehnung selbstreferentieller Eigenlogiken in den expandierenden sozialen Sicherungssystemen lässt das Steuer- und Beitragsaufkommen der Bürger ansteigen, ohne dass die sozialen Problem dadurch eingedämmt werden können.“ Schlimmer noch, wüchsen doch die „Kosten der Risikoabsicherung (…) den Gesellschaften über den Kopf und ersticken das Wachstum.“ (S. 41) Trotz dieser Steuerungsdefizite sei aber „weiterhin ein „gewährleistender“ Staat notwendig, der sich sowohl von etatistischen Vorstellungen des Maximalstaates absetzt wie von Minimalvorstellungen, die auf die Maxime „immer weniger Staat“ hinauslaufen.“ (S. 50)

Mit der Überschrift zum zweiten Kapitel setzt sich der Autor mit „soziologischen Definitionen und sozialstrukturellen Verortungen der Mitte“ auseinander. Dabei zeige sich eine sozialstrukturelle Verschiebung, die Teilen des Dienstleistungssektors wachsende Bedeutung bei der Rekrutierung der Mittelschichten zuweise. Zugleich bliebe eine „gewisse Konturlosigkeit“, die aber aus soziologischer Sicht durchaus Funktion haben könne, da die Mitte möglicherweise „deshalb eine Integrationsinstanz [sei], weil sie nicht klar einzuordnen ist und umso besser ihre Funktion erfüllt, je stärker sie sich offen für den sozialen Aufstieg und generell Durchlässigkeit zeigt.“ (S. 54)

Mit der Überschrift zum dritten Kapitel werden „die sozialen Dienste als Basis der Mittelschichtenmilieus und als sozioökonomische Inklusionsinstanz“ analysiert. In einer „stärker individualisierten Gesellschaft“ steige zum einen der „Bedarf nach sozialen Diensten deutlich an“, zum anderen formiere sich aus diesem Bedarf heraus eine neue „Versorgungklasse“ mit fast zwei Millionen Beschäftigten in der freien Wohlfahrtspflege. (S. 63; 65) Grundsätzlich sei festzuhalten, dass „die sozioökonomische Basis der Mittelschicht heterogener und die alten Absicherungen (…) nicht mehr erreicht werden“ könnten. (S. 73) Etwas polemisch formuliert lässt sich der Erkenntnisgewinn der sozialwissenschaftlichen bzw. soziologischen Forschung offenbar auf ein panta rhei reduzieren was zur Folge hat, dass kaum etwas so differenziert ist wie die Wirklichkeit.

Mit der Überschrift des vierten Kapitels fragt der Autor nach der „wachsenden Armutsgefährdung der Mittelschichten“. Hierbei werden auch die Ergebnisse subjektiver Schichteinstufungen angeführt. Letztlich lässt die Frage „ob es eher zu einer Entgrenzung sozialer Spaltungsprozesse, von denen zunehmend auch die gesellschaftliche Mitte betroffen ist, gekommen ist oder ob die Verfestigung selektiver Armut zu einer gewachsenen Ausgrenzung führte“ nicht eindeutig beantworten. (S. 91) Denn beides kann beobachtet werden. Gleichwohl ist sich der Autor sicher, dass „staatliche Politik die sozialen Schließungsprozesse (etwa im Bildungssektor) abbauen und insgesamt mehr Zugangsoptionen zur gesellschaftlichen Mitte ermöglichen“ muss. (S. 92)

Mit der Überschrift zum fünften Kapitel wendet sich der Autor der „Debatte um Gerechtigkeit als Reflex auf Desorientierungen in der Mitte“ zu. In diesem Abschnitt werden unterschiedliche Gerechtigkeitskonzepte thematisiert (u.a. Teilhabegerechtigkeit, Verteilungsgerechtigkeit). Der Autor stellt fest, dass das „Vertrauen in die soziale Marktwirtschaft als sinnstiftendes gesellschaftliches Ordnungsmuster massiv abgesunken“ sei. (S. 98) Politik stehe hier vor unterschiedlichen Herausforderungen: So führe das „hohe Maß der subjektiven Betroffenheit und der Abstiegsängste (…) dazu, dass kleine politische Reformvorhaben schnell einen „Schrei“ nach Gerechtigkeit bei irgendeiner tangierten sozialen Gruppe“ auslöse. Zugleich repräsentierten die „klassischen Interesseninstitutionen (Parteien und Verbände) eine immer kleiner werdende Klientel“, weshalb es eines „vielfältigeren Spektrums an zivilgesellschaftlicher Interessenvertretung“ bedürfe (S. 96). Auf die bestehenden Interessensvertreter zu setzen, mache kaum Sinn, sei es doch gerade der „Organisationszweck (…) von gesellschaftlichen Großorganisationen (…) sich weitgehend auf die Absicherung des Erreichten“ zu konzentrieren, was letztlich „soziale Schließungsmechanismen“ reproduziere. (S. 96f.)

