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Petra Bauer, Heiner Keupp: Kooperation in der sozialen Arbeit

Petra Bauer, Heiner Keupp: Kooperation in der Sozialen Arbeit. Juventa Verlag (Weinheim) 2011. 112 Seiten. 14,00 EUR.

Reihe: Zeitschrift für Sozialpädagogik - Jg. 9,4. ISSN 1610-2339.


Thema

„Soziale Arbeit kann als differenziertes Berufsfeld verstanden werden, das im Kern mit der Gestaltung von Kooperationen befasst ist“, schreibt Rainer Treptow in seinem Editorial zum Sonderheft der Zeitschrift für Sozialpädagogik. Und er fährt fort: „Das Handeln der Fachkräfte der Sozialen Arbeit ist in besonderer Weise abhängig von der Erzeugung von Verständigungsverhältnissen vor allem mit den Adressaten selber, mit Kollegen des eigenen Arbeitsteams, mit ehrenamtlich Engagierten und Akteuren aus dem informellen sozialkulturellen Umfeld, es ist angewiesen auf die Bereitschaft relevanter Gruppen, die durch ihr eigenes Handeln erst zum Entstehen eines vielfältigen Beziehungsgefüges der Sozialen Arbeit von mehr oder minder belastbarer Stabilität beitragen.“

Damit ist die Intention der Ausgabe skizziert. Wieder einmal wird der Frage der Zusammenarbeit in den Blick genommen. Interdisziplinäre Aspekte erhalten dabei eine besondere Bedeutung im Diskurs über und zu (interinstitutioneller) Kooperation in der Sozialen Arbeit. Es gehe, so auch Treptow, um die „mal enge, mal lose Zusammenarbeit zwischen Fachkräften mit ähnlicher und oder differenter professioneller Zugehörigkeit“, etwa Lehrer/innen, Ärzte und Ärztinnen, Jurist/inn/en, Verwaltungsfachkräften, Psycholog/inn/en. Und: „Wie in anderen personenbezogenen Dienstleistungen auch gilt es, Informationen über Kompetenzen und Bedarfslagen von Adressaten im Horizont fachlichen Wissens zu beschaffen, die mehrperspektivische Bedeutung dieser Informationen zu verstehen, methodisch angeleitete und rechtlich gerahmte Handlungen aneinander anzuschließen, (nicht-)intendierte Veränderungen zu beobachten und daraus möglichst fallangemessene Schlussfolgerungen für die weitere Gestaltung von Interventionen zu ziehen. Kooperation erfordert daher Koordination in zeitlicher, räumlicher, personaler und sachlicher Hinsicht.

Entstehungshintergrund

Die in der Zeitschrift für Sozialpädagogik zusammengetragenen Beiträge sind anlässlich des 34. Tübinger Sozialpädagogiktags zum Thema „Konkurrenz, Unübersichtlichkeit, Vernetzung. Kooperation in der Sozialen Arbeit“ (2010) entstanden und für die Zeitschrift überarbeitet worden.

Autorin und Autoren

Zum Autorenkollektiv gehören:

  • Dr. Petra Bauer, Professorin für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Sozialpädagogik an der Universität Tübingen. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Beratung, Kooperationsprozesse zwischen Professionen und Organisationen und zwischen Familien und sozialpädagogischen Institutionen, sozialpädagogisches Handeln am Schnittfeld von Profession und Organisation.
  • Dr. Eberhard Bolay, Akademischer Oberrat am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Tübingen. Arbeitsschwerpunkte: gesellschafts- und subjekttheoretische Grundfragen der Sozialen Arbeit, Jugendhilfe und Jugendhilfeforschung.
  • Dr. Fabian Kessl, Professor für Theorie und Methoden der Sozialen Arbeit an der Fakultät für Bildungswissenschaften, Institut für Soziale Arbeit und Sozialpolitik, der Universität Duisburg-Essen. Aktuelle Arbeitsschwerpunkte: Wohlfahrtsstaaliche Transformation Sozialer Arbeit, Urbane Raum(re)produktion Sozialer Arbeit, Macht- und Diskursanalyse.
  • Dr. Heiner Keupp war von 1978 bis 2008 Professor für Sozial- und Gemeindepsychologie an der Universität München. Arbeitsschwerpunkte: soziale Netzwerke, gemeindenahe Versorgung, Gesundheitsförderung, Jugendforschung, individuelle und kollektive Identitäten in der Reflexiven Moderne und Bürgerschaftliches Engagement.
  • Dr. Mike Seckinger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Jugendinstitut e. V., München. Arbeitsschwerpunkte: interinstitutionelle Kooperation, Jugendhilfeforschung sowie Gemeindepsychologie, und:
  • Dr. Eric van Santen ist ebenfalls wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Jugendinstitut e. V., München. Arbeitsschwerpunkte: Hilfebiografien, interinstitutionelle Kooperation sowie Institutionenforschung.

