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Caroline Y. Robertson- von Trotha (Hrsg.): Rechtsextremismus in Deutschland und Europa

Cover Caroline Y. Robertson- von Trotha (Hrsg.): Rechtsextremismus in Deutschland und Europa. Rechts außen - rechts "Mitte"? Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2011. 188 Seiten. ISBN 978-3-8329-5817-6. D: 26,00 EUR, A: 26,80 EUR, CH: 38,90 sFr.

Reihe: Kulturwissenschaft interdisziplinär - Band 7.
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Thema

Gleichwohl die Versuche zu einer europäischen Vereinigung der extremen Rechten bislang nicht sonderlich erfolgreich waren, verfügt der Rechtsextremismus in Europa mittlerweile über funktionierende Netzwerke. Die Europäisierung der Rechtsextremismusforschung hingegen kommt nur langsam voran. Grund genug, sich im Rahmen der 13. Karlsruher Gespräche, die seit 1997 alljährlich am Zentrum für Angewandte Kulturwissenschaft und Studium Generale des Karlsruher Instituts für Technologie stattfinden, mit dem Thema „Rechts außen: Rechtsextremismus in Europa heute“ zu beschäftigen. Der von Caroline Y. Robertson-von Trotha herausgegebene Sammelband macht nun die dort gehaltenen Vorträge einer breiteren Fachöffentlichkeit zugänglich.

Herausgeberin

Caroline Y. Robertson-von Trotha ist Professorin für Soziologie und Kulturwissenschaft sowie Direktorin des Zentrums für Angewandte Kulturwissenschaft und Studium Generale am Karlsruher Institut für Technologie.

Aufbau

Der Band gliedert sich in vier Themenfelder. Die Beiträge von Wilhelm Heitmeyer, Jens Rydgren, Birgit Rommelspacher, Michael Kohlstruck, Rudolf von Hüllen und Britta Schellenberg beschäftigen sich mit den „Grundstrukturen, Entwicklungen und Maßnahmen gegen Rechtsextremismus“. Volker Weiß und Jean-Yves Camus richten den Fokus auf den „Rechtsextremismus auf europäischer Ebene“. Das Thema „Rechtsextremismus und Jugend“ wird von Thomas Pfeifer, Reiner Becker und Cornelia Schmalz-Jacobsen bearbeitet. Renate Bitzan und Ronny Blaschke beschließen den Band mit Beiträgen zu „rechtsextremen Handlungs- und Orientierungsmustern“.

Inhalt

Das viel diskutierte Verhältnis von rechtsextremem „Rand“ und gesellschaftlicher „Mitte“ steht im Zentrum der analytischen Beiträge des Bandes.

In der Einleitung erinnert Caroline Y. Robertson-von Trotha an die Unterscheidung zwischen einem manifesten, organisierten Rechtsextremismus und einem latenten, extrem rechten Einstellungssyndrom. Werde Letzteres verharmlost, stärke dies auch den organisierten Rechtsextremismus.

Birgit Rommelspacher knüpft in ihrem Beitrag daran an. Das Gefährliche am politischen Rechtsextremismus bestehe neben seiner Gewaltförmigkeit darin, dass er im Alltagsbewusstsein großer Bevölkerungsteile einen Resonanzboden finde. Statt reflexartig nach einem NPD-Verbot zu rufen wäre es deshalb wichtiger, sich kritisch mit rechtsextremen und rechtpopulistischen Inhalten auseinander zu setzen und zu fragen, worin ihre Verführungskraft bestehe. Dann würde nämlich deutlich werden, dass die Behauptung der Rechtsextremen, nur das auszusprechen, was viele öffentlich nicht zu sagen wagen, so falsch nicht ist. Die viel zitierte „Mitte“ der Gesellschaft verhält sich mindestens widersprüchlich gegenüber extrem rechter Ideologie. So stimmt z. B. – wie aktuelle Umfragen zeigen – eine Mehrheit der Aussage zu, dass zu viele Ausländer in Deutschland leben, meint aber zugleich, dass man sich im Zeitalter der Globalisierung nicht abschotten dürfe. In dieser Ambivalenz kommen, so die These des Beitrags von Rommelspacher, die strukturellen Widersprüche einer Gesellschaft zum Vorschein, die durch eine „massive Diskrepanz zwischen Gleichheitsansprüchen und Ungleichheitsverhältnissen“ gekennzeichnet ist. Die Verführungskraft des Rechtsextremismus liege so letztlich darin, dass er den Widerspruch zwischen Egalitätsansprüchen und hierarchischen Eigeninteressen zugunsten der letzteren aufzulösen verspreche – ein Versprechen, das gerade in ökonomischen und politischen Krisenzeiten viele Anhänger findet. Solange deshalb die gesellschaftlichen Strukturen und die daraus resultierenden sozialen Ungleichheitsverhältnisse so sind, wie sie sind, sei – so die nüchterne Schlussfolgerung Rommelspachers – der Rechtsextremismus „aus unserer Gesellschaft nicht wegzudenken“.