Mit der Überschrift zum sechsten Kapitel wendet sich der Autor der „zyklischen Wiederkehr der Mitte“ zu. Die „Feststellung von sozialen Ausgrenzungsprozessen“ erscheint dem Autor dabei als „nicht unbedingt originell.“ (S. 107) Eine Feststellung, die den Bogen zur Einleitung zurückschlägt, in der er festhält, dass es „nicht so sehr ein analytisches sondern ein politisches Defizit“ in der Bearbeitung von sozialen Ungleichheitsrisiken gäbe. (S. 13) Die Thematisierung der Diskurse um die Mittelschicht mag „immer auch von ideologischen Momenten geprägt sein“, allerdings stellten auch die „sozioökonomischen Verunsicherungen ein[en] nachweisbaren Trend“ dar. (S. 111) Wenn man nun davon ausgeht, dass der soziale Wandel konstituierender Bestandteil einer demokratisch-freiheitlichen Wohlstandsgesellschaft so mag es dem Leser tatsächlich als kaum verwunderlich erscheinen, dass Infragestellungen bzw. Bedrohungen der aktuellen Verteilungspositionen in einer Debatte über die Gefährdung der Mittelschicht münden. Es ist dem Autor unbenommen „den unvermeidlichen Umbau des exzessiv aufgeblähten Sozialstaats“ einzufordern. Es sollte vor dem Hintergrund der Thesen im fünften Kapitel zumindest mitbedacht werden, ob die Wiederholung derart pauschaler Thesen den „breite[n] Vertrauensverlust in die Politik“ nicht weiter befördern. (S. 111) Auch sei hinzugefügt, dass die mit Wehler geforderte Umverteilung staatlicher Subventionen aus dem Agrar- in den Bildungsbereich vielleicht zukunftsgerichtet sein mag, den „exzessiv aufgeblähten Sozialstaat“ macht das aber auch nicht schlanker, es sei denn man nehme die Bildungskosten aus dem Staatshaushalt und privatisiere sie komplett. (S. 112)

Unter der Überschrift zum siebten Kapitel befasst sich der Autor mit der „soziökonomische[n] Entgrenzung als Folie für die Transformation zur marktdominierten Sozialstruktur“. Der Diskurs um die gesellschaftliche Mitte wird nachgezeichnet, reale Wandlungsprozesse beschrieben. Dabei erscheint dem Autor die „Subsummierung der Expansion selbstständig Beschäftigter unter die Erosionsproblematik (…) etwas einseitig.“ (S. 113) Vielmehr bestehe die „neue Qualität der sozialstrukturellen Zerklüftung (…) in ihrer Heterogenität und es ist schwer zu prognostizieren, wann welche Gestaltungsräume überfordernd oder subjektiv anreichernd wirken oder sich Belastungen negativ in Stress münden.“ (S. 115) Unabhängig von den möglichen arbeitsmarktpolitischen und sozialstrukturellen Folgen der Entgrenzung von Erwerbsarbeit bleibe aber als „Faktum (…) eine desorientierte Mitte, deren Ängste viel mit verblichenen Aufstiegshoffnungen zu tun haben.“ (S. 143)

Unter der Überschrift „Regieren in unruhigen Zeiten“ wendet sich der Autor im achten Kapitel der Politik und ihren Handlungsspielräumen zu. Gefragt wird in Kapitel 8.1. zunächst nach der Zukunft des Sozialstaates. In Kapitel 8.2 wendet sich der Autor den „politischen Akteuren im Strudel komplexer Anforderungen“ zu und in Kapitel 8.3 befasst er sich mit der „Aushöhlung der traditionellen Volksparteien und der Kampf um die Mitte“. Im Kern sieht der Autor die Politik vor die „paradoxe Situation“ gestellt, dass einerseits „politische Experimentierfreude gefordert ist, um die Zukunftsfähigkeit der sozialen Sicherungssysteme zu gewährleisten“, andererseits aber das Vertrauen der Bürger/-innen in die Problemlösungsfähigkeit eben dieser Politik immer mehr schwindet. (S. 146, 150) Die politische Blockade sieht der Autor dabei einerseits in einem Mangel an „Kommunikation und Aufklärung“, andererseits könnten es „auch ungenügende Inhalte“ der Reformvorschläge sein. Grundsätzlich unterstellt er einen generalisierten Unwillen sich auf Veränderungen einzulassen, denn „die Mehrheit [sei] an der Erhaltung der klassischen Schutzschirme des Sozialstaates interessiert.“ (S. 147) Unklar bleibt bei dieser These ob sich der Erhaltungswille auf die allgemeinen Sicherungsziele im Sinne einer Sozialstaatszielbestimmung oder auf die Bewahrung der bestehenden prozeduralen Umsetzung bezieht. Auch wird nicht deutlich, warum eigentlich immer nur die unpopulären Reformvorschläge, die richtigen Antworten auf die Verteilungsfrage sein sollen. (vgl. S. 147, Rente mit 67) Ohne Darlegung der Verteilungseffekte sind auch die auf „zunehmende Beratung durch Experten in Beiräten und Kommissionen“ gründenden Reformvorschläge zumindest in ihrer Genese undemokratisch, finden sie doch in der Regel außerhalb des Parlamentes statt (Hartz-, Rürup- und wie die Kommissionen alle heißen). Man wird den Verdacht nicht los, dass sich hier polittechnokratisch-wissenschaftliche Arroganz aus einer Grundhaltung speist, die Bismarck mit dem Ausspruch „Vox populi, vox Rindvieh“ auf den Punkt formuliert haben soll.