Aufbau und Inhalt

Die fünf Beiträge spüren unterschiedlichen Aspekten des Themenkomplexes nach:

Petra Bauer folgt in ihrem Beitrag „Multiprofessionelle Kooperation in Teams und Netzwerken – Anforderungen an Soziale Arbeit“ (S. 341 – 360) den Kooperationsformen am Beispiel der Sozialer Arbeit in der Psychiatrie und beschreibt dabei das Anerkennungs- und Machtgefälle zwischen der medizinischen und sozialpädagogischen Profession. Den Kampf um Anerkennung (vgl. hierzu auch Catrin Heite: Soziale Arbeit im Kampf um Anerkennung. Professionstheoretische Perspektiven. Juventa Verlag (Weinheim ) 2008, siehe die Rezension) und die Sicherung fachlicher Souveränität bezeichnet sie als alltägliche Praxis der Sozialen Arbeit, die damit Kooperationsformen und -logiken gleichsam überwölben.

Eberhard Bolay („Kooperation unter Wahrung und Nutzung von Differenz. Ein anerkennungstheoretischer Zugang“, S. 416 – 432) verweist auf disparate Kooperationsmodi, die sich (ebenfalls) als in den „Kampf“ der Sozialen Arbeit „um Anerkennung“ eingebunden erweisen. Er regt auch an, in den Strukturen angelegte Doppelbindungen (wie sich zum Beispiel in der Jugendgerichtshilfe zeigen, als besondere Modalitäten von Kooperation zu berücksichtigen. „Anerkennungskonfiguration(en)“, über die freilich erst noch gegenseitige Akzeptanz herzustellen wäre, sieht er als Voraussetzung für mehrseitige Erträge aus Kooperationen.

Einen eher sorgenvollen Blick wirft Fabian Kessl auf die missbräuchliche Verwendung kooperationsorientierter Konzepte im Kontext von Kontrolle und Aktivierung („Von der Omnipräsenz der Kooperationsforderung in der Sozialen Arbeit. Eine Problematisierung“, S. 405 – 415). Im Verhältnis von Jugendhilfe und Schule sieht er Missbrauchspotentiale durch Entgrenzungen des Kooperationsverständnisses im Sinne populärer Konzepte, z. B. der Präventionsmetapher.

Heiner Keupp („Wie Kommunikationsunfähigkeit und ‚schwarze Löcher‘ überwunden werden können“, S. 362 – 386) wendet sich unter Bezugnahme auf den 13. Kinder- und Jugendberichts der Kooperation von Jugendhilfe, Gesundheitssystem und Eingliederungshilfe zu. Er verweist auf system-, struktur- und traditionsbedingte Probleme bei der Entwicklung von Kooperationen zwischen den genannten Akteuren. Vor diesem Hintergrund entwickelt er die Eckpunkte eines neuen Kooperationskonzeptes, um so die differenten fachlichen Semantiken auf die Unterstützung der Adressat/inn/en zu einer eigenständigen Lebensbewältigung auszurichten.

Einen skeptischen Blick auf Kooperation werfen Eric van Santen und Mike Seckinger („Die Bedeutung von Vertrauen für interorganisatorische Beziehungen – ein Dilemma für die soziale Arbeit“, S. 387 – 404): Sie identifizieren „Sünden der Vernetzungspolitik“ und verweisen darauf, dass Kooperation nicht „verordnet“ werden kann, sondern einer vorsichtigen, allmählichen und gegenseitigen Vorleistung, Bestätigung, Entwicklung – an anderer Stelle wird dies wohl als „soziale Chemie“ bezeichnet.

Zielgruppen

Die Beiträge lassen in Zuschnitt und Argumentationsfigur erkennen, dass im Kern die an Hochschulen Tätigen von dem Sonderheft profitieren werden, wenn sie dem grundsätzlich „nicht neuen“ Thema neue Impulse abgewinnen wollen.

Diskussion und Fazit

Mit dieser Einschätzung zur Zielgruppe ist bereits sehr viel gesagt: ein „altes“ Thema wird hier neu beleuchtet. Doch dabei „nichts Neues“ zu vermuten, greift denn doch zu kurz: Die Fragilität von Kooperation und differente Definitionsstile („Semantiken“) in Bezug auf Kooperation machen das Problem tragfähiger Formen der interdisziplinären Zusammenarbeit der (konkreten!) Akteure unterschiedlicher Systeme und ihren differenten Handlungsrationalitäten im Zusammenspiel mit Sozialer Arbeit aus. Hier enthält das vorliegende Sonderheft sicher gute, die alltäglichen Betrachtungen und Klärungen ergänzende Anregungen. Jedenfalls enthalten die (meist impliziten) Verweise zu Rolle und Wert von Kooperation in „schnellen Zeiten“ (die jeweils – in der Regel eher kurzatmige – Konjunkturen auch dieses Themas hervorbringen) gute Anknüpfungspunkte.


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 28.11.2012 zu: Petra Bauer, Heiner Keupp: Kooperation in der Sozialen Arbeit. Juventa Verlag (Weinheim) 2011. Reihe: Zeitschrift für Sozialpädagogik - Jg. 9,4. ISSN 1610-2339. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12521.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


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