Auf den „vicious circle“ von „Rand“ und „Mitte“ weist auch Jens Rydgren in seinem Beitrag hin. Haben fast alle europäischen Länder sich im letzten halben Jahrhundert zu Migrationsgesellschaften entwickelt, so ist in Reaktion darauf – und zwar ebenfalls europaweit – eine massive Anti-Haltung gegen Immigranten in großen Teilen der Bevölkerung entstanden, die zum Erstarken rechtspopulistischer Parteien geführt hat. Rydgren verweist dabei auf eine von ihm durchgeführte internationale Vergleichsstudie, die zeigen konnte, dass Wähler, die Immigration ablehnen und mit der Immigrationspolitik ihres Landes unzufrieden sind, signifikant häufiger als andere rechtspopulistische Parteien wählen. Umgekehrt verstärkt aber auch – wie neuere Studien zeigen – das Aufkommen und die Etablierung rechtspopulistischer Parteien die immigrationsfeindlichen Einstellungen in der Bevölkerung und spitzt sie auf bestimmte Themen zu, z.B. nach 09/11 zunehmend auf die aggressive Ablehnung ‚muslimischer‘ Immigranten. Die Mechanismen und Dynamiken des „Teufelskreises“, der sich daraus ergibt, sind aber noch kaum erforscht: „more research is needed“, wie Rydgren abschließend konstatiert.

Anders als Rommelspacher, die die Virulenz rechtsextremen Denkens auf die sozialen Ungleichheits- und damit Machtverhältnisse in modernen Gesellschaften bezieht, führt Wilhelm Heitmeyer das wachsende rechtspopulistische Potenzial auf soziale Desintegrationseffekte als Folge gesellschaftlicher Modernisierungsprozesse zurück. Sein Beitrag präsentiert Ergebnisse aus dem Langzeitprojekt zur „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“, das seit zehn Jahren mittels repräsentativer Bevölkerungsumfragen die Ausmaße menschenfeindlicher Einstellungsmuster in Deutschland untersucht. Rechtspopulistische Akteure, so Heitmeyers These, setzen an diesen Einstellungsmustern an und bauen sie in ihre Strategien zur politischen Machterlangung ein. Anders als z.B. in den Niederlanden, Österreich, Dänemark und zuletzt vor allem in Ungarn konnten die Rechtspopulisten in Deutschland bislang noch keine größeren Erfolge erzielen, gleichwohl das Potenzial dafür auch hier vorhanden ist. Rechtspopulistische Einstellungsmuster, so ein Ergebnis der Langzeitstudie, finden sich bei 20 bis 25 Prozent der deutschen Bevölkerung. Will man den Rechtspopulisten das Wasser abgraben, müssen die interaktiven Prozesse der Reproduktion menschenfeindlicher Einstellungsmuster unterbrochen werden. Wie Rydgren sieht auch Heitmeyer hier noch erhebliche Forschungslücken, die in der Praxis zu deutlich ‚unter-komplexen‘ Interventionsstrategien führen.