Im neunten Kapitel zieht der Autor sein „Fazit: Von der normierten Mitte zu ambivalenten Instabilitäten“. Da sich der Gegenstand seiner Betrachtung nicht widerspruchsfrei erklären lässt, bleibt auch das Fazit im Sowohl-als-auch verhaftet. Richtig ist sicher, dass eine Politik, die dem Grundsatz folgt „Es muss etwas passieren, aber es darf nichts geschehen“ genauso wenig zielführend sein kann, wie eine neoliberale Vorstellung vom „Minimal state“ (R. Nozick).Damit – so scheint es – sind die Gemeinsamkeiten aber auch schon erschöpft und das Wünsch-dir-was-Spiel beginnt. Der Autor lässt sich von der These leiten, „dass unter den gegebenen Rahmenbedingungen soziale Zersplitterungsprozesse und wachsende Verunsicherungen auch in der gesellschaftlichen Mitte nur dann abgebaut, aber auch soziale Sicherungen nur dann aufrecht erhalten werden können, wenn die Beschäftigungskrise schrittweise gelöst und eine neue, sozial und ökologisch ausbalancierte Innovations- und Wachstumsdynamik angefacht wird.“ (S. 162) Für den Sozialstaat bedeute das die Umsteuerung vom „Prinzip der der Statuskonservierung (…) in Richtung auf einen investiven Wohlfahrtsstaat.“ (S. 163) Wirtschaftspolitisch ist er damit wieder in den 1970ern beim Club of Rome oder in den 1990ern bei der „Erdpolitik“ eines Ernst Ulrich von Weizsäcker angelangt – was die Forderungen keineswegs diskreditiert. Wie dieser Politikwechsel angesichts der Einschätzung des Autors, dass es „keine Trendwende zum Primat der Politik geben“ könne erreicht werden soll, bleibt jedoch unklar. (S. 154)

Fazit

Der Band macht einmal mehr deutlich: Politik ist Interessenbetrieb! Sozialpolitik hat immer eine normative Komponente. Das Gemeinwohl kann nicht abschließend definiert werden. Insofern bleibt der Verteilungsstreit immer eine Auseinandersetzung von Partialinteressen. Eindeutige Lösungen zur Erzielung eines Gemeinwohls kann dabei kein (sozial-)politischer Akteur liefern. Vielmehr muss sich die Verteilungsstruktur einer Gesellschaft immer wieder neu legitimieren, damit sich nicht immer mehr Menschen aus dem politischen Prozess verabschieden. Dazu bedarf eines möglichst beteiligungsoffenen, pluralen Meinungsstreit. Das mag mühsam und anstrengend sein – vor allem, wenn Angst als Ratgeber dazu tritt. Es hilft auch nicht, wenn der Autor beklagt, dass „leadership, d.h. politische Führung (…) in einem „halb-souveränen“ Staat wie Deutschland mit vielen institutionellen „Bremsern“ schwer umzusetzen“ sei (S. 148). Das mag stimmen – nur wo liegt die Alternative? Vielleicht bei Bertolt Brecht, der da einst dichtete: „Wäre es da nicht einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?“