In die notwendige inhaltliche Auseinandersetzung mit rechtsextremer Ideologie geht der Beitrag von Michael Kohlstruck, der sich den verschiedenen Varianten rechtsextremer „Erinnerungs“-Politik widmet. Die hohe Wertschätzung der nationalen Vergangenheit resultiert, so die These von Kohlstruck, aus einem Kernelement rechtsextremer Weltanschauung: dem organisch-völkischen Denken. Dies erklärt übrigens auch, warum der historische Nationalsozialismus auch für nichtdeutsche Rechtsextreme so attraktiv ist, gilt er ihnen doch als „Verwirklichung der völkischen Weltanschauung“.

Einen Überblick über Methoden der politischen Bildungsarbeit und Strategien zur Bekämpfung des Rechtsextremismus geben die Beiträge von Rudolf Hüllen und Britta Schellenberg, die den ersten Themenblock beschließen.

Dem Rechtsextremismus auf europäischer Ebene widmen sich die Beiträge von Volker Weiß und Jean-Yves Camus. Weiß verweist auf die unterschiedlichen historischen Traditionen und programmatischen Ausrichtungen, die dem Projekt einer vereinigten europäischen Rechten bislang im Weg standen. Schon auf nationaler Ebene sei eine Kooperation schwierig, wie sich am Verhältnis der antimuslimisch-rassistischen „Bürgerbewegung pro Köln e.V.“ und der in strammer nationalsozialistischer Tradition stehenden, primär antisemitisch ausgerichteten NPD zeigen lasse. Eine besondere Rolle für den Rechtsextremismus in Europa kam lange Zeit der französischen Front National zu. Keiner anderen Partei in Europa sei es, so die These des Beitrags von Jean-Yves Camus, so gut gelungen, die unterschiedlichen Strömungen im rechtsextremen Spektrum zusammenzubringen, wie der Front National. Allerdings befinde sich die Partei heute im Niedergang, der nur durch eine rechtspopulistische Neuausrichtung aufzuhalten sei.

Der dritte Themenblock beginnt mit der Frage, was den Rechtsextremismus heute bei Jugendlichen attraktiv macht. Der Begriff „Erlebniswelt Rechtsextremismus“ fasse, so die These des Beitrags von Thomas Pfeiffer, die Attrakivitätsmomente zusammen. Er beziehe sich auf eine Kombination von Lebensgefühl, Freizeitwert und politischen Botschaften, die die rechtsextreme Szene den Jugendlichen heute anbiete. Dies geschehe u. a. über Websites, Schülerzeitungen oder auch über das Medium Musik, über die den Jugendlichen „Kameradschaft“, Welterklärungen und vor allem „Action“ angeboten werden. Das beste Mittel gegen die menschenverachtenden Erlebnisangebote von rechts, so Pfeiffers praktische Schlussfolgerung, bestehe darin, die „Erlebniswelt Demokratie“ zu stärken: Jugendlichen Partizipation zu ermöglichen und Verantwortung zuzutrauen. Hier sind selbstverständlich auch die Eltern gefordert. Tatsächlich aber liegen, so Reiner Becker in seinem Beitrag, bislang nur wenige Forschungsbefunde vor, die Auskunft darüber geben, wie innerhalb von Familien mit extrem rechten Einstellungen von Jugendlichen umgegangen wird. In einer eigenen empirischen Studie hat Becker „typische“ Räume der familialen Interaktion und Kommunikation herausgearbeitet. Dabei habe sich gezeigt, dass Eltern zur Veränderung der rechtsextremen Einstellungen ihrer Kinder dann beitragen, wenn sie trotz aller Konflikte eine gute Eltern-Kind-Beziehung wahren und sich zugleich mit den Positionen und Inhalten der Einstellung ihres Kindes auseinandersetzen. Diese Schlussfolgerung entspricht auch den „Eindrücken und Erfahrungen“, von denen die ehemalige Ausländerbeauftragte der Bundesregierung Cornelia Schmalz-Jacobsen in ihrem Beitrag berichtet. Dabei hebt sie vor allem das Projekt „Online-Beratung gegen Rechtsextremismus“ der Vereinigung „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ hervor, dessen Niedrigschwelligkeit und Anonymität gerade auch verunsicherten Eltern den Zugang zur Beratung erleichtert.

Gleichwohl der organisierte Rechtsextremismus nach wie vor von Männern dominiert wird, ist die Rolle und Funktion, die die Frauen in ihm einnehmen, keineswegs nebensächlich. Ein kompakter Überblick dazu findet sich in dem Beitrag von Renate Bitzan, der mit der These endet, dass die zunehmende Frauenpräsenz in rechtsextremen Organisationen dessen Wirkung in die sogenannte Mitte der Gesellschaft erleichtert. Im abschließenden Beitrag beschäftigt sich Ronny Blaschke mit Erscheinungsformen des Rechtsextremismus im Fußball und erörtert mögliche Gegenstrategien. Nach wie vor pendelt die sozialpräventive Fanarbeit zwischen Rechtfertigungsdruck und Überlebenskampf hin und her – angesichts der großen Zahl rechtsextremer Vorfälle im Fußball ein unhaltbarer Zustand.

Diskussion

„More research is needed“, so könnte auch das Fazit des Bandes lauten, das allerdings auf ihn selbst anzuwenden ist, insofern er nämlich im Titel deutlich mehr ankündigt, als die Buchbeiträge einzulösen imstande sind. Dies hat auch damit zu tun, dass die international vergleichende Rechtsextremismusforschung noch in den Kinderschuhen steckt und in den Begriffsbestimmungen nicht einmal annäherungsweise ein Konsens zu erzielen ist. Wie unterscheidet sich der Rechtspopulismus vom Rechtsextremismus? Wie ist das Verhältnis von organisiertem, politischem Rechtsextremismus und subkulturellem Rechtsextremismus zu bestimmen? Die Unklarheiten verstärken sich in internationaler Perspektive: Wer und was ist gemeint, wenn von „radical right-wing parties“ gesprochen wird? Wie unterscheiden sich diese von den „extreme right movements in Europe“? Heitmeyer weist in seinem Beitrag zu Recht darauf hin, dass im internationalen Maßstab nicht nur eine ziemliche Begriffsverwirrung herrscht, sondern auch nur völlig unzureichende Datengrundlagen vorhanden sind. Komparative Ansätze laufen hier mehr oder weniger auf einen „Vergleich des Unvergleichlichen“ (M. Minkenberg) hinaus. Notgedrungen wiederholen sich die hier nur angedeuteten begrifflichen Inkonsistenzen in und zwischen den Beiträgen des Bandes.

Zudem könnte weniger auch im vorliegenden Fall mehr sein. Der dritte („Rechtsextremismus und Jugend“) und der vierte Teil („Rechtsextreme Handlungs- und Orientierungsmuster“) stehen jedenfalls sehr unvermittelt neben den anderen beiden Themenblöcken. Durch die Vielzahl an Themen entsteht ein wenig der Eindruck von Studium Generale, was am Karlsruher Zentrum für Angewandte Kulturwissenschaft und Studium Generale ja durchaus erwünscht sein mag, den interessierten Leser allerdings angesichts der Disparität der Beiträge etwas ratlos zurücklässt.

Fazit

Angesichts der Mordserie der Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ muss über das Verhältnis von organisiertem Rechtsextremismus und der Alltagsnormalität gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit neu nachgedacht werden. Der Band „Rechtsextremismus in Deutschland und Europa“ gibt dazu wichtige Anregungen. Er behandelt in interdisziplinärer und internationaler Perspektive sowohl Strukturen und Erscheinungsformen des Rechtsextremismus als auch Gegenstrategien.


Rezension von
Prof. Dr. Wolfram Stender
Homepage www.hs-hannover.de
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Zitiervorschlag
Wolfram Stender. Rezension vom 27.01.2012 zu: Caroline Y. Robertson- von Trotha (Hrsg.): Rechtsextremismus in Deutschland und Europa. Rechts außen - rechts "Mitte"? Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2011. ISBN 978-3-8329-5817-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12518.php, Datum des Zugriffs 24.06.2021.


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