Der Band liefert viele Anregungen sich mit dem Verteilungsstreit in Deutschland auseinanderzusetzen. Dabei fällt auf, dass einzelne Argumentationsmuster redundant gebraucht werden. Auch würde eine tiefere Binnenstrukturierung der einzelnen Kapitel die Übersicht erleichtern. Ob der Band inhaltlich tatsächlich für ein Mehr an Orientierung durch kritische Reflexion sorgt, mag der/die Leser/-in selbst entscheiden. An vielen Stellen bleibt es ihm/ihr zumindest selbst überlassen, ob das Glas nun halbvoll oder halbleer zu sein hat. Viele Einschätzungen bleiben letztlich auch nach der Lektüre auf der Glaubensebene, weil die interessenspolitische Analyse unterbleibt. „Sozialstaatliche Institutionen, die Unsicherheit eindämmen sollten, sind selbst Herde der Unsicherheit geworden, die sich zunehmend in der Bevölkerung ausbreitet.“ – ist so ein Glaubensbekenntnis. Nur was sagt es über die Ursachen? Am Beispiel der Gesetzlichen Rentenversicherung ließe sich sehr schön zeigen, wie interessegeleitete politische Entscheidungen Teilsysteme der Sozialversicherung kaputt reformieren. Sachzwänge sind in der Regel nicht Naturgewalten, sondern Menschen gemacht und deshalb auch nie alternativlos. So bleibt es ein zentrales Versäumnis des Bandes, dass er über die Politikergebnisse immer vor dem Hintergrund des wirtschaftlichen Verteilungsspielraumes in Deutschland spricht, diesen aber an keiner Stelle ausmisst. In einer Gesellschaft, die seit Jahrzehnten immer mehr Wohlstand produziert, ein zentraler systematischer Fehler, der in der Politik in der Tat eine „Rhetorik des Sachzwangs etabliert“ und den politischen Prozess als ein „Muddling Through“ erscheinen lässt. (S. 147, 154)

Zudem klingt es immer ein wenig schal, wenn gut versorgte Professoren im Beamtenstatus und entsprechenden Pensionsansprüchen die Menschen ermuntern wollen in Deregulierungen doch eher die Chancen als die Risiken zu sehen. Noch bestimmt das Sein das Bewusstsein. Wer mag entscheiden, ob die Menschen ihr Sein dabei richtig oder falsch einsortieren? Insofern ist es auch nicht verwunderlich, dass eine Vielzahl von Studien erschienen ist, „die nachweisen, wie stark gesellschaftliche Veränderungen Angst und eine Strategie der Statusverteidigung auslösen.“ (S. 159) Wenn Wohlfahrtsverbände und politische Akteure sich nicht vorschnell von sozialstaatlichen Errungenschaften lösen wollen, weil sie „an der Erhaltung des status-quo orientiert sind“ (S. 148), dann ist das eben nicht nur die Verweigerung vor Modernisierung, es hat auch etwas mit Fürsorge gegenüber Menschen zu tun, deren Verteilungspositionen gefährdet sind und deren politische Interessensvertretung schwach ist. Man kann das Alarmismus und Panikmache nennen, man kann es aber auch als Beitrag zu einer politischen Auseinandersetzung betrachten, in der die gesellschaftlichen Partialinteressen um einen möglichst breiten Verteilungskompromiss ringen müssen. Dem in der FES-Studie 2006 als „strategische Herausforderung“ bezeichneten Integrationsgebot von Politik ist nicht zu widersprechen: Es gilt „die solidarischen Gruppen im oberen Teil der Gesellschaft, die verunsicherte Arbeitnehmermitte und die erreichbaren Gruppen im unteren Bereich zu integrieren.“ (zit. n. Heinze, S. 149) Dabei ist dem Autor unbedingt zuzustimmen, dass dieses auch erfordert nicht nur über „neue Statusängste oder soziale Pathologien in der Mitte“ zu forschen, „sondern wenigstens gleichberechtigt nach zukunftsgewandten Formen des unternehmerischen Selbst.“ (S. 209) Allein: Wenn aus dem „sicherheitsfixierten Deutschen“ nur noch „innovative Kräfte“ werden, die sich von Bewährtem verabschieden und eine neue Risikokultur leben, dann endet das sicher auch im sozialen Chaos. Eine intelligente Verbindung von Tradition und Moderne – das wäre es. Aber, was ist schon intelligent?


Rezension von
Prof. Dr. Jürgen Boeckh
Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften
Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbüttel
Studiengang Soziale Arbeit
Fachgebiet: Sozialpolitik
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Zitiervorschlag
Jürgen Boeckh. Rezension vom 25.06.2012 zu: Rolf G. Heinze: Die erschöpfte Mitte. Zwischen marktbestimmten Soziallagen, politischer Stagnation und der Chance auf Gestaltung. Juventa Verlag (Weinheim) 2011. ISBN 978-3-7799-2246-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12511.php, Datum des Zugriffs 14.07.2020.